Orelie: Guten Tag, Herr Rainer Maria Rilke. Ich begrüße Sie zu diesem Gespräch, in dem wir über Auguste Rodin sprechen werden. Als Sie im Jahr 1901 nach Paris kamen, begannen Sie eine Monographie über diesen Bildhauer zu schreiben. Im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrhunderten hatte sich das Wesen der Skulptur verändert. Wie wirkte sich dieser Zustand auf Auguste Rodin aus?
Rainer Maria Rilke: Er mochte fühlen, dass es keine Gebäude mehr gab, die die Werke der Skulptur um sich versammelten, wie es die Kathedralen getan hatten, diese großen Magnete der Plastik einer vergangenen Zeit. Das Bildwerk war allein. Es brauchte nicht einmal ein Dach. Es war ein Ding, das für sich allein bestehen konnte, und es war gut, ihm ganz das Wesen eines Dinges zu geben, um das man herumgehen und das man von allen Seiten betrachten konnte.
Rainer Maria Rilke, Auguste Rodin, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 1984, S.16
Orelie: Und musste dieses Ding dennoch etwas Außergewöhnliches besitzen?
Rainer Maria Rilke: Es musste irgendwie unantastbar werden, sakrosankt, getrennt vom Zufall und von der Zeit. In die Luft, die es umgab, musste man es wie in eine Nische hineinpassen und ihm so eine Sicherheit geben, einen Halt und eine Hoheit, die aus seinem einfachen Dasein, nicht aus seiner Bedeutung kam.
Ibid.,S.16-17
Orelie: Auf welche Weise galang das Rodin?
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Rainer Maria Rilke: Rodin wusste, dass es zunächst auf eine unfehlbare Kenntnis des menschlichen Körpers ankam. Es gab weder Pose, noch Gruppe, noch Komposition. Es gab nur unzählbar viele lebendige Flächen, es gab nur Leben, und das Ausdrucksmittel, das er sich gefunden hatte, ging gerade auf dieses Leben zu. Nun hieß es seiner und seiner Fülle mächtig zu werden. Da war kein Teil des Körpers unbedeutend oder gering: er lebte. Das Leben, das in den Gesichtern wie auf Zifferblättern stand, – in den Körpern war es zerstreuter. Hier verstellte es sich nicht, hier ging es nachlässig, wo es nachlässig war, und stolz bei den Stolzen; zurücktretend von der Bühne des Angesichtes, hatte es die Maske abgenommen und stand, wie es war, hinter den Kulisssen der Kleider. Hier fand er die Welt seiner Zeit, wie er jene des Mittelalters an den Kathedralen erkannt hatte.
Ibid,S.17-18
Orelie: Rodin hat auch Gruppen geschaffen und dabei kommt es vor, dass ein Teil einer Skulptur, einen Teil einer anderen berührt. Was können Sie hierzu sagen?
Rainer Maria Rilke: Eine Hand, die sich auf eines anderen Schulter oder Schenkel legt, gehört nicht mehr ganz zu dem Körper, von dem sie kam: aus ihr und dem Gegenstand, den sie berührt, entsteht ein neues Ding, ein Ding mehr, das keinen Namen hat und niemandem gehört; und um dieses Ding, das seine bestimmten Grenzen hat, handelte es sich nun. Diese Erkenntnis ist die Grundlage für die Gruppierung der Gestalten bei Rodin; aus ihr kommt jenes unerhörte Aneinander-Gebunden-Sein der Figuren. Er geht nicht von den Figuren aus, die sich umfassen, er hat keine Modelle, die er anordnet und zusammenstellt. Es fängt bei den Stellen, der stärksten Berührung als bei den Höhepunkten des Werkes an; dort, wo etwas Neues entsteht
Ibid,S.32
Orelie: Seine Skulptur Der Kuss weist mehrere solcher Berührungspunkte auf und was erreichte Rodin mit seinem Schaffen?
Rainer Maria Rilke: Der Zauber der großen Gruppe des Mädchens und des Mannes, die Der Kuss genannt wird, liegt in dieser weisen ung gerechten Verteilung des Lebens; man hat das Gefühl, als gingen hier von allen Berührungsflächen Wellen in die Körper hinein, Schauer von Schönheit, Ahnung und Kraft. Daher kommt es, dass man die Seligkeit dieses Kusses überall auf diesen Leibern zu schauen glaubt..
Ibid, S.32
Orelie: Auguste Rodin hatte es nicht leicht, sich in der damaligen Kunstszene durchzusetzen. Sein vor dem Panthéon aufgesteller Gipsabguss des Denkers wurde sogar zertrümmert. Doch wie wirkten sich solche Feindseligkeiten auf sein Schaffen aus?
Rainer Maria Rilke: Es wäre denkbar, dass ein Künstler schließlich diesen immer wieder erklärten Krieg angenommen hätte; Unwillen und Ungeduld hätten den und jenen hinreißen können; aber wie sehr wäre er, auf den Kampfplatz tretend, von seinem Werke entfernt worden. Es ist Rodins Sieg, dass er in dem seinen ausharrte und Zerstörung in der Art der Natur beantwortete, mit einem neuen Anfang und zehnfacher Fruchtbarkeit..
Ibid, S.93
Orelie: Herr Rainer Maria Rilke, können Sie die Arbeitsweise Rodins näher beschreiben?
Rainer Maria Rilke: Denn der dunkle Weg seiner absichtslosen Arbeit, der durch das Handwerk führt, ermöglicht ihm, vor seinen vollendeten Dingen, die er nicht überwacht und bevormundet hat, selber bewundernd zu stehen, wenn sie erst da sind und ihn übertreffen. Und seine Bewunderung ist jedesmal besser, gründlicher, entzückter, als die des Besuchers. Seine unbeschreibliche Konzentrierung kommt ihm überall zugute. Und wenn er im Gespräch die Zumutung der Inspiration nachsichtig und mit ironischem Lächeln abschüttelt und meint es gäbe keine – , keine Inspiration sondern nur Arbeit, so begreift man plötzlich, dass für diesen Schaffenden die Eingebung dauernd geworden ist, dass er sie nicht mehr kommen fühlt, weil sie nicht mehr aussetzt, und man ahnt den Grund seiner ununterbrochenen Fruchtbarkeit. Zu arbeiten wie die Natur arbeitet, nicht wie Menschen, das war seine Bestimmung.
Ibid., S.88-89
Orelie: Mit der Zeit wurde Rodin ein anerkannter Bildhauer und er konnte sich eine Villa in Meudon kaufen. Können Sie etwas über seinen Tagesablauf mitteilen?
Rainer Maria Rilke: Der Vormittag vergeht in Meudon; oft werden in den verschiedenen Ateliers mehrere begonnene Arbeiten nacheinander vorgenommen und jede ein wenig gefördert; dazwischen drängt sich, lästig und unabweisbar der ganze geschäftliche Verkehr, dessen Sorge und Mühsal dem Meister nicht erspart bleibt, da fast keines seiner Werke durch den Kunsthandel geht. Meistens schon um zwei Uhr wartet ein Modell in der Stadt, ein Porträtbesteller oder ein Berufsmodell, und nur im Sommer erreicht es Rodin, vor Einbruch der Dämmerung wieder in Meudon zu sein. Der Abend draußen ist kurz und immer derselbe; denn um neun Uhr begeht man sich regelmäßig zur Ruhe.
Ibid, S.30-31
Orelie: Rodin lebte in Meudon zusammen mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Rose Beuret. Und wie gestaltete sich der Morgen?
Rainer Maria Rilke: Morgen, die sich glücklich fühlen, wecken ihn. Er sieht seinem Garten zu. Er liebt die Unberührtheit dieser ersten Stunden. Er hebt enen Pilz auf, entzückt, und zeigt ihn Madame Rodin, die, gleich ihm, diese frühen Wege nicht aufgegeben hat: « Sieh », sagt er angeregt, « und das braucht nur eine Nacht: in einer Nacht ist das gemacht, alle diese Lamellen. Das arbeitet gut. »
Ibid, S98-99
Orelie: Möchten Sie abschließend noch etwas sagen?
Rainer Maria Rilke: Seine Dinge konnten nicht warten; sie mussten getan sein. Er hat ihre Obdachlosigkeit lange vorausgesehen. Ihm blieb nur, ihnen den Himmel zu gewinnen, der um die Berge ist. Und das war seine Arbeit.
Ibid, S.104-105
