{"id":624,"date":"2014-08-19T15:04:57","date_gmt":"2014-08-19T14:04:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=624"},"modified":"2024-11-02T19:17:32","modified_gmt":"2024-11-02T18:17:32","slug":"interview-reich-ranicki-heinrich-boll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=624","title":{"rendered":"Interview: Marcel Reich-Ranicki &#8211; Heinrich B\u00f6ll"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Hortensia.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Hortensia.jpg\" alt=\"Hortensia\" width=\"800\" height=\"100\" class=\"aligncenter size-full wp-image-628\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Hortensia.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Hortensia-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich Herr Reich-Ranicki. Wir wollen gemeinsam \u00fcber den Schriftsteller Heinrich B\u00f6ll sprechen, dem Sie des \u00f6fteren pers\u00f6nlich begegnet sind und in Ihrem Buch <i>Entgegnung &#8211; Zur deutschen Literatur der siebziger Jahre<\/i> ein ganzes Kapitel widmen. Ende des Jahrs 1956, zu der Zeit lebten Sie noch in Polen, lud der polnische Schriftstellerverein Heinrich B\u00f6ll zu einem gro\u00dfen Empfang ein. Aber von den zahlreich geladenen Schriftstellern kam so gut wie niemand. Warum?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Marcel Reich-Ranicki:<\/span> Etwa f\u00fcnfzig Autoren wurden eingeladen. Als man ihnen sagte, B\u00f6ll sei den ganzen Krieg \u00fcber ein gew\u00f6hnlicher deutscher Soldat gewesen, nicht mehr und nicht weniger &#8211; da winkten sie wortlos ab. Kaum elf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hatten polnische Schriftsteller kein Bed\u00fcrfnis, einen Deutschen willkommen zu hei\u00dfen.<\/h3>\n<p>Marcel Reich-Ranicki, <i>Mein Leben<\/i>, Pantheon Verlag, M\u00fcnchen, Januar 2012, S.363-364<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Bei den wenigen Personen, die kamen und zu denen auch Sie geh\u00f6rten, hinterlie\u00df B\u00f6ll etwas, das sie alle beeindruckte. Was ber\u00fchrte die Teilnehmer?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Marcel Reich-Ranicki:<\/span> Hier sprach ein Schriftsteller aus der in Polen als revanchistisch verrufenen Bundesrepublik gleichsam in einem Atem von deutscher Literatur und von deutscher Schuld &#8211; und jeder seiner eher schlichten und bisweilen linkischen S\u00e4tze wirkte \u00fcberzeugend. Sofort gewann dieser unfeierliche Gast die Sympathie der Menschen, zu denen er sprach: Er wollte niemandem etwas vormachen. Wir sp\u00fcrten, dass dieser deutsche Schriftsteller, der sechs Jahre lang die Uniform der Wehrmacht getragen hatte, begnadet war &#8211; begnadet mit einem Charisma, das sich, wie oft in solchen F\u00e4llen, der Beschreibung entzieht.<\/h3>\n<p><i>Mein Leben<\/i>, S.364<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> K\u00f6nnen Sie dieses Charisma, mit dem B\u00f6lls sp\u00e4terer internationaler Erfolg zusammenh\u00e4ngt, dennoch n\u00e4her beschreiben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Marcel Reich-Ranicki:<\/span> Autorit\u00e4t und Leichtsinn &#8211; das reimt sich nat\u00fcrlich nicht. Doch heutzutage, scheint es, sind Prediger nur noch ertr\u00e4glich, wenn sie sich zugleich als Spa\u00dfmacher bew\u00e4hren. Damit h\u00e4ngt wohl B\u00f6lls Erfolg zusammen und auch sein internationaler Ruhm. Denn er hat der Welt zu bieten, was sie nach wie vor, bewusst oder unbewusst, von einem deutschen Schriftsteller erwartet und verlangt: Moral und Schuldbewusstsein. Indes verweigert er ihr, was man gemeinhin f\u00fcr deutsch h\u00e4lt: das Gr\u00fcndliche und das Feierliche.<\/h3>\n<p>Marcel Reich Ranicki, <i>Entgegnung &#8211; Zur deutschen Literatur der siebziger Jahre<\/i>, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1981, S.99<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Dennoch kritisierten Sie so manchen seiner Romane und waren bei Ihrer Kritik nicht zimperlich. Was werfen Sie Heinrich B\u00f6ll eigentlich vor?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Marcel Reich-Ranicki:<\/span> Immer schon liebte er volkst\u00fcmlich-joviale Wendungen, die sehr sympathisch, aber oft ungenau waren. Dass sich B\u00f6ll der Nachl\u00e4ssigkeit und der Oberfl\u00e4chlichkeit seiner Formulierungen mitunter bewusst ist, ergibt nichts, da er doch keine Lust hat, sie zu korrigieren.<\/h3>\n<p><i>Entgegnung<\/i>, S.119<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und was gef\u00e4llt Ihnen trotz dieser Beanstandungen an B\u00f6lls B\u00fcchern?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Marcel Reich-Ranicki:<\/span> Auch wenn B\u00f6lls B\u00fccher h\u00f6chst zwiesp\u00e4ltige und fragw\u00fcrdige literarische Produkte waren &#8211; und auf welchen seiner Romane treffen diese Attribute nicht zu? -, so bewiesen sie doch einen einzigartigen Blick, ein schlechthin ph\u00e4nomenales Gesp\u00fcr f\u00fcr jene Motive, Situationen und Stimmungen, in denen \u00ab\u00a0das Aktuelle\u00a0\u00bb wie von selbst zum Vorschein kommt und anschaulich wird. B\u00f6ll hat von Anfang an gegen die Ungerechtigkeit, die Bosheit und Grausamkeit der Welt die Unschuld, die Reinheit oder ganz einfach die Anst\u00e4ndigkeit seiner zentralen Figuren ausgespielt. Und meist wurde seine Anklage am deutlichsten in Liebesgeschichten.<\/h3>\n<p><i>Entgegnung<\/i>, S.109-110<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was k\u00f6nnen Sie zu B\u00f6lls Lesepublikum sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Marcel Reich-Ranicki:<\/span> B\u00f6ll findet ein unmittelbares Echo bei nahezu allen Schichten. Manche Gegner sehen in ihm einen leider verlorenen Sohn, dessen R\u00fcckkehr in die eigenen Reihen sie f\u00fcr m\u00f6glich, ja f\u00fcr opportun und w\u00fcnschenswert halten. Jene wiederum, die Heinrich B\u00f6ll lieben, f\u00fchlen sich verpflichtet, gelegentlich anzudeuten, dass ihnen ihre herzliche Zuneigung Gewissensbisse bereite: Viele seiner Freunde ziehen es vor, ihn nicht ganz ernst zu nehmen und sich von ihm schulterklopfend zu distanzieren. Die ihn zu bewundern bereit sind, meinen doch, B\u00f6ll, dessen authentische Leiden immer so sch\u00f6n sichtbar sind, zugleich und in aller \u00d6ffentlichkeit bedauern zu m\u00fcssen. Das gilt vor allem f\u00fcr die Zeit seit 1972. Denn seit er den Nobelpreis erhalten hat, muss der arme B\u00f6ll zu allem anderen auch noch die Last des internationalen Ruhmes tragen.<\/h3>\n<p><i>Entgegnungen<\/i>, S.116-117<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> M\u00f6chten Sie diesem Gesagten noch etwas hinzuf\u00fcgen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Marcel Reich-Ranicki:<\/span> Heinrich B\u00f6ll wurde beides in hohem Ma\u00dfe zuteil: der Lorbeer und die Dornen, der blendende Ruhm und sein unvermeidbarer und d\u00fcsterer Schatten. Eher ein Schalk als ein M\u00e4rtyrer, eher ein stiller Beobachter und schmulzender Zeitkritiker, und ohne dass er es wollte, war er eines Tages ein Praeceptor Germaniae. Freilich, einen solchen Lehrmeister hatte Deutschland noch nie. Denn B\u00f6ll ist ein Anarchist und er denkt nicht daran, dies zu verheimlichen. Tats\u00e4chlich richtet sich seine Kritik gegen jede Form der institutionalisierten Machtaus\u00fcbung, gegen Staat und Milit\u00e4r, gegen Kirche und Schule. Er verteidigt die Verirrten &#8211; und kann sich dabei selber verirren. Er weigert sich, als \u00ab\u00a0etablierter Aufpasser\u00a0\u00bb zu fungieren. Doch wo er Verfolgung wittert, da ist er zur Stelle; und er verwaltet dieses Amt so leidenschaftlich, dass er, seine Gegner provozierend, bisweilen selber zu einem Verfolgten wird. Er macht Fehler, er gibt sich Bl\u00f6\u00dfen. Er ist oft unsicher und hilflos wie die Helden vieler seiner Romane und Erz\u00e4hlungen. Und so k\u00f6nnen sich Millionen seiner Leser nicht nur mit seinen Gestalten identifizieren, sondern auch mit ihm selber: Ein weltber\u00fchmter Autor und trotzdem und immer noch ein Bruder der kleinen Leute, einer von ihnen: ein Jedermann.<\/h3>\n<p><i>Entgegnungen<\/i>, S.125,132-133<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Reich-Ranicki, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-624 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='624' data-nonce='bc72a68636' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-624 lc'>+62<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-624 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich Herr Reich-Ranicki. 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Seit dem Jahr 2013 betreibe ich eine Webseite mit dem Titel: Ber\u00fchmte Menschen, immer noch aktuell (https:\\\/\\\/www.einjahrzitate.de), auf der ich unter dem Namen Orelie fiktive Gespr\u00e4che mit ber\u00fc\u1e27mten Personen f\u00fchre. Ich habe auch einen Roman Wirklichkeit und Entscheidungen geschrieben und habe mittlerweile einen weiteren begonnen, der in den siebziger und achtziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland spielt. Zusammen mit meinem Ehemann bin ich, \u00fcber die Organisation Partage, Patin eines M\u00e4dchens in Brasilien. 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Seit dem Jahr 2013 betreibe ich eine Webseite mit dem Titel: Ber\u00fchmte Menschen, immer noch aktuell (https:\/\/www.einjahrzitate.de), auf der ich unter dem Namen Orelie fiktive Gespr\u00e4che mit ber\u00fc\u1e27mten Personen f\u00fchre. Ich habe auch einen Roman Wirklichkeit und Entscheidungen geschrieben und habe mittlerweile einen weiteren begonnen, der in den siebziger und achtziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland spielt. Zusammen mit meinem Ehemann bin ich, \u00fcber die Organisation Partage, Patin eines M\u00e4dchens in Brasilien. 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