Orelie: Guten Tag, Herr Karl Rahner. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespräch gekommen sind, in dem wir uns vorgenommen haben, über die Gotteserfahrung zu sprechen. Heute ist der Atheismus für viele Menschen selbstverständlich. Was wollen Sie zu dieser Tatsache im Zusammenhang einer Erfahrung Gottes sagen?
Karl Rahner: Das Wort Gotteserfahrung bedeutet, dass das, was wir Gott nennen, eine Wirklichkeit ist und wir mit dieser Wirklichkeit zu tun haben, dass also der Atheismus, ein skeptischer Positivismus, der den Menschen schlechthin auf die naturwissenschaftlich zugänglichen Daten einengt, eine Theologie der absoluten Ferne Gottes, des « Gott ist tot » im vulgären Sinn des Wortes falsch sind, den Menschen und seine Wirklichkeit verkennen.
Karl Rahner, Gott in dieser Zeit, Verlag C. H. Beck, München, 1972, S.1
Orelie: Wie würden Sie daher die Wirklichkeit des Menschen beschreiben?
Karl Rahner: Es waltet in jedem Leben ein Unsagbares, das Geheimnis. Dieses ist nicht der Rest an Noch-nicht-Durchschautem oder Noch-nicht-Getanem und -Verwirklichtem, sondern dessen Voraussetzung und tragender Grund. Denn eben der Vorgriff über jedes konkrete Denkbare und Verwirklichbare hinaus, die grundsätzliche Unbegrenzbarkeit jeder Bewegung der Erkenntnis und Freiheit durch ein Einzelnes, Bestimmtes, endgültigen Haltepunkt Bedeutendes ist die Bedingung der Möglichkeit und der Eigenart menschlichen Daseinsvollzugs.
Ibid., S.7
Orelie: Können Sie das soeben Gesagte noch weiter ausführen?
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Karl Rahner: Wenn wir uns als die Begrenzten begreifen, die wir in radikaler, vielfältiger Weise sind, haben wir uns als die dauernd Sich-selbst-Überschreitenden erfahren auf das Unumfassbare hin, das eben als grundsätzlich solches unendlich genannt werden muss, das das Geheimnis schlechthin ist, weil es als Bedingung allen Begreifens, Unterscheidens, Einordnens nicht nochmals in der Weise erfahren werden kann, für die es selbst die Bedingung ist. Es ist gegeben als das bleibende Geheimnis.
Ibid.
Orelie: So sind die Erfahrungen, die ein Mensch mit dem bleibenden Geheimnis macht, unterschiedlichster Art. Was können Sie zu diesen unzählbaren Gotteserfahrungen sagen?
Karl Rahner: Man müsste noch viel konkreter werden, konkret nicht in einem Sich-Verlieren in die Einzelheiten der äußeren Welt, sondern in jener einfachen Dichte letzter und doch überall im Alltag gegebener Erfahrung, in der der Mensch immer, mit den Sandkörnern des Strandes beschäftigt, am Rand des unendlichen Meeres des Geheimnisses wohnt.
Ibid., S.10
Orelie: Das ist sehr poetisch ausgedrückt. Wollen Sie, Herr Karl Rahner, diesem noch etwas hinzufügen?
Karl Rahner: Diese Erfahrung ist keine bloße Stimmung, keine unverbindliche Sache des Gefühls und der Poesie. Denn sie ist unaufhebar, weil jeder solche Vollzug lebt vom alles übersteigenden Vorgriff auf das Ganze, das eines und das namenlose Geheimnis ist.
Ibid, S.11
Orelie: Und was ist hierbei die gesellschaftliche Dimension?
Karl Rahner: Man kann auch nicht sagen, man solle über sie schweigen, weil man nicht « klar » über sie reden könne. Denn was ist klar? Hat man nicht schon darüber geredet, wenn man das Reden darüber verbietet. Und wenn die rationalistischen Philosophen und Positivisten nicht darüber reden wollen, werden die Heiligen, die Dichter und andere Offenbarer des ganzen vollen Daseins sich deswegen das Reden verbieten lassen?
Ibid
Orelie: Können Sie diesen Aspekt weiter ausführen?
Karl Rahner: Man sage auch nicht, dass diese Erfahrung für die gesellschaftliche Öffentlichkeit belanglos sei. Religion, die immer von dieser Erfahrung lebt, ist eine gesellschaftliche Realität, selbst wenn der Atheist meinen sollte, diese Realität wäre besser nicht.
Ibid.
Orelie: Herr Rahner, wir sollten auch von früheren, nun der Vergangenheit angehörenden Gotteserfahrungen sprechen.
Karl Rahner: Der Mensch von früher ordnete Gott eben als ein Stück in seine Welt ein, auch wenn er dabei sagte, dass dieses « Stück » das Höchste und Vollkommenste sei, von dem alles andere abhänge. Gott wurde als Teil der Welt erlebt, und die Lehre von ihm leicht von jedermann prakitabel: der « liebe Gott », der als ein Weltregent für Moral sorgt und auch wieder gnädig sein kann.
Ibid, S.12
Orelie: Und was ist dem heutigen Menschen bewusst geworden?
Karl Rahner: Jetzt ist auch dem Durchschnittsmenschen deutlich geworden, dass es diesen Gott nicht gibt, dass er in der Welt nicht zu finden ist, dass sein Himmel nicht über den Wolken ist, dass Wunder nicht zur Behebung von Störungen der Weltmaschinerie dienen, sondern dass er, mit der Welt absolut inkommensurabel, nicht als Einzelposten in unsere Kalkulation eingesetzt werden kann.
Ibid
Orelie: Und was wollen Sie von daher zu den Rationalisten sagen?
Karl Rahner: Die rationale Durchschauung der Welt, die diese entgöttlicht, ist durchaus legitim, vorausgesetzt nur, dass diese Entgöttlichung der die Welt langsam immer mehr erfahren wird als getragen von jener Transzendierung von Welt und endlichem Subjekt, in der die wahre Gotteserfahrung geschieht. Die heutige Gotteserfahrung ist viel deutlicher und radikaler als die frühere eine Transzendenzerfahrung, die die Welt entgöttlicht und so Gott – Gott sein lassen kann.
Ibid, S.13
Orelie: Und was wollen Sie als Christ hinzufügen?
Karl Rahner: Die letzte Tiefe dieser Gotteserfahrung, die wir anzurufen versuchten, ist gerade die Erfahrung einer unsagbaren Nähe Gottes, der bei aller anzubetenden Unbegreiflichkeit, die bleibt, sich selbst in Unmittelbarkeit vergöttlichend und vergebend dem Menschen mitteilt und nicht nur – der ewig fernbleibende Richtpunkt aller menschlichen Bewegung ist. Diese radikale Tiefe der Gotteserfahrung wird aber gerade im Christentum deutlich ergriffen als Gnade und als sich in Jesus Christus siegreich durchsetzend und geschichtlich bezeugend verstanden.
Ibid, S.15
