{"id":392,"date":"2014-04-28T15:35:38","date_gmt":"2014-04-28T14:35:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=392"},"modified":"2024-11-02T19:23:45","modified_gmt":"2024-11-02T18:23:45","slug":"interview-sartre-zeit-der-reife","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=392","title":{"rendered":"Interview: Jean-Paul Sartre &#8211; Zeit der Reife"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/reife.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-398\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/reife.jpg\" alt=\"reife\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/reife.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/reife-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Jean-Paul Sartre. Ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber den ersten Band Ihrer Romantrilogie <i>Die Wege der Freiheit<\/i> sprechen wollen. Dieser Roman <i>L&rsquo;\u00c2ge de raison<\/i> erschien auf Deutsch unter dem Titel <i>Zeit der Reife<\/i>. Der Protagonist Ihres Romans ist der Philosophielehrer Mathieu Delarue. Er ist vierunddrei\u00dfig Jahre alt und hat sich bisher weder einer Aufgabe, noch einer Liebe voll hingegeben. Kann man sagen, er lebt nur in den Tag hinein?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> \u00dcber tausend kleine allt\u00e4gliche Sorgen hinweg wartete er; nat\u00fcrlich lief er dabei den Frauen nach, er reiste, au\u00dferdem musste er seinen Lebensunterhalt verdienen. Bei alldem aber war er einzig darauf bedacht gewesen, sich zur Verf\u00fcgung zu halten. F\u00fcr eine freie, \u00fcberlegte Tat, die sein ganzes Leben binden und am Anbeginn einer neuen Existenz stehen sollte.<\/h3>\n<p>Jean-Paul Sartre, <i>Zeit der Reife<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 1961, S.57<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Zu einer solchen freien Tat wird er herausgefordert, weil Marcelle, seine Geliebte, unerwartet schwanger geworden ist. Wie ist ihm zumute?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> Marcelle war schwanger; es war nicht mehr derselbe Sommer. Sie schlief, ihr K\u00f6rper badete in dicht belaubtem Schatten, er schwitzte im Schlaf. Ihre sch\u00f6nen, braunen, malvenfarbigen Br\u00fcste waren schlaff, Tr\u00f6pfchen, hell und salzig wie Bl\u00fcten, bildeten sich rund um ihre Warzen. Sie schl\u00e4ft. Das Bl\u00e4schen in ihrem Bauch schl\u00e4ft nicht, hat keine Zeit zu schlafen: es n\u00e4hrt sich und w\u00e4chst. Die Zeit verging mit harten, unwiderruflichen St\u00f6\u00dfen. Das Bl\u00e4schen wuchs.<\/h3>\n<p><i>Zeit der Reife<\/i>, S.54<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Er will das Kind\u00a0 abtreiben lassen und das daf\u00fcr ben\u00f6tigte Geld beschaffen, ohne dass er wei\u00df, ob auch Marcelle einer Abtreibung zustimmen will. Seine Gef\u00fchle f\u00fcr Marcelle bringt er in einem Gespr\u00e4ch mit Daniel, einem Freund der beiden, zum Ausdruck. Was sagt er?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> Ich lieb&rsquo; sie nicht mehr. Ich will sie nicht sitzenlassen. Um so schlimmer f\u00fcr mich. Es ist nicht ihre Schuld, wenn ich sie nicht mehr liebe. Au\u00dferdem h\u00e4ng&rsquo; ich an ihr; f\u00fcr mich w\u00e4r&rsquo;s verdammt \u00e4rgerlich, sie nicht mehr zu sehn. Nur entstehn dabei so was wie Familienbande.<\/h3>\n<p><i>Zeit der Reife<\/i>, S.103-104<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Marcelle spricht ebenfalls mit Daniel \u00fcber ihre Schwangerschaft. Was geht aus diesem Gespr\u00e4ch hervor?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> Es war der entscheidende Moment; Daniel wiederholte streng: \u201eNicht wahr? Das Kind wollen Sie?\u201d Marcelle st\u00fctzte sich mit einer Hand aufs Kopfkissen und hatte die andere in den Scho\u00df gelegt. Sie hob sie ein wenig an und legte sie auf ihren Bauch, als h\u00e4tte sie Leibschmerzen; eine merkw\u00fcrdig anziehende Bewegung. Sie sagte verloren: \u201eJa. Ich will das Kind.\u201d<\/h3>\n<p><i>Zeit der Reife<\/i>, S.176<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Am Ende erkl\u00e4rt sich Daniel, der homosexuell ist, bereit, die sitzengelassene Marcelle zu heiraten. Aber Mathieu f\u00fchlt sich deswegen keineswegs frei, denn er wurde durch Daniels Entscheidung seiner eigenen Freiheit beraubt. Was sagt er zu Daniel und was denkt er daraufhin?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> \u201eDu musst in einem komischen Zustand sein\u201d, sagte er. \u201eJa, in einem komischen Zustand\u201d,\u00a0sagte Daniel. Mathieu sagte pl\u00f6tzlich:\u201eIch m\u00f6cht&rsquo; an deiner Stelle sein.\u201d\u00a0\u201eAn meiner Stelle?\u201d wiederholte \u00a0Daniel ohne sonderliche \u00dcberraschung. \u201eJa.\u201d Daniel zuckte die Achseln und sagte: \u201eIn dieser Geschichte bist du in jeder Hinsicht der Gewinner. Du bist frei.\u201d \u201eNein\u201d, sagte Mathieu und sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eWenn man eine Frau verl\u00e4sst, ist man noch nicht frei. Tats\u00e4chlich hab&rsquo; ich Marcelle umsonst verlassen.\u00a0In dieser ganzen Geschichte bestand ich nur aus Ablehnung und Verneinung: Marcelle ist nicht mehr in meinem Leben, aber alles andere ist noch da.\u201d Er wurde von Daniel f\u00f6rmlich gebannt. Er dachte: &lsquo;Ist das die Freiheit? Er hat gehandelt: er kann jetzt nicht mehr zur\u00fcck; es muss ihm seltsam vorkommen, hinter sich eine unbekannte Tat zu wissen, die er fast schon nicht mehr begreift und die sein Leben ver\u00e4ndern wird. Alles, was ich tue, tu&rsquo; ich umsonst; als ob man mich um die Folgen meiner Taten best\u00e4hle; alles geht vorbei, als wenn ich meine Z\u00fcge immer wieder zur\u00fccknehmen k\u00f6nnte. Ich wei\u00df nicht, was ich alles f\u00fcr eine unmissverst\u00e4ndliche Tat geben w\u00fcrde.&rsquo;<\/h3>\n<p><i>Zeit der Reife, S.331-332<\/i><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Dieser Roman ist von einem sehr individualistischen Standpunkt der Freihei gepr\u00e4gt, den Sie in den folgenden Jahren aufgaben. An seiner Stelle traten die gesellschaftlichen Umst\u00e4nde als vorrangig in Ihre Blickweise. Was haben Sie hierauf zu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jean-Paul Sartre:<\/span> Nach dem Krieg kam dann die echte Erfahrung: die Erfahrung der Gesellschaft. Das hei\u00dft, der egoistische Vorkriegsindividualist musste gegen seinen Willen in die geschichtliche Wirklichkeit gesto\u00dfen werden, gleichzeitig aber gerade noch ja oder nein sagen k\u00f6nnen, damit er dann an die unentwirrbaren Probleme der Nachkriegszeit als jemand herangehen konnte, der ausschlie\u00dflich durch seine gesellschaftliche Existenz bedingt ist, aber immer noch gen\u00fcgend Entscheidungsm\u00f6glichkeiten hat, um dieses Bedingtsein auf sich zu nehmen und daf\u00fcr verantwortlich sein zu k\u00f6nnen. Denn ich habe niemals aufgeh\u00f6rt zu zeigen, dass jeder letztlich daf\u00fcr verantwortlich ist, was man aus ihm macht, selbst dann, wenn ihm nichts andres \u00fcbrigbleibt, als diese Verantwortung auf sich zu nehmen. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass der Mensch immer etwas aus dem machen kann, was man aus ihm macht. Heute w\u00fcrde ich den Begriff Freiheit folgenderma\u00dfen definieren: Freiheit ist jene kleine Bewegung, die aus einem v\u00f6llig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herr\u00fchrt.<\/h3>\n<p>Jean-Paul Sartre, <i>Sartre \u00fcber Sartre, Aufs\u00e4tze und Interviews 1940-1976<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 1985, S.145<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Sartre, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-392 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='392' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-392 lc'>+107<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-392 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Jean-Paul Sartre. 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