Der Maler und der Schriftsteller

Paul Cézanne und Émile Zola

Die Freundschaft

Orelie spazierte in Cambridge bei trübem Wetter am Cam entlang und dachte an ihre Freundin Molly, die in Paris lebte und ein paar Gedichte, als auch Erzählungen veröffentlicht hatte. Vor einer Woche hatte sie eine Ansichtskarte von ihr erhalten, auf der das Panthéon zu sehen war und erfahren, dass sie nun an einem Roman schrieb. Unwillkürlich dachte Oélie an Émile Zola, der im Panthéon beigesetzt ist. Es kam ihr Zolas Freundschaft mit Paul Cézanne in den Sinn, die im Jahr 1852 in Aix ihren Anfang nahm. Die beiden Jungen gingen in dasselbe Collège, führten unzählige Gespräche miteinander, vertrauten einander ihre Geheimnisse an, fühlten sich voneinander verstanden und konnten sich aufeinander verlassen. Oftmals verteidigte  Cézanne seinen Freund,  wenn  dieser von  Schulkameraden verhöhnt, schroff abgewiesen oder geschlagen wurde. Cézanne wurde dabei auch selbst handgreiflich. In ihrer Freizeit durchforschten die beiden die Montagne Sainte-Victoire, die  Cézanne in späteren Jahren des öfteren malte. Zola lebte allein mit seiner Mutter, da sein Vater, der Erbauer der  Zola-Talsperre, während der Arbeiten im Jahr 1847 an einer Lungenentzündung gestorben war. Dreißig Jahre später malte Cézanne Le barrage Zola. 1858 zogen  Zola und seine Mutter, die nach längeren gerichtlichen Auseinandersetzungen mit einer geringen Rente auskommen musste, nach Paris. Ihre Freundschaft setzten die beiden Freunde von nun an in  Briefen fort. All das ging Orelie im Kopf herum, als sie sich an den Arc erinnerte, in dem Cézanne und Zola badeten. Deshalb schaute sie verträumt in das grau schimmernde Wasser des Cam, und es schwindelte ihr dabei. Der sonst so ruhige Fluss schäumte auf, erfasste sie und zog sie mit sich fort. Als Orelie wieder zu Bewusstsein kam, war sie verwirrt, noch dazu sie Paul Cézannes Stimme vernahm: 

„Zur Feder greif ich wieder und schreib getreu Dir nieder, was sich hier zugetragen. Hör, dass vom starken Regen und seinen Niederschlägen, die in den letzten Tagen hier auf die Stadt sich gießen, die Ufer überfließen, die froh der Arc durchzieht. Das Wetter ist nebelig, dunkel und regnerisch. Und die Sonne, die sonst brennt, scheint jetzt blass und fahl, ohne Feuerstrahl, trüb am Firmament. Seit Du Aix verlassen hast, mein Lieber, bedrückt mich ein dumpfer Kummer; bei Gott, ich lüge nicht. Ich erkenne mich selbst nicht mehr, ich bin schwerfällig, dumm und langsam. Wahrhaftig, ich würde Dich gerne sehen. Einstweilen stöhne ich wegen Deiner Abwesenheit.”

Paul Cézanne, Briefe, Diogenes Verlag, Zürich, 1979, S.13-15

Diese selbst gedichteten Zeilen hatte Cézanne an seinen Freund Zola nach Paris gesandt. Es waren gelungene Verse. Warum Cézanne sie aufsagte, wusste Orelie nicht. Doch hörte sie ihn schon weitersprechen:

„Eine gewisse innere Traurigkeit erfüllt mich, und weiß Gott, ich träume nur noch von jener Frau, von der ich Dir erzählte. Ich weiß nicht, wer sie ist; ich sehe sie manchmal auf der Straße vorbeigehen, wenn ich mich ins langweilige Gymnasium begebe. Ich bin so verliebt, dass ich Seufzer ausstoßen könnte, doch Seufzer, die sich nicht nach außen verraten, sondern geistige Seufzer, oder geistliche, ich weiß nicht recht. Meine Liebe, denn es ist Liebe, was ich verspüre, darf sich nicht nach außen verraten. –  Eine gewisse Langeweile begleitet mich überall hin, und nur manchmal vergesse ich meinen Kummer, wenn ich nämlich einen Schluck getrunken habe. Zwar liebte ich den Wein, jetzt lieb’ ich ihn noch mehr. Ich habe mich betrunken, und ich werde mich noch mehr betrinken, es sei denn, dass ich durch ein unverhofftes Glück – jawohl, dass ich ans Ziel gelangte, verflucht noch einmal!”

Briefe, S.18-19

Nun versuchte Orelie zu verstehen. Cézanne war neunzehn Jahre alt und sein Freund Zola ein Jahr jünger. Zola lebte bei seiner Mutter in Paris und Cézanne in Aix. Sie hegten durch Briefe Kontakt miteinander. Ohne es gewollt zu haben, war Orelie in das Briefgeheimnis der beiden eingeweiht worden, und  ihre Neugierde war geweckt worden. So fasste sie all ihren Mut, ging auf Cézanne zu und erklärte ihm das. Cézanne verstand sie und war bereit, ihr aus Zolas Antwortsbrief ein paar Zeilen vorzulesen:

„Paris ist groß, voll von Vergnügungsmöglichkeiten, von Denkmälern, von reizenden Weibsbildern. Aix ist klein, eintönig, engherzig, voller Frauen. Aber trotz allem ziehe ich Aix Paris bei weitem vor. Sind es die sich sanft unter dem Wind beugenden Pinien, sind es die dürren Schluchten, die übereinander aufgetürmten Felsen oder die malerischen Landschaften der Provence, die mich dorthin ziehen? Sind es nicht vor allem die Freunde, welche ich dort unten in der Umgebung des Arc gelassen habe? Was ist aus Deiner Eroberung geworden? Hast Du mit ihr gesprochen? O Schelm, mir scheint, Du wärest dessen wohl fähig. Junger Mann, Sie sind verloren, Sie werden Dummheiten machen! Aber ich komme bald und werde es verhindern. Ich will nicht, dass man mir meinen Cézanne verdirbt.”

Briefe, S.21-22

Orelie kam auch zu Ohren, dass Cézanne kurz vor den Prüfungen zu seinem Abitur stand. Am 12. November 1858 erfuhr er, dass er sein Maturitätsexamen bestanden hatte, was er sogleich Zola mitteilte. Er begann an der Universität in Aix Jura zu studieren, obwohl er Maler werden wollte und den heißen Wunsch hegte, in Paris an der Akademie des Beaux Arts aufgenommen zu werden. Er richtete sich mit seinem Anliegen an Zola, der sich nach den Zulassungsprüfungen erkundigen sollte. Zola und Cézanne wollten es in ihrer jeweiligen künstlerischen Begabung zu etwas bringen, und Orelie wurde sich gewahr, dass die beiden sich hierbei gegenseitig stark unterstützten und Mut machten. Zola wusste, dass Cézannes Vater seinen Sohn davon abbringen wollte, Maler zu werden. Sie erfuhr von Cézanne, dass Zola in den juristischen Prüfungen ein Bollwerk sah, und Cézanne zitierte ihr aus diesem Brief:

„ Soll ich Dir Mut einflößen, damit Du das Bollwerk erstürmen kannst? Oder soll ich von Malerei und Zeichnung sprechen? Verwünschtes Bollwerk, verwünschte Malerei! Eins widersteht den Kanonen, das andere unterliegt dem väterlichen Veto. Wenn Du auf die Mauer losstürzt, ruft Dir Deine Schüchternheit zu «Du wirst nicht sehr weit kommen!» Wenn Du zu Deinen Pinseln greifst, sagt Dein Vater: «Mein Sohn, mein Sohn, denk an die Zukunft. Man stirbt mit Genie, und man isst mit Geld!» Ah! leider, leider, mein armer Cézanne, das Leben ist eine Kugel, die nicht immer dorthin rollt, wo die Hand sie hinstoßen möchte.”

Briefe, S.53-54

Émile  Zola übte sich täglich in der Schriftstellerei und wälzte viele Gedanken in seinem Kopf herum. Doch es bekümmerte ihn auch sehr, dass er finanziell nicht abgesichert war, dennoch wollte er das Schreiben um keinen Preis aufgeben. In einem Brief schüttete er seinem Freund sein Herz aus:

„ Seit einigen Tagen bin ich traurig, sehr traurig, und schreibe Dir, um mich zu zerstreuen. Ich bin sehr niedergeschlagen. Ich denke an die Zukunft, die so düster, so düster ist, dass ich voll Entsetzen davor zurückweiche. Kein Vermögen, kein erlernter Beruf, nichts als Mutlosigkeit. Niemand, auf den ich mich stützen kann, keine Weibsperson, kein Freund hier an meiner Seite. Überall nur Gleichgültigkeit und Verachtung. Das also bietet sich meinem Blick, wenn ich um mich herumschaue, und deshalb bin ich so niedergedrückt. Ich sehe mich von solch unbedeutenden und prosaischen Wesen umgeben, dass es mich freut, Dich zu kennen, der nicht unserm Jahrhundert angehört, der die Liebe erfinden würde, wenn sie nicht eine so alte Erfindung wäre. Ich rechne es mir zu einem gewissen Ruhm an, Dich verstanden zu haben und Dich Deinem Wert entsprechend zu schätzen. Lassen wir deshalb die Boshaften und die Neider. Da die Mehrzahl der Menschen dumm ist, werden die Spötter nicht auf unserer Seite sein. Aber was macht das, solange Du ebenso gern meine Hand drückst wie ich Deine.”

Briefe, S.56

Orelie fühlte die tiefe Feundschaft, die Zola und Cézanne miteinander verband. Cézanne studierte weiter Jura an der Universität in Aix. Aber das hinderte ihn nicht daran, seiner Malerei treu zu bleiben. Deshalb beabsichtigte er, sein Studium, das er auf Wunsch seines Vaters begonnen hatte, aufzugeben und nach Paris zu ziehen, um sich dort ganz dem Malen widmen zu können. Doch zögerte er und zweifelte immer wieder an seiner künstlerischen Schöpfungskraft, woraufhin Zola ihm einen Rat gab:

„Als Dein Freund darf ich mir erlauben, ganz offen zu sein. In vieler Hinsicht gleichen sich unsere Charaktere, aber – potztausend! – wenn ich an Deiner Stelle wäre, hätte ich es bereits darauf ankommen lassen und alles aufs Spiel gesetzt, statt ungewiss zwischen zwei so verschiedenen Laufbahnen wie dem Atelier und der Advokatur hin und her zu schwanken. Du sagst, dass Du manchmal Deine Pinsel fortschleuderst, wenn Deine Ausdrucksform nicht Deiner Idee entspricht. Warum diese Entmutigung, diese Ungeduld? Nach jahrelangen Studien und unendlichen, nutzlosen Bemühungen würde ich sie verstehen. Wenn Du dann Deine Nichtigkeit und die Unmöglichkeit, etwas Gutes zu schaffen, einsehen würdest, tätest Du wohl daran, Palette, Leinwand und Pinsel zu vernichten. Da Du aber bisher nichts als den Wunsch zur Arbeit gehabt hast, hast Du kein Recht, Dich für unfähig zu halten. Also Mut!”

Briefe, S.76

Im April 1861 entschloss sich Cézanne, der nun 22 Jahre alt war, nach Paris zu gehen. Sein Vater war der Meinung, dass Zola ihn von seinem Jurastudium abgebracht hatte. Er begleitete seinen Sohn nach Paris und hegte immer noch die Hoffnung, ihn davon abhalten zu können, sein Studium aufzugeben und einen in seinen Augen falschen Weg einzuschlagen. Aber Cézanne hatte sich nun dazu entschieden, Maler zu werden. Von seinem Freund Zola wurde er stürmisch empfangen:

„»Ich habe Paul gesehen!« Er ist heute, am Sonntagmorgen, gekommen und hat wiederholt im Treppenhaus nach mir gerufen. Noch im Halbschlaf habe ich meine Tür freudezitternd geöffnet, und wir haben uns wild umarmt. Dann hat er mich bezüglich der Antipathie seines Vaters beruhigt. Darauf gingen wir gemeinsam essen, haben zahllose Pfeifen in zahllosen öffentlichen Anlagen geraucht. Solange sein Vater hier bleibt, werden wir uns nur selten sehen können, rechnen aber durchaus damit, in einem Monat zusammen zu wohnen.”

Briefe, S.85-86

Cézanne studierte in Paris an der Académie Suisse, wo er für wenig Geld in einem Gemeinschaftsatelier die Aktmalerei ausüben konnte. Aber er fand in Paris nicht, was er sich erhofft hatte. Er hatte sich sein Leben als Maler in dieser Stadt anders vorgestellt, und so überkam ihn das Heimweh nach Aix zurückzukehren. Er war froh, Orelie sein Herz ausschütten zu können:

„ Mein Herz ist nicht sehr heiter gestimmt. Ich verzettle mein dürftiges Dasein nach rechts und links. Suisse nimmt mich von sechs Uhr bis elf Uhr morgens in Anspruch. Ich esse irgendwo für 15 Sous die Mahlzeit; das ist nicht üppig. Ich verhungere immerhin nicht. Ich dachte, als ich Aix verließ, dass ich die Langeweile, die mich verfolgt, weit hinter mir lassen würde. Doch habe ich nur den Ort gewechselt, und die Langeweile ist mir gefolgt. Ich habe meine Eltern, meine Freunde, einige meiner Gewohnheiten zurückgelassen, und das ist alles.”

Briefe, S.86-87

Auch erklärte er Orelie, dass er Zola längst nicht so häufig sah, wie er sich das gewünscht hätte. Zola selbst war sich dessen nicht bewusst geworden, und so war er über den Wunsch seines Freundes, Paris den Rücken zu kehren und nach Aix zurückzugehen, nur verwundert und bestürzt. Um Cézanne von seinem Vorhaben abzubringen, schlug er ihm vor, ein Porträt von ihm zu malen, womit Cézanne einverstanden war. Aber letztendlich vernichtete Cézanne nach mehrerem Übermalen das Porträt und kehrte kurze Zeit später, im Herbst des Jahrs 1861, enttäuscht  nach Aix zurück. Orelie ahnte, dass die Freundschaft zwischen den beiden gelitten hatte. Doch konnte sie bald darauf in Erfahrung bringen, dass Cézanne vorhatte, im September des kommenden Jahres, wieder nach Paris zu kommen, und diesmal ohne seinen Vater. Zola hatte ihm geschrieben:

„Die Hoffnung, bald Deine Hand drücken zu können, hat gewiss viel dazu beigetragen, meine Niedergeschlagenheit zu vertreiben. Ich weiß wohl, dass Deine Reise noch nicht ganz sicher ist, doch gestattest Du mir, zu hoffen, und das ist schon viel Wert. Ich billige durchaus Deinen Plan, zum Studium nach Paris zu kommen und Dich dann in die Provence zurückzuziehen. Ich glaube, dass dies gut dazu angetan ist, dem Einfluss der Kunstschulen zu entgehen und die eigene Originalität zu entwickeln, soweit man eine besitzt. Also um so besser für Dich und für uns, falls Du nach Paris kommen solltest. Wir können unser Leben so einrichten, dass wir wöchentlich zwei Abende zusammen verbringen und an allen andern arbeiten. Die gemeinsam verbrachten Stunden werden nicht verloren sein. Nichts flößt mir mehr Arbeitswillen ein, als ein wenig mit einem Freund zu plaudern. Ich erwarte Dich also.”

Briefe, S.97-98

Im Spätherbst 1862 kam Paul Cézanne wieder nach Paris, wo er sich nun für mehrere Jahre einrichtete. Er erhielt von seinem Vater eine monatliche finanzielle Unterstützung und konnte sich somit ein eigenes Atelier leisten. Vormittags und abends studierte er wieder an der Académie Suisse. Mehrere seiner Bilder reichte er beim Pariser Salon ein. Sie wurden von dessen Jury abgelehnt, aber auf dem gleichzeitig mit dem offiziellen Salon stattfindenden Salon des Refusés ausgestellt. In den Jahren 1863 und 1864 waren Gemälde von Cézanne bei den Refusés zu sehen. Im Jahr 1866 wurde der Salon des Refusés nicht genehmigt, und Cézanne machte der Jury des Pariser Salons den Vorwurf, damit so manchem begabten Künstler jeden Weg zum Erfolg zu versperren. Er schrieb in einem Brief an den Superintendenten der Schönen Künste Émilien de Nieuwerkerke:

„ Ich habe letzthin die Ehre gehabt, Ihnen betreffs der beiden Bilder zu schreiben, die die Jury mir soeben zurückgewiesen hat. Da Sie mir noch nicht geantwortet haben, glaube ich nachdrücklichst die Gründe betonen zu sollen, die mich veranlassten, mich an Sie zu wenden. Ich begnüge mich damit, Ihnen von neuem zu sagen, dass ich das unberechtigte Urteil von Kollegen, die ich nicht selbst damit beauftragt habe, mich zu begutachten, nicht anerkennen kann. Ich schreibe Ihnen also, um auf meiner Bitte zu bestehen. Ich verlange, an das Publikum zu appellieren und trotz allem ausgestellt zu werden. Mein Wunsch scheint mir in keiner Weise ungebührlich zu sein, und wenn Sie all die Maler, die sich in meiner Lage befinden, befragen würden, so würden Ihnen alle antworten, dass sie die Jury nicht anerkennen und dass sie auf die eine oder andere Art an einer Ausstellung teilnehmen wollen, die zwangsläufig jedem ernsthaft Arbeitenden offenstehen soll. Möge man also den Salon der Zurückgewiesenen wieder einführen.”

Briefe, S.106

Aber trotz zahlreicher Gesuche kam es 1866 zu keiner Ausstellung der Bilder der vom Pariser Salon zurückgewiesenen Künstlern. Zola arbeitete zu der Zeit als literarischer Redakteur bei der Pariser Tageszeitung L’Événement und schrieb im Frühjahr 1866 mehrere Artikel über die Kunst, in denen er seinem Freund Paul Cézanne und anderen Malern wie Édouard Manet seine Unterstützung zukommen ließ. Er kritisierte aufs heftigste die Allmacht der Jury des Pariser Salons und machte sich zum Fürsprecher der von ihm abgelehnten Werke, woraufhin er von seinen Vorgesetzten gebeten wurde, seine Artikelserie einzustellen. Er veröffentlichte daraufhin eine Broschüre mit dem Titel Mein Salon, an deren Anfang er eine Widmung in Form eines Briefes mit dem Titel Émile Zola: An meinen Freund Paul Cézanne stellte. Orelie las darin:

„Es bereitet mir eine tiefe Freude, mein Freund, mich hier allein mit Dir zu unterhalten. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr ich während dieses Kampfes gelitten habe, den ich gerade mit der Masse, mit Unbekannten, ausfocht. Ich fühlte mich so wenig verstanden, ich gewahrte einen derartigen Hass um mich, dass Entmutigung mir oft die Feder aus der Hand fallen ließ. Doch nun kann ich mir die innere Befriedigung einer der gemütlichen Plaudereien leisten, die wir seit zehn Jahren miteinander gehabt haben. Diese wenigen Seiten sind für Dich allein geschrieben. Ich weiß, dass Du sie mit Deinem Herzen lesen und mich um ihrer willen morgen noch inniger lieben wirst. Seit zehn Jahren erörtern wir Fragen der Kunst und der Literatur. Wir haben zusammen gewohnt – erinnerst Du Dich noch daran? – und oft hat uns die Tagesdämmerung überrascht, während wir noch in Diskussionen versunken waren, in deren Verlauf wir in der Vergangenheit herumforschten, die Gegenwart befragten und die Wahrheit zu entdecken suchten, da wir bemüht waren, uns einen unfehlbaren und vollkommenen Glauben zu schmieden. Wir haben furchtbare Gedankenberge umgewälzt, haben alle Systeme geprüft und verworfen und sind nach dieser angestrengten Arbeit zu der Erkenntnis gekommen, dass es außer dem kraftvollen und individuellen Leben nichts als Lüge und Dummheit gibt. Wie glücklich sind jene, die Erinnerungen haben! Ich sehe Dich in meinem Dasein wie den blassen jungen Mann, von dem Alfred de Musset spricht. Du stellst meine ganze Jugend dar. Mit jeder meiner Freuden, mit jedem meiner Leiden finde ich Dich verbunden. In dieser Brüderlichkeit hat sich unser Geist Seite an Seite entwickelt. Und heute, am Beginn unserer Laufbahnen, haben wir Vertrauen ineinander, weil unsere Herzen einander durchdrungen haben.”

Briefe, S.107-108

Beim Lesen dieser Worte nahm Orelie Abschied von den beiden Freunden.

Das Werk

Einige Jahre später wurde Orelie auf  Émile Zolas Romanzyklus Die Rougon-Macquart aufmerksam, und sie las mit Begeisterung Zolas realistische Romane, die ihr unter die Haut gingen. Sein großer Erfolg, der sich 1877 mit dem Erscheinen seines Romans Der Totschläger einstellte, hatte ihn finanziell unabhängig gemacht. 1886 wurde sein vierzehnter Roman Das Werk veröffentlicht, und Orelie kam zu Ohren, dass er in dem Maler Claude Lantier seinen Freund Paul Cézanne dargestellt hatte. Gervaise Macquart, die Hauptperson in dem Roman Der Totschläger, hatte eine Beziehung mit dem Hutmacher Auguste Lantier, bevor sie den Arbeiter Copeau heiratete. Aus ihrer Verbindung mit Lantier gingen zwei Söhne hervor. Der Erstgeborene, Claude Lantier, wurde Maler und ist die Hauptperson in dem Roman Das Werk. Orelie hatte die tiefe Freundschaft zwischen Zola und Cézanne nicht vergessen. Deshalb nahm sie Kontakt mit dem Schriftsteller auf und bat ihn, sich mit ihm über seinen Roman unterhalten zu dürfen. Kurze Zeit später trafen sich die beiden in einem Café in Paris.

Orelie: Guten Tag, Herr Émile Zola, ich freue mich sehr, dass Sie zu diesem Gespräch gekommen sind. Ich möchte mit Ihnen über Ihren Roman Das Werk sprechen, und dabei vor allem die Beziehung zwischen dem Schriftsteller Pierre Sandoz und dem Maler Claude Lantier in Betracht ziehen. Die Freundschaft zwischen den beiden und ihre weitere Entwicklung soll also der Leitfaden unseres Gesprächs sein. Sandoz und Lantier, das heißt Sie und Paul Cézanne, kannten sich seit ihrer Schulzeit. Was erfährt der Leser darüber?

Émile Zola: Obwohl sie von ganz verschiedener Herkunft, ganz entgegengesetzte Naturen waren, lediglich im selben Jahr in einigen Monaten Abstand geboren, fühlten sie sich sofort einander für immerdar verbunden, zueinander hingezogen durch die noch unbestimmte Qual gemeinsamen Ehrgeizes, das Erwachen eines überlegenen Verstandes inmitten der rohen Horde abscheulicher Pennäler, von denen sie verprügelt wurden. Claude und Sandoz wurden des Wanderns nicht müde. Schon damals nahm Claude ein Skizzenbuch mit, in das er Ausschnitte des Horizonts zeichnete, während Sandoz stets das Buch eines Dichters in seiner Tasche hatte. Diese Vorliebe für große Wanderungen, dieser Heißhunger auf Bücher hatte sie davor beschützt, dass ihre Umwelt sie unweigerlich schläfrig und schlaff machte. Sie gingen niemals in ein Café, behaupteten sogar, sie würden dort umkommen wie in den Käfig gesperrte Adler, als bereits Kameraden von ihnen mit ihren Schuljungenärmeln über die kleinen Marmortische wischten und um die Zeche Karten spielten.

Emile Zola, Das Werk, Goldmann Verlag, München, S.29, 33, 35

Orelie: Wie sah es mit Frauen und Jugendliebschaften aus. Hatten solche in ihrem der Kunst geweihten Leben einen Platz?

Émile Zola: Das Weib war aus alledem verbannt, sie waren schüchtern und ungeschickt, was sie sich mit der Sittenstrenge von Lausejungen, die sich überlegen fühlten, hoch anrechneten. Claude hatte sich zwei Jahre lang vor Liebe zu einem Hutmacherlehrmädchen verzehrt, dem er jeden Abend von weitem folgte; und niemals hatte er die Kühnheit aufgebracht, das Mädchen anzusprechen. Sandoz träumte von Damen, denen man auf Reisen begegnet, von sehr schönen Mädchen, die in einem unbekannten Wald auftauchten, die sich einen ganzen Tag hingaben und sich dann wie Schatten in der Abenddämmerung verflüchtigten. Ihr einziges galantes Abenteuer belustigte sie jetzt noch, so dumm erschien es ihnen: Ständchen, die sie zwei kleinen Fräulein zu der Zeit gebracht hatten, als sie zur Kapelle des Gymnasiums gehörten.

Das Werk, 35-36

Orelie: Nachdem sie zu jungen Männern herangewachsen waren, trafen Lantier und Sandoz sich in Paris wieder. Wie gestaltete sich ihr dortiges Leben?

Émile Zola: Von Montag bis Sonnabend rackerte sich Sandoz in der Bürgermeisterei des fünften Arrondissements in einer düsteren Ecke des Standesamts ab, einzig und allein dort festgehalten durch den Gedanken an seine Mutter, die er mit seinen hundertfünfzig Francs kümmerlich ernährte. Claude war dank der tausend Francs Jahreszinsen unabhängig. Aber wie furchtbar waren die letzten Tage im Monat, besonders dann, wenn er mit seinen Freunden das letzte bisschen teilte, was er noch in seinen Taschen hatte! Zum Glück begann er kleine Gemälde zu verkaufen, für die er zehn bis zwölf Francs bekam.

Das Werk, 37

Orelie: Das hielt die beiden Freunde jedoch nicht davon ab, sich Träumereien hinzugeben, die von ihrer Kunst ausgefüllt waren. Und die beiden spornten sich in ihrem Eifer gegenseitig an. Was für ein Ziel verfolgte Pierre Sandoz bei seiner schriftstellerischen Tätigkeit?

Émile Zola: Ach, wie schön wäre es, sein ganzes Dasein an ein Werk hinzugeben, bei dem man sich Mühe geben müsste, die Dinge, die Tiere, die Menschen, die ungeheure Arche Noah hineinzubringen! Und zwar nicht nach der Vorschrift der Philosophiehandbücher, nicht nach der dummen Rangordnung, in der unser Stolz es sich wohl sein lässt, sondern im vollen Fluss des allumfassenden Lebens – eine Welt, in der wir nur eine Zufälligkeit wären, in der der Hund, der vorüberstreunt, und sogar der Stein am Wege uns vervollständigen und Aufschluss über uns geben würden.

Das Werk, 41

Orelie: Herr Zola, Sandoz’ schwärmerische Gedanken und seine Begeisterung für die Fülle des Lebens weisen schon auf Ihr Werk Les Rougon Macquart hin. Claude Lantier war mit einem großen Gemälde, dem er den Namen Im Freien gab, beschäftigt. An seinen Skizzen konnte Sandoz erkennen, dass er ein begabter Maler war. Sandoz stand ihm für die Mannesgestalt in einer Samtjacke im Vordergrund des Bildes Modell. Häufig besuchte er Claude in seinem Atelier in Paris. Wie gelangte man zu diesem?

Émile Zola: Die sehr schmale Treppe, eine frühere Dienstbotentreppe, führte über drei übermäßig hohe Stockwerke.  Dann kam wiederum eine Treppe, aber danach ganz oben ein Treppenstück aus knarrenden Holzstufen, die kein Geländer hatten, wackelig waren und steil wie die grob gehauenen Sprossen einer Müllerleiter. Oben war der Treppenabsatz klein.

Das Werk, S.8-9

Orelie: Eines Nachts kam Claude auf seinem Nachhauseweg in ein starkes Gewitter und stieß vor seiner Haustür auf eine völlig durchnässte junge Frau, die dort in einer Nische vor den grellen Blitzen, dem Donner und dem heftigen Regen einen Unterschlupf gefunden hatte. Nach langem Zögern folgte sie Claude in seine Wohnung und schlief vor Müdigkeit in seinem Bett ein. Als Claude sie am nächsten Morgen in ihrem Schlaf überraschte, hatte er nur noch einen Gedanken. Welchen?

Émile Zola: Das war’s, genau das war’s, die Gestalt, die er vergeblich für sein Gemälde gesucht hatte, und fast in der richtigen Haltung.  Flink holte Claude seinen Kasten mit den Pastellstiften und ein großes Blatt Papier. Dann hockte er sich auf die Kante eines niedrigen Stuhls, legte einen Karton auf seine Knie und fing mit tief beglückter Miene an zu zeichnen. Seine ganze Verwirrung, seine fleischliche Neugier, sein niedergekämpftes Verlangen mündeten ein in diese Bewunderung des Künstlers, in diese Begeisterung für die schönen Farbtöne und die gut aneinandergefügten Muskeln. Schon hatte er das junge Mädchen vergessen, er war hingerissen vom Schnee der Brüste, der den zarten Bernstein der Schultern aufhellte. Eine unruhige Bescheidenheit machte ihn kleiner angesichts der Natur, er zog die Ellenbogen an, er wurde wieder ein kleiner Junge, ganz artig, aufmerksam und ehrerbietig. Das dauerte ungefähr eine Viertelstunde. Mitunter hielt er inne, blinzelte mit den Augen. Aber er hatte Angst, sie könnte sich bewegen, und schnell machte er sich wieder an die Arbeit, wagte aus Furcht, sie aufzuwecken, kaum zu atmen.

Das Werk, S.13-14

Orelie: Das junge Mädchen hieß Christine und war eine Waise, die von einer Generalswitwe als Gesellschafterin angestellt worden war. Christine suchte Claude wieder auf, um sich bei ihm für seine Gastfreundschaft zu bedanken und bald darauf verbrachte sie ihre freie Zeit mit ihm zusammen. Es entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden, und Christine war bereit, Claude für die nackte Frauengestalt auf seinem Gemälde Modell zu stehen. Als er sein Bild Im Freien beendet hatte, reichte er es beim Pariser Salon ein. Aber es wurde von der Jury  abgelehnt, fand aber auf dem Salon der Zurückgewiesenen einen Platz. Claude besuchte zusammen mit Sandoz die Ausstellung. Während sie von einem Saal durch den anderen gingen, vernahmen sie plötzlich ein Gelächter. Woher kam dieses?

Émile Zola: Als er endlich in den Saal hineinkam, sah er Haufen von Menschen, eine riesige, durcheinanderwimmelnde Masse, die sich vor seinem Bild schier zerquetschte. Hier schwoll das Gelächter an und entfaltete sich. Über sein Bild also lachte man. Claude verharrte unbeweglich. Sein Herz hatte einen Augenblick ausgesetzt, so grausam war die Enttäuschung. Auf den ersten Blick sah er alle Mängel des Bildes. Mit ein paar Strichen würde er es überarbeiten, würde die Gestalten im Vordergrund etwas zurücktreten lassen, ein Glied berichtigen, den Wert eines Farbtons ändern. Sicher, der Mann in der Samtjacke war nichts wert, war zu dick aufgetragen, saß schlecht; allein die Hand war schön. Im Hintergrund die beiden kleinen Ringerinnen, die Blonde und die Braune, waren noch zu sehr Entwurf, es fehlte ihnen an Solidität, einzig und allein Künstleraugen hatten ihren Spaß daran. Aber er war zufrieden mit den Bäumen, mit der besonnten Lichtung, und die nackte Frau, die im Grase liegende Frau, schien über sein eigenes Talent hinauszugehen, als habe ein anderer sie gemalt und als habe er sie noch nicht in diesem Glanz des Lebens gekannt.

Das Werk, 124-125

Orelie: Claude erkannte also, was er an seinem Bild noch verbessern musste. Er verließ mit Sandoz und anderen Künstlerkumpeln den Salon. Das Gejohle und Gelächter hallte noch in seinen Ohren. Welchen Entschluss fasste er daraufhin?

Émile Zola: „Nun ja, was denn?” schrie er. „Das Publikum lacht, man muss das Publikum erziehen. Im Grunde ist das ein Sieg. Wir haben den Mut und die Kühnheit, wir sind die Zukunft.” Alle gerieten beim Zuhören in Erregung, verfielen bei den ungewöhnlichen Worten, mit denen er um sich warf, in eine lärmende Heiterkeit; und er selber, der wieder auf sein Bild zurückgekommen war, sprach davon mit einer ungeheuren Fröhlichkeit, karikierte die Spießer, die es betrachteten, und ahmte die dumme Tonleiter ihres Gelächters nach.

Das Werk, S.134,137

Orelie: Christine hatte ihre Stelle bei der Witwe aufgegeben und war mit Claude zusammengezogen. Nach dessen Misserfolg mit dem Bild ließen sich die beiden auf dem Land, in einer kleinen Ortschaft nieder, wo sie sich glücklich fühlten. Pierre Sandoz besuchte sie häufig. In den Gesprächen, die die beiden Freunde miteinander führten, kamen auch ihr Ehrgeiz und Eifer wieder zum Vorschein. Sandoz arbeitete mittlerweile bei einer Zeitung. Christine und Claude bekamen einen Sohn, dem sie den Namen Jacques gaben. Sandoz wurde Pate des Jungen. Doch hatte Claude immer wieder Sehnsucht nach Paris und war oft unbeherrscht. Als Jacques zwei  Jahre alt war, kehrte er mit seiner Familie nach Paris zurück. Sandoz, der geheiratet hatte, hatte nun mit seinen veröffentlichten Büchern Erfolg und war in eine vornehme Gegend in Paris gezogen. Jeden Donnerstag lud er seine Freunde zu einem Abendessen ein, bei dem viele intensive Gespräche geführt wurden. Claude war einer der Gäste, was fühlte er?

Émile Zola: Da spürte Claude deutlich, wie etwas zerbrach. Das Leben hatte also die Abende von einst bereits fortgerissen, die in all ihrem Ungestüm so brüderlich verliefen, als sie noch nichts trennte, als nicht einer von ihnen seinen Anteil vom Ruhm für sich allein haben wollte. Heute begann die Schlacht, jeder Hungerleider biss zu. Der Spalt war da, der kaum sichtbare Riss, der die alten Freundschaften, die sie sich geschworen, zerspringen ließ und sie eines Tages in tausend Stücke zersplittern musste. Aber Sandoz in seinem Ewigkeitsbedürfnis merkte immer noch nichts, sah sie Arm in Arm, ausgezogen als Eroberer. Warum das ändern, was so gut war? Bestand das Glück nicht in einer Freude, die man aus allen Freuden auserkoren hatte und dann ewiglich genoss? Und als sich die Kumpel eine Stunde später entschlossen aufzubrechen, wollte Sandoz mit seiner Frau sie trotz der kalten Nacht unbedingt bis zum Ende des Gartens ans Gittertor begleiten. Er drückte allen die Hände und rief immer wieder: „Bis Donnerstag Claude! – Bis Donnerstag, ihr alle! – He? Kommt alle!”

Das Werk, S.199-200

Orelie: Claude begann, an einem neuen großen Gemälde zu arbeiten, auf dem er die Pariser Ile de Cité im Hintergrund und in der Mitte der Komposition badende Frauen darstellen wollte. Sandoz war der erste, dem er das angefangene Bild zeigte. Herr Zola, woran war Claudes Arbeitseifer zu erkennen und wie fand Sandoz das neue Bild?

Émile Zola: Im Grunde ließ ihm das zähe Wissen um sein Genie eine unzerstörbare Hoffnung, sogar während der längsten Anfälle von Niedergeschlagenheit. Er litt wie einer, der dazu verdammt ist, ewig einen Felsblock zu wälzen, der zurückrollt und ihn zermalmt; aber die Zukunft blieb ihm, die Gewissheit, den Felsblock eines Tages mit seinen beiden Fäusten anzuheben und ihn in die Sterne zu schleudern. Man sah schließlich seine grünen Augen in Leidenschaft entbrennen, man erfuhr, dass er sich von neuem klösterlich absperrte. Er stieß mit der Stirn nun immer wieder auf dieses Sujet, die Cité. „Nanu? Was für ein Einfall!” murmelte Sandoz. „Was machen denn diese Frauen da?” „Die baden doch”, antwortete Claude ruhig. „Du siehst doch, dass sie aus dem kalten Wasser kommen, das gibt mir einen Anlass zum Akt, eine Entdeckung, was? – Stößt du dich etwa daran?” Sein alter Freund, der ihn kannte, zitterte davor, ihn in seine Zweifel zurückzuwerfen. „Ich, o nein! – Bloß ich habe Angst, dass das Publikum das auch dieses Mal wieder nicht versteht. Das ist nicht gerade sehr wahrscheinlich, diese nackte Frau mitten in Paris.” Claude in seiner Naivität war erstaunt: „Ach, glaubst du? – Na schön, da ist dem Publikum eben nicht zu helfen! Was macht das denn schon aus, wenn das Prachtweib nur gut gemalt ist! ”

Das Werk, S.237-239

Orelie: Eines Tags erfasste Claude beim Malen seines Bildes Wut, weil ihn Zweifel über sein Gelingen plagten. Er meinte, er hätte sein Bild verfehlt. Er zerfetzte die Leinwand und traf die Brust der Frau. Christine half ihm den Riss zu flicken, und Claude machte sich wieder voller Leidenschaft  an sein  Werk. Außer seiner Frau und Sandoz hatte Claude niemanden mehr, der ihm zur Seite stand. Was war aus seinen ehemaligen Freunden geworden und warum unterstützte Sandoz ihn weiterhin?

Émile Zola: Der Bruch, der sich langsam zwischen Claude und den Freunden von der alten  Schar vollzogen hatte, war spürbar geworden. Jeder von ihnen hatte seine Besuche immer kürzer und seltener werden lassen, weil ihnen unbehaglich war angesichts dieser verwirrenden Malerei, weil sie die Zerrüttung dieses bewunderten Helden ihrer Jugend immer mehr durcheinanderbrachte. Alle diese Freundschaften waren gestorben, geblieben war nur noch die zu Sandoz. Er kam immer wieder wegen des kleinen Jacques, seines Patenkindes; auch wegen dieser traurigen Frau, der Christine, deren leidenschaftliches Gesicht inmitten dieses Elends ihn tief erschütterte, wie eine jener Visionen von großen liebenden Frauen, die er gern in seine Bücher eingearbeitet hätte. Und vor allem wurde sein brüderliches Mitgefühl als Künstler noch stärker, seit er sah, dass Claude den Boden unter den Füßen verlor und versank auf den Grund des heroischen Wahnsinns der Kunst. Zunächst war er ganz erstaunt darüber gewesen, denn er hatte an seinen Freund mehr geglaubt als an sich selber; seit der Gymnasialzeit reihte er sich hinter Claude ein und stellte ihn sehr hoch, in die Reihe der Meister, die die Umwälzung einer Epoche bewirken. Dann war bei diesem Versagen eines Genies eine schmerzliche Rührung über ihn gekommen, ein bitteres und blutendes Mitleid angesichts dieser entsetzlichen Qual des Unvermögens. Wusste man denn niemals in der Kunst, wo der Wahnsinn begann?

Das Werk, S.259-261

Orelie: Aber auch Sandoz machte Claude ein Geständnis.

Émile Zola: Sieh mal, ich, den du vielleicht beneidest, Alter, ja, ich, der ich anfange, meine Schwarten herauszubringen und Geld zu machen, wie die Spießer sagen, nun ja, ich, ich sterbe daran. Ich habe es dir oft gesagt, aber du glaubst mir ja nicht, weil das Glück für dich, der du mit soviel Mühe etwas zustande bringst, der du das Publikum nicht erreichen kannst, natürlich darin bestünde, viel zustande zu bringen, gesehen, gepriesen oder verrissen zu werden. Höre, die Arbeit hat mein Dasein mit Beschlag belegt. Nach und nach hat sie mir meine Mutter, meine Frau, alles, was ich liebe, gestohlen. Das ist der in den Schädel gesetzte Keim, der das Hirn frisst, der den Rumpf, die Glieder befällt, der den ganzen Leib zernagt. Sobald ich am Morgen aus dem Bett springe, packt mich die Arbeit, nagelt mich fest an meinen Tisch, ohne dass sie mich auch nur einen Atemzug frische Luft schöpfen lässt; dann folgt sie mir zum Mittagessen, dumpf kaue ich meine Sätze zusammen mit meinem Brot; dann begleitet sie mich, wenn ich fortgehe und heimkehre, um aus meinem Teller zu Abend zu essen, legt sich auf meinem Kopfkissen schlafen, ist so unerbittlich, dass ich niemals die Macht habe, das angefangene Werk zu unterbrechen, das weiterwucherte, sogar wenn ich tief im Schlaf lag. Und wenn das Werk fertig ist, ach, wenn es fertig ist, was für eine Erleichterung! Nein, nicht dieses Behagen des feinen Herrn, der in Schwärmerei gerät bei der Vergötterung seines Sprößlings, sondern der Fluch eines Lastträgers, der die Last abwirft, die ihm das Rückgrat zerbrochen hat. Dann fängt das wieder von vorn an; dann fängt das immer wieder von vorn an; dann werde ich daran verrecken, wütend auf mich selber, außer mir, dass ich nicht mehr Talent gehabt habe, rasend darüber, dass ich kein Werk hinterlasse, das vollkommener, bedeutender ist, Bücher über Bücher, ein ganzes Gebirge; und ich werde beim Sterben den grässlichen Zweifel haben, ob ich meine Arbeit auch geschafft habe, ich werde mich fragen, ob das auch gut war, ob ich nicht hätte nach links gehen müssen, wenn ich nach rechts gegangen bin, und mein letztes Wort, mein letztes Röcheln wird den Willen ausdrücken, alles noch mal zu machen.

Das Werk, S.266, 268

Orelie: Wenig Zeit später ereignete sich etwas ungeahnt Tragisches. Jacques, der in der letzten Zeit oft krank war, lag eines Morgens tot in seinem Bett. Er war nur zwölf Jahre alt geworden. Seine Eltern waren fassungslos. Christine, die im Anblick des kleinen Leichnams zusammenbrach, machte sich bittere Vorwürfe, ihr Kind vernachlässigt zu haben. Claude ging schweigend auf und ab und dicke Tränen kullerten über seine Wangen. Dann holte er einen Pinsel und eine kleine Leinwand hervor und malte seinen toten Sohn. Fünf Stunden malte Claude an ihm. Als ihn Sandoz vom Friedhof nach Hause begleitete, zeigte er ihm das Bild. Wie fand Sandoz das Bild?

Émile Zola: Er bebte vor Mitleid und Bewunderung angesichts des kleinen Gemäldes. Das war eines der guten Stücke von einst, ein Meisterwerk an Klarheit und Kraft, dazu eine unendliche Traurigkeit, das Ende von allem, das Leben, das den Tod dieses Kindes starb. Aber Sandoz, der des Lobes voll war und kein Hehl daraus machte, war erschüttert, als er hörte, wie Claude zu ihm sagte: „Wirklich, dir gefällt das? – Also dann bringst du mich zu einem Entschluss. Da das andere Dings nicht fertig ist, werde ich das hier beim Salon einreichen!”

Das Werk, S.271-272

Orelie: Mit Hilfe eines früheren Malerkollegen, der einen Sitz in der Jury des Salons inne hatte, wurde Claudes Gemälde Das tote Kind angenommen. Aber es wurde während der Ausstellung ganz oben an die Wand gehängt, sodass es vom Publikum fast nicht gesehen werden konnte. Noch dazu gab es viele großformatige Gemälde in demselben Raum, die die Aufmerksamkeit der Besucher schon beim Eintreten auf sich zogen. Claude entdeckte sein Bild und blieb wie benommen vor ihm stehen. Mit welchen Worten konnte Sandoz ihn zum Weggehen bewegen?

Émile Zola: Komm, bleib nicht hier. Es ist längst Mittag, du kommst mit mir essen. Gehen wir ins Restaurant hinunter, das wird uns ein bisschen auffrischen, nicht wahr, Alter? Na, na! Du darfst dich nicht so beirren lassen! Wenn die auch dein Bild schlecht hingehängt haben, es ist trotzdem großartig, eine ausgezeichnete Malerei! –  Ja, ich weiß, du hattest dir was anderes erträumt. Zum Teufel, du bist ja noch nicht gestorben, das wird dann eben später sein… Und schau doch, du solltest stolz sein, denn du bist der wahre Triumphator des Salons in diesem Jahr. Alle ahmen dich jetzt nach, du hast sie umgekrempelt seit deinem Bild Im Freien, über das sie so sehr gelacht haben. Schau doch, schau doch, da ist wieder einer, der was von deinem Bild Im Freien hat, da ein anderer, und hier, und dort drüben, alle, alle. Ach, dein Anteil ist doch noch sehr schön, Alter! Die Kunst von morgen wird deine Kunst sein, du hast sie alle gemacht.

Das Werk, S.301-303

Orelie: Die beiden verließen den Saal. Aber am Ende des Tages sah Sandoz Claude erneut auf der Ausstellung, wo er sein Bild betrachtete. Wie war ihm zumute?

Émile Zola: Claude hörte nur noch das dumpfe Schlagen seines Herzens, sah nur „Das tote Kind” hoch oben, dicht an der Decke. Er ließ es nicht aus den Augen. Er stand unter diesem Bann, der ihn wider seinen Willen hier festnagelte. Speiübel vor Müdigkeit, kreiste die Menge um ihn; man trampelte ihm auf die Füße, er wurde angestoßen, mitgeschwemmt; und wie eine leblose Sache ließ er sich treiben, mitziehen, wurde wieder auf dieselbe Stelle geschoben, ohne das Haupt zu senken, ohne zu wissen, was unten vor sich ging, lebte er nur da oben bei seinem Werk, dem kleinen Jacques, der im Tod ganz aufgequollen war. Zwei dicke Tränen, die reglos zwischen Claudes Lidern hingen, hinderten ihn, klar zu sehen. Ihm war, als würde er niemals die Zeit haben, genug zu sehen. Da tat Sandoz in seinem tiefen Mitleid so, als habe er seinen alten Freund nicht bemerkt; er wollte ihn allein lassen am Grabe seines verfehlten Lebens.

Das Werk, S.313-314

Orelie: Von da an machten sich Christine und Sandoz große Sorgen um Claude, der an seinem Bild mit der nackten Frauengestalt in der Mitte der Cité weitermalte. Jeder misslungene Pinselstrich und falsche Farbton quälten ihn. Es war, als lebte er nur noch für seine Kunst. Es schien als wäre er ihr ausgeliefert. Zwar schaffte es Christine, ihn von seinem Gemälde abzulenken und eine Liebesnacht mit ihm zu verbringen. Aber am nächsten Morgen war der Platz neben ihr leer. Wo war Claude?

Émile Zola: Claude hatte sich an der großen Leiter angesichts seines mißratenen Werkes erhängt. Er hatte einfach einen der Stricke genommen, an denen das Gittergestell an der Wand hing, und er war auf den obersten Tritt gestiegen, um ihn mit einem Ende an der eichenen Querleiste zu befestigen, die er selber eines Tages angenagelt hatte, damit die Sprossen mehr Halt bekamen. Dann war er von oben ins Leere gesprungen. Im Hemd hing er dort, mit nackten Füßen, gräßlich mit seiner schwarzen Zunge und seinen aus den Höhlen getretenen blutunterlaufenen Augen, entsetzlich vergrößert in seiner reglosen Starre, das Gesicht dem Bild zugewandt, ganz nahe dem Weib mit dem wie eine mystische Rose erblühten Geschlecht, als habe er ihr mit seinem letzten Röcheln seine Seele eingehaucht und sie noch mit seinen starren Pupillen angeschaut.

Das Werk, S.361

Orelie: Christine wurde krank. Sandoz kümmerte sich um Claudes Begräbnis, zu der fünfzehn bis zwanzig Leute kamen. Ein ehemaliger Malerfreund und Sandoz kamen bei einem Gespräch überein, dass Claudes Selbstmord nicht unabhängig von seiner Epoche zu verstehen war, denn er und seine Mitstreiter wollten die Kunst erneuern und ließen sich von dem Andersartigen in ihrer Malerei durch nichts abbringen. So war es Sandoz nicht möglich gewesen, ihm die nackte Frauengestalt auf seinem Bild auszureden. Und nun frage ich Sie, was Sandoz fühlte, kurz bevor Claudes Sarg in die Grube hinabgelassen wurde?

Émile Zola: Tränen waren Sandoz in die Augen gestiegen, der bereits gerührt war von den Dingen, die da unwillkürlich über seine Lippen gekommen waren, während er hinter der Leiche seines alten Kumpels herging, als hätten sie so wie einst miteinander geplaudert und sich an ihren Worten berauscht; und nun schien es ihm, als werde hier seine eigene Jugend beerdigt: Das war ein Teil von ihm selbst, der bessere Teil, der voller Illusionen und Begeisterungsstürme, den die Totengräber jetzt forttrugen, um ihn in die Tiefe des Loches gleiten zu lassen.

Das Werk, S.371

Orelie dankte Émile Zola für dieses Gespräch und verließ stark beeindruckt das Café.

Cézannes Antwort

Orelie war nicht begreifbar, warum Émile Zola in seinem Roman seinen Freund Cézanne Selbstmord begehen ließ. Er war es doch gewesen, der dem an sich zweifelnden und unentschlossenen Cézanne immer wieder Mut machte, seine Malerei nicht aufzugeben. Ihre Kunst war ihnen zum Lebensinhalt geworden und jeder der beiden war von dem anderen überzeugt, dass er es schaffen und Erfolg haben würde. Zwar war Zola schneller als sein Freund berühmt geworden. Doch hatte Zola seinen nicht so erfolgreichen Freund viele Jahre lang finanziell unterstützt und in seinem Schaffensdrang bestärkt. Bei Zola hatte Cézanne immer wieder den nötigen Halt für seine Malerei gefunden. Deshalb hatte Orelie den starken Wunsch, herauszubekommen, was Cézanne über Zolas Roman dachte. Bei ihm in Aix erfuhr sie es.

Orelie: Guten Tag, Herr Paul Cézanne, ich freue mich, dass ich mit Ihnen über Zolas Roman Das Werk sprechen kann. Émile Zola sandte Ihnen im Frühjahr 1886 seinen Roman, wie er es schon mit anderen Bänden seines Romanzyklus’ Les Rougon-Macquart getan hatte. Was können Sie zu dem Buch sagen?  

Paul Cézanne: L’Œuvre. Es war ein Schlag für mich, ich sah nun, wie er im Innersten über uns dachte. Kurz und gut: Es ist ein sehr schlechtes und vollkommen falsches Buch.

Gespräche mit Cézanne, Diogenes Verlag, Zürich, 1982, S.77-78

Orélie: Wie erklären Sie sich das Entstehen dieses Buchs?

Paul Cézanne:  Er sah nur sich. So kam es, dass sein Roman L’Œuvre, in dem er mich zu schildern behauptet hat, nur eine unerhörte Entstellung und ganz und gar eine Lüge zu seinem Ruhm ist.  

Gespräche mit Cézanne, S.77

Orélie: In einem Gespräch mit dem Kunsthändler Ambroise Vollard sprach Zola auch von Ihnen. Er sagte: „Cézanne! Das herrliche Leben in Freundschaft mit ihm in Aix und Paris! Wie konnten wir uns für alles begeistern! Ach, warum hat mein Freund nicht das Werk vollbracht, das ich von ihm erwartete? Wie oft habe ich zu ihm gesagt: „Du hast das Genie eines großen Malers, hab’ doch den Mut, es zu werden.” Aber leider wollte er auf keinen Rat hören.” Was wollen Sie hierauf antworten?

Ambroise Vollard, Erinnerungen eines Kunsthändlers, Diogenes Verlag, Zürich, 1980, S.247

Paul Cézanne: Als ich nach Paris kam, um Saint-Sulpice-Bildchen zu machen – meine damalige Naivität ließ mich kein höheres Ziel erstreben, auch war ich sehr fromm auferzogen worden -, traf ich Zola dort wieder. Er war mein Schulkamerad gewesen, wir hatten zusammen am Ufer des Arc gespielt, und er machte Verse. Ich tat das auch, und zwar in lateinischer und französischer Sprache. Im Latein war ich ihm überlegen. Ich hatte in dieser Sprache ein ganzes Stück verfasst. Also, wie ich nach Paris kam, stellte mich Zola, der sein Werk La confession de Claude mir gewidmet hatte, Manet vor. Ich war sehr entzückt von diesem Maler und der guten Aufnahme, die ich bei ihm fand, aber meine angeborene Schüchternheit hinderte mich daran, ihn öfters zu besuchen. Zola selbst wurde unerträglich, je berühmter er wurde, und es schien mir, er empfange mich nur noch aus gnädiger Höflichkeit. Das ging so weit, dass ich die Lust verlor, ihn zu sehen. Ich besuchte ihn lange Jahre nicht mehr.

Gespräche mit Cézanne, S.77

Orelie: Wir wissen, dass  Zola Ihnen vorwarf, leicht in Unmut zu geraten und angefangene Bilder zu zerstören. Was wollen Sie hierzu sagen?

Paul Cézanne: Zum Teufel! Wenn man ein Bild verpatzt hat, schmeißt man es ins Feuer und fängt ein neues an.

Erinnerungen eines Kunsthändlers, S.283

Orélie: Am 4. April 1886 antworteten Sie Émile Zola auf seinen Roman. Es war Ihr letzter Brief an ihn. Was schrieben Sie ihm?

Paul Cézanne: Mein lieber Émile! Ich erhielt soeben L’Œuvre, das Du mir freundlicherweise gesandt hast. Ich danke dem Autor der Rougon-Macquart für diesen gütigen Beweis seines Gedenkens und bitte ihn, mir zu gestatten, ihm in Erinnerung an die vergangenen Jahre die Hand zu drücken. Ganz der Deine unter dem Impuls der verflossenen Zeiten.

Briefe,  S.210

Orelie bedankte sich bei Paul Cézanne für seine Auskunft und nahm Abschied von ihm. Doch in ihren Gedanken war sie oftmals bei dem Maler und dem Schriftsteller und zollte ihnen dabei ihre Hochachtung. Wenn sie sich mit ihnen beschäftigte, hegte sie die große Hoffnung, dass die beiden sich in ihrem Leben nie wirklich voneinander getrennt hatten.