Orelie: Guten Tag, Herr Karl Rahner, ich freue mich, Sie zu diesem Gespräch begrüßen zu können, in dem wir über den Begriff des anonymen Christen sprechen werden. Das Wort anonymer Christ unterlag der Kritik, weil es von Jesus Christus als die Mitte des Christseins ablenken würde. Was wollen Sie als erstes hierzu sagen?
Karl Rahner: Was eigentlich die wirkliche Mitte der christlichen Botschaft sei, darüber denken wir viel zu wenig nach. Man kann natürlich und mit Recht sagen, diese Mitte sei Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte und Auferstandene, nach dem wir Christen uns doch nennen. Aber wenn das wahr ist und hilfreich sein soll, dann muss doch gesagt werden, warum und wie dieser Jesus der sei, auf den man allein sich im Leben und Sterben verlassen könne. Was muss man aber auf diese Frage antworten? Wenn diese Antwort nicht das Bekenntnis wäre, dass die eigentliche Selbstmitteilung des unendlichen Gottes über alle kreatürliche Wirklichkeit und endliche Gabe Gottes hinaus das sei, was durch Jesus und ihn allein uns zugesagt, angeboten und garantiert ist, dann könnte die Wirklichkeit Jesu, weil sie ja in sich und in ihrer Botschaft im Endlichen und Kontigenten bliebe, vielleicht eine, vielleicht die beste, eben die jesuanische Religion begründen, aber nicht die absolute, allen Menschen im Ernst zudenkbare Religion.“
Karl Rahner, Erfahrungen eines katholischen Theologen, in: Karl Lehmann (Hg.) Schriftenreihe der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg, München/Zürich 1984, S.138
Orelie: Wie würden Sie daher die Mitte für einen Christen beschreiben?
Karl Rahner: Die eigentliche und einzige Mitte des Christentums und seiner Botschaft ist darum für mich die wirkliche Selbstmitteilung Gottes in seiner eigensten Wirklichkeit und Herrlichkeit an die Kreatur,ist das Bekenntnis zu der unwahrscheinlichsten Wahrheit, dass Gott selbst mit seiner unendlichen Wirklichkeit und Herrlichkeit, Heiligkeit, Freiheit und Liebe wirklich ohne Abstrich bei uns selbst in der Kreatürlichkeit unserer Existenz ankommen kann und alles andere, was das Christentum anbietet oder von uns fordert, demgegenüber nur Vorläufigkeit oder sekundäre Konsequenz ist.
Ibid., S.138-139
Orelie: Was ist somit für Sie bei dieser Selbstmitteilung und Erfahrung Gottes von hoher Wichtigkeit?
Karl Rahner: Diese Erfahrung ist keine bloße Stimmung, keine unverbindliche Sache des Gefühls und der Poesie. Denn sie ist unaufhebar, wenn auch noch so unreflektiert und anonym; in jedem, auch dem rationalsten geistigen Vollzug gegeben, weil jeder solche Vollzug lebt vom alles übersteigenden Vorgriff auf das Ganze, das eines und das namenloses Geheimnis ist.
Karl Rahner Gotteserfahrung heute,in: Gott in dieser Zeit, C.H. Beck’sche Veragsbuchhandlung, München 1972, S.11
Orelie: Und was ist hierbei die Aufgabe der Theologie?
Karl Rahner: Aber wenn auch die Theologie bei uns nur nachdenkt, wie die kirchlich und sakramental Betreuten vor das Angesicht Gottes selber kommen, müsste sie sehr viel mehr darüber nachdenken, wie man sich einigermaßen die Odyssee aller Menschen, auch der primitivsten vor einer Million Jahren, auch der Nichtchristen und selbst der Atheisten so denken könne, dass sie in Gott selbst mündet.
Karl Rahner Erfahrungen eines katholischen Theologen, a.a.O., S.139
Orelie: Was ist daher für Sie als christlicher Theologe wichtig?
Karl Rahner: In einem Zeitpunkt, an dem das Christentum wirklich real so verfasst sein kann und muss, dass es den Menschen in allen Kulturen und zu allen Zeiten angeboten werden kann, muss eben doch über das „anonyme“ Christentum überall und zu allen Zeiten nachgedacht werden, auch wenn mir an dem umstrittenen Wort als solchem nichts liegt.
Ibid., S.140
Orelie: Da das Heilsangebot Gottes für alle Menschen seine Gültigkeit hat, kann ein anonymer Christ, um bei diesem Wort zu bleiben, das Heil empfangen. Wollen Sie als katholischer Theologe dem etwas hinzufügen?
Karl Rahner: Die Grenzen des Reiches Gottes fallen nicht einfach zusammen mit den Grenzen zwischen den Konfessionen oder zwischen den „praktizierenden“ und „nichtpraktizierenden“ Katholiken. Nicht als ob es nicht Gottes Wille wäre, dass man Katholik sei und ein „praktizierender“. Aber unter diesen Katholiken sind nicht alle wahrhaft Kinder des Reiches.
Karl Rahner Glaube, der die Erde liebt, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 1966, S.103
Orelie: Auf was kommt es für Sie also an, damit das Reich Gottes einem Katholiken oder genauso einem nicht an Gott glaubenden Menschen offen steht?
Karl Rahner: Die Geduld, die Bescheidenheit, die Nächstenliebe, die Ehrlichkeit und alle jene Tugenden, in denen oft die Kinder der Welt uns zu übertreffen scheinen. Wir sollten Ausschau halten nach den Menschen, die Gott nahe sind, ohne dass sie es wissen. Vom Aufgang und Niedergang ziehen Menschen ins Gottesreich auf Straßen, die in keiner amtlichen Karte verzeichnet sind.
Ibid, S.104
