{"id":9,"date":"2013-07-29T00:11:11","date_gmt":"2013-07-28T23:11:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=9"},"modified":"2024-11-02T20:36:42","modified_gmt":"2024-11-02T19:36:42","slug":"interview-rahnercamus-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=9","title":{"rendered":"Interview: Albert Camus~Karl Rahner &#8211; Das B\u00f6se"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/leid.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-26\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/leid.jpg\" alt=\"leid\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/leid.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/leid-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen, Herr Albert Camus und Herr Karl Rahner, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. Herr Camus, in Ihren Werken taucht h\u00e4ufig das Wort <i>Wahrheit<\/i> auf, die dem Menschen sein Dasein in dieser Welt bewusst werden l\u00e4sst, und die in Ihrem Roman <i>Der Fall<\/i> ein Schrei bleibt, der ihn sein Leben lang verfolgt. K\u00f6nnen Sie die Stelle dieser Bewusstwerdung in Ihrem Roman zitieren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Da merkte ich &#8211; ohne mich aufzulehnen, wie man sich mit einem Gedanken abfindet, dessen Wahrheit man seit langem erkannt hat -, dass jener Schrei, der Jahre zuvor in meinem R\u00fccken auf der Seine ert\u00f6nte, aus dem Fluss in den \u00c4rmelkanal getrieben war und nicht aufgeh\u00f6rt hatte, \u00fcber die unermessliche Weite der Meere hinweg durch die Welt zu geistern, dass er auf mich gewartet hatte bis zum Tag, da ich ihm wieder begegnen w\u00fcrde.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Fall<\/i>, Rowohlt Verlag, Sonderausgabe Januar 2010, S.126<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> In diesem Roman bemerkte Jean-Baptiste Clamence, der Ich-Erz\u00e4hler, eines Nachts auf dem pont Royal eine Frau, die er nicht vor dem Selbstmord bewahrt, und so vernahm er das Aufklatschen ihres K\u00f6rpers auf das Wasser der Seine und danach mehrmals einen Schrei, dem er von da an nicht mehr entgehen kann. Dieser Schrei ist zugleich ein Sinnbild f\u00fcr das Bittere des menschlichen Daseins, wie das Leid, die Trauer und den Tod. Was k\u00f6nnen Sie, der Theologe Karl Rahner hierzu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Oh, der Mensch kann hingehen, wohin er will, kann Ausweichlager seines Gl\u00fcckes schaffen, wo er will, kann sich in die ganze Welt zerstreuen. Pl\u00f6tzlich merkt er wieder, dass er nur hastig im Kerker seines Lebens herumlief, dass er aus einem Loch seines versch\u00fctteten Kellers ins andere kroch und dass sich dabei alles in der einen Gefangenschaft abspielte, dass er verhaftet bleibt, verhaftet bleibt in und an die Endlichkeit, an die Vergeblichkeit, an den Alltag, an die Entt\u00e4uschung, an das Gerede, an die Erb\u00e4rmlichkeit, an die hoffnungslosen Versuche, die wir das menschliche Leben nennen.<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Von der Not und dem Segen des Gebetes<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1977, S.14-15<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie, Herr Albert Camus lehnen sich gegen die Lebensbedingungen des Menschen und die ganze Sch\u00f6pfung auf, was Sie in Ihrem Werk <i>Der Mensch in der Revolte<\/i> in dem Kapitel <i>Die metaphysische Revolte<\/i> deutlich zum Ausdruck bringen. K\u00f6nnen Sie diese Art von Revolte beschreiben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Die metaphysische Revolte ist die Bewegung, mit der ein Mensch sich gegen seine Lebensbedingung und die ganze Sch\u00f6pfung auflehnt. Der metaphysisch Revoltierende erhebt sich in einer zertr\u00fcmmerten Welt, um ihre Einheit zu fordern. Er stellt das Prinzip der Gerechtigkeit, die in ihm ist, dem Prinzip der Ungerechtigkeit gegen\u00fcber, das er in der Welt wirken sieht. Indem sie protestiert gegen das, was der Tod an Unvollendetem und das B\u00f6se an Zerrissenem ins Dasein bringen, ist die Revolte die begr\u00fcndete Forderung einer gl\u00fccklichen Einheit gegen das Leid des Lebens und des Sterbens. Wenn die allgemein gewordene Todesstrafe die Lebenslage der Menschen bestimmt, so ist die Revolte in einem Sinn ihre Zeitgenossin. Zu gleicher Zeit, da der Revoltierende sich gegen seine Sterblichkeit verwahrt, weigert er sich, die Macht anzuerkennen, die ihn darin leben l\u00e4sst. Wer metaphysisch revoltiert, ist also nicht unweigerlich ein Gottesleugner, wie man glauben k\u00f6nnte, aber er ist notwendigerweise ein Gottesl\u00e4sterer. Nur l\u00e4stert er zuerst im Namen der Ordnung, indem er in Gott den Vater des Todes und den gr\u00f6\u00dften Skandal aufdeckt.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2006, S.35-36<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Das sind harte Vorw\u00fcrfe, die Gott gemacht werden. Was haben Sie, Pater Rahner, darauf zu antworten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Hat Gott zu beweisen, dass Er gut und heilig ist, oder nicht vielmehr ihr, dass ihr auch liebet ohne Lohn und ohne Lebensversicherung? Woher wisst ihr, dass alle Sterne erl\u00f6schen, wenn es nach eurem Eindruck bei euch finster wird? Woher wisst ihr, dass Ihr ins Bodenlose fallet, wenn ihr nicht mehr wisset, woran ihr euch halten sollt? Woher wisst ihr, dass Er nicht ist, wenn ihr Ihn nicht mehr greifen und begreifen k\u00f6nnt?<\/h3>\n<p><i>Von der Not und dem Segen des Gebetes<\/i>, S.71-72<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und was k\u00f6nnen Sie zu dem B\u00f6sen in der Welt sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner<\/span>: Wenn Sie mich fragen: \u201eWarum l\u00e4sst Gott so viel B\u00f6ses in der Welt zu?\u201d Dann muss ich gestehen: Ich wei\u00df es nicht. Ich wei\u00df nur, dass es einen unendlich guten und heiligen Gott gibt. Aber wie die Tatsache des B\u00f6sen in der Welt, wie Auschwitz und andere Dinge damit vereinbar sind, wei\u00df ich nicht. Eines aber wei\u00df ich: Wenn Sie aus Protest gegen das B\u00f6se in der Welt Gott aus Ihrem Leben streichen wollen, wird die Geschichte noch viel schlimmer, denn dann haben Sie eine abgr\u00fcndig b\u00f6se und absurde Welt und sonst nichts. Wenn Sie das im Namen der Liebe zu anderen wirklich verantworten k\u00f6nnen &#8211; gut, aber ich glaube nicht, dass man das kann.<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Glaube in winterlicher Zeit<\/i>, Patmos Verlag, D\u00fcsseldorf, 1986, S.146-147<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen beiden f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-9 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='9' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-9 lc'>+126<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-9 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Ich danke Ihnen, Herr Albert Camus und Herr Karl Rahner, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. 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