{"id":331,"date":"2014-03-07T13:12:16","date_gmt":"2014-03-07T12:12:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=331"},"modified":"2024-11-02T16:40:36","modified_gmt":"2024-11-02T15:40:36","slug":"interview-willams-memoiren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=331","title":{"rendered":"Interview: Tennessee Willams &#8211; Memoiren"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/tennessee.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-336\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/tennessee.jpg\" alt=\"tennessee\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/tennessee.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/tennessee-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Tennessee Williams. Ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir uns \u00fcber Ihre <i>Memoiren<\/i> unterhalten wollen. Was k\u00f6nnen Sie als erstes dazu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Ich muss Ihnen gestehen, dass ich mit der Abfassung dieser Memoiren aus finanziellen Gr\u00fcnden begonnen habe. Doch ich m\u00f6chte Ihnen ebenfalls sagen, dass ich, kurz nachdem ich mich an die Arbeit gemacht hatte, die gesch\u00e4ftliche Seite des Unternehmens verga\u00df und mich mit wachsendem Vergn\u00fcgen von dieser neuen Form der vorbehaltlosen Selbstenth\u00fcllung gefangennehmen lie\u00df.<\/h3>\n<p>Tennessee Williams, <i>Memoiren<\/i>, Fischer Verlag, Frankfurt\/M, September 1979, S.10<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Diese Selbstenth\u00fcllungen betreffen nicht nur Sie selbst, sondern auch andere Menschen, wie Ihre Schwester Rose, die Ihnen schon in Ihrer Kindheit sehr nahe stand. Wie erlebten Sie die Zeit, als schizophrene Anzeichen bei Rose un\u00fcbersehbar waren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Ich wei\u00df noch, wie sie durch die Wohnung irrte und dann in mein kleines Zimmer kam und sagte: \u201eLass uns doch alle zusammen sterben.\u201d Es ist nicht sehr erfreulich, an diese Zeit zur\u00fcckzudenken. Nicht nur, dass Rose wusste, dass sie den Verstand zu verlieren drohte &#8211; erschwerend hinzu kommt, dass ich es gerade damals an G\u00fcte und Freundlichkeit meiner Schwester gegen\u00fcber fehlen lie\u00df. Mein intensiver Umgang mit meinen neuen Freunden nahm mich in einem Ma\u00dfe in Anspruch, dass ich es vers\u00e4umte, dem Schatten, der sich \u00fcber Rose senkte, die n\u00f6tige Beachtung zu schenken. In ihrem Benehmen begannen sich nun kleine Wunderlichkeiten bemerkbar zu machen. Sie war sehr still geworden; ich glaube, sie litt an Schlaflosigkeit und hatte die sonderbare Gewohnheit angenommen, jeden Abend, bevor sie zu Bett ging, einen Krug mit Eiswasser vor ihre T\u00fcr zu stellen.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.58 und 158<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> An Ihrer Schwester wurde einige Jahre sp\u00e4ter eine Lobotomie vorgenommen, und Sie machten Ihren Eltern Vorw\u00fcrfe, weil sie ihre Zustimmung dazu gegeben haben.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Ich betrachte diesen Eingriff als tragisch verfehlt, da ich glaube, dass Rose ohne diese Operation h\u00e4tte gesunden und zu dem, was man ein \u201enormales Leben\u201d nennt, zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, das, trotz seiner vielen Angriffe auf die verletzliche Menschennatur, dem Anstaltsleben immer noch vorzuziehen ist.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.314<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Mehrere der psychiatrischen Kliniken, in denen Ihre Schwester untergebracht wurde, entsprachen nicht Ihren Anspr\u00fcchen. Waren\u00a0Sie froh, Stoney Lodge zu finden?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Stoney Lodge in Ossining. Diese auf einem Steilufer mit Blick \u00fcber den Oberlauf des Hudson erbaute Anstalt ist wundersch\u00f6n gelegen, das dazugeh\u00f6rige Gel\u00e4nde gartenarchitektonisch h\u00f6chst reizvoll gestaltet, und Rose hat ein h\u00fcbsches Zimmer f\u00fcr sich allein, mit Blumentapete. Unter allem, was ich aus meinem Leben gemacht habe, d\u00fcrfte Roses Unterbringung in Stoney Lodge an erster Stelle stehen &#8211; neben einigen gelungenen Arbeiten.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.164<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie sagten, dass es Ihnen ein paarmal an Feinf\u00fchligkeit und Nachsicht gegen\u00fcber Rose gefehlt hat. In Ihren <i>Memoiren<\/i> machen Sie hierf\u00fcr auch Ihre Sch\u00fcchternheit verantwortlich.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Heute wissen nur wenige Menschen, dass ich schon immer au\u00dferordentlich sch\u00fcchtern war und es auch jetzt noch, als \u201ealtes Fossil\u201d, bin. Als \u201eFossil\u201d kompensiere ich meine Sch\u00fcchternheit mit der typisch Williamsschen Herzhaftigkeit und herausforderndem Benehmen, zuweilen auch mit explosiven Wutausbr\u00fcchen. In meinen High School-Tagen stand mir diese Fassade noch nicht zur Verf\u00fcgung &#8211; ich musste ohne Maske leben, und ebenfals in der University City High School begann folgende Heimsuchung: ich err\u00f6tete, sobald mir jemand in die Augen sah.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.31<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> In Ihrem Lebensgef\u00e4hrten Frank Merlo fanden Sie einen wichtigen Halt in Ihrem Leben, obwohl Sie zun\u00e4chst vor einer dauerhaften Bindung zur\u00fcckschreckten.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Ich war zu sehr an meine Freiheit gew\u00f6hnt. Ich fuhr nach St. Louis, um Mutter zu besuchen. Und dort, unter dem m\u00fctterlichen Dach, wurde mir unmissverst\u00e4ndlich klar, dass mein Herz, schon allzulange der Fl\u00fcchtigkeit preisgegeben, bei dem jungen Sizilianer endlich eine Heimstatt gefunden hatte. Ich schickte ihm aus St. Louis ein Telegramm: \u201eAnkomme morgen New York. Bitte warte in Wohnung auf mich.\u201d Als ich nach Mitternacht meine Wohnung betrat, schien niemand da zu sein &#8211; von Frankie keine Spur, und ich kam mir v\u00f6llig verlassen vor. Doch dieses Gef\u00fchl hielt nur so lange an, bis ich die T\u00fcr des Wassermann-Schlafzimmers \u00f6ffnete. Dort auf dem riesigen Bett lag der kleine Frankie; er schlief. So begann also eine Beziehung, die vierzehn Jahre andauern sollte.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.198<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Bei Frank wurde Lungenkrebs, der nicht mehr operierbar war, festgestellt. Sie waren bei ihm in dem Memorial-Hospital in New York.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Ich sa\u00df an seinem Bett und hielt seine Hand, bis ein Pfleger mich darauf aufmerksam machte, dass meine Besuchszeit vor\u00fcber sei. Danach besuchte ich ihn jeden Tag, bis er entlassen wurde. Kurz vor seiner Entlassung oder m\u00f6glicherweise auch kurz nach der Operation rief ich seine \u00c4rzte an, die mir sagten, dass Frankies Lungenkrebs inoperabel sei. Die Wucherung s\u00e4\u00dfe dicht am Herzen und sei so vorgeschritten, dass eine erfolgreiche Operation sich ausschl\u00f6sse. \u201eWie lange?\u201d fragte ich. Die Antwort lautete: \u201eSechs Monate.\u201d Ich legte auf und brach in Tr\u00e4nen aus.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.239<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> In den Monaten vor seinem Tod magerte Frank drastisch ab und wurde von Tag zu Tag schw\u00e4cher. Nachdem er in dem Memorial-Hospital, das er st\u00e4ndig aufsuchen musste, in ein Einzelzimmer verlegt wurde, wussten Sie, dass er an einem der kommenden Tage sterben w\u00fcrde. Wie haben Sie diese Zeit in Ihrer Erinnerung aufbewahrt?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Es macht mich traurig, mir die letzten Erinnerungen an den lebenden Frankie ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckzurufen. Und doch enthalten sie so manches, was des bewundernden Erinnerns wert ist, wie etwa seine Seelenst\u00e4rke und sein bis zuletzt ungebrochener Stolz. Dann ging Frankie ein letztes Mal ins Memorial-Hospital. Als er sich anzog, betrat ich das Schlafzimmer, um ihm behilflich zu sein, doch er lehnte jede Hilfe ab. Er warf seinen Morgenrock ab &#8211; sein K\u00f6rper, vormals der eines kleinen Herkules, glich nun eher dem Skelett eines Sperlings. Als wir die Halle des Krankenhauses betraten, war er zum erstenmal zu schwach, seine Station zu Fu\u00df aufzusuchen, und lie\u00df sich in einen Rollstuhl setzen. Es war Frankies bester Freund, der mir auf sehr menschliche Weise mitteilte, dass Frankie gestorben sei. Meine erste Reaktion ist heute schwer zu analysieren. Am ehesten war es wohl Erleichterung dar\u00fcber, dass unser beider Qualen ein Ende gefunden hatten. Die seinen, ja. Meine nicht. Ich stand an der Schwelle eines schrecklichen Lebensabschnittes. Solange Frankie gesund war, war ich gl\u00fccklich. Er hatte das Talent zum Leben, und als er tot war, gelang mir die Gestaltung meines eigenen Lebens nicht mehr. Und dann kam die Depression, die sieben lange Jahre anhielt.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.243-245<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Kommen wir noch auf Anna Magnani zu sprechen, mit der Sie eine enge und aufrichtige Freundschaft verband.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Ich habe mich oft gefragt, wie sie es schaffte, in der Gesellschaft zu leben, ohne sich deren Konventionen zu beugen. Ich kann nur so viel sagen, dass ich an ihr niemals ein Zeichen mangelnder Selbstsicherheit festgestellt habe, noch die leiseste Unsicherheit in ihrer Beziehung zu jener Gesellschaft, \u00fcber deren Konventionen sie sich ihr ganzes Leben lang und in aller \u00d6ffentlichkeit hinweggesetzt hat. Sie sah jedem, mit dem sie zu tun hatte, gerade in die Augen, und w\u00e4hrend der goldenen Jahre, in denen uns eine herzliche Freundschaft verband, habe ich nie ein unwahres Wort aus ihrem Mund vernommen.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.206<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie sagen, dass Anna Magnani stolz darauf war, sich \u00fcber Konventionen einfach hinwegzusetzen, und wie stehen Sie zu dieser Lebensweise, die ja auch die Ihre betrifft?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Sie stand so sehr au\u00dferhalb jeder Konvention wie niemand sonst, den ich in meinem Leben gekannt habe, und ich nehme an, das war es, was uns so fest verband. In dieser Unb\u00fcrgerlichkeit wurzelte wohl auch ihre stolze Selbstsicherheit, bei mir hingegen ist sie die Ursache meiner Unsicherheit und des Schuldgef\u00fchls, das mein Leben f\u00fcr immer \u00fcberschattet.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.209<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Tennessee Williams, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-331 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='331' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-331 lc'>+109<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-331 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Tennessee Williams. 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