{"id":3263,"date":"2026-01-15T18:19:15","date_gmt":"2026-01-15T17:19:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=3263"},"modified":"2026-01-15T18:27:29","modified_gmt":"2026-01-15T17:27:29","slug":"rainer-maria-rilke-auguste-rodin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=3263","title":{"rendered":"Rainer Maria Rilke &#8211; Auguste Rodin"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Terrasses_Saint_Germain_en_Laye.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Terrasses_Saint_Germain_en_Laye.jpg\" alt=\"\" width=\"799\" height=\"100\" class=\"alignnone size-full wp-image-3267\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Terrasses_Saint_Germain_en_Laye.jpg 799w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Terrasses_Saint_Germain_en_Laye-300x38.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Terrasses_Saint_Germain_en_Laye-768x96.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 799px) 100vw, 799px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Rainer Maria Rilke. Ich begr\u00fc\u00dfe Sie zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber Auguste Rodin sprechen werden. Als Sie im Jahr 1901 nach Paris kamen, begannen Sie eine Monographie \u00fcber diesen Bildhauer zu schreiben. Im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrhunderten hatte sich das Wesen der Skulptur ver\u00e4ndert. Wie wirkte sich dieser Zustand auf Auguste Rodin aus?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Er mochte f\u00fchlen, dass es keine Geb\u00e4ude mehr gab, die die Werke der Skulptur um sich versammelten, wie es die Kathedralen getan hatten, diese gro\u00dfen Magnete der Plastik einer vergangenen Zeit. Das Bildwerk war allein. Es brauchte nicht einmal ein Dach. Es war ein Ding, das f\u00fcr sich allein bestehen konnte, und es war gut, ihm ganz das Wesen eines Dinges zu geben, um das man herumgehen und das man von allen Seiten betrachten konnte.<\/h3>\n<p>Rainer Maria Rilke, <i> Auguste Rodin<\/i>, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 1984, S.16<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Und  musste dieses Ding dennoch etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches besitzen?<\/h3>\n<h3><span style=\" color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Es musste irgendwie unantastbar werden, sakrosankt, getrennt vom Zufall und von der Zeit. In die Luft, die es umgab, musste man es wie in eine Nische hineinpassen und ihm so eine Sicherheit geben, einen Halt und eine Hoheit, die aus seinem einfachen Dasein, nicht aus seiner Bedeutung kam.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>,S.16-17<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Auf welche Weise galang das Rodin?<\/h3>\n<p>.<\/p>\n<h3><span style=\" color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Rodin wusste, dass es zun\u00e4chst auf eine unfehlbare Kenntnis des menschlichen K\u00f6rpers ankam. Es gab weder Pose, noch Gruppe, noch Komposition. Es gab nur unz\u00e4hlbar viele lebendige Fl\u00e4chen, es gab nur Leben, und das Ausdrucksmittel, das er sich gefunden hatte, ging gerade auf dieses Leben zu. Nun hie\u00df es seiner und seiner F\u00fclle m\u00e4chtig zu werden. Da war kein Teil des K\u00f6rpers unbedeutend oder gering: er lebte.  Das Leben, das in den Gesichtern wie auf Zifferbl\u00e4ttern stand, &#8211; in den K\u00f6rpern war es zerstreuter. Hier verstellte es sich nicht, hier ging es nachl\u00e4ssig, wo es nachl\u00e4ssig war, und stolz bei den Stolzen;  zur\u00fccktretend von der B\u00fchne des Angesichtes, hatte es die Maske abgenommen und stand, wie es war, hinter den Kulisssen der Kleider. Hier fand er die Welt seiner Zeit, wie er jene des Mittelalters an den Kathedralen erkannt hatte.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>,S.17-18<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Rodin hat auch Gruppen geschaffen und dabei kommt es vor, dass ein Teil  einer Skulptur, einen Teil einer anderen ber\u00fchrt. Was k\u00f6nnen Sie hierzu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Eine Hand, die sich auf eines anderen Schulter oder Schenkel legt, geh\u00f6rt nicht mehr ganz zu dem K\u00f6rper, von dem sie kam: aus ihr und dem Gegenstand, den sie ber\u00fchrt, entsteht ein neues Ding, ein Ding mehr, das keinen Namen hat und niemandem geh\u00f6rt; und um dieses Ding, das seine bestimmten Grenzen hat, handelte es sich nun. Diese Erkenntnis ist die Grundlage f\u00fcr die Gruppierung der Gestalten bei Rodin; aus ihr kommt jenes unerh\u00f6rte Aneinander-Gebunden-Sein der Figuren. Er geht nicht von den Figuren aus, die sich umfassen, er hat keine Modelle, die er anordnet und zusammenstellt. Es f\u00e4ngt bei den Stellen, der st\u00e4rksten Ber\u00fchrung als bei den H\u00f6hepunkten des Werkes an; dort, wo etwas Neues entsteht<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>,S.32<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Seine Skulptur <i>Der Kuss<\/i> weist mehrere solcher Ber\u00fchrungspunkte auf und was erreichte Rodin mit seinem Schaffen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Der Zauber der gro\u00dfen Gruppe des M\u00e4dchens und des Mannes, die <i>Der Kuss<\/i> genannt wird, liegt in dieser weisen ung gerechten Verteilung des Lebens; man hat das Gef\u00fchl, als gingen hier von allen Ber\u00fchrungsfl\u00e4chen Wellen in die K\u00f6rper hinein, Schauer von Sch\u00f6nheit, Ahnung und Kraft. Daher kommt es, dass man die Seligkeit dieses Kusses \u00fcberall auf diesen Leibern zu schauen glaubt..<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.32<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Auguste Rodin hatte es nicht leicht, sich in der damaligen Kunstszene durchzusetzen. Sein vor dem Panth\u00e9on aufgesteller Gipsabguss des <i>Denkers<\/i> wurde sogar zertr\u00fcmmert. Doch wie wirkten sich solche Feindseligkeiten auf sein Schaffen aus?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Es w\u00e4re denkbar, dass ein K\u00fcnstler schlie\u00dflich diesen immer wieder erkl\u00e4rten Krieg angenommen h\u00e4tte; Unwillen und Ungeduld h\u00e4tten den und jenen hinrei\u00dfen k\u00f6nnen; aber wie sehr w\u00e4re er, auf den Kampfplatz tretend, von seinem Werke entfernt worden. Es ist Rodins Sieg, dass er in dem seinen ausharrte und Zerst\u00f6rung in der Art der Natur beantwortete, mit einem neuen Anfang und zehnfacher Fruchtbarkeit..<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.93<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Rainer Maria Rilke, k\u00f6nnen Sie die Arbeitsweise Rodins n\u00e4her beschreiben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Denn der dunkle Weg seiner absichtslosen Arbeit, der durch das Handwerk f\u00fchrt, erm\u00f6glicht ihm, vor seinen vollendeten Dingen, die er nicht \u00fcberwacht und bevormundet hat, selber bewundernd zu stehen, wenn sie erst da sind und ihn \u00fcbertreffen. Und seine Bewunderung ist jedesmal besser, gr\u00fcndlicher, entz\u00fcckter, als die des Besuchers. Seine unbeschreibliche Konzentrierung kommt ihm \u00fcberall zugute. Und wenn er im Gespr\u00e4ch die Zumutung der Inspiration nachsichtig und mit ironischem L\u00e4cheln absch\u00fcttelt und meint es g\u00e4be keine &#8211; , keine Inspiration sondern nur Arbeit, so begreift man pl\u00f6tzlich, dass f\u00fcr diesen Schaffenden die Eingebung dauernd geworden ist, dass er sie nicht mehr kommen f\u00fchlt, weil sie nicht mehr aussetzt, und man ahnt den Grund seiner ununterbrochenen Fruchtbarkeit. Zu arbeiten wie die Natur arbeitet, nicht wie Menschen, das war seine Bestimmung.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.88-89<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Mit der Zeit wurde Rodin ein anerkannter Bildhauer und er konnte sich eine Villa in Meudon kaufen. K\u00f6nnen Sie etwas \u00fcber seinen Tagesablauf mitteilen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Der Vormittag vergeht in Meudon; oft werden in den verschiedenen Ateliers mehrere begonnene Arbeiten nacheinander vorgenommen und jede ein wenig gef\u00f6rdert; dazwischen dr\u00e4ngt sich, l\u00e4stig und unabweisbar der ganze gesch\u00e4ftliche Verkehr, dessen Sorge und M\u00fchsal dem Meister nicht erspart bleibt, da fast keines seiner Werke durch den Kunsthandel geht. Meistens schon um zwei Uhr wartet ein Modell in der Stadt, ein Portr\u00e4tbesteller oder ein Berufsmodell, und nur im Sommer erreicht es Rodin, vor Einbruch der D\u00e4mmerung wieder in Meudon zu sein. Der Abend drau\u00dfen ist kurz und immer derselbe; denn um neun Uhr begeht man sich regelm\u00e4\u00dfig zur Ruhe.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.30-31<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Rodin lebte in Meudon zusammen mit seiner langj\u00e4hrigen Lebensgef\u00e4hrtin Rose Beuret. Und wie gestaltete sich der Morgen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Morgen, die sich gl\u00fccklich f\u00fchlen, wecken ihn. Er sieht seinem Garten zu. Er liebt die Unber\u00fchrtheit dieser ersten Stunden. Er hebt enen Pilz auf, entz\u00fcckt, und zeigt ihn Madame Rodin, die, gleich ihm, diese fr\u00fchen Wege nicht aufgegeben hat:  \u00ab\u00a0Sieh\u00a0\u00bb, sagt er angeregt, \u00ab\u00a0und das braucht nur eine Nacht: in einer Nacht ist das gemacht, alle diese Lamellen. Das arbeitet gut.\u00a0\u00bb<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S98-99<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> M\u00f6chten Sie abschlie\u00dfend noch etwas sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Seine Dinge konnten nicht warten; sie mussten getan sein. Er hat ihre Obdachlosigkeit lange vorausgesehen. Ihm blieb nur, ihnen den Himmel zu gewinnen, der um die Berge ist. Und das war seine Arbeit.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.104-105 <\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Rainer Maria Rilke, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-3263 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='3263' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-3263 lc'>0<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-3263 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Rainer Maria Rilke. Ich begr\u00fc\u00dfe Sie zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber Auguste Rodin sprechen werden. Als Sie im Jahr 1901 nach Paris kamen, begannen Sie eine Monographie \u00fcber diesen Bildhauer zu schreiben. Im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrhunderten hatte sich das Wesen der Skulptur ver\u00e4ndert. Wie wirkte sich dieser [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3267,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[94],"tags":[74,95],"class_list":["post-3263","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rainer-maria-rilke","tag-personliches-aus-ihrem-leben","tag-rainer-maria-rilke"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3263"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3263\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3268,"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3263\/revisions\/3268"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}