{"id":31,"date":"2013-08-22T14:31:06","date_gmt":"2013-08-22T13:31:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=31"},"modified":"2024-11-02T20:36:01","modified_gmt":"2024-11-02T19:36:01","slug":"interview-rahnerbonhoeffer-die-gnade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=31","title":{"rendered":"Interview: Dietrich Bonhoeffer~Karl Rahner &#8211; Die Gnade"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/gnade.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-37\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/gnade.jpg\" alt=\"gnade\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/gnade.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/gnade-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich begr\u00fc\u00dfe Herrn Karl Rahner und Herrn Dietrich Bonhoeffer, zwei der bedeutendsten Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts, und wie k\u00f6nnte es anders sein, als dass ich Sie frage, was unter der Gnade Gottes zu verstehen ist.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Ich w\u00fcrde sagen, das, was wir Gnade Gottes nennen, ist zun\u00e4chst einmal etwas, was im Grunde genommen die Selbstmitteilung Gottes in der Tiefe der geistigen Existenz des Menschen meint. Diese Selbstmitteilung Gottes ist nun nicht etwas, was da und dort nur einmal sporadisch im Laufe der Weltgeschichte bei den sogenannten Propheten passiert, sondern sie ist etwas, das von vornherein, immer und \u00fcberall &#8211; ob angenommen in Freiheit oder abgelehnt &#8211; in jedem Menschen gegeben ist. Gott ist, so m\u00f6chte ich sagen, die innerste Dynamik der Welt und des Geistes des Menschen. Auch dort, wo der Mensch darauf gar nicht reflektiert, auch dort, wo er das gar nicht sagen kann, ist von vornherein diese gnadenhafte Selbstmitteilung Gottes in der geistigen Wirklichkeit des Menschen gegeben.<\/h3>\n<p><i>Karl Rahner, Karl Rahner &#8211; Im Gespr\u00e4ch\u00a0 Band 1: 1964-1977,\u00a0<\/i>\u00a0K\u00f6sel Verlag, M\u00fcnchen, 1982, S.154.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Dietrich Bonhoeffer, Ihr Lied <i>Von guten M\u00e4chten<\/i> bekundet das gerade von Karl Rahner Gesagte, und so zitiere ich seinen Anfang:\u00a0<i>Von guten M\u00e4chten treu und still umgeben, beh\u00fctet und getr\u00f6stet wunderbar, &#8211; so will ich diesen Tag mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr<\/i>.\u00a0In Ihrem Buch <i>Nachfolge<\/i>, das 1937 erschienen ist, machen Sie jedoch einen Unterschied zwischen <i>der billigen Gnade<\/i> und <i>der teuren Gnade<\/i> und rufen den Christen zu einem verantwortlichen Handeln auf. In Berufung auf die Bergpredigt rufen Sie die Christen dazu auf, sich Jesus Christus und der Gemeinde der Heiligen anzuschlie\u00dfen, das hei\u00dft, sich dem NS-System und seinen willk\u00fcrlichen Befehlen zu verweigern. K\u00f6nnen Sie das genauer erkl\u00e4ren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Dietrich Bonhoeffer:<\/span>\u00a0Billige Gnade hei\u00dft Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unersch\u00f6pfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen H\u00e4nden bedenkenlos und grenzenlos ausgesch\u00fcttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, dass die Rechnung im voraus f\u00fcr alle Zeit beglichen ist. Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die T\u00fcr, an die angeklopft werden muss. Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge <i>Jesu Christi<\/i> ruft.<\/h3>\n<p><i>Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge<\/i>, G\u00fctersloher Verlagshaus, 2008, S.29 und 31<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was k\u00f6nnen Sie, Pater Rahner, hierzu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Kann man die Gnade in diesem Leben \u00fcberhaupt erfahren? Hie\u00dfe dies bejahen nicht, den Glauben zu zerst\u00f6ren, jene hell-dunkle Wolke, die uns einh\u00fcllt, solange wir hier auf Erden pilgern? Haben wir uns schon einmal zu etwas entschieden, rein aus dem innersten Spruch unseres Gewissens heraus, dort, wo man es niemand mehr sagen, niemand mehr klarmachen kann, wo man ganz einsam ist und wei\u00df, dass man eine Entscheidung f\u00e4llt, die niemand einem abnimmt, die man f\u00fcr immer und ewig zu verantworten hat? Waren wir einmal gut zu einem Menschen, von dem kein Echo der Dankbarkeit und des Verst\u00e4ndnisses zur\u00fcckkommt, und wir auch nicht durch das Gef\u00fchl belohnt werden, selbstlos, anst\u00e4ndig und so weiter gewesen zu sein? Suchen wir selbst in solcher Erfahrung unseres Lebens, suchen wir die eigenen Erfahrungen, in denen gerade uns so etwas passiert ist. Wenn wir solche finden, haben wir die Erfahrung des Geistes gemacht, die wir meinen. Suchen wir selbst in der Betrachtug unseres Lebens die Erfahrung der Gnade. Nicht um zu sagen: Da ist sie, ich habe sie; &#8211; man kann sie nicht finden, um sie triumphierend als sein Eigentum und Besitztum zu reklamieren.<\/h3>\n<p><i>Karl Rahner, Von der Gnade des Alltags<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 2006, S.58, 61-63 und 68<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Bonhoeffer, m\u00f6chten Sie dem schon Gesagten noch etwas hinzuf\u00fcgen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Dietrich Bonhoeffer:<\/span> Da die Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, \u00fcber das wir verf\u00fcgen, beunruhigt uns bei jedem R\u00fcckblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren w\u00e4re die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten h\u00e4tten. Verlorene Zeit ist unausgef\u00fcllte, leere Zeit. Zwar sind gewonnene Erkenntnisse und Erfahrungen, deren man sich nachtr\u00e4glich bewusst wird, nur Abstraktionen vom Eigentlichen, vom gelebten Leben selbst. Aber wie Vergessenk\u00f6nnen wohl eine Gnade ist, so geh\u00f6rt doch das Ged\u00e4chtnis, das Wiederholen empfangener Lehren, zum verantwortlichen Leben.<\/h3>\n<p><i>Dietrich Bonhoeffer, Lebensworte &#8211; Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen<\/i>, G\u00fctersloher Verlagshaus, G\u00fctersloh, 2006, S.7<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen beiden f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/aiXvOmPmt2s\" width=\"420\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-31 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='31' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-31 lc'>+117<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-31 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Ich begr\u00fc\u00dfe Herrn Karl Rahner und Herrn Dietrich Bonhoeffer, zwei der bedeutendsten Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts, und wie k\u00f6nnte es anders sein, als dass ich Sie frage, was unter der Gnade Gottes zu verstehen ist. 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