{"id":907,"date":"2020-06-17T14:07:20","date_gmt":"2020-06-17T13:07:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=907"},"modified":"2024-11-02T19:09:03","modified_gmt":"2024-11-02T18:09:03","slug":"interview-camus-der-kunstler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=907","title":{"rendered":"Interview: Albert Camus &#8211; Der K\u00fcnstler"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Mer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Mer.jpg\" alt=\"Mer\" width=\"800\" height=\"100\" class=\"aligncenter size-full wp-image-920\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Mer.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Mer-300x38.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Albert Camus, seien Sie herzlich willkommen zu diesem Gespr\u00e4ch, f\u00fcr das ich als Thema  <i>Der K\u00fcnstler<\/i> gew\u00e4hlt habe. Und so frage ich Sie, worin besteht die Aufgabe f\u00fcr diesen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Der K\u00fcnstler l\u00e4uft Gefahr, wirklichkeitsfremd zu sein, wenn er in seinem Elfenbeinturm verharrt, oder unfruchtbar, wenn er unaufh\u00f6rlich in der politischen Arena herumgaloppiert. Zwischen diesen beiden Haltungen liegen indessen die m\u00fchevollen Wege der wahrhaften Kunst. Mir scheint, der Schriftsteller m\u00fcsse mit den Trag\u00f6dien seiner Zeit vertraut sein und jedesmal Partei ergreifen, wenn er es kann und versteht. Er muss aber auch von Zeit zu Zeit einen gewissen Abstand zu unserer Geschichte bewahren oder schaffen. Jedes Werk setzt einen Inhalt an Wirklichkeit voraus und einen Sch\u00f6pfer, der die Form gestaltet. So muss der K\u00fcnstler, wenn er das Ungl\u00fcck seiner Zeit teilen soll, sich auch davon losrei\u00dfen, um es zu betrachten und zu gestalten. Dieses st\u00e4ndige Hin und Her, diese Spannung, die in Tat und Wahrheit je l\u00e4nger, desto gef\u00e4hrlicher wird &#8211; darin besteht die Aufgabe des K\u00fcnstlers von heute.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der K\u00fcnstler und seine Zeit, in: Fragen der Zeit<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 1997, S.215-216<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was kann ihm bei diesem Auftrag helfen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> In diesem zerm\u00fcrbenden Abenteuer muss der K\u00fcnstler unweigerlich bei den anderen Hilfe suchen, und wie die anderen wird er das Vergn\u00fcgen, das Vergessen, aber auch die Freundschaft und die Bewunderung zu Hilfe ziehen. Und wie die anderen sucht er Zuflucht in der Hoffnung.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der K\u00fcnstler und seine Zeit<\/i>, S.216<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Welches Ziel sollte der K\u00fcnstler hierbei verfolgen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Das Ziel der Kunst, das Ziel eines Lebens kann nur darin bestehen, die Summe von Freiheit und Verantwortung, die in jedem Menschen und in der Welt liegt, zu vergr\u00f6\u00dfern. Es kann unter keinen Umst\u00e4nden darin bestehen, diese Freiheit selbst vor\u00fcbergehend zu vermindern oder aufzuheben. Es gibt Werke, die den Menschen beugen und ihn zu irgendwelchen \u00e4u\u00dferlichen Richtlinien bekehren wollen. Andere wieder wollen ihn dem Schlimmsten in ihm, dem Terror und dem Hass, dienstbar machen. F\u00fcr mich sind diese Werke wertlos.<\/h3>\n<p><i>Der K\u00fcnstler und seine Zeit<\/i>, S.218 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> So messen Sie der Freiheit den h\u00f6chsten Wert bei?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Die Freiheit ist der Weg, der einzige Weg zur Vervollkommnung. Ich habe fr\u00fcher schon gesagt, dass keines der \u00dcbel, die der Totalitarismus zu beheben behauptet, schlimmer ist als der Totalitarismus selber. Ich habe meine Meinung nicht ge\u00e4ndert. Die Freiheit erscheint mir schlie\u00dflich f\u00fcr die Gesellschaft wie f\u00fcr das Individuum, f\u00fcr die Arbeit wie f\u00fcr die Kultur, als das h\u00f6chste Gut, ohne das kein anderes bestehen kann.<\/h3>\n<p><i>Der K\u00fcnstler und seine Zeit<\/i>, S.223<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> K\u00f6nnen Sie dieses Engagement f\u00fcr die Freiheit genauer beschreiben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Welches auch unsere pers\u00f6nlichen Unzug\u00e4nglichkeiten sein m\u00f6gen, der Adel unseres Berufs wird stets in zwei schwer zu haltenden Verpflichtungen wurzeln: der Weigerung, wider besseres Wissen zu l\u00fcgen, und dem Widerstand gegen die Unterdr\u00fcckung.<\/h3>\n<p><i>Der K\u00fcnstler und seine Zeit<\/i>, S.226<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was bedeuten diese Forderungen f\u00fcr die Kunst und den Menschen, der sie schafft?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> In gewissem Sinn ist die Kunst eine Auflehnung gegen das Fl\u00fcchtige und Unvollendete der Welt: der K\u00fcnstler will also nichts anderes, als der Wirklichkeit eine ver\u00e4nderte Gestalt geben, w\u00e4hrend er gleichzeitig gezwungen ist, diese Wirklichkeit beizubehalten, weil sie die Quelle seines Empfindens darstellt.<\/h3>\n<p><i>Der K\u00fcnstler und seine Zeit<\/i>, S.242-243 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Kommen wir nochmals auf die Freiheit zur\u00fcck, die wie Sie geschrieben haben mit Risiko, M\u00fche, Widerstand verbunden ist. Was k\u00f6nnen die K\u00fcnstler hierbei ernten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Es geht um das Wissen, dass wir ohne die Freiheit nichts zustande bringen und gleichzeitig die zuk\u00fcnftige Gerechtigkeit und die ehemalige Sch\u00f6nheit verlieren werden. Einzig die Freiheit erl\u00f6st die Menschen aus der Vereinzelung; die Knechtschaft dagegen herrscht \u00fcber eine Unzahl von Einsamkeiten. Wie sollte man sich wundern, dass die Feiheit von allen Bedr\u00fcckern als der erkl\u00e4rte Feind angesehen wird? Wie sollte man sich wundern, dass die K\u00fcnstler und Geistesarbeiter die ersten Opfer der modernen Tyranneien geworden sind? Wie immer die Werke der Zukunft beschaffen sein m\u00f6gen, sie werden alle das gleiche, aus Mut und Freiheit bestehende, von der K\u00fchnheit Tausender von K\u00fcnstlern aller Jahrhunderte und aller V\u00f6lker gen\u00e4hrte Geheimnis bergen. Gerade so wenig wie der freie Mensch ist der freie K\u00fcnstler ein Mensch der Bequemlichkeit. Der freie K\u00fcnstler ist der Mensch, der m\u00fchselig seine Ordnung selber schafft. Je wirrer das ist, was er ordnen muss, desto strenger wird seine Regel sein und desto nachdr\u00fccklicher die Bekr\u00e4ftigung seiner Freiheit.<\/h3>\n<p><i>Der K\u00fcnstler und seine Zeit<\/i>, S.247,248,246<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Am 10. Dezember 1957 erhielten Sie den Nobelpreis f\u00fcr Literatur und in Ihrer Dankesrede r\u00e4umten Sie der Freiheit und der Wahrheit einen gro\u00dfen Platz ein. M\u00f6chten Sie etwas aus Ihrer in Stockholm gehaltenen Rede zitieren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Angesichts einer von Aufl\u00f6sung bedrohten Welt, in der unsere Gro\u00dfinquisitoren Gefahr laufen, auf immer das Reich des Todes aufzurichten, ist jede Generation sich bewusst, dass sie in einer Art gehetztem Wettlauf mit der Zeit einen nicht in Knechtschaft gr\u00fcndenden Frieden unter den V\u00f6lkern wiederherstellen, Arbeit und Kultur wieder vers\u00f6hnen und im Verein mit allen Menschen einen neuen  Bund schaffen sollte. Es ist nicht sicher, ob sie diese gewaltige Aufgabe jemals wird erf\u00fcllen k\u00f6nnen; sicher ist jedoch, dass sie \u00fcberall in der Welt bereits den zwiefachen Einsatz auf Wahrheit und Freiheit gewagt hat und gegebenenfalls ohne Hass dazu zu sterben wei\u00df. Dieser Generation, wo immer sie sich befindet, und vor allem dort, wo sie sich zum Opfer bringt, geb\u00fchrt Gru\u00df und Zuspruch. Auf sie m\u00f6chte ich jedenfalls, Ihres tiefinneren Einverst\u00e4ndnisses gewiss, die Ehre \u00fcbertragen, die Sie mir heute zuteil werden lassen.<\/h3>\n<p><i>Der K\u00fcnstler und seine Zeit<\/i>, S.227-228<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Albert Camus, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-907 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='907' data-nonce='56aeb2f20f' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-907 lc'>+36<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-907 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Albert Camus, seien Sie herzlich willkommen zu diesem Gespr\u00e4ch, f\u00fcr das ich als Thema Der K\u00fcnstler gew\u00e4hlt habe. 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