{"id":583,"date":"2014-07-13T16:39:44","date_gmt":"2014-07-13T15:39:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=583"},"modified":"2024-11-02T19:18:58","modified_gmt":"2024-11-02T18:18:58","slug":"interview-bukowski-uberleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=583","title":{"rendered":"Interview: Charles Bukowski &#8211; \u00dcberleben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Igel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-589\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Igel.jpg\" alt=\"Igel\" width=\"560\" height=\"70\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Igel.jpg 560w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Igel-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag Herr Charles Bukowski, ich begr\u00fc\u00dfe Sie ganz herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. In Ihre Romane und zahlreichen Stories haben Sie auch viel aus Ihrem eigenen Leben hineingepackt, und in diesem haben Sie einiges durchgemacht. Sie waren der Grausamkeit ihres Vaters, der Schufterei bei der Arbeit, dem Schmutz und dem Hunger ausgesetzt. Was k\u00f6nnen Sie hierzu selber sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> Ich lebte in Gesellschaft von Ratten und M\u00e4usen und Weinflaschen, und mein Blut pappte an den W\u00e4nden einer Welt, die ich nicht begreifen konnte und bis heute nicht begreife. Ich wollte nicht so leben wie die; lieber wollte ich verhungern. Ich kniff aus, verkroch mich in mich selber, versteckte mich. Ich machte die Jalousien dicht und starrte an die Decke. Wenn ich mal ausging, dann in eine Bar, wo ich Drinks schnorrte, kleine Boteng\u00e4nge erledigte und in einer Seitenstra\u00dfe Pr\u00fcgel bezog von gutgen\u00e4hrten M\u00e4nnern in sicheren Positionen, von tr\u00fcben Tassen, die ein bequemes Leben f\u00fchrten. Naja, ein paar Fights gewann ich auch; aber nur, weil ich verr\u00fcckt war. Ich kriegte jahrelang keine Frau, ich lebte von Erdnussbutter und altbackenem Brot und Pellkartoffeln. Ich war der arme Irre, der bl\u00f6de Hund, der Idiot. Ich wollte schreiben, aber die Schreibmaschine war st\u00e4ndig im Pfandhaus.<\/h3>\n<p>Charles Bukowski, <i>Die Wahrheit \u00fcber den Tod von Dylan Thomas<\/i>, aus: <i>Das ausbruchsichere Paradies<\/i>, in: <i>Stories und Romane<\/i>, Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main, Mai 1977, S.157<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wann hat das alles begonnen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> So ist es von Anfang an gewesen. Ich wehrte mich gegen meine Eltern, dann gegen die Schule, und dann wehrte ich mich dagegen, ein ordentlicher B\u00fcrger zu werden. Egal, was ich in mir habe, es war von Anfang an da.<\/h3>\n<p>Charles Bukowski, <i>Den G\u00f6ttern kommt das gro\u00dfe Kotzen<\/i>, Kiepenheuer &amp; Witsch Verlag, K\u00f6ln, 2012, S.27<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie begannen damit, zur Flasche zu greifen. Warum war der Alkohol so wichtig f\u00fcr Sie?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> Ich war so zwischen 20 und 30, und obwohl ich schwer trank und nichts a\u00df, war ich doch immer noch gut beieinander. K\u00f6rperlich, meine ich, und das ist schon eine Portion Gl\u00fcck, wenn man sonst nicht viel zu lachen hat. Mein Hirn rebellierte gegen mein Schicksal und mein Leben, und das einzige, womit ich es bes\u00e4nftigen konnte, war trinken und trinken und trinken.<\/h3>\n<p><i>Das ausbruchsichere Paradies<\/i>, S.52<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wollen Sie \u00fcber eine Ihrer Empfindungen sprechen, die Sie in einer Bar \u00fcberkam?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> Ich sa\u00df in einer Bar an der Western Avenue. Es war gegen Mitternacht, und ich befand mich in meinem \u00fcblichen Zustand der Konfusion. Ich meine, wenn sich alles gegen einen verschworen hat: Frauen, Jobs, keine Jobs, das Wetter, die Hunde. Am Ende ist man einfach irgendwie am Boden zerst\u00f6rt und hockt da und wartet, als w\u00fcrde man an der Bushaltestelle auf der Bank sitzen und auf den Tod warten.<\/h3>\n<p><i>Das ausbruchsichere Paradies<\/i>, S.33-34<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Auch von Pferdewetten wurden Sie abh\u00e4ngig. Aber obwohl Sie jetzt genug Geld haben, wetten Sie immer noch jeden Tag. Warum?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> Ich nehme an, es wird immer etwas geben, womit wir uns unbedingt qu\u00e4len wollen. Auf der Rennbahn erlebst du den Mitmenschen, wie er eine dunkle Verzweiflung verstr\u00f6mt und wie leicht er alles hinschmei\u00dft und aufgibt. Das Rennbahn-Publikum ist die Welt im Kleinformat; das Leben, wie es sich verschlei\u00dft im Kampf gegen das Verlieren und den Tod. Keiner gewinnt. Wir erleben nur einen Aufschub, eine Atempause im Schatten.<\/h3>\n<p><i>Den G\u00f6ttern kommt das gro\u00dfe Kotzen<\/i>, S.7<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie sah es mit Frauen aus, denn aus Ihren Erz\u00e4hlungen geht hervor, dass Sie oft st\u00fcrmische Erfahrungen gemacht haben.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> Bei Frauen war es so, dass sich mit jeder neuen die Hoffnung wieder regte, aber das war schnell vorbei. Ich gew\u00f6hnte mir beizeiten ab, nach der Traumfrau zu suchen. Ich wollte nur eine, die kein Albtraum war.<\/h3>\n<p><i>Den G\u00f6ttern kommt das gro\u00dfe Kotzen<\/i>, S.145<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrer Frau Linda ist friedvoll. Wollen Sie selber etwas dar\u00fcber mitteilen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> Linda ist ausgegangen. Sie braucht Abwechslung; Leute, mit denen sie sich unterhalten kann. Nichts dagegen; nur trinkt sie gerne was, und anschlie\u00dfend muss sie noch nach Hause fahren. Ich leiste ihr keine gute Gesellschaft, und Unterhaltungen sind nicht mein Ding. Ich will keinen Austausch von Ideen und schon gar nicht von Gef\u00fchlen. Ich bin ein Steinquader und mir selbst genug; und als solcher will ich meine Ruhe. Ich bin so schlau gewesen, die Isolation zu w\u00e4hlen. Besucher sind hier selten. Meine neun Katzen stieben in wilder Flucht auseinander, sobald ein Mensch sich blicken l\u00e4sst. Sogar meine Frau wird mir immer \u00e4hnlicher. Was ich eigentlich gar nicht m\u00f6chte. F\u00fcr mich ist es normal. Aber f\u00fcr Linda? Nein.<\/h3>\n<p><i>Den G\u00f6ttern kommt das gro\u00dfe Kotzen<\/i>, S.27 und S.116<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Bukowski, Sie mussten lange warten bis Sie mit Ihrem Schreiben Erfolg hatten. Wie sehen Sie das im nachhinein?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> Warum musste ich einundf\u00fcnfzig werden, eh ich das Geld f\u00fcr die Miete mit der Schreibmaschine verdienen konnte? Ich meine, wenn ich recht habe und meine Schreibe sich nicht ver\u00e4ndert hat, warum diese Durststrecke? Musste ich warten, bis die Welt mit mir Schritt halten kann? Und falls sie es getan hat, wo steh ich jetzt? In den Nesseln, w\u00fcrde ich sagen. Ich hatte Gl\u00fcck, aber ich glaube nicht, dass es mich \u00fcberheblich gemacht hat. Ist ein eingebildeter Fatzke sich je bewusst, dass er einer ist?<\/h3>\n<p><i>Den G\u00f6ttern kommt das gro\u00dfe Kotzen<\/i>, S.19<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was h\u00e4lt Sie am Schreiben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> Wenn einer ein echtes Verlangen danach hat, dann schreibt er auch. Ablehnung und h\u00f6hnische Kommentare machen ihn nur st\u00e4rker. Wie Wassermassen, die gegen einen Damm dr\u00fccken. Wer schreibt, kann nicht verlieren. Noch im Schlaf kitzelt es die Zehen zum Lachen. Du kriegst einen Gang wie ein Tiger. Deine Augen funkeln. Du siehst dem Tod ins Gesicht. Du wirst als Krieger sterben, und in der H\u00f6lle werden sie dich ehren. Dass du Gl\u00fcck hast mit den W\u00f6rtern: Darin musst du aufgehen, das musst du ausstrahlen. Sei der Clown in der Finsternis. Es ist lustig und macht Spa\u00df. Noch eine Zeile.<\/h3>\n<p><i>Den G\u00f6ttern kommt das gro\u00dfe Kotzen<\/i>, S.32<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie haben geschrieben, dass der Computer Ihnen die Arbeit stark erleichtert hat. Auf welche Weise hat er das getan?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles Bukowski:<\/span> Seit ich ihn habe, ist mein Aussto\u00df doppelt so stark, inhaltlich wie mengenm\u00e4\u00dfig. Er ist ein magisches Ger\u00e4t. Mit einer Schreibmaschine ist es, als w\u00fcrde man durch Schlamm stapfen. Ein Computer, das ist Eisschnellauf. Eine glei\u00dfende Explosion. Nat\u00fcrlich, wenn man nichts in sich hat, ist es egal, auf was man schreibt.<\/h3>\n<p><i>Den G\u00f6ttern kommt das gro\u00dfe Kotzen<\/i>, S.45<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Bukowski, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-583 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='583' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-583 lc'>+62<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-583 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag Herr Charles Bukowski, ich begr\u00fc\u00dfe Sie ganz herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. 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