Orelie: Guten Tag, Herr Martin Luther King. Ich begrüße Sie herzlich zu diesem Gespräch, in dem wir über die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung in den fünfziger und sechziger Jahren sprechen werden. Die Bewegung bekam den Vorwurf zu hören, dass es ihr an Programmen fehlte. Was wollen Sie hierzu sagen?
Martin Luther King: Tatsächlich herrschte 1965 kein Mangel an Programmen, angefangen von meinem eigenen 1964 veröffentlichten Vorschlag einer « Freiheitsurkunde für die Benachteiligten » bis zu vollendeten detaillierten Programmen im veröffentlichten Material vieler Agenturen, Organisationen und einzelner Soziologen. Hinter der Aufforderung, Programme vorzubereiten, steckt die Prämisse, dass die Regierung an sich wohlwollend ist – sie wartet nur auf die Vorlage phantasiereicher Ideen. Wenn ein Volk in Unterdrückung lebt, verwirklicht es die Befreiung, sobald es die nötige Macht hat, einen Wandel zu erzwingen. Wenn es diese Stärke hat, wird die Abfassung eines Programms fast zu einem Detail der Verwaltungsarbeit. Unsere dornenvolle Aufgabe ist es herauszufinden, wie wir unsere Stärke zu unwiderstehlicher Macht organisieren können, damit die Regierung unseren Forderungen nicht ausweichen kann. Wir brauchen gewisse allgemeine Programme für die Bewegung, aber nicht um sie als Bittsteller zu benutzen. Wir benötigen Programme, die die Bestrebungen unserer Anhänger widerspiegeln. Auf diese Weise werden unsere Ziele anschaulich gemacht und unsere Anhänger zum Handeln und tieferem moralischem Engagement inspiriert.
Martin Luther King, I had a dream Gewaltfreiheit als Herausforderung, dreisam-verlag, Freiburg im Breisgau, 1978, S.29-31
Orelie: Hierbei setzte die Bewegung auf gewaltlose Proteste, die sie fortführen will. Was ist das zu erreichende Ziel?
Martin Luther King: In den Jahren des gewaltlosen Protestes erfuhren mehr Weiße mehr über die Schande Amerikas – und machten sich schließlich manche ihrer Aspekte klar – als in den hundert Jahren davor. Die gewaltlose Aktion wird so lange eine bedeutende Machtquelle bleiben, bis sie durch die Herrschaft der Gerechtigkeit überflüssig wird.
Ibid., S.32
Orelie: Was können Sie zu der wirtschaftlichen Kraft der afroamerikanischen Volksschichten sagen?
Martin Luther King: Trotz furchtbarer Hindernisse haben sie ein Korps von Männern mit Befähigung und organisatorischer Disziplin zu einer brauchbaren Führungsreserve herangebildet. Ihre gemeinsame Stärke mag, gemessen an der riesigen Industrie der Weißen, gering sein; aber innerhalb der Gemeinschaft wirken sie anregend und sind eine Hilfe für die Entwicklung von Programmen und Plänen. Als Arbeitskollegen teilen sie fundamentale Interessen, so dass viele hässliche trennende Elemente des traditionellen Vorurteils überwunden werden.
Ibid., S.33
Orelie: So ist sich die afroamerikanische Bevölkerung ihrer bedeutenden Rolle als Verbraucher und arbeitender Bürger bewusst geworden. Können Sie hierzu von dem « Unternehmen Brotkorb » berichten?
Martin Luther King: Das Losungswort des Unternehmens Brotkorb ist « Respekt »; das bedeutet: « Wenn du meine Dollars respektierst, musst du mich selbst respektieren. Wenn du meine quantitative Unterstützung respektierst, musst du die Qualität meiner Stellung und meine elementaren materiellen Bedürfnisse respektieren. » Das « Unternehmen Brotkorb » wird hauptsächlich von Geistlichen durchgeführt. Zuerst spricht eine Gruppe von Pfarrern bei der Geschäftsführung eines Betriebes der Gemeinde vor, um Material über die Gesamtzahl der Angestellten der Gesellschaft, die Zahl der schwarzen Angestellten, die verschiedenen Abteilungen oder die Klassizifierung der Stellungen, in denen alle Angestellten tätig sind, und die Gehaltsklassen jeder Kategorie zu erbitten. Dann kehrt die Gruppe zum Lenkungsausschuss zurück, um das Material auszuwerten und eine Empfehlung bezüglich der Zahl neuer und höherer Stellungen, die verlangt werden sollen, zu geben. Die Entscheidung über die Zahl der verlangten Stellungen beruht gewöhnlich auf den Einwohnerzahlen. Wenn die Verhandlungen scheitern, wird zur Ausübung von Macht und Druck geschritten. Dieser Schritt besteht aus einem energischen Aufruf zur wirtschaftlichen Ablehnung der Erzeugnisse der Gesellschaft und wenn nötig, unterstützenden Demonstrationen. Der Umsatzrückgang und damit das Verstummen der Ladenkassen sind ein starker Druck, der die Gesellschaft schließlich zur Erfüllung der Forderungen veranlasst. In den letzten acht Monaten hat das « Unternehmen Brotkorb » in Chicago Verhandlungen mit drei großen Industrien, den Milch-, alkoholfreien Getränke- und Lebensmittel-Ketten-Geschäften, erfolgreich abgeschlossen. Vier der betreffenden Gesellschaften trafen schon nach kurzen Boykottkampagnen angemessene Vereinbarungen. Sieben andere Gesellschaften konnten die verlangten Veränderungen am Konferenztisch vornehmen und so einen Boykott umgehen. Zwei andere Gesellschaften erhielten, nachdem sie den Geistlichen ihre Personalinformationen gegeben hatten, Empfehlungsschreiben wegen ihrer gesunden Methoden der Gleichberechtigung bei der Stellenbesetzung.
Ibid., S.36-38
Orelie: Herr Martin Luther King, kommen wir auf die politische Macht der Afroamerikaner zu sprechen.
Martin Luther King: Wenn der schwarze Bürger begreift, dass vereinter und organisierter Druck messbare Ergebnisse erzielen kann, wird er seinen Einfluss zur Geltung bringen. Aus diesem Bewusstsein heraus wird die politische Macht der aufgewachten Minderheit verstärkt und konsolidiert werden. Dringend geboten ist die Entwicklung einer starken Stimme, die in den raucherfüllten Zimmern gehört wird, in denen parteiinterne Diskussionen und Verhandlungen geführt werden. Ein schwarzes Gesicht, das, im Rat der Partei stumm bleibt, ist keine politische Vertretung; die Fähigkeit, unabhängig zu sein, sich zu behaupten und respektiert zu werden, wenn die endgültigen Entscheidungen fallen, ist für eine glaubwürdige Äußerung von Macht unerlässlich.
Ibid, S.39-340
Orelie: Was fehlt hierbei der Bürgerrechtsbewegung noch?
Martin Luther King: Wir werden uns Führer schaffen müssen, die Tugenden verkörpern, die wir achten können, die moralische und ethische Grundsätze haben, denen wir Beifall spenden können mit einer Begeisterung, die uns befähigt, auf der Grundlage von Vertrauen und Zuversicht Anhänger für sie zu werben. Wir werden hohe Anforderungen stellen und denen, die es verdienen, unsere ständige treue Unterstützung geben müssen. Wir werden eine zuverlässige Wählerschaft für diejenigen sein müssen, die sich als engagierte politische Kämpfer für uns erweisen. Wenn unsere Bewegung eigene politische Persönlichkeiten besitzt, die wirklich unabhängig und mit ihrem Volk unerschütterlich einig sind, werden sie im politischen Rat der Weißen mit der Achtung behandelt werden, die jeder, der solche Macht verkörpert, verdient. Neben der Entwicklung von wirklich unabhängigen und repräsentativen politischen Führern werden wir die Kunst politischer Bündnisse beherrschen müssen.
Ibid, S.41-42
Orelie: Können Sie diesen Aspekt wahrer Bündnisse weiter ausführen?
Martin Luther King: Ein echtes Bündnis beruht auf dem Eigeninteresse aller vertretenen Gruppen und einem gemeinsamen Interesse, in dem sie sich finden. Wenn ein Bündnis Dauer und das treue Engagement seiner verschiedenen Elemente haben soll, muss jedes von ihnen ein Ziel haben, das ihm Vorteile bringt, und darf keines einen Standpunkt einnehmen, der im Widerspruch zu den Standpunkten der anderen steht. So können wir nicht einfach von einem Bündnis mit der gesamten Arbeiterschaft sprechen. Die meisten Gewerkschaften haben gemeinsame Interessen mit uns; beide Teile können von der Beziehung profitieren. Aber mit manchen Gewerkschaften, die bei der Diskriminierung bleiben, um ihr Beschäftigungsmonopol zu erhalten, haben wir keine gemeinsame Basis. Von Bündnissen mit ihnen zu sprechen, heißt, von gegenseitiger Täuschung und Heuchelei sprechen. Derselbe Test muss bei Kirchen und kirchlichen Vereinigungen angewandt werden. Manche Kirchen erkennen an, dass sie, um im moralischen Leben Bedeutung zu haben, die Gleichheit zum Gebot machen müssen. Die Basis für ein Bündnis mit ihnen ist stark und dauerhaft. Aber für die Kirchen, die diese Frage vermeiden und umgehen, die in sozialen und wirtschaftlichen Fragen stumm oder ängstlich sind, sind wir nicht mehr als Fremde, wenn wir auch dieselben Choräle zur Ehre desselben Gottes singen.
Ibid., S.42-43
Orelie: Wollen Sie dem allen noch etwas hinzufügen?
Martin Luther King: In Zukunft müssen wir eifrige politische Aktivisten werden. Wir müssen diese Richtung einschlagen, weil wir verzweifelter als jede andere Gruppe der amerikanischen Gesellschaft politische Stärke brauchen. Die meisten von uns sind zu arm, um genug wirtschaftliche Macht zu besitzen, und viele von uns sind von der Kultur zu sehr ausgeschlossen, um an irgendeiner Machttradition teilzuhaben. Notgedrungen werden wir zu der Macht hingezogen, die im schöpferischen Gebrauch der Politik liegt.
Ibid, S.45
Orelie: Und was wollen Sie zu den Unterschieden zwischen den Süd- und den Nordstaaten sagen?
Martin Luther King: Der Rassismus ist ein hartnäckiges Übel; aber er ist nicht unwandelbar. Das Gefühl der Überlegenheit kann das Selbstbewusstsein der Weißen, aber nicht ihren Körper nähren. Die Gouverneure Wallace und Maddox, (deren Beglaubigungen als Rassisten makellos sind, verstehen das. Ihre Demagogie ist wenig bekannt bei den Nordstaatlern. Aber unter ihren Füßen beginnt der Boden zu schwanken. Jedem von beiden stand bei den Primärwahlen eine neue Sorte weißer Südstaatler gegenüber. Ihre Gegner waren keine unbedeutenden politischen Persönlichkeiten. Sie befürworteten wirtschaftliche Reformen ohne rassische Demagogie. Sie erhielten von den Weißen viele Stimmen, die zwar nicht zum Siege reichten, aber einen Hinweis auf den künftigen Kurs des Südens geben. Es trifft zu, dass das Stimmrecht den Norden nicht verwandelt hat; aber die Tatsache, dass die Bündnisse und politischen Aktionen im Norden im allgemeinen kümmerlich waren, ist kein Grund für die Voraussage, dass die negativen Erfahrungen des Nordens automatisch weiter ausgedehnt oder im Süden wiederholt werden. Alles, – und viele von uns brauchen beinahe alles -, wird sich nicht wie mit einem Zauberschlag durch die Ausübung des Stimmrechts materialisieren. Wenn uns aber als Hebel der Macht eingehende Aufmerksamkeit geschenkt wird und wenn wir es mit der Phantasie anwenden, die wir, wie auch unsere Protestaktionen bewiesen, besitzen, dann wird es dazu beitragen, zu unseren Lebzeiten viele weitreichende Veränderungen zu erzielen.
Ibid, S44-45
Orelie: Was wollen Sie abschließend zu der weiteren Entwicklung der Bürgerrechtsbewegung sagen?
Martin Luther King: Viele Bürgerrechtsorganisationen entstanden als Spezialisten für Agitation und sensationelle Pläne; sie gewannen starke Sympathien und Anhängerzahlen; aber sie sammelten und einigten die Anhängerschaft nicht für die neuen Stadien des Kampfes. Die Zahl der Anhänger nahm zu und ab, und die Menschen gewöhnten sich an Aktionen in Krisenzeiten, aber auch an Untätigkeit im Alltag. Wir schufen unbewusst eine Krisenpolitik und ein Krisenprogramm und riefen zur Unterstützung nicht für das tägliche Engagement, sondern für explosive Ereigisse auf. Wir werden Menschen haben müssen, die in jahrelangen Beziehungen miteinander verbunden sind, anstelle von Enthusiasten des Augenblicks, die ihre Erfahrung, ihren Mut und ihre Einigkeit vergessen, wenn sie keinen Apparat haben, der sie zu neuen Aufgaben anleitet.
Ibid, S.50
