{"id":599,"date":"2014-07-30T14:06:16","date_gmt":"2014-07-30T13:06:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=599"},"modified":"2024-11-02T19:18:14","modified_gmt":"2024-11-02T18:18:14","slug":"interview-bachmann-paul-celan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=599","title":{"rendered":"Interview: Ingeborg Bachmann &#8211; Paul Celan"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/moyen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-604\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/moyen.jpg\" alt=\"Hortensia\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/moyen.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/moyen-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Frau Ingeborg Bachmann, ich hei\u00dfe Sie herzlich willkommen zu unserem Gespr\u00e4ch, in dem wir Ihrer Liebe zu Paul Celan ein bisschen n\u00e4her kommen wollen. Sie haben ihn im Mai 1948 im Alter von 21 Jahren in Wien kennengelernt, und nachdem er Ende Juni desselben Jahrs nach Paris ging, einen langen Briefwechsel mit ihm gef\u00fchrt. In Ihren ersten Briefen schreiben Sie von Ihrer Zerrissenheit, denn zum einen lieben Sie diesen Menschen und zum anderen m\u00f6chten Sie Ihr Studium, das Ihnen kaum freie Zeit l\u00e4sst, erfolgreich beenden. Was schreiben Sie ihm \u00fcber Ihre Gef\u00fchle?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Ingeborg Bachmann:<\/span> Vor drei Monaten hat mir pl\u00f6tzlich jemand Deinen Gedichtband geschenkt. Der Boden war so leicht und schwebend unter mir, und meine Hand hat ein bisschen, ganz, ganz wenig gezittert. Dann war wieder lange nichts. Ich wei\u00df noch immer nicht, was der vergangene Fr\u00fchling bedeutet hat. Du wei\u00dft ja, dass ich immer alles ganz genau wissen will. Sch\u00f6n war er. Ich hab Dich heute lieb und so gegenw\u00e4rtig. Das will ich Dir unbedingt sagen, &#8211; damals hab ich es oft nicht getan.<\/h3>\n<p>Ingeborg Bachmann, Paul Celan, <i>Herzzeit Briefwechsel<\/i>, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2009, S.8<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> \u00dcber Paul Celans Weggang nach Paris findet sich eine Stelle in Ihrem Roman <i>Malina<\/i>. Wissen Sie, welche ich meine?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Ingeborg Bachmann:<\/span> Wie traurig bin ich, und warum tut Ivan nichts dagegen, warum dr\u00fcckt er wirklich die Zigarette aus, anstatt den Aschenbecher gegen die Wand zu werfen, die Asche auf den Boden fallen zu lassen, warum muss er mir von Paris reden, anstatt hierzubleiben oder mich mit nach Paris zu nehmen.<\/h3>\n<p>Ingeborg Bachman, <i>Malina<\/i>, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1980, S.48<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Paul Celan deutet Ihre Unentschlossenheit allerdings v\u00f6llig anders, denn was antwortet er Ihnen in einem im August 1949 an Sie geschriebenen Brief hinsichtlich Ihres Z\u00f6gerns?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Ingeborg Bachmann:<\/span> Wei\u00dft Du, Ingeborg, warum ich Dir w\u00e4hrend dieses letzten Jahres so selten schrieb? Nicht allein, weil Paris mich in ein furchtbares Schweigen gedr\u00e4ngt hatte, aus dem ich nicht wieder freikam; sondern auch deshalb, weil ich nicht wusste, was Du \u00fcber jene kurze Wochen in Wien denkst. Was konnte ich aus Deinen ersten, fl\u00fcchtig hingeworfenen Zeilen schlie\u00dfen. Vielleicht t\u00e4usche ich mich, vielleicht ist es so, dass wir einander gerade da ausweichen, wo wir einander so gerne begegnen m\u00f6chten, vielleicht liegt die Schuld an uns beiden. Du wei\u00dft: die gro\u00dfen Entschl\u00fcsse muss man immer allein fassen. Als jener Brief kam, in dem Du mich fragtest, ob Du Paris oder die Vereinigten Staaten w\u00e4hlen solltest, h\u00e4tte ich Dir gern gesagt, wie sehr ich mich freuen w\u00fcrde, wenn Du k\u00e4mest. Kannst Du einsehen, Ingeborg, warum ich es nicht tat? Ich sagte mir, dass, wenn Dir wirklich etwas, das hei\u00dft mehr als etwas daran l\u00e4ge, in der Stadt zu leben, in der auch ich lebe, Du mich nicht erst um Rat gefragt h\u00e4ttest, im Gegenteil.<\/h3>\n<p><i>Herzzeit Briefwechsel<\/i>, S.13<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Nach zwei l\u00e4ngeren Aufenthalten bei Celan in Paris in den Jahren 1950 und 1951, denken Sie beide an eine Kl\u00e4rung ihrer liebenden Beziehung. Was antworten Sie Paul Celan, der Ihnen schreibt:\u201eIch w\u00e4re froh, mir sagen zu k\u00f6nnen, dass Du das Geschehene als das empfindest, was es auch wirklich war, als etwas, das nicht widerrufen, wohl aber zur\u00fcckgerufen werden kann durch wahrheitsgetreues Erinnern.\u201d<\/h3>\n<p><i>Herzzeit Briefwechsel<\/i>, S.26<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Ingeborg Bachmann:<\/span> Ich bin heute, ganz in Deinem Sinne, f\u00fcr das wahrheitsgetreue Erinnern. In einem Winkel meines Herzens bin ich jedoch eine romantische Person geblieben; das mag Schuld daran tragen, dass ich mir etwas, in wenn auch unbewusster Unredlichkeit, versch\u00f6nt zur\u00fcckbringen wollte, was ich einmal, weil es mir nicht sch\u00f6n genug schien, fallen lie\u00df.<\/h3>\n<p><i>Herzzeit<\/i>, S.28<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Paul Celan lernt Ende 1951 die K\u00fcnstlerin Gis\u00e8le de Lestrange kennen, die er im Jahr darauf heiratet. Und Sie, Frau Bachmann leben zwischen 1958 und 1962 mit Max Frisch zusammen. W\u00e4hrend dieser Zeit bleiben Sie und Celan freundschaftlich miteinander verbunden. Sie bem\u00fchen sich auch, dass so mancher seiner Gedichtsb\u00e4nde ver\u00f6ffentlicht wird. Doch bleiben Probleme nicht aus, da Paul Celan sich zu der Zeit Kritiken gegen\u00fcber sieht, die seine Gedichte, in denen er den Opfern des Holocaust gedenkt, unredlich rezensiert werden. Was schreiben Sie ihm hierzu?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Ingeborg Bachmann:<\/span> Lass mich noch einmal woanders anfangen: Paul, ich f\u00fcrchte oft, dass Du \u00fcberhaupt nicht wahrnimmst, wie sehr Deine Gedichte bewundert werden, wie gro\u00df ihre Wirkung ist, ja, dass nur Deines Ruhmes wegen immer wieder der Versuch gemacht werden wird, ihn zu schm\u00e4lern, auf jede Weise, und es gibt zuletzt noch den motivlosen Angriff &#8211; als w\u00e4re das Ungew\u00f6hnliche nicht zu ertragen, nicht duldbar.<\/h3>\n<p><i>Herzzeit<\/i>, S.126<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> In den folgenden Jahren sieht sich Celan \u00f6ffentlichen Plagiatsvorw\u00fcrfen der Witwe seines Freundes Yvan Goll ausgesetzt. Was diese von Claire Goll vorgebrachten schlimmen L\u00fcgen betrifft, f\u00fchlt er sich von Ihnen verstanden. Was schreiben Sie ihm?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Ingeborg Bachmann:<\/span> Vom Fischer-Verlag habe ich einen Claire Goll-Brief bekommen, man schreibt dazu, Du w\u00fcsstest davon. Ich denke, man kann nur nicht drauf antworten. Oder denkst Du anders dar\u00fcber? Ich habe ihn nur noch nicht in den Papierkorb geworfen, weil ich gerne w\u00fcsste, ob Du ihm eine Wichtigkeit beimisst. Es war nichts anderes zu erwarten, &#8211; neue niedertr\u00e4chtige L\u00fcgen, da ihr die alten ausgehen.<\/h3>\n<p><i>Herzzeit<\/i>, S.150<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Dennoch bleibt Paul Celan unsicher, da er Sie und auch Max Frisch um ein Gespr\u00e4ch bittet, damit alles in der \u00d6ffentlichkeit aufgekl\u00e4rt werden k\u00f6nnte. Sie schreiben einen Brief an ihn, den Sie jedoch nicht abschicken. Was bringen Sie in diesem Brief zum Ausdruck?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Ingeborg Bachmann:<\/span> Lieber Paul, das ist nun vielleicht wieder nicht die richtige Zeit, um einiges zu sagen, was sich schwer sagen l\u00e4sst, aber es gibt ja die richtige Zeit nicht, sonst h\u00e4tte ich es schon einmal \u00fcber mich bringen m\u00fcssen. Ich glaube wirklich, dass das gr\u00f6\u00dfere Ungl\u00fcck in Dir selbst ist. Das Erb\u00e4rmliche, das von au\u00dfen kommt &#8211; und Du brauchst mir nicht zu versichern, dass es wahr ist, denn ich wei\u00df es ja zu einem gro\u00dfen Teil &#8211; ist zwar vergiftend, aber es ist zu \u00fcberstehen, es muss zu \u00fcberstehen sein. Es kann jetzt nur von Dir abh\u00e4ngen, ihm richtig zu begegnen.<\/h3>\n<p><i>Herzzeit<\/i>, S.153<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frau Bachmann, m\u00f6chten Sie dem bisher Gesagten noch eine Stelle aus Ihrem Roman <i>Malina<\/i> hinzuf\u00fcgen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Ingeborg Bachmann:<\/span> Ivan sagt lachend, aber nur einmal: Ich kann dort nicht atmen, wo du mich hinstellst, bitte nicht so hoch hinauf, trag niemand mehr in die d\u00fcnne Luft, das rat ich dir, das lern noch f\u00fcr sp\u00e4ter! Ich habe nicht gesagt: Aber wen soll ich denn nach dir? aber du denkst doch nicht, dass ich nach dir? ich lerne lieber noch alles f\u00fcr dich. F\u00fcr sonst niemand mehr.<\/h3>\n<p><i>Malina<\/i>, S.336<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frau Ingeborg Bachmann, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-599 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='599' data-nonce='bc72a68636' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-599 lc'>+65<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-599 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Frau Ingeborg Bachmann, ich hei\u00dfe Sie herzlich willkommen zu unserem Gespr\u00e4ch, in dem wir Ihrer Liebe zu Paul Celan ein bisschen n\u00e4her kommen wollen. 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Januar 1953 in Heidelberg geboren. Mit sechs Jahren kam ich in die Friedrich List Schule in Frankfurt Nied. Im Jahr 1972 machte ich an der Main-Taunus-Schule in Hofheim mein Abitur. Danach studierte ich an der Johann Wolfgang Goethe - Universit\u00e4t in Frankfurt am Main Franz\u00f6sisch und Sozialkunde f\u00fcr das Lehramt und bestand die Erste Staatspr\u00fcfung im Jahr 1976 mit der Note gut. Im selben Jahr heiratete ich einen Franzosen und zog nach Paris. Durch meine Heirat trage ich den Namen Christa Duris Stadler. Im Jahr 1977 wurde mein Sohn Daniel geboren und im Jahr 1982 mein Sohn David. Ab dem Studienjahr 1983-1984 studierte ich Deutsch an der Universit\u00e4t in Paris X - Nanterre. Nach meinem Dipl\u00f4me d'\u00e9tudes approfondies mit mention: bien begann ich meinen Doctorat. Am 7. Januar 1994 promovierte ich mit meiner Doktorarbeit: L'Allemagne vue \u00e0 travers des p\u00e9riodiques protestants fran\u00e7ais (1933 -1940). Seit dem Jahr 2013 betreibe ich eine Webseite mit dem Titel: Ber\u00fchmte Menschen, immer noch aktuell (https:\\\/\\\/www.einjahrzitate.de), auf der ich unter dem Namen Orelie fiktive Gespr\u00e4che mit ber\u00fc\u1e27mten Personen f\u00fchre. Ich habe auch einen Roman Wirklichkeit und Entscheidungen geschrieben und habe mittlerweile einen weiteren begonnen, der in den siebziger und achtziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland spielt. Zusammen mit meinem Ehemann bin ich, \u00fcber die Organisation Partage, Patin eines M\u00e4dchens in Brasilien. 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