{"id":7,"date":"2013-07-29T00:10:08","date_gmt":"2013-07-28T23:10:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=7"},"modified":"2024-11-02T20:37:20","modified_gmt":"2024-11-02T19:37:20","slug":"interview-kafkarahnercamus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=7","title":{"rendered":"Interview: Albert Camus~Franz Kafka~Karl Rahner &#8211; Der Glaube"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/DieSonne.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-29\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/DieSonne.jpg\" alt=\"DieSonne\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/DieSonne.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/DieSonne-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, ich freue mich, dass zwei bedeutende Schriftsteller und ein bedeutender Theologe des Zwanzigsten Jahrhunderts zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. Sie, Herr Franz Kafka, sind j\u00fcdischen Glaubens, Sie, Herr Karl Rahner sind Christ und Sie, Herr Albert Camus?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus: <\/span> Ich lese oft, ich sei Atheist, ich h\u00f6re oft von meinem Atheismus reden. Aber diese Worte sagen mir nichts, sie haben keinen Sinn f\u00fcr mich. Ich glaube nicht an Gott und ich bin kein Atheist.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Tagebuch, M\u00e4rz 1951- Dezember 1959<\/i>, Rowohlt Verlag, 1997, S.155<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie: <\/span> Sie geben also ausdr\u00fccklich zu verstehen, dass Sie kein Atheist sind und nicht an Gott glauben. In Ihrem Werk <i>Der erste Mensch<\/i>, in dem Sie sich den Namen Jacques Cormery gaben, schreiben Sie von einem <i>namenlosen Mysterium<\/i>, dem sie als junger Katechumene w\u00e4hrend einer Abendmesse begegnet sind. Was k\u00f6nnen Sie \u00fcber dieses Mysterium sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Wo aber die Orgel ihn eine Musik vernehmen lie\u00df, die er zum ersten Mal h\u00f6rte, da er bis dahin immer nur dumme Gassenhauer geh\u00f6rt hatte, und die ihn dann in einen noch intensiveren, tieferen Traum versetzte, der erf\u00fcllt war vom Schillern des Goldes im Halbdunkel der priesterlichen Gegenst\u00e4nde und Gew\u00e4nder, endlich dem Mysterium begegnend, aber einem namenlosen Mysterium, in dem die vom Katechismus genannten und streng festgelegten Gottheiten, eine blo\u00dfe Verl\u00e4ngerung der nackten Welt, in der er lebte, nichts zu tun und nichts zu suchen hatten.<\/h3>\n<p>Albert Camus, Der erste Mensch, Rowohlt Verlag, Februar 2010, S.147<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie sehen Sie, Pater Rahner diese mystische Erfahrung Albert Camus&rsquo;?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Es gibt eine einsame Mystik des Menschen, in der, wie Ignatius sagt, das Gesch\u00f6pf und der Sch\u00f6pfer unmittelbar verkehren. Welcher Mensch ist zu so etwas f\u00e4hig? Wenn man diese Frage genauer beantworten will, wird man sagen m\u00fcssen: Zu dieser innersten mystischen Erfahrung Gottes ist letztlich doch nur der Mensch f\u00e4hig, der den N\u00e4chsten liebt.<\/h3>\n<p><i>Karl Rahner Im Gespr\u00e4ch<\/i>, K\u00f6sel Verlag, M\u00fcnchen, 1983, S.44<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Welche Konsequenzen ergeben sich hieraus f\u00fcr die Seelsorge?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Die mystische Komponente m\u00fcsste viel besser entwickelt werden. Der einzelne Priester und Seelsorger m\u00fcsste darauf achten; er d\u00fcrfte nicht nur eine Botschaft verk\u00fcnden, die rein von au\u00dfen kommt, er m\u00fcsste Berufung einlegen an die innerste personale Erfahrung des einzelnen Menschen in seiner Einsamkeit und in seiner absoluten Verantwortung. Nur dort, wo die \u00e4u\u00dfere Botschaft des Christentums sich nicht f\u00fcr sich allein m\u00e4chtig versteht, sondern der innersten Erfahrung des Menschen, also der mystischen Komponente des Christentums, entgegenkommt, sie gleichsam aktualisiert, sie lebendiger macht, sie unter dem Schutt des Alltagsbewusstseins ausgr\u00e4bt nur dort kann heute ein lebendiges Christentum noch bestehen, auch in einer atheistischen Gesellschaft. Man hat schon gesagt, dass der Christ der Zukunft &#8211; eben weil er die Abst\u00fctzung von einer allgemein-gesellschaftlichen Ideologie nicht mehr hat &#8211; ein Mystiker sein m\u00fcsse oder er werde nicht mehr sein. Das ist vielleicht etwas massiv ausgedr\u00fcckt, aber im Grunde genommen ist es richtig.<\/h3>\n<p><i>Karl Rahner Im Gespr\u00e4ch<\/i>, S.43-44<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Welchen Platz nahm die Religion in Ihrer Familie ein?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Ich bin in einer katholischen Familie mit sieben Kindern aufgewachsen. Sie war von der Mutter, aber auch vom Vater her mehr oder weniger selbstverst\u00e4ndlich katholisch, ohne nun irgendwie fr\u00f6mmlerisch zu sein. Nach dem Abitur trat ich mit 18 Jahren in die Gesellschaft Jesu ein, machte dort meine Studien, hatte dort meine Arbeit und Aufgaben.<\/h3>\n<p><i>Karl Rahner Im Gespr\u00e4ch<\/i>, S.47-48<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und wie hielt es Ihre Familie, Herr Albert Camus, mit der Religion? In Ihrem schon genannten Buch <i>Der erste Mensch<\/i>, in dem Sie Ihrer Mutter den Namen Catherine Cormery gaben, finden sich ja viele Hinweise.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Eigentlich spielte die Religion in der Familie keine Rolle. Niemand ging zur Messe, niemand erw\u00e4hnte oder lehrte die g\u00f6ttlichen Gebote, und es spielte auch niemand auf die Belohnungen und Strafen im Jenseits an. F\u00fcr Onkel Ernest, der auf der Gef\u00fchlsebene lebte, war Religion das, was er sah, das hei\u00dft der Pfarrer und der Prunk. Was Catherine Cormery anging, so war sie die Einzige, deren Sanftheit an einen Glauben denken lie\u00df, aber eben die Sanftheit war ihr ganzer Glaube. Sie sprach nie von Gott. Dieses Wort hatte Jacques in seiner ganzen Kindheit eigentlich nie geh\u00f6rt, und er selbst k\u00fcmmerte sich nicht darum. Das geheimnisvolle und strahlende Leben gen\u00fcgte, um ihn ganz auszuf\u00fcllen. Wenn in seiner Familie von einer nichtkirchlichen Beerdigung die Rede war, kam es indes nicht selten vor, dass die Gro\u00dfmutter oder sogar der Onkel paradoxerweise auf einmal das Fehlen eines Priesters beklagten: \u201eWie ein Hund\u201d, sagten sie. Die Religion geh\u00f6rte f\u00fcr sie wie f\u00fcr die meisten Algerier nun einmal zum sozialen Leben dazu, und nur zu ihm. Man war Katholik, wie man Franzose war, das verpflichtet zu einer gewissen Anzahl von Riten. Eigentlich waren es genau vier Riten: die Taufe, die Kommunion, das Sakrament der Ehe und die Letzte \u00d6lung. Zwischen diesen zwangsl\u00e4ufig sehr weit auseinanderliegenden Zeremonien war man mit anderem besch\u00e4ftigt, vor allem damit, zu \u00fcberleben.<\/h3>\n<p><i>Der erste Mensch<\/i>, S.141-143.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Nun zu Ihnen, Herr Franz Kafka. Sie sind Jude, und in Ihren Tageb\u00fcchern finden sich zahlreiche Aussagen, die das Judentum betreffen und die teilweise sehr religi\u00f6s sind. Ende Januar 1922 vermischen sie autobiographische und religi\u00f6se Elemente in Ihren Aufzeichnungen und schreiben von der Schuld.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Franz Kafka:<\/span> Freilich komme ich auch hier zur Schuld, denn warum wollte ich aus der Welt hinaus? Weil er mich in der Welt, in seiner Welt nicht leben lie\u00df.<\/h3>\n<p>Franz Kafka, <i>Tageb\u00fccher 1914 &#8211; 1923<\/i>, Fischer Verlag, Juni 2008, S.211<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Mit dem Wort \u201eer\u201d ist zuerst einmal Ihr Vater gemeint, zu dem Sie ein sehr angespanntes und gereiztes Verh\u00e4ltnis hatten. Sie haben auch einen Brief an Ihren Vater geschrieben, den Sie Ihrer Mutter zu lesen gaben, und die Ihnen daraufhin abriet, diesen Brief Ihrem Vater zu zeigen. Aber was Ihre Tagebuchaufzeichnung angeht, k\u00e4me es einer sehr oberfl\u00e4chlichen und falschen Betrachtung gleich, wenn wir in dem \u201eer\u201d nicht sofort auch ein Symbol f\u00fcr die Transzendenz, das hei\u00dft f\u00fcr Gott sehen w\u00fcrden. K\u00f6nnen Sie bitte weiter aus Ihrem Tagebucheintrag zitieren, damit das klarer wird?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Franz Kafka:<\/span> Jetzt bin ich schon B\u00fcrger in dieser andern Welt, die sich zur gew\u00f6hnlichen Welt verh\u00e4lt wie die W\u00fcste zum ackerbauenden Land, ich bin 40 Jahre aus Kanaan hinausgewandert, sehe als Ausl\u00e4nder zur\u00fcck, bin freilich auch in jener andern Welt &#8211; das habe ich als Vatererbschaft mitgebracht &#8211; der Kleinste und \u00c4ngstlichste und bin dort nur kraft der besondern dortigen Organisation lebensf\u00e4hig, nach welcher es dort auch f\u00fcr die Niedrigsten blitzartige Erh\u00f6hungen allerdings auch meerdruckartige tausendj\u00e4hrige Zerschmetterungen gibt.<\/h3>\n<p><i>Tageb\u00fccher 1914 &#8211; 1923<\/i>, S.211<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie schreiben auch von kindlichen Hoffnungen, dass sie vielleicht doch in Kanaan bleiben werden. Sind\u00a0Sie sich dennoch bewusst, dass Sie Kanaan verlassen haben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Franz Kafka:<\/span> Ich bleibe doch vielleicht in Kanaan und inzwischen bin ich schon l\u00e4ngst in der W\u00fcste und es sind nur Visionen der Verzweiflung besonders in jenen Zeiten, in denen ich auch dort der Elendeste von allen bin und Kanaan sich als das einzige Hoffnungsland darstellen muss, denn ein drittes Land gibt es nicht f\u00fcr die Menschen.<\/h3>\n<p><i>Tageb\u00fccher 1914 &#8211; 1923<\/i>, S.211<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die Verzweiflung, das gelobte Land verlassen zu haben und sich bewusst zu sein, dass es innerhalb des menschlichen Lebens keinen tats\u00e4chlichen Zugang zu Gott gibt, findet sich auch in Ihrem Roman <i>Das Schlo\u00df<\/i>. Wie sehen Sie, Herr Kafka, das Schlo\u00df, zu dem Ihr Freund Max Brod in seinem Nachwort zu Ihrem Roman schreibt: \u201eDenn was bedeutet das \u201eSchlo\u00df\u201d mit seinen seltsamen Akten, seiner unerforschlichen Hierarchie von Beamten, mit seinen Launen und T\u00fccken, seinem Anspruch auf unbedingte Achtung, unbedingten Gehorsam? Ohne speziellere Deutungen auszuschlie\u00dfen, die vollst\u00e4ndig richtig sein m\u00f6gen, aber von dieser umfassendsten eingehegt sind wie die inneren Schalen einer chinesischen Schnitzerei von ihrer \u00e4u\u00dfersten Schale &#8211; dieses \u201eSchlo\u00df\u201d, zu dem K. keinen Zutritt erlangt, dem er sich unbegreiflicherweise nicht einmal richtig n\u00e4hern kann, ist genau das, was die Theologen \u201eGnade\u201d nennen.<\/h3>\n<p>Max Brod, in: Franz Kafka, <i>Das Schlo\u00df<\/i>, Suhrkamp Verlag, 1996, S.413<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Franz Kafka:<\/span> Das Schlo\u00df, dessen Umrisse sich schon aufzul\u00f6sen begangen, lag still wie immer, niemals noch hatte K. dort das geringste Zeichen von Leben gesehen, vielleicht war es gar nicht m\u00f6glich, aus dieser Ferne etwas zu erkennen, und doch verlangten es die Augen und wollten die Stille nicht dulden.<\/h3>\n<p>Franz Kafka, <i>Das Schlo\u00df<\/i>, S.114<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wird K. eine Antwort aus dem Schlo\u00df erhalten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Franz Kafka:<\/span> Das \u201eNein!\u201d der Antwort h\u00f6rte K. bis zu seinem Tisch. Die Antwort war aber noch ausf\u00fchrlicher, sie lautete: \u201eWeder morgen noch ein andermal.\u201d<\/h3>\n<p><i>Das Schlo\u00df<\/i>, S.26<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen dreien f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-7 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='7' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-7 lc'>+289<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-7 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, ich freue mich, dass zwei bedeutende Schriftsteller und ein bedeutender Theologe des Zwanzigsten Jahrhunderts zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. 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