{"id":796,"date":"2014-12-01T15:24:38","date_gmt":"2014-12-01T14:24:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=796"},"modified":"2024-11-02T19:15:23","modified_gmt":"2024-11-02T18:15:23","slug":"interview-adenauer-die-nato","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=796","title":{"rendered":"Interview: Konrad Adenauer &#8211; Die NATO"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Traube.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Traube.jpg\" alt=\"Traube\" width=\"600\" height=\"75\" class=\"aligncenter size-full wp-image-807\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Traube.jpg 600w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Traube-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Konrad Adenauer, ich hei\u00dfe Sie herzlich willkommen zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber einige Ihrer Erfahrungen die NATO betreffend sprechen wollen. Die NATO wurde 1949 gegr\u00fcndet und die BRD trat ihr 1955 bei. Sie waren zu der Zeit der deutsche Bundeskanzler, und die NATO war f\u00fcr Sie das Sicherheitssystem des Westens. K\u00f6nnen Sie das genauer erkl\u00e4ren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer:<\/span> Mit den Westvertr\u00e4gen waren wir gleichberechtigte, handlungsf\u00e4hige, selbstverantwortliche Verb\u00fcndete der freien Welt geworden. Allen Verwirrungen, Verzerrungen und Verlockungen durch das \u00f6stliche Lager zum Trotz sahen wir in diesen Vertr\u00e4gen den Ausdruck unserer Zugeh\u00f6rigkeit zur freien Welt der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit und des sozialen Fortschritts. Wenn es bisher noch nicht gelungen war, vielleicht auch f\u00fcrs erste nicht gelingen konnte, die Sowjetunion von der Chance, die in den westlichen Vertr\u00e4gen auch f\u00fcr sie lag, zu \u00fcberzeugen, so blieb dies eine Aufgabe der Zukunft. Wir mussten der Sowjetunion immer wieder dartun und beweisen, dass unser Programm der Vertragstreue zum Westen, der europ\u00e4ischen Integration, des Willens zur Verteidigung unserer Freiheit, der Teilnahme an einem Sicherheitssystem auf der Grundlage allgemeiner Abr\u00fcstung keine Bedrohung des russischen Volkes, sondern einen wirklichen Beitrag zur Entspannung bedeutete. Die Mitarbeit Deutschlands innerhalb der NATO, die Partnerschaft der Bundesrepublik mit dem freien Westen, die Schaffung eines vereinigten Europas auf dem Wege der Integration waren fundamentale Elemente der deutschen Au\u00dfenpolitik.<\/h3>\n<p>Konrad Adenauer, <i>Erinnerungen 1955-1959<\/i>, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1967, S.61-62<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was hatten Sie zehn Jahre nach dem Gr\u00fcndungsdatum der NATO hinsichtlich des Westb\u00fcndnisses zu sagen?<\/p>\n<h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer:<\/span> Nach meiner Meinung machten sich doch bei der NATO ganz allgemein Erm\u00fcdungserscheinungen bemerkbar. Es sei naturgem\u00e4\u00df schwer, ein Defensivb\u00fcndnis in v\u00f6lliger Frische zehn Jahre am Leben zu erhalten und auch den Entwicklungen anzupassen. Ich hielte es f\u00fcr gut, wenn de Gaulle jetzt Vorschl\u00e4ge machen w\u00fcrde, wie man die NATO gestalten solle. Ich sei der Auffassung und zutiefst davon \u00fcberzeugt, dass eine nationale Verteidigung nicht mehr m\u00f6glich sei gegen\u00fcber der Sowjetunion, auch nicht eine Verteidigung durch die europ\u00e4ischen L\u00e4nder allein ohne die Vereinigten Staaten.<\/h3>\n<p>Konrad Adenauer, <i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1978, S.19<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was antwortete Charles de Gaulle auf Ihre Vorschl\u00e4ge?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer:<\/span> Die Integration bedeute heute das rein amerikanische Kommando. Das habe zwei Nachteile. Erstens gebe man den Vereinigten Staaten alle Rechte f\u00fcr die Verteidigung Europas in die Hand, und dabei sei man nicht einmal sicher, ob Amerika Europa sofort verteidigen wolle. Der zweite Nachteil der Integration, wie sie jetzt praktiziert werde, liege darin, dass die V\u00f6lker sich an der Landesverteidigung desinteressierten, weil sie gar nicht daf\u00fcr verantwortlich seien.<\/h3>\n<p><i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, S.63-64 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und wie beurteilten Sie die NATO zu Beginn der sechziger Jahre?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\"> Konrad Adenauer:<\/span> Ich pflichtete de Gaulle vollkommen darin bei, dass Europa nicht in eine ausschlie\u00dfliche Abh\u00e4ngigkeit von Amerika geraten d\u00fcrfe. Man m\u00fcsse bei der Arbeit, die man in Angriff nehmen wolle, immer darauf achten, dass Amerika voll erkenne: Ein starkes Europa k\u00f6nne f\u00fcr Amerika nur gut sein.<\/h3>\n<p><i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, S.65<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was waren die Beweggr\u00fcnde die de Gaulle gegen die Integration der NATO anf\u00fchrte?<\/p>\n<h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer<\/span> De Gaulle wiederholte seine \u00dcberzeugung, dass die Integration allm\u00e4hlich und eventuell ziemlich rasch zwar nicht zur Abr\u00fcstung, wohl aber zur Schw\u00e4chung f\u00fchre. Wenn das franz\u00f6sische Volk sehe und wisse, dass seine Streitkr\u00e4fte in die Verf\u00fcgungsgewalt eines anderen gegeben seien, werde man die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche haben, erforderliche Ausgaben und Einsparungen beim franz\u00f6sischen Volk durchzusetzen. Das aber w\u00e4re eine schlechte Politik, schlecht auch im Hinblick auf das atlantische B\u00fcndnis. Deutschland habe nicht dieselben Beweggr\u00fcnde wie Frankreich, denn es befinde sich nicht in derselben Lage, weder geographisch noch strategisch noch politisch.<\/h3>\n<p><i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, S.230<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was versuchten Sie de Gaulle von Ihrem Standpunkt aus klarzumachen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer<\/span> Ich erwiderte, ich verst\u00fcnde fast alle Beweggr\u00fcnde des Generals. Ich m\u00fcsse jedoch eindeutig darauf hinweisen, dass jedes Auseinanderr\u00fccken in der NATO Chruschtschow st\u00e4rke. Ich predigte meinen Leuten immer wieder, jede au\u00dfenpolitische Handlung m\u00fcsse in erster Linie unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, ob sie Russland st\u00e4rke oder nicht.<\/h3>\n<p><i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, S.229<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Im M\u00e4rz 1966 erkl\u00e4rte Frankreichs Staatspr\u00e4sident Charles de Gaulle, dass Frankreich aus dem integrierten Milit\u00e4rkommando der NATO austrete. De Gaulle machte damit deutlich, dass er die Vorherrschaft der USA in diesem nicht mehr akzeptieren wollte. Allerdings blieb Frankreich weiter Mitglied der NATO und beteiligte sich an den Milit\u00e4reins\u00e4tzen. Auch der Deutschlandbesuch des amerikanischen Pr\u00e4sidenten John F. Kennedy im Juni 1963 hatte nichts an den Ansichten des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten \u00e4ndern k\u00f6nnen. Nach Kennedys Besuch f\u00fchrten Sie ein Gespr\u00e4ch mit de Gaulle, in dem die unterschiedlichen Besorgnisse die NATO betreffend zur Sprache kamen. K\u00f6nnen Sie davon berichten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer:<\/span> Kennedys Besorgnis hinsichtlich der Festigkeit der westeurop\u00e4ischen V\u00f6lker sei unverkennbar gewesen. Die Frage, was in Europa los sei, sei immer wiedergekehrt. Der Gesamteindruck, den ich von Kennedy h\u00e4tte, sei gut. Dieser Eindruck habe sich im Laufe der Zeit herausgebildet. Hinsichtlich Frankreichs habe sich Kennedy des n\u00e4heren \u00fcber ihn, de Gaulle, ausgelassen, und ich m\u00fcsse betonen, dass Kennedy ihn au\u00dferordentlich verehre. Kennedy sei aber von de Gaulles Entscheidung vom 21. Juni, die franz\u00f6sischen Seestreitkr\u00e4fte im Nordatlantik aus dem Oberbefehl der NATO herauszul\u00f6sen, tief betroffen gewesen. Anschlie\u00dfend kam ich auf die Frage Europa zu sprechen; ob im Augenblick zur St\u00e4rkung des Zusammenhaltes von Europa etwas getan werden k\u00f6nne. Die politische Union hielte ich im Augenblick allerdings nicht f\u00fcr realisierbar. De Gaulle teilte diese Meinung und bemerkte, der Versuch sei ja bereits unternommen worden, und dabei h\u00e4tte sich gezeigt, dass die Partner in Wirklichkeit einfach nicht wollten. Anschlie\u00dfend sprachen wir \u00fcber die NATO. F\u00fcr Frankreich, aber auch f\u00fcr Europa, sei es wirklich eine absolute Notwendigkeit, dass Frankreich sich wieder erhebe und wieder zu dem werde, was es einmal war, n\u00e4mlich eine Macht. Damit es aber eine Macht werde, sei es unerl\u00e4sslich, dass Frankreich das Gef\u00fchl habe, seine ihm eigenen nationalen und internationalen Verantwortungen zu tragen, ganz besonders aber seine Verteidigung selbst wahrzunehmen, selbstverst\u00e4ndlich im Rahmen des B\u00fcndnisses. In dieser Hinsicht sei die NATO katastrophal, weil sie genau das zerst\u00f6re, was er eben die nationale Verantwortung genannt habe. Wenn er, de Gaulle, jetzt diese Armee den Amerikanern \u00fcbergeben w\u00fcrde, dann werde es niemals mehr eine franz\u00f6sische Armee geben. Frankreich k\u00f6nne darauf aber weder im Hinblick auf seine nationalen noch auf seine internationalen Verpflichtungen verzichten.<\/h3>\n<p><i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, S.222,228-229<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> M\u00f6chten Sie abschlie\u00dfend noch etwas dazusagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer:<\/span> Noch ein Wort lassen Sie mich hinzuf\u00fcgen. Ohne die Auss\u00f6hnung zwischen Frankreich und Deutschlanbd w\u00e4re weder die Schaffung der EWG noch eine politische europ\u00e4ische Union noch atlantische B\u00fcndnisse wie NATO m\u00f6glich.<\/h3>\n<p><i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, S.237<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Konrad Adenauer, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-796 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='796' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-796 lc'>+42<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-796 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Konrad Adenauer, ich hei\u00dfe Sie herzlich willkommen zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber einige Ihrer Erfahrungen die NATO betreffend sprechen wollen. 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