{"id":478,"date":"2014-06-14T17:09:48","date_gmt":"2014-06-14T16:09:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=478"},"modified":"2024-11-02T19:21:32","modified_gmt":"2024-11-02T18:21:32","slug":"interview-steinbeck-monterey","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=478","title":{"rendered":"Interview: John Steinbeck &#8211; Die Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Sardine.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Sardine.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"99\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1713\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Sardine.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Sardine-300x37.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Sardine-768x95.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr John Steinbeck, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. Wir wollen mit Ihrem Roman <i>Die Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen<\/i> beginnen, der 1945 unter dem Titel <i>Cannery Row<\/i> ver\u00f6ffentlicht wurde. Cannery Row ist eine Stra\u00dfe in der kalifornischen Stadt Monterey, was k\u00f6nnen Sie dem hinzuf\u00fcgen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck:<\/span> Cannery Row ist mehr als nur eine Stra\u00dfe, es ist die Gegend der \u00d6lsardinen und Konservenb\u00fcchsen, ist ein Gestank und ein Gedicht, ein Knirschen und Knarren, ein Leuchten und T\u00f6nen, ist eine schlechte Angewohnheit, ein Traum. Cannery Row besteht aus Alteisen, Blech, Rost, Hobelsp\u00e4nen, aufgerissenem Pflaster, Baustellen voll Unkraut und Kehrichthaufen, aus Fischkonservenfabriken in Wellblechschuppen, aus Wirtschaften, Hurenh\u00e4usern, Chinesenh\u00fctten, Laboratorien, L\u00e4den voll mit Kram, aus Lagerhallen und faulen Fischen.<\/h3>\n<p>John Steinbeck, <i>Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen<\/i>, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen, 2012, S.7<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und was k\u00f6nnen Sie \u00fcber die Einwohner sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck:<\/span> Die Bewohner? Huren, Hurens\u00f6hne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man k\u00f6nnte mit gleichem Recht sagen: Heilige, Engel, Gl\u00e4ubige, M\u00e4rtyrer &#8211; es kommt nur auf den Standpunkt an.<\/h3>\n<p><i>Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen<\/i>, S.7<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Haben diese Menschen ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl entwickelt, gibt es etwas, das sie miteinander verbindet?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck:<\/span> Unser Vater, der du bist in der Natur und \u00fcberleben l\u00e4sst den Kojoten, die Wanderratte, die Schmei\u00dffliege, den Spatz und die Kleidermotte, du musst eine unermessliche, \u00fcberw\u00e4ltigende Liebe hegen f\u00fcr Taugenichtse, Schandflecke und Stromer und Mack und die Jungens, Tugenden, Grazien, L\u00e4ssigkeit, Wohlbehagen.<\/h3>\n<p><i>Die Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen<\/i>, S.16<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Zu diesen Menschen geh\u00f6ren der Ladenbesitzer Lee Chong, der Stromer Mack, der zusammen mit vier Jungens im Palace Hotel wohnt, die Bordellbesitzerin Dora, der Maler Henri sowie der Laboratoriumseigent\u00fcmer Doc, f\u00fcr den Sie sich Ihren Freund den Meeresbiologen Ed Ricketts zum Vorbild nahmen. K\u00f6nnen Sie ihn beschreiben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck:<\/span> Trotz seiner G\u00fcte und seiner Freunde war Doc ein einsamer Mensch, ein Einzelg\u00e4nger. Er war ein Nachttier. Die ganze Nacht hindurch brannte sein Licht, und dabei war er auch bei Tag auf den Beinen. Felsen und Ufer des Meeres waren Docs Stapelplatz, und er wusste genau, an welcher Stelle er, was er gerade brauchte, zu suchen hatte. Alle seine Handelsartikel lagerten s\u00e4uberlich abgeteilt an der pazifischen K\u00fcste.<\/h3>\n<p><i>Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen<\/i>, S.78<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Mack und die vier Jungs fangen hunderte von Fr\u00f6schen, bringen sie in Docs Abwesenheit f\u00fcr Experimente in sein Haus und bereiten dort ein Riesenfest f\u00fcr Doc vor. Whiskey, Kuchen und zahlreiche Spezialit\u00e4ten sind reichlich vorhanden. Aber als ein Betrunkener unziemlich \u00fcber Doc herzieht, geht alles drunter und dr\u00fcber. Und wie endet das Fest?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck:<\/span> Die Lichter im Laboratorium flackerten; die Haust\u00fcr hing nur noch in einer Angel; der Boden war mit Scherben bedeckt. Grammophonplatten, teils zerkratzt, teils zerbrochen, lagen herum. Ein kleiner Strom springender, h\u00fcpfender Fr\u00f6sche ergo\u00df sich in Wirbeln die Treppe hinab und bev\u00f6lkerte die Cannery Row. Etliche fanden den Weg zum Abzugskanal, andere k\u00e4mpften sich bergan zum Wasserreservoir, wieder andere suchten den Schutz der st\u00e4dtischen Kanalisation, und nur wenige versteckten sich im Unkraut auf dem leeren Platz.<\/h3>\n<p><i>Die Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen<\/i>, S.97-98<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und wie empfand Doc nach seinem Wutausbruch diese peinliche Angelegenheit?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck:<\/span> Es sagt sich so leicht:\u201eDie Zeit heilt alles.\u201d Steckst du jedoch mitten drin, so f\u00e4llt es der Zeit gar nicht ein, etwas zu heilen oder vor\u00fcbergehen zu lassen, und die Menschen vergessen nichts und lassen dich nichts vergessen. Du steckst mitten in etwas drin, das sich nicht \u00e4ndern will. Doc wusste nichts von dem Kummer, nichts von der nagenden Selbstkritik im Palace Hotel. Er h\u00e4tte sonst sicher etwas dagegen getan. Mack aber und seine Gef\u00e4hrten ahnten nicht, wie gut ihnen Doc gesinnt war.<\/h3>\n<p><i>Die Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen<\/i>, S.110<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Steinbeck, mit Ihrem Roman <i>Wonniger Donnerstag<\/i> setzten Sie Ihren Roman <i>Cannery Row<\/i> fort. Aber der Krieg hat das Leben ver\u00e4ndert.  Was ist anders geworden?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck<\/span> Als der Krieg nach Monterey und in die Cannery Row gelangte, nahm jedermann mehr oder weniger, auf diese oder jene Weise, am Kampfe teil. Doc wurde eingezogen. Die Konservenfabriken selbst beteiligten sich an der Kriegf\u00fchrung, indem sie die Aufhebung der Fangbeschr\u00e4nkungen durchsetzten und s\u00e4mtliche Fische fingen. Es geschah aus Patriotismus, aber das brachte die Sardinen nicht wieder. Zwei Jahre nach dem Endsieg wurde Doc dann mit allen Ehren aus dem Heeresdienst entlassen. Er begab sich alsbald wieder zum Western Biological und sprengte die von der N\u00e4sse verklemmte T\u00fcr gewaltsam auf. Im Ausgu\u00df lagen schmutzige T\u00f6pfe und Pfannen. Ein Teil der Instrumente war verrostet. Die K\u00e4fige der Versuchstiere waren leer. Doc setzte sich auf seinen alten Sessel, und eine schwere Last senkte sich auf ihn herab.<\/h3>\n<p>John Steinbeck, <i>Wonniger Donnerstag<\/i>, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen, 1987, S.11-12<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ein M\u00e4dchen namens Suzy erscheint in Monterey und findet im Bordell, das jetzt von Fauna gef\u00fchrt wird, eine Arbeit. K\u00f6nnen Sie Suzy beschreiben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck:<\/span> Suzy war ein h\u00fcbsches M\u00e4dchen mit breiter Nase und einem gro\u00dfen Mund. Sie war einundzwanzig Jahre alt, 1,60 Meter gro\u00df, hatte eine gute Figur, blond gef\u00e4rbtes Haar. Rechtsseitig hinkte sie etwas.<\/h3>\n<p><i>Wonniger Donnerstag<\/i>, S.39<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und nach einiger Zeit soll Doc mit Suzy verheiratet werden. Sie erinnern sich bestimmt an das Gespr\u00e4ch, in dem Fauna Suzy von dieser abgemachten Sache unterrichtet.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck:<\/span> \u201eEiner, der diesen Kram studiert hat, hat mir einmal gesagt: \u201eDie besten Ehen sind diejenigen, die von einer dritten Person gestiftet werden, und zwar von einer, die sich auskennt und sich kein X f\u00fcr ein U vormachen l\u00e4sst.\u201d Meiner Meinung nach bist du die Richtige f\u00fcr Doc.\u201d \u201eWarum?\u201d \u201eWeil du ihm nicht \u00e4hnlich bist. Soll ich&rsquo;s einmal versuchen?\u201d \u201eNein\u201d,sagte Suzy.\u201eIch dr\u00e4nge mich niemand auf. Am wenigsten Doc.\u201d \u201eJeder dr\u00e4ngt sich jedem auf\u201d,sagte Fauna. Suzy sagte leise:\u201eWeisst du, Fauna, du hattest recht.\u201d<\/h3>\n<p><i>Wonniger Donnerstag<\/i>, S.108-109<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Doch f\u00fcr Sie, Herr Steinbeck kommt es letzten Endes darauf an, dass Suzy und Doc sich wirklich m\u00f6gen, denn nach mehreren Missgeschicken zwischen den beiden nimmt er sie mit zur Springflut in La Jolla, einem Stadtteil von San Diego. Wie geht der Abschied der beiden von Monterey vonstatten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">John Steinbeck:<\/span>\u201eAuskuppeln so, jetzt wieder einkuppeln\u201d, sagte Mack. Suzy tat, wie ihr gehei\u00dfen. Gem\u00e4chlich kletterte der alte Wagen \u00fcber den Randstein, riss die halbe Treppe des Western Biological weg, schlingerte auf die Stra\u00dfe und kroch, Holzsplitter umhers\u00e4end, weg. Doc drehte sich auf seinem Sitz um und blickte zur\u00fcck. Die im Horizont versinkende Sonne lie\u00df sein lachendes, sein fr\u00f6hliches, seliges Gesicht ergl\u00e4nzen. Mit der linken Hand hielt er das bockende Steuerrad fest. Die Cannery Row schaute dem alten Klapperkasten nach.<\/h3>\n<p><i>Wonniger Donnerstag<\/i>, S.268-269<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Mit diesen beiden Romanen haben Sie Ihrem Freund Ed Ricketts ein literarisches Denkmal gesetzt, und ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-478 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='478' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-478 lc'>+114<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-478 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr John Steinbeck, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. 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