{"id":3273,"date":"2026-03-29T18:06:50","date_gmt":"2026-03-29T17:06:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=3273"},"modified":"2026-03-29T19:05:44","modified_gmt":"2026-03-29T18:05:44","slug":"roger-willemsen-episoden-aus-seiner-kindheit-und-jugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=3273","title":{"rendered":"Roger Willemsen &#8211; Episoden aus seiner Kindheit und Jugend"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/gelbe_blumen.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/gelbe_blumen.png\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"75\" class=\"alignnone size-full wp-image-3283\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/gelbe_blumen.png 601w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/gelbe_blumen-300x37.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 601px) 100vw, 601px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Roger Willemsen. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. Wir werden \u00fcber einige besondere Begebenheiten aus Ihrer Kindheit und Ihrer Jugend sprechen. Mit welcher m\u00f6chten Sie beginnen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Mein Vater war Maler gewesen, hatte in D\u00fcsseldorf einer K\u00fcnstlervereinigung angeh\u00f6rt und dort auch ausgestellt. Als er meine Mutter kennenlernte, war sie Schneiderin. Der Krieg hatte ihre schulische Weiterbildung verhindert, ihre Eltern waren tot. So zog der neunzehn Jahre \u00e4ltere Mann mit der jungen, lebenslustigen Sch\u00f6nheit nach Bonn, wo er im Denkmalpflegeamt als Restaurator arbeitete. Der Kunstverstand meines Vaters war staunenswert. \u00dcber hundert Skulpturen hat er aus Dorfkirchen des Rheinlands geborgen, hat sie von ihren zahllosen \u00dcbermalungen Farbschicht f\u00fcr Farbschicht befreit und ihnen ihre mittelalterliche Fassung zur\u00fcckgegeben. Zugleich aber war sein Verst\u00e4ndnis der Gegenwartsmalerei nicht minder profund, und der Verkauf einiger Bilder von Paul Klee, die er f\u00fcr sehr wenig Geld erworben hatte, erm\u00f6glichte uns sp\u00e4ter den Bau eines ganzen Hauses.<\/h3>\n<p>Roger Williamsonainer, <i>Nur zur Ansicht<\/i>, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2012,  E-Book, Amazon<br \/>\nS.9-10<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Vorher wohnten Ihre Familie und so auch Sie in einem Haus, das zu dem Besitz eines F\u00fcrsten geh\u00f6rte.<\/h3>\n<h3><span style=\" color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Die ersten f\u00fcnf Jahre meines Lebens brachte ich in der geschlossenen h\u00f6fischen Welt des Schlosses zu, buddelte Tulpenzwiebeln aus den Beeten, tr\u00e4umte im Rosengarten. R\u00fcckblickend kommt es mir so vor,  als h\u00e4tten wir drei Kinder &#8211; meine Eltern zeugten nach zwei S\u00f6hnen noch eine Tochter &#8211; ein Element der Unordnung in die Schloss-Welt getragen. Abgesehen von der anf\u00e4nglichen sozialen Verankerung unserer Famile im unteren Mittelstand geh\u00f6rten meine Eltern weitl\u00e4ufig zur Boheme.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.12<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Von welchem Erlebnis k\u00f6nnen Sie aus Ihrer Jugendzeit berichten?<\/h3>\n<h3><span style=\" color:#3366ff;\">Roger Wellemsen:<\/span> Ich war siebzehn, verliebt und Internatssch\u00fcler an der Nordsee. Meine Geliebte war achtzehn, erfahren und Gymnasiastin im Rheinland. Telefonate waren zu teuer, Briefe schrieben wir fast t\u00e4glich, und in ihnen trug uns das Schmachten dauernd \u00fcber alle Horizontlinien davon, weit weg. Meine Freundin hie\u00df nicht Yvonne, ich nenne sie hier nur so, weil ich damals Namen am sch\u00f6nsten fand, wenn sie mit Y begannen. Sie nahm meine Tr\u00e4ume in Empfang und tr\u00e4umte sie weiter, \u00fcber die Landesgrenzen hinaus.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.21<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Wo fuhren Sie beide schlie\u00dflich hin? <\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Wellemsen:<\/span> \u00dcber die Weltkarte gebeugt, entschieden wir, dass das erschwinglichste Weite \u00ab\u00a0Sardinien\u00a0\u00bb hie\u00df. Auf der F\u00e4hre nach Olbia, Sardinien, haben wir uns gek\u00fcsst, Ru\u00dfflocken flogen aus dem Schornstein in Yvonnes Haar, nach Salz und Asche schmeckte, was wir atmeten, und unsere albernen Segeltuch-Sonnenh\u00fcte hatten uns, als der Abend kam, vor dem Sonnenbrand nicht gesch\u00fctzt. \u00ab\u00a0Viva, la Sardegna!\u00a0\u00bb, riefen wir, als wir die F\u00e4uste in den Sand der Insel ballten. Immerhin waren wir am Ort unserer Sehnsucht angekommen: allein, verliebt und uns selbst \u00fcberlassen an einem wilden Ort. Bauern mit holzgeschnitzten Gesichtern standen in den Feldern, sa\u00dfen auf den Pl\u00e4tzen in Palaver-Runden. Manchmal baten uns die Frauen ins Haus, w\u00e4rmten Wasser \u00fcber dem Feuer, um unsere H\u00e4nde vor Tisch damit zu \u00fcbergie\u00dfen; man trank den gold-\u00f6ligen, hochprozentigen Wein Sardiniens aus kleinen Pressgl\u00e4sern. Die M\u00e4nner versuchten w\u00e4hrenddessen , weltl\u00e4ufig zu erscheinen, Konversation zu machen und die Kultur ihres Landes zu verherrlichen. Auf den Fotos steht Yvonne einmal vor einem Kaktus, einmal rudert sie mich, und einmal hebt sich die Silhouette einer Pinie vom Sonnenuntergang ab. Ich kann diese Bilder bis heute nicht ohne Liebe sehen. <\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.21,24,26<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Wellemsen, geboren wurden Sie in Bonn, machten dort auch Ihr Abitur und studierten in dieser Stadt. Mit welchen Gef\u00fchlen begegnen Sie Bonn, sobald Sie dorthin zur\u00fcckkehren? <\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Was macht jemand, der in seine Heimat zur\u00fcckkehrt und ein Autobahnkreuz findet, wo sein Elternhaus war? Steht er da und sagt: Meine Kreuzung, meine Heimat? Sucht er sich ein Surrogat, eine zweite Heimat? Steht er mit Tr\u00e4nen in den Augen da? Den Wald dort, dann den Acker, den Schwung der H\u00fcgellinie, die einsame Bahnstrecke: Wie viel kann man ihm wegnehmen, und er nennt es immer noch \u00ab\u00a0meine Heimat\u00a0\u00bb?<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.30-31<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Was ist demnach Heimat?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Eine ungef\u00e4hrdete Heimat m\u00fcsste jenseits der Zivilisation liegen, also ferner, der Zeit entzogener Winkel. <\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.38<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Welche Erfahrung haben Sie in dieser Hinsicht mit Bonn gemacht?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Weder die Verkehrsf\u00fchrung noch die Stadtarchitektur, noch strohfeuerartige Versuche, ihr Urbanit\u00e4t zu verleihen, konnten Bonn je ruinieren, nicht den Alten Friedhof, die Universit\u00e4t, das Bonner M\u00fcnster, den Markt mit dem Rathaus, den Bahnhof, den Alten Zoll, von wo das romantische Sehnen \u00fcber den Rhein zieht.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.38-39<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Wollen Sie noch etwas hinzuf\u00fcgen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Im 18. Jahrhundert sa\u00dfen die Menschen an den Poststationen und warteten, dass der Groschenroman erfunden w\u00fcrde. Im 19. Jahrhundert sa\u00dfen sie da mit dem Groschenroman und tr\u00e4umten von etwas, das wie Fernsehen w\u00e4re. Im 20. Jahrhundert hatten sie das Fernsehen.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.30-31<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie beurteilen Sie dieses?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Das Fernsehen ist der Spiegel einer allt\u00e4glichen Abstimmung, es ist Demokratie in plausibler und absto\u00dfender Form, und die Quote ist nichts anderes als ein Votum, das gegen\u00fcber dem politischen Votum noch dazu den Vorzug besitzt, kurzlebig zu sein und rasche Reaktionen zu erlauben. Kein Kabinett verschwindet so schnell vom Bildschirm wie eine Sendung ohne z\u00fcgigen Publikumserfolg.\u00a0\u00bb<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S98-99<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> War das beim Radio, das Sie aus Ihrer Kindheit kannten, ebenso?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Das war sch\u00f6n, das war wirklich und doch weit weg. Diese gro\u00dfe Gleichzeitigkeit war die Realit\u00e4t, aber man wurde nicht von ihr erfasst und man musste in sie nicht eintreten. Dieses Radio war Gro\u00dfmutters Ohr. Damit dehnte sie sich \u00fcber die Welt aus und horchte. Ich erinnere mich, dass sie Sendungen h\u00f6rte, in denen M\u00e4nner sprachen und nicht aufh\u00f6rten zu sprechen, geschichtliche, zoologische, soziologische, politische, verhaltensbiologische Sendungen, Diskussionen, Reden, Vortr\u00e4ge. Auch kommentierte sie, spottete, lobte, \u00ab\u00a0das glaub ich dir!\u00a0\u00bb, rief sie in den Apparat, oder \u00ab\u00a0das k\u00f6nnte dir so passen!\u00a0\u00bb. Dabei gestikulierte sie und fuchtelte mit der offenen Hand vor dem Ger\u00e4t herum, als ob sie ihm Schl\u00e4ge androhen wolle. Ich aber sah immer auf die beiden Ringe auf ihrem vierten Finger, dem Erkennungszeichen der Witwen.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.93-74<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie begriffen, dass Ihre Gro\u00dfmutter sich sehr einsam f\u00fchlte.<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Meine Gro\u00dfmutter wohnte in einem Geh\u00e4use in unserem Garten. Eigentlich lebte sie immer in Trauer. Ihren Mann hatte man im Krieg erschossen. Der Hof, auf dem sie gelebt hatte, existierte nicht mehr, und der Weltraumhund Laika, an den sie ihr Herz geh\u00e4ngt hatte, kam ebenfalls tot zur Erde zur\u00fcck. Es kam nicht viel Gutes aus der Geschichte. Deshalb bewegte sich meine Gro\u00dfmutter nicht in die Au\u00dfenwelt, sa\u00df lieber in ihrem Geh\u00e4use im Garten. <\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.91<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Was gab daher das Radio Ihrer Gro\u00dfmutter?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Roger Willemsen:<\/span> Meine Gro\u00dfmutter war ganz sicher f\u00fcr die Dauer dieser Sitzungen nicht einsam. Wir sa\u00dfen schweigend und h\u00f6rten der Realit\u00e4t in ihrem Rauschen und Brausen zu und waren mit unseren f\u00fcnfundsiebzig Jahren Altersunterschied gleicherma\u00dfen Kinder der Realit\u00e4t und des Radios: oder besser noch: Wir waren wie das Radio: Weltempf\u00e4nger.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.93<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Roger Willemsen, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-3273 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='3273' data-nonce='939d066578' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-3273 lc'>0<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-3273 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Roger Willemsen. 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