{"id":66,"date":"2013-08-29T15:58:23","date_gmt":"2013-08-29T14:58:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=66"},"modified":"2024-11-02T20:34:45","modified_gmt":"2024-11-02T19:34:45","slug":"interview-boll-der-zug-war-punktlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=66","title":{"rendered":"Interview: Heinrich B\u00f6ll &#8211; Der Zug war p\u00fcnktlich"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/gesetz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-73\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/gesetz.jpg\" alt=\"gesetz\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/gesetz.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/gesetz-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Heinrich B\u00f6ll, ich hei\u00dfe Sie herzlich willkommen zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir uns \u00fcber Ihren ersten ver\u00f6ffentlichten Roman <em>Der Zug war p\u00fcnktlich<\/em> unterhalten werden. In diesem Roman beschreiben Sie insbesonders die Wahrnehmungen und den Gef\u00fchlszustand eines jungen Soldaten namens Andreas. Sie selber mussten 1939 Ihr gerade erst begonnenes Studium der Germanistik und der klassischen Philologie in K\u00f6ln abbrechen, weil Sie in die Wehrmacht eingezogen wurden. W\u00e4hrend des Kriegs wurden sie mehrfach verwundet, mussten aber immer wieder zur\u00fcck zur Infanterie. Andreas, der Ich-Erz\u00e4hler muss zu Beginn Ihres Romans in einen Zug einsteigen, der ihn auch wieder an die Front bringen soll.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Als sie unten durch die dunkle Unterf\u00fchrung schritten, h\u00f6rten sie den Zug oben auf den Bahnsteig rollen, und die sonore Stimme im Lautsprecher sagte ganz sanft: \u201eFronturlauberzug von Paris nach Przemysl \u00fcber.<\/h3>\n<p><i>Der Zug war p\u00fcnktlich Le train \u00e9tait \u00e0 l&rsquo;heure<\/i>, Collection Folio Bilingue, Gallimard, 1993, S.9<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Andreas wird von einnem Kaplan begleitet und da auch Sie ein gl\u00e4ubiger Katholik sind, weist Ihre Hauptperson von Anfang an autobiographische Z\u00fcge auf.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> \u201eWarum steigst du nicht ein?\u201d fragte der Kaplan \u00e4ngstlich den Soldaten. \u201eWie?\u201d fragte der Soldat erstaunt,\u201eich kann mich ja unter die R\u00e4der schmei\u00dfen wollen&#8230;ich kann ja fahnenfl\u00fcchtig werden&#8230;wie?<\/h3>\n<p><i>Der Zug war p\u00fcnktlich<\/i>, S.10<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr B\u00f6ll, Sie sind ein entschiedener Kriegsgegner, und so bekommt das Wort Bald in Ihrem Roman einen tiefen Sinn. Dieses Wort will Andreas nicht aus dem Kopf gehen, es begleitet ihn wie ein unerw\u00fcnschter Gast. Es erschreckt ihn, da es ihm einredet, dass er an der Front sterben wird.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Bald. Bald. Bald. Bald. Wann ist Bald? Welch ein furchtbares Wort: Bald. Bald kann in einer Sekunde sein, Bald kann in einem Jahr sein. Bald ist ein furchtbares Wort. Dieses Bald dr\u00fcckt die Zukunft zusammen, es macht sie klein, und es gibt nichts Gewisses, gar nichts Gewisses, es ist die absolute Unsicherheit. Bald ist nichts und Bald ist vieles. Bald ist alles. Bald ist der Tod.<\/h3>\n<p><i>Der Zug war p\u00fcnktlich<\/i>, S.18<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Andreas kann sich von dem Bald, das er sich bewusst gemacht hat, nicht mehr befreien.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Alles ist da, und alles hat morgens ein anderes Gesicht, alles ist glanzloser und alles ist zwecklos, und es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn morgens auch dieses Bald erloschen w\u00e4re, dieses jetzt sehr bestimmte, sehr gewisse Bald. Aber dieses Bald ist da, es ist immer gleich da, als habe es sprungbereit gewartet; seitdem er das Wort ausgesprochen hat, liegt es auf ihm wie ein zweites Gesicht.<\/h3>\n<p><i>Der Zug war p\u00fcnktlich<\/i>, S.88<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Der Gedanke an den Krieg und an seinen baldigen Tod haben Andreas wehrlos gemacht, er hat keinen Mut mehr, selber etwas entscheiden zu wollen, denn er k\u00f6nnte ja versuchen zu fliehen, sobald der Zug an einem Bahnhof Halt macht.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Ich bin voll Ungeduld, ich habe keine Angst, das ist das Seltsame, ich habe keine Angst, nur eine namenlose Neugierde und Unruhe. Und doch m\u00f6chte ich nicht sterben. Ich m\u00f6chte leben, theoretisch ist das Leben sch\u00f6n, theoretisch ist das Leben herrlich, aber ich m\u00f6chte nicht aussteigen, seltsam, dass ich aussteigen k\u00f6nnte. Ich brauche nur durch den Gang zu gehen, das l\u00e4cherliche Gep\u00e4ck stehenzulassen und abzuhauen, irgendwohin, unter B\u00e4umen spazierengehen, unter Herbstb\u00e4umen, und ich bleibe hier stehen wie aus Blei, ich will in diesem Zug bleiben, ich sehne mich schrecklich nach der D\u00fcsternis Polens und nach dieser unbekannten Strecke zwischen Lemberg und Czernowitz, wo ich sterben muss.<\/h3>\n<p><i>Der Zug war p\u00fcnktlich<\/i>, S.55-56.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Diese Trostlosigkeit, die von Schnaps, Zigaretten und Kartenspielen ausgef\u00fcllt ist, teilt Andreas mit zwei Kumpeln, dem Unrasierten und dem Blonden. Auch die Augen eines M\u00e4dchens, in die er in Frankreich in einem winzigen Dorf bei Amiens geblickt hat, k\u00f6nnen ihn nicht wirklich tr\u00f6sten.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Es ist wohl m\u00f6glich, doch nicht wahrscheinlich, dass die eine noch an mich denkt; sie kann nicht mehr an mich denken. Eine Zehntelsekunde haben unsere Augen ineinander geruht, vielleicht noch weniger als eine Zehntelsekunde, und ich kann ihre Augen nicht vergessen. Dreiundeinhalb Jahre lang hab ich an sie denken m\u00fcssen und hab sie nicht vergessen k\u00f6nnen. Nur eine Zehntelsekunde lang oder weniger, und ich wei\u00df nicht, wie sie hei\u00dft, nichts wei\u00df ich, nur ihre Augen kenne ich, sehr sanfte, fast blasse, traurige Augen von einer Farbe wie dunkelgeregneter Sand.<\/h3>\n<p><i>Der Zug war p\u00fcnktlich<\/i>, S.76<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Den lang ersehnten Trost findet er in einem Bordell, in das ihn der Unrasierte, dessen wirklicher Name Willi ist, mitnimmt. Dort lernt er Olina kennen, eine polnische Partisanin und Spionin, die wie er neunzehnhundertundzwanzig geboren ist. Seltsamerweise kann sie trotz allem, was ihr seit Kriegsbeginn widerfahren ist, Andreas nicht hassen.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> \u201eDer Krieg kam neunzehnhundertneununddrei\u00dfig. In Warschau wurden meine Eltern unter den Tr\u00fcmmern unseres gro\u00dfen Hauses begraben, und ich stand allein da im Garten des Konservatoriums, wo ich poussiert hatte, und der Direktor wurde verschleppt, weil er Jude war. Und ich, ich hatte einfach keine Lust mehr, Klavier zu lernen. Die Deutschen hatten uns alle irgendwie vergewaltigt, alle, uns alle.\u201d Sie trinkt Kaffee, auch er nimmt einen Schluck. Sie l\u00e4chelt ihn an.<\/h3>\n<p><i>Der Zug war p\u00fcnktlich<\/i>, S.244-246<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> So ist Ihr Roman eine Anklage gegen den Krieg, weil in diesem die Unschuldigen leiden und sterben, was sie bildhaft am Ende Ihres Romans beschreiben.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Mein Gott, denkt Andreas, sind sie denn alle tot?&#8230; und meine Beine&#8230;meine Arme, bin ich denn nur noch Kopf&#8230;ist denn niemand da&#8230;ich liege auf dieser nackten Stra\u00dfe, auf meiner Brust liegt das Gewicht der Welt so schwer, dass ich keine Worte finde, zu beten&#8230; und in diesem fahlen D\u00e4mmer, der noch ohne die gelbe Milde der Sonne ist, sieht er nun, dass Olinas Hand \u00fcber seinem Kopf von einem Bruchst\u00fcck des Wagens herunterh\u00e4ngt und dass Blut von ihren H\u00e4nden auf sein Gesicht tropft, und er wei\u00df nicht mehr, dass er selbst nun wirklich zu weinen beginnt.<\/h3>\n<p><i>Der Zug war p\u00fcnktlich<\/i>, S.314<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr B\u00f6ll, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-66 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='66' data-nonce='56aeb2f20f' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-66 lc'>+109<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-66 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Herr Heinrich B\u00f6ll, ich hei\u00dfe Sie herzlich willkommen zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir uns \u00fcber Ihren ersten ver\u00f6ffentlichten Roman Der Zug war p\u00fcnktlich unterhalten werden. 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