{"id":82,"date":"2013-09-05T15:01:16","date_gmt":"2013-09-05T14:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=82"},"modified":"2024-11-02T20:34:08","modified_gmt":"2024-11-02T19:34:08","slug":"interview-abbe-pierrecamus-die-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=82","title":{"rendered":"Interview: Abb\u00e9 Pierre~Albert Camus &#8211; Die Liebe"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/liebe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-87\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/liebe.jpg\" alt=\"liebe\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/liebe.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/liebe-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich begr\u00fc\u00dfe Herrn Abb\u00e9 Pierre und Herrn Albert Camus, zwei Menschen, die der Liebe eine gro\u00dfe Bedeutung beimessen. Was kommt Ihnen, Herr Camus, dabei als erstes in den Sinn?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus: <\/span>Denn schon nach wenigen Schritten \u00fcberw\u00e4ltigt uns der Duft der Wermutb\u00fcsche. Ihre graue Wolle bedeckt die Ruinen, so weit das Auge reicht. Ihr Saft g\u00e4rt in der Hitze und verbreitet \u00fcber das ganze Land einen Duft\u00e4ther, der zur Sonne steigt und den Himmel schwanken macht. Wir gehen der Liebe und der Lust entgegen. Wir suchen weder Belehrung noch die bittere Weisheit der Gr\u00f6\u00dfe. Sonne, K\u00fcsse und erregende D\u00fcfte \u2013 alles \u00dcbrige kommt uns nichtssagend vor. Ich m\u00f6chte hier nicht allein sein. Oft bin ich hierhergekommen mit denen, die ich liebte, und habe auf ihren Gesichtern das leuchtende L\u00e4cheln der Liebe gelesen.<\/h3>\n<p><i>Hochzeit des Lichts<\/i>, Arche Literatur Verlag, Hamburg-Z\u00fcrich, 2010, S.10-11<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> So f\u00fchrt die Liebe Sie zum Mittelpunkt Ihres eigenen Lebens.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Ich liebe dieses Leben von ganzem Herzen und will frei von ihm reden: Ich danke ihm den Stolz, ein Mensch zu sein. Und doch hat man mich oft genug gefragt, worauf ich denn so stolz sei. Worauf? Auf diese Sonne und dieses Meer, auf mein von Jugend \u00fcberstr\u00f6mendes Herz, auf meinen salzigen Leib und diese unermessliche Pracht aus Glanz und Gl\u00fcck, aus Gelb und Blau. Ich muss all meine Kr\u00e4fte aufbieten, um dieser F\u00fclle standzuhalten. Alles hier l\u00e4sst mich gelten, wie ich bin; ich gebe nichts von mir auf und brauche keine Maske: Es gen\u00fcgt mir, dass ich, geduldig wie eine schwierige Wissenschaft, die so viel wichtiger ist als all die Lebenskunst der andern, lerne: zu leben.<\/h3>\n<p><i>Hochzeit des Lichts<\/i>, S.14-15<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die Kunst, zu leben und deshalb zu lieben, ist f\u00fcr Sie so schwierig, weil Sie das Dasein in der Welt als absurd begreifen. Was k\u00f6nnen Sie, Abb\u00e9 Pierre, hierzu sagen.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Abb\u00e9 Pierre:<\/span> Trotz der ganzen Absurdit\u00e4t sp\u00fcre ich eine innere Gewissheit, die mich im K\u00f6rper festh\u00e4lt, seitdem ich als junger Kapuzinerm\u00f6nch Gott im Gebet begegnet bin. Obwohl ich zittere und mein Verstand sich entr\u00fcstet, antworte ich aus einer tiefen \u00dcberzeugung des Herzens und des Glaubens heraus: \u201eUnsere Aufgabe besteht darin, lieben zu lernen.\u201d<\/h3>\n<p>Abb\u00e9 Pierre, <i>Mein Gott, warum?<\/i>, dtv, M\u00fcnchen, 2007, S.19<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> K\u00f6nnen Sie uns erkl\u00e4ren, was unter einer solchen Aufgabe zu verstehen ist?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Abb\u00e9 Pierre:<\/span> Zu lieben bedeutet, dass ich gl\u00fccklich bin, wenn du, der andere, gl\u00fccklich bist. Und wenn du, der andere, traurig bist und leidest, so leide auch ich. Es ist tats\u00e4chlich so einfach. Daher sage ich: \u201eWir bekommen im Leben die Zeit und die Freiheit geschenkt, um lieben zu lernen, und zwar aus der inneren Gewissheit heraus, dass wir gegen das Schlechte k\u00e4mpfen m\u00fcssen.\u201d<\/h3>\n<p><i>Mein Gott, warum?<\/i>, S.19-20<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Diese Liebe haben Sie ganz konkret gelebt und sie verwehrte Ihnen eine dauerhafte Beziehung mit einer Frau.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Abb\u00e9 Pierre<\/span>: Da mein Leben als M\u00f6nch vollkommen durch die Unterst\u00fctzung der Mittellosen in Anspruch genommen wurde, war eine Liebesbeziehung nun einmal ausgeschlossen. Das Verlangen darf sich nicht verwurzeln. Ich bezeichnete diesen Zustand als freiwillige Unfreiheit. Das minderte allerdings keineswegs die Kraft des Verlangens, und es kam vor, dass ich ihm vor\u00fcbergehend nachgegeben habe. Aber ich hatte nie eine richtige Beziehung, da ich nicht zulie\u00df, dass sich das sexuelle Verlangen in mir verwurzelte. Dies h\u00e4tte zu einer dauerhaften Beziehung mit einer Frau gef\u00fchrt, was jedoch nicht mit meiner Lebensentscheidung vereinbar gewesen w\u00e4re.<\/h3>\n<p><i>Mein Gott, warum?<\/i>, S.32<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie stehen Sie zum Z\u00f6libat und der Heirat von Priestern?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Abb\u00e9 Pierre:<\/span> Ich pers\u00f6nlich h\u00e4tte niemals tun k\u00f6nnen, was ich getan habe, wenn ich verheiratet gewesen w\u00e4re oder mich auf eine dauerhafte Liebesbeziehung eingelassen h\u00e4tte. Meine Berufung erforderte eine st\u00e4ndige Verf\u00fcgbarkeit. Aber ich bin davon \u00fcberzeugt, dass es in der Kirche sowohl verheiratete Priester geben sollte als auch solche, die z\u00f6libat\u00e4r leben.<\/h3>\n<p><i>Mein Gott, warum?<\/i>, S.36<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Kommen wir wieder zu Ihnen, Herr Camus und so frage ich auch Sie nach dem Sinn der Liebe in der absurden Welt.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Die Liebe in der absurden Welt erneuern hei\u00dft eigentlich, das brennendste und verg\u00e4nglichste der menschlichen Gef\u00fchle erneuern. Aber \u00fcber die dauerhafte Liebe auf dieser Erde und die der Dauer entbehrende kann kein Werturteil gef\u00e4llt werden. Eine treue Liebe &#8211; sofern sie nicht verarmt &#8211; bietet dem Menschen ein Mittel, das Beste seiner selbst so weitgehend wie m\u00f6glich zu bewahren. Dadurch erh\u00e4lt die Treue einen neuen Wert. Aber diese Liebe steht au\u00dferhalb des Ewigen. Sie ist ein durchaus menschliches Gef\u00fchl, mit allem, was dieser Ausdruck an Beschr\u00e4nkung und \u00dcberschwang in sich birgt. Deshalb verwirklicht der Mensch sich nur in der Liebe, weil sie ihm blitzartig das Bild seiner zukunftslosen Lage vor Augen f\u00fchrt.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Tageb\u00fccher 1935 \u2013 1951<\/i>, Rowohlt Verlag, Juli 1997, S.254<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Auch ist die Liebe f\u00fcr Sie eng mit einer Landschaft oder Stadt, wie zum Beispiel Fiesole in der Toscana verbunden. Entspringt nicht aus einem solchen Dazugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl heraus Ihre Liebe?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Millionen Augenpaare haben diese Landschaft betrachtet, und mir kommt sie vor wie das erste L\u00e4cheln der Welt. Sie bringt mich im tieferen Sinne des Wortes au\u00dfer mich. Sie versichert mir, dass au\u00dferhalb meiner Liebe alles nutzlos ist und dass sogar meine Liebe f\u00fcr mich keinen Wert besitzt, wenn sie nicht unschuldig und gegenstandslos ist.<\/h3>\n<p><i>Tageb\u00fccher 1935 \u2013 1951<\/i>, S.58<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span>Ich danke Ihnen beiden f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-82 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='82' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-82 lc'>+122<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-82 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Ich begr\u00fc\u00dfe Herrn Abb\u00e9 Pierre und Herrn Albert Camus, zwei Menschen, die der Liebe eine gro\u00dfe Bedeutung beimessen. 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