Berühmte Menschen, immer noch aktuell, kommen selbst zu Wort

Roger Willemsen – Episoden aus seiner Kindheit und Jugend

Orelie: Guten Tag, Herr Roger Willemsen. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespräch gekommen sind. Wir werden über einige besondere Begebenheiten aus Ihrer Kindheit und Ihrer Jugend sprechen. Mit welcher möchten Sie beginnen?

Roger Willemsen: Mein Vater war Maler gewesen, hatte in Düsseldorf einer Künstlervereinigung angehört und dort auch ausgestellt. Als er meine Mutter kennenlernte, war sie Schneiderin. Der Krieg hatte ihre schulische Weiterbildung verhindert, ihre Eltern waren tot. So zog der neunzehn Jahre ältere Mann mit der jungen, lebenslustigen Schönheit nach Bonn, wo er im Denkmalpflegeamt als Restaurator arbeitete. Der Kunstverstand meines Vaters war staunenswert. Über hundert Skulpturen hat er aus Dorfkirchen des Rheinlands geborgen, hat sie von ihren zahllosen Übermalungen Farbschicht für Farbschicht befreit und ihnen ihre mittelalterliche Fassung zurückgegeben. Zugleich aber war sein Verständnis der Gegenwartsmalerei nicht minder profund, und der Verkauf einiger Bilder von Paul Klee, die er für sehr wenig Geld erworben hatte, ermöglichte uns später den Bau eines ganzen Hauses.

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S.9-10

Orelie: Vorher wohnten Ihre Familie und so auch Sie in einem Haus, das zu dem Besitz eines Fürsten gehörte.

Roger Willemsen: Die ersten fünf Jahre meines Lebens brachte ich in der geschlossenen höfischen Welt des Schlosses zu, buddelte Tulpenzwiebeln aus den Beeten, träumte im Rosengarten. Rückblickend kommt es mir so vor, als hätten wir drei Kinder – meine Eltern zeugten nach zwei Söhnen noch eine Tochter – ein Element der Unordnung in die Schloss-Welt getragen. Abgesehen von der anfänglichen sozialen Verankerung unserer Famile im unteren Mittelstand gehörten meine Eltern weitläufig zur Boheme.

Ibid., S.12

Orelie: Von welchem Erlebnis können Sie aus Ihrer Jugendzeit berichten?

Roger Wellemsen: Ich war siebzehn, verliebt und Internatsschüler an der Nordsee. Meine Geliebte war achtzehn, erfahren und Gymnasiastin im Rheinland. Telefonate waren zu teuer, Briefe schrieben wir fast täglich, und in ihnen trug uns das Schmachten dauernd über alle Horizontlinien davon, weit weg. Meine Freundin hieß nicht Yvonne, ich nenne sie hier nur so, weil ich damals Namen am schönsten fand, wenn sie mit Y begannen. Sie nahm meine Träume in Empfang und träumte sie weiter, über die Landesgrenzen hinaus.

Ibid., S.21

Orelie: Wo fuhren Sie beide schließlich hin?

Roger Wellemsen: Über die Weltkarte gebeugt, entschieden wir, dass das erschwinglichste Weite « Sardinien » hieß. Auf der Fähre nach Olbia, Sardinien, haben wir uns geküsst, Rußflocken flogen aus dem Schornstein in Yvonnes Haar, nach Salz und Asche schmeckte, was wir atmeten, und unsere albernen Segeltuch-Sonnenhüte hatten uns, als der Abend kam, vor dem Sonnenbrand nicht geschützt. « Viva, la Sardegna! », riefen wir, als wir die Fäuste in den Sand der Insel ballten. Immerhin waren wir am Ort unserer Sehnsucht angekommen: allein, verliebt und uns selbst überlassen an einem wilden Ort. Bauern mit holzgeschnitzten Gesichtern standen in den Feldern, saßen auf den Plätzen in Palaver-Runden. Manchmal baten uns die Frauen ins Haus, wärmten Wasser über dem Feuer, um unsere Hände vor Tisch damit zu übergießen; man trank den gold-öligen, hochprozentigen Wein Sardiniens aus kleinen Pressgläsern. Die Männer versuchten währenddessen , weltläufig zu erscheinen, Konversation zu machen und die Kultur ihres Landes zu verherrlichen. Auf den Fotos steht Yvonne einmal vor einem Kaktus, einmal rudert sie mich, und einmal hebt sich die Silhouette einer Pinie vom Sonnenuntergang ab. Ich kann diese Bilder bis heute nicht ohne Liebe sehen.

Ibid., S.21,24,26

Orelie: Herr Wellemsen, geboren wurden Sie in Bonn, machten dort auch Ihr Abitur und studierten in dieser Stadt. Mit welchen Gefühlen begegnen Sie Bonn, sobald Sie dorthin zurückkehren?

Roger Willemsen: Was macht jemand, der in seine Heimat zurückkehrt und ein Autobahnkreuz findet, wo sein Elternhaus war? Steht er da und sagt: Meine Kreuzung, meine Heimat? Sucht er sich ein Surrogat, eine zweite Heimat? Steht er mit Tränen in den Augen da? Den Wald dort, dann den Acker, den Schwung der Hügellinie, die einsame Bahnstrecke: Wie viel kann man ihm wegnehmen, und er nennt es immer noch « meine Heimat »?

Ibid, S.30-31

Orelie: Was ist demnach Heimat?

Roger Willemsen: Eine ungefährdete Heimat müsste jenseits der Zivilisation liegen, also ferner, der Zeit entzogener Winkel.

Ibid, S.38

Orelie: Welche Erfahrung haben Sie in dieser Hinsicht mit Bonn gemacht?

Roger Willemsen: Weder die Verkehrsführung noch die Stadtarchitektur, noch strohfeuerartige Versuche, ihr Urbanität zu verleihen, konnten Bonn je ruinieren, nicht den Alten Friedhof, die Universität, das Bonner Münster, den Markt mit dem Rathaus, den Bahnhof, den Alten Zoll, von wo das romantische Sehnen über den Rhein zieht.

Ibid., S.38-39

Orelie: Wollen Sie noch etwas hinzufügen?

Roger Willemsen: Im 18. Jahrhundert saßen die Menschen an den Poststationen und warteten, dass der Groschenroman erfunden würde. Im 19. Jahrhundert saßen sie da mit dem Groschenroman und träumten von etwas, das wie Fernsehen wäre. Im 20. Jahrhundert hatten sie das Fernsehen.

Ibid, S.30-31

Orelie: Wie beurteilen Sie dieses?

Roger Willemsen: Das Fernsehen ist der Spiegel einer alltäglichen Abstimmung, es ist Demokratie in plausibler und abstoßender Form, und die Quote ist nichts anderes als ein Votum, das gegenüber dem politischen Votum noch dazu den Vorzug besitzt, kurzlebig zu sein und rasche Reaktionen zu erlauben. Kein Kabinett verschwindet so schnell vom Bildschirm wie eine Sendung ohne zügigen Publikumserfolg. »

Ibid, S98-99

Orelie: War das beim Radio, das Sie aus Ihrer Kindheit kannten, ebenso?

Roger Willemsen: Das war schön, das war wirklich und doch weit weg. Diese große Gleichzeitigkeit war die Realität, aber man wurde nicht von ihr erfasst und man musste in sie nicht eintreten. Dieses Radio war Großmutters Ohr. Damit dehnte sie sich über die Welt aus und horchte. Ich erinnere mich, dass sie Sendungen hörte, in denen Männer sprachen und nicht aufhörten zu sprechen, geschichtliche, zoologische, soziologische, politische, verhaltensbiologische Sendungen, Diskussionen, Reden, Vorträge. Auch kommentierte sie, spottete, lobte, « das glaub ich dir! », rief sie in den Apparat, oder « das könnte dir so passen! ». Dabei gestikulierte sie und fuchtelte mit der offenen Hand vor dem Gerät herum, als ob sie ihm Schläge androhen wolle. Ich aber sah immer auf die beiden Ringe auf ihrem vierten Finger, dem Erkennungszeichen der Witwen.

Ibid, S.93-74

Orelie: Sie begriffen, dass Ihre Großmutter sich sehr einsam fühlte.

Roger Willemsen: Meine Großmutter wohnte in einem Gehäuse in unserem Garten. Eigentlich lebte sie immer in Trauer. Ihren Mann hatte man im Krieg erschossen. Der Hof, auf dem sie gelebt hatte, existierte nicht mehr, und der Weltraumhund Laika, an den sie ihr Herz gehängt hatte, kam ebenfalls tot zur Erde zurück. Es kam nicht viel Gutes aus der Geschichte. Deshalb bewegte sich meine Großmutter nicht in die Außenwelt, saß lieber in ihrem Gehäuse im Garten.

Ibid., S.91

Orelie: Was gab daher das Radio Ihrer Großmutter?

Roger Willemsen: Meine Großmutter war ganz sicher für die Dauer dieser Sitzungen nicht einsam. Wir saßen schweigend und hörten der Realität in ihrem Rauschen und Brausen zu und waren mit unseren fünfundsiebzig Jahren Altersunterschied gleichermaßen Kinder der Realität und des Radios: oder besser noch: Wir waren wie das Radio: Weltempfänger.

Ibid, S.93

Orelie: Herr Roger Willemsen, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.