{"id":373,"date":"2014-04-10T19:08:27","date_gmt":"2014-04-10T18:08:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=373"},"modified":"2024-11-02T19:25:27","modified_gmt":"2024-11-02T18:25:27","slug":"interview-boll-ansichten-eines-clowns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=373","title":{"rendered":"Interview: Heinrich B\u00f6ll &#8211; Ansichten eines Clowns"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/fleur_jaune.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-375\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/fleur_jaune.jpg\" alt=\"fleur_jaune\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/fleur_jaune.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/fleur_jaune-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Heinrich B\u00f6ll. Ihr Roman <i>Ansichten eines Clowns<\/i> ist eine Ich-Erz\u00e4hlung, aber es w\u00e4re falsch, den Clown mit Ihnen zu identifizieren. Doch k\u00f6nnen wir bei unserem Gespr\u00e4ch das <i>Ich<\/i> gerne beibehalten, das f\u00fcr einen Menschen steht, der in den f\u00fcnfziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland lebte. Was k\u00f6nnen Sie \u00fcber diese Person sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Ich bin ein Clown, offizielle Berufsbezeichnung: Komiker, keiner Kirche steuerpflichtig, siebenundzwanzig Jahre alt. Ich selbst bin nicht religi\u00f6s, nicht einmal kirchlich, und bediene mich der liturgischen Texte und Melodien aus therapeutischen Gr\u00fcnden: sie helfen mir am besten \u00fcber die beiden Leiden hinweg, mit denen ich von Natur belastet bin: Melancholie und Kopfschmerz.<\/h3>\n<p>Heinrich B\u00f6ll, <i>Ansichten eines Clowns<\/i>, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen, 1997, S.8-9<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Hans Schnier, das ist der Name des Clowns, lebt mit Marie, einer frommen Katholikin zusammen, ohne dass sie standesamtlich oder kirchlich getraut sind. Es kommt zu Spannungen zwischen den beiden, als nach f\u00fcnf Jahren Marie ihm erkl\u00e4rt, ihre Kinder katholisch erziehen zu wollen. Hans nennt es ihren <i>metaphysischen Schrecken<\/i>. Was hat es mit diesem auf sich?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Ihr metaphysischer Schrecken bezog sich einzig und allein auf meine Weigerung, uns standesamtlich trauen, unsere Kinder katholisch erziehen zu lassen. Wir hatten noch gar keine Kinder, sprachen aber dauernd dar\u00fcber, wie wir sie anziehen, wie wir mit ihnen sprechen, wie wir sie erziehen wollten, und wir waren uns in allen Punkten einig, bis auf die katholische Erziehung. Ich war einverstanden, sie taufen zu lassen. Marie sagte, ich m\u00fcsse es schriftlich geben, sonst w\u00fcrden wir nicht kirchlich getraut. Als ich mich mit der kirchlichen Trauung einverstanden erkl\u00e4rte, stellte sich heraus, dass wir auch standesamtlich getraut werden mussten &#8211; und da verlor ich die Geduld, und ich sagte, wir sollten doch noch etwas warten, jetzt k\u00e4me es ja wohl auf ein Jahr nicht mehr an, und sie weinte und sagte, ich verst\u00fcnde eben nicht, was es f\u00fcr sie bedeute, in diesem Zustand zu leben und ohne die Aussicht, dass unsere Kinder christlich erzogen w\u00fcrden.<\/h3>\n<p><i>Ansichten eines Clowns<\/i>, S.78<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Marie verl\u00e4sst Hans, der nach ihr sucht und dem es schwer f\u00e4llt, mit dem Gesichtstraining eines Clowns weiterzumachen. Worin sieht er die Ursache dieser Schwierigkeit?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Ich ging immer, wenn ich vom Training kam, ganz nah an Marie heran, bis ich mich in ihren Augen sah: winzig, ein bisschen verzerrt, doch erkennbar: das war ich und war doch derselbe, vor dem ich im Spiegel Angst hatte. Ich trainierte nicht. Es war niemand da, der mich aus dem Spiegel zur\u00fcckgeholt h\u00e4tte.<\/h3>\n<p><i>Ansichten eines Clowns<\/i>, S.157<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Marie heiratet einen Katholiken, und Hans kann seiner Arbeit als Clown nicht mehr nachgehen. Er hat bald kein Geld mehr und so hofft er auf Freunde, seinen Bruder, der Priester geworden ist, seinen Gro\u00dfvater, seinen Vater und dessen Geliebte. Er will sogar ihm bekannte Menschen, die in der Adenauer-\u00c4ra ihre Nazi-Vergangenheit einfach abwarfen, um Geld bitten. Aber er schafft es nicht, Geld zu bekommen und was wird aus ihm?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Das Kissen unter den linken, die Gitarre unter den rechten Arm geklemmt, ging ich zum Bahnhof zur\u00fcck. Ich legte mein Kissen auf die dritte Stufe von unten, setzte mich hin, nahm den Hut ab und legte die Zigarette hinein, nicht genau in die Mitte, nicht an den Rand, so, als w\u00e4re sie von oben geworfen worden, und fing an zu singen: \u201eDer arme Papst Johannes\u201d, niemand achtete auf mich, das w\u00e4re auch nicht gut gewesen: nach einer, nach zwei, drei Stunden w\u00fcrden sie schon anfangen, aufmerksam zu werden. Ich erschrak, als die erste M\u00fcnze in meinen Hut fiel: es war ein Groschen, er traf die Zigarette, verschob sie zu sehr an den Rand. Ich legte sie wieder richtig hin und sang weiter.<\/h3>\n<p><i>Ansichten eines Clowns<\/i>, S.275<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Heute ist Ihr Roman, der 1963 erschien, als eine satirische Erz\u00e4hlung der Adenauer-\u00c4ra anerkannt. Und in Ihrem Nachwort zu der Auflage aus dem Jahr 1985, schreiben Sie, dass es f\u00fcr die damaligen jungen Leute nicht zu verstehen sei, wieso Ihr Buch eine solche Aufregung verursachte. Was war Ihr Anliegen, als Sie es schrieben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Lernen k\u00f6nnen sie an diesem Buch, wie rasch in unseren Zeiten ein Roman zum <i>historischen<\/i> Roman wird; lernen auch &#8211; und das w\u00e4re m\u00f6glicherweise das einzig zeitlose an diesem Roman-, wie <i>Verbandsdenken<\/i> sich anma\u00dft, im Namen ganzer Bev\u00f6lkerungsgruppen zu sprechen, zu urteilen. In diesem Falle geht es um die uralte, bis heute ungekl\u00e4rte Frage, wie repr\u00e4sentativ katholische Verb\u00e4nde, Organisationen und ihre publizistischen Organe f\u00fcr die immerhin erhebliche statistische Masse von ungef\u00e4hr 26 Millionen deutscher Katholiken sind. Wer spricht da in wessen Namen, wer ist der <i>Wortf\u00fchrer <\/i>f\u00fcr wen? Sollte irgendwann einmal jemand in einer ausf\u00fchrlichen Schrift das kulturelle Defizit des Verbandskatholizismus analysieren, er m\u00fcsste die m\u00fchsame Arbeit auf sich nehmen, eine hundertj\u00e4hrige R\u00fcckentwicklung darzustellen und an Beispielen zu erl\u00e4utern. Dieses harmlose Buch hier f\u00fchrte bei den Wortf\u00fchrern der militant-apologetischen Minderheit, die sich anma\u00dft, f\u00fcr alle deutschen Katholiken zu sprechen, zu Reaktionen, die bis zum Boykott f\u00fchrten.<\/h3>\n<p><i>Ansichten eines Clowns<\/i>, S.277-279<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wir k\u00f6nnen sagen, dass Sie mit <i>Ansichten eines Clowns <\/i>zu gutem Recht f\u00fcr mehr Freiheit im deutschen Katholizismus pl\u00e4dierten? Und wie sehen Sie mittlerweile den Verbandskatholizismus?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Der Anspruch, dass nur Kirche oder Staat, meistens beide gemeinsam, bestimmen d\u00fcrfen, was eine Ehe ist, wird angezweifelt. Es m\u00fcssen, wenn man vom deutschen Katholizismus spricht, vier Kategorien voneinander unterschieden werden: der Verbandskatholizismus, in dem es auch zu br\u00f6ckeln beginnt, etwa innerhalb der organisierten katholischen Jugend, die Amtskirche, die deutschen Katholiken und die katholische Theologie, die das kulturelle Defizit l\u00e4ngst aufgeholt hat.<\/h3>\n<p><i>Ansichten eines Clowns<\/i>, S.280-282<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr B\u00f6ll, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-373 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='373' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-373 lc'>+114<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-373 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Heinrich B\u00f6ll. 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