{"id":338,"date":"2014-03-07T13:32:14","date_gmt":"2014-03-07T12:32:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=338"},"modified":"2024-11-02T16:40:05","modified_gmt":"2024-11-02T15:40:05","slug":"interview-kafkawilliams-im-bann-des-schreibens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=338","title":{"rendered":"Interview: Franz Kafka~Tennessee Williams &#8211; Im Bann des Schreibens"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/kafka_tennessee.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-342\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/kafka_tennessee.jpg\" alt=\"kafka_tennessee\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/kafka_tennessee.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/kafka_tennessee-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Franz Kafka und Herr Tennessee Williams. F\u00fcr Sie beide, wie f\u00fcr die meisten gro\u00dfen Schriftsteller, ist das Schreiben eine Lebensnotwendigkeit. Was bedeutet f\u00fcr Sie, Herr Williams\u00a0die Tatsache ein Schriftsteller zu sein?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Was hei\u00dft es wohl, Schriftsteller zu sein? Ich w\u00fcrde sagen, es hei\u00dft, frei zu sein. Frei sein hei\u00dft, das Ziel des Lebens erreicht zu haben. Es bedeutet zugleich eine beliebige Anzahl von Freiheiten. Es bedeutet die Freiheit zu pausieren, falls einem danach ist, zu verreisen, wann und wohin es einem gef\u00e4llt, es bedeutet, fluchtartig Hotels zu verlassen, gl\u00fccklich oder traurig, hemmungslos und ohne gro\u00dfes Bedauern. Es bedeutet die Freiheit zu <i>sein<\/i>, und, wie jemand sehr klug bemerkt hat: Wenn du nicht du selbst sein kannst, was hat es dann f\u00fcr einen Sinn, \u00fcberhaupt irgend etwas zu sein?<\/h3>\n<p>Tennessee Williams, <i>Memoiren<\/i>, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, September 1979, S.289<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> F\u00fcr Sie, Herr Kafka, ist das Schreiben ebenso lebenswichtig. Doch ist es gleichzeitig ein schweres Problem. In Ihrem Tagebuch schreiben Sie, dass Ihr Leben als Schriftsteller, ein <i>schreckliches Doppelleben<\/i> f\u00fcr Sie bedeutet. K\u00f6nnen Sie uns das erkl\u00e4ren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Franz Kafka:<\/span> Wie ich heute aus dem Bett steigen wollte bin ich einfach zusammengeklappt. Es hat das einen sehr einfachen Grund, ich bin vollkommen \u00fcberarbeitet. Nicht durch das Bureau aber durch meine sonstige Arbeit. Das Bureau hat nur dadurch einen unschuldigen Anteil daran, als ich, wenn ich nicht hinm\u00fcsste, ruhig f\u00fcr meine Arbeit leben k\u00f6nnte und nicht diese 6 Stunden dort t\u00e4glich verbringen m\u00fcsste, die mich besonders Freitag und Samstag, weil ich voll meiner Sachen war gequ\u00e4lt haben, dass Sie es sich nicht ausdenken k\u00f6nnen. Nur ist es eben f\u00fcr mich ein schreckliches Doppelleben, aus dem es wahrscheinlich nur den Irrsinn als Ausweg gibt.<\/h3>\n<p>Franz Kafka, <i>Tageb\u00fccher 1909-1912<\/i>, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Juni 2008, S.26<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie stellen beim Schreiben auch sehr hohe Anforderungen an sich selbst, und ist es daher nicht allzu leicht verst\u00e4ndlich, dass die Angst Sie \u00fcberkommt, diesen nicht gerecht werden zu k\u00f6nnen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Franz Kafka:<\/span> Ich f\u00fchle allzusehr die Grenzen meiner F\u00e4higkeit, die, wenn ich nicht vollst\u00e4ndig ergriffen bin, zweifellos nur eng gezogen sind. Und ich glaube selbst im Ergriffensein nur in diese engen Grenzen gezogen zu werden, die ich dann allerdings nicht f\u00fchle, da ich gezogen werde. Ich bin heute sehr stark zur\u00fcckgewichen. Aber ich wei\u00df, dass ich nicht nachgeben darf, wenn ich \u00fcber die untersten Leiden des schon durch meine \u00fcbrige Lebensweise niedergehaltenen Schreibens in die gr\u00f6\u00dfere auf mich vielleicht wartende Freiheit kommen will.<\/h3>\n<p>Franz Kafka, <i>Tageb\u00fccher 1914-1923<\/i>, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Juni 2008, S.37-38<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> F\u00fcr Sie, Herr Tennessee Williams ist Franz Kafka ein <i>wahrhafter Schriftsteller<\/i>. Dagegen f\u00e4llt Ihr Urteil \u00fcber viele Schriftsteller nicht gerade positiv aus.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Ich wei\u00df, dass viele Schriftsteller sich sozusagen als Facharbeiter bet\u00e4tigen, und das ist ganz etwas anderes. Vielleicht sind sie damit die \u00ab\u00a0besseren\u00a0\u00bb Schriftsteller, im konventionellen Sinne dieses Wortes &#8211; immer auf dem laufenden, was Bestseller-Tr\u00e4chtigkeit angeht, und eine Freude ihrer Verleger und vermutlich auch ihrer Leserschaft. Doch sie sind nicht frei und somit nicht das, was ich, in seiner Daseinsform, als wahrhaften Schriftsteller betrachte.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.289<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was k\u00f6nnen Sie, Herr Kafka hierauf sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Franz Kafka:<\/span> Die besondere Art meiner Inspiration in der ich Gl\u00fccklichster und Ungl\u00fccklichster um 2 Uhr\u00a0 nachts schlafen gehe ist die, dass ich alles kann, nicht nur auf eine bestimmte Arbeit hin. Wenn ich wahllos einen Satz hinschreibe z. B. Er schaute aus dem Fenster so ist er schon vollkommen. \u00a0Die besondere\u00a0 Art meiner Inspiration wird vielleicht, wenn ich nur den Gedanken daran ertrage, bleiben, denn sie ist h\u00f6her als alle fr\u00fcheren.<\/h3>\n<p>Tageb\u00fccher 1909-1912, S.27<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen beiden f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-338 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='338' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-338 lc'>+115<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-338 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Franz Kafka und Herr Tennessee Williams. 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