{"id":426,"date":"2014-05-17T21:22:15","date_gmt":"2014-05-17T20:22:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=426"},"modified":"2024-11-02T19:22:11","modified_gmt":"2024-11-02T18:22:11","slug":"interview-camussartre-die-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=426","title":{"rendered":"Interview: Albert Camus~Jean-Paul Sartre &#8211; Die Revolution"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #3366ff;\"><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Camus-Sartre.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-436\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Camus-Sartre.jpg\" alt=\"Camus Sartre\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Camus-Sartre.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/Camus-Sartre-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a>Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Albert Camus und Herr Jean-Paul Sartre. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind, in dem wir uns \u00fcber grundlegende Unterschiede Ihrer beider Standpunkte unterhalten wollen. Aber zuerst sollten wir feststellen, ob es eine Erfahrung gibt, die Sie besonders gepr\u00e4gt hat?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> Die Erfahrung des Krieges war f\u00fcr mich, wie f\u00fcr alle, die daran teilgenommen haben, die Erfahrung des Heldentums. Nat\u00fcrlich nicht meines eigenen Heldentums &#8211; ich habe nur einige Koffer getragen. Aber der Widerstandsk\u00e4mpfer, der gefangengenommen und gefoltert wurde, war f\u00fcr uns zum Mythos geworden. W\u00fcrden auch wir Folterungen aushalten und schweigen? Es ging damals allein um die Frage der physischen Ausdauer, nicht aber um die List der Geschichte oder die Fallen der Entfremdung.<\/h3>\n<p>Jean-Paul Sartre, <i>Sartre \u00fcber Sartre. Autobiographische Schriften<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 1985, S.145<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Camus, stimmen Sie mit Sartre in dieser Erfahrung \u00fcberein?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Inmitten der Tr\u00fcmmer und der Verzweiflung sind M\u00e4nner aufgestanden und haben voll Ruhe versichert, dass nichts verloren sei. Sie haben gesagt, es m\u00fcsse weitergemacht werden und die Kr\u00e4fte des Guten k\u00f6nnten immer \u00fcber die Kr\u00e4fte des B\u00f6sen siegen, wenn man den Preis zu zahlen gewillt sei. Sie haben den Preis gezahlt. Und zweifellos war er hoch, er besa\u00df das ganze Gewicht des Blutes, die entsetzliche Last der Gef\u00e4ngnisse. Nichts wird den Menschen geschenkt, und das Wenige, das sie erobern k\u00f6nnen, muss mit ungerechtem Sterben bezahlt werden. Aber nicht darin liegt die Gr\u00f6\u00dfe des Menschen. Sondern in seinem Willen, st\u00e4rker zu sein, als die conditio humana. Und wenn die conditio humana ungerecht ist, hat er nur eine M\u00f6glichkeit sie zu \u00fcberwinden: indem er selber gerecht ist.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Fragen der Zeit<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 1997, S.37-38<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und welches Gewicht hat hierbei die menschliche Freiheit?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Wenn die Gerechtigkeit nicht verwirklicht wird, bewahrt die Freiheit das Verm\u00f6gen, gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren, und rettet so die Gemeinschaft.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Tageb\u00fccher 1935-1951<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 1997, S.305<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Dagegen trat bei Ihnen, Herr Sartre, die gesellschaftliche Bedingtheit des Menschen immer st\u00e4rker in den Vordergrund.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> Nach dem Krieg kam dann die echte Erfahrung: die Erfahrung der Gesellschaft. Ich glaube allerdings, dass f\u00fcr mich der Mythos des Heldentums eine notwendige Etappe war. Das hei\u00dft, der egoistische Vorkriegsindividualist musste gegen seinen Willen in die geschichtliche Wirklichkeit gesto\u00dfen werden, gleichzeitig aber gerade noch ja oder nein sagen k\u00f6nnen, damit er dann an die unentwirrbaren Probleme der Nachkriegszeit als jemand herangehen konnte, der ausschlie\u00dflich durch seine gesellschaftliche Existenz bedingt ist, aber immer noch gen\u00fcgend Entscheidungsm\u00f6glichkeiten hat, um dieses Bedingtsein auf sich nehmen und daf\u00fcr verantwortlich sein zu k\u00f6nnen. Denn ich habe niemals aufgeh\u00f6rt zu zeigen, dass jeder letztlich daf\u00fcr verantwortlich ist, was man aus ihm macht.<\/h3>\n<p><i>Sartre \u00fcber Sartre<\/i>, S.145<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ja, und diese Einsch\u00e4tzung der menschlichen Existenz f\u00fchrte Sie zum Marxismus und zum Klassenkampf. Zwar sind Sie\u00a0nicht in\u00a0die kommunistische Partei eingetreten, aber Sie nahmen an politischen K\u00e4mpfen teil und unterst\u00fctzten solche mit Worten und dabei bef\u00fcrworteten Sie die Revolution.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> Als ich den Klassenkampf entdeckte, war das eine echte Entdeckung, von deren Wahrheit ich noch heute zutiefst \u00fcberzeugt bin, und zwar glaube ich an sie genau in der Form, in der Marx sie beschrieben hat. Die Zeit hat sich ge\u00e4ndert, aber es ist immer noch derselbe Kampf derselben Klassen auf demselben Weg zum Sieg. Die Hoffnung auf eine baldige und vollst\u00e4ndige Befreiung ist utopisch. Wir k\u00f6nnen also schon verschiedene Grenzen und Einschr\u00e4nkungen einer zuk\u00fcnftigen Revolution voraussehen; aber wer das als Entschuldigung daf\u00fcr nimmt, dass er heute nicht f\u00fcr die Revolution k\u00e4mpft, der ist ganz einfach ein Konterrevolution\u00e4r.<\/h3>\n<p><i>Sartre \u00fcber Sartre<\/i>, S.149,163<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Hier findet sich der Ansatz f\u00fcr die Entzweiung zwischen Ihnen und Herrn Albert Camus. Was haben Sie, Herr Camus, zur Revolution zu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus<\/span> Die Gedanken, die vorgeben, unsere Welt im Namen der Revolution zu leiten, sind in Wirklichkeit eine Ideologie der Zustimmung, nicht der Auflehnung geworden. Die zeitgen\u00f6ssische Revolution, die behauptet, jeden Wert zu leugnen, ist in sich schon ein Werturteil. Durch sie will der Mensch herrschen. Die Zukunft kann man nicht vorhersehen, und es kann sein, dass eine Renaissance unm\u00f6glich ist. Obwohl die geschichtliche Dialektik falsch und verbrecherisch ist, kann sich die Welt letzten Endes im Verbrechen, nach einer falschen Idee, verwirklichen. Blo\u00df wird diese Art Resignation hier abgelehnt: man muss auf die Renaissance setzen.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2006, S.278-280<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span>Im Gegensatz zur Revolution verteidigen Sie die Revolte. In Ihrem bekannten Buch <i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, nach dessen Erscheinen es zum Bruch zwischen Ihnen und Herrn Jean-Paul Sartre kam, legen Sie klar, was unter der Revolte zu verstehen ist. K\u00f6nnen Sie mit ein paar S\u00e4tzen das Wesentliche hierzu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Die Bejahung einer Grenze, einer W\u00fcrde und einer den Menschen gemeinsamen Sch\u00f6nheit zieht nur die Notwendigkeit nach sich, diesen Wert auf alle und alles auszudehnen und auf die Einheit zuzugehen, ohne die Urspr\u00fcnge zu verleugnen. In diesem Sinn rechtfertigt die Revolte in ihrer urspr\u00fcnglichen Echtheit kein rein geschichtliches Denken. Die Forderung der Revolte ist die Einheit, die Forderung der geschichtlichen Revolution die Totalit\u00e4t.<\/h3>\n<p><i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, S.282-283<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Trotz dieser grundlegenden Unterschiede wird die menschliche Verantwortung von Ihnen beiden hervorgehoben und bef\u00fcrwortet, und ich finde es schade, dass Sie diesen Gedanken nicht gemeinsam weiterentwickelt haben.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Zwei Beobachtungen st\u00fctzen diesen Gedanken. Zun\u00e4chst wird man festhalten, dass die Bewegung der Revolte ihrem Wesen nach nicht egoistisch ist. Das Individuum stellt demnach nicht an sich den Wert dar, den es verteidigen will. In der Revolte \u00fcbersteigert sich der Mensch im andern, von diesem Gesichtspunkt aus ist die menschliche Solidarit\u00e4t eine metaphysische.<\/h3>\n<p><i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, S.24-25<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> In <i>Der Existenzialismus ist ein Humanismus<\/i> erkl\u00e4re ich, wie jede Entscheidung eines Menschen, und zwar im engsten wie im weitesten Sinne des Wortes, einen Gesetzgeber aus ihm macht, der f\u00fcr die gesamte Menschheit entscheidet. Daher muss er ein tiefes und umfassendes Verantwortungsgef\u00fchl haben.<\/h3>\n<p><i>Sartre \u00fcber Sartre<\/i>, S.131<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen beiden f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-426 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='426' data-nonce='bc72a68636' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-426 lc'>+165<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-426 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Albert Camus und Herr Jean-Paul Sartre. 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Januar 1953 in Heidelberg geboren. Mit sechs Jahren kam ich in die Friedrich List Schule in Frankfurt Nied. Im Jahr 1972 machte ich an der Main-Taunus-Schule in Hofheim mein Abitur. Danach studierte ich an der Johann Wolfgang Goethe - Universit\u00e4t in Frankfurt am Main Franz\u00f6sisch und Sozialkunde f\u00fcr das Lehramt und bestand die Erste Staatspr\u00fcfung im Jahr 1976 mit der Note gut. Im selben Jahr heiratete ich einen Franzosen und zog nach Paris. Durch meine Heirat trage ich den Namen Christa Duris Stadler. Im Jahr 1977 wurde mein Sohn Daniel geboren und im Jahr 1982 mein Sohn David. Ab dem Studienjahr 1983-1984 studierte ich Deutsch an der Universit\u00e4t in Paris X - Nanterre. Nach meinem Dipl\u00f4me d'\u00e9tudes approfondies mit mention: bien begann ich meinen Doctorat. Am 7. Januar 1994 promovierte ich mit meiner Doktorarbeit: L'Allemagne vue \u00e0 travers des p\u00e9riodiques protestants fran\u00e7ais (1933 -1940). Seit dem Jahr 2013 betreibe ich eine Webseite mit dem Titel: Ber\u00fchmte Menschen, immer noch aktuell (https:\\\/\\\/www.einjahrzitate.de), auf der ich unter dem Namen Orelie fiktive Gespr\u00e4che mit ber\u00fc\u1e27mten Personen f\u00fchre. Ich habe auch einen Roman Wirklichkeit und Entscheidungen geschrieben und habe mittlerweile einen weiteren begonnen, der in den siebziger und achtziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland spielt. Zusammen mit meinem Ehemann bin ich, \u00fcber die Organisation Partage, Patin eines M\u00e4dchens in Brasilien. 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