{"id":3007,"date":"2024-11-17T11:51:05","date_gmt":"2024-11-17T10:51:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=3007"},"modified":"2024-11-18T16:04:22","modified_gmt":"2024-11-18T15:04:22","slug":"interviewrainer-maria-rilke-paul-cezanne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=3007","title":{"rendered":"Interview: Rainer Maria Rilke &#8211; Paul C\u00e9zanne"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nature_couleurs.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nature_couleurs.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"100\" class=\"alignnone size-full wp-image-3011\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nature_couleurs.png 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nature_couleurs-300x38.png 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nature_couleurs-768x96.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Rainer Maria Rilke. Sie sind ein \u00f6sterreichischer Lyriker und in Ihren Gedichten kommt auch Ihre Religiosit\u00e4t zum Ausdruck. So widmen Sie in Ihrem <i>Stundenbuch<\/i> Franz von Assisi ein Gedicht. Wir wollen allerdings in unserem Gespr\u00e4ch von Paul C\u00e9zanne sprechen. Sie besuchten im Jahr 1907 in Paris eine Ausstellung im Salon d&rsquo;Automne, die des im Jahr zuvor gestorbenen K\u00fcnstlers gedachte. C\u00e9zannes Gem\u00e4lde beeindruckten Sie tief. Was m\u00f6chten Sie insbesondere hierzu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Ich wollte aber eigentlich noch von C\u00e9zanne sagen: dass es niemals noch so aufgezeigt worden ist, wie sehr das Malen unter den Farben vor sich geht, wie man sie ganz allein lassen muss, damit sie sich gegenseitig auseinandersetzen. Ihr Verkehr untereinander , das ist die ganze Malerei. Wer dazwischenspricht, wer anordnet, wer seine menschliche \u00dcberlegung, seinen Witz, seine Anwaltschaft, seine geistige Gelenkigkeit irgend mit agieren l\u00e4sst, der st\u00f6rt und tr\u00fcbt schon ihre Handlung.<\/h3>\n<p>Rainer Maria Rilke, <i>Briefe \u00fcber C\u00e9zanne<\/i>, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1952, erste Auflage 1983, S.55<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> So l\u00e4sst C\u00e9zanne den Farben freien Lauf. Wie zeigt sich das f\u00fcr Sie in seiner Kunst?<\/h3>\n<h3><span style=\" color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Da ist alle Wirklichkeit auf seiner Seite: bei diesem dichten wattierten Blau, das er hat, bei seinem Rot und seinem schattenlosen Gr\u00fcn und dem r\u00f6tlichen Schwarz seiner Weinflaschen. Von welcher D\u00fcrftigkeit sind auch bei ihm alle Gegenst\u00e4nde: die \u00c4pfel sind alle  und die Weinflaschen geh\u00f6ren in rund ausgeweitete alte Rocktaschen.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.27<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Auch vergleichen Sie die Farben und wie C\u00e9zanne sie verarbeitete mit fr\u00fcheren seiner Gem\u00e4lden.<\/h3>\n<h3><span style=\" color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> In den ersten war die Farbe etwas f\u00fcr sich; sp\u00e4ter nimmt er sie irgendwie pers\u00f6nlich, wie kein Mensch noch Farbe genommen hat, nur um das Ding damit zu machen. Die Farbe geht v\u00f6llig auf in dessen Verwirklichung; es bleibt kein Rest.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.38<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Kommen wir auf C\u00e9zanne als Menschen zu sprechen. Er kam am 19. Januar 1839 in Aix-en-Provence auf die Welt und verbrachte seine letzten Jahre in seinem Atelier, das sich n\u00f6rdlich von dieser Stadt befand. Mit gro\u00dfem Argwohn stand er jeder Erneuerung in Aix und auch an anderen Orten gegen\u00fcber. K\u00f6nnen Sie hierzu etwas sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> So wenn er sich beklagt, wie sehr man t\u00e4glich seine alte Stadt zerst\u00f6rt und entstellt. Abends ergrimmt er sich heimkehrend gegen irgendeine Ver\u00e4nderung, kommt in Zorn und verspricht sich schlie\u00dflich, als er merkt, wie sehr der \u00c4rger ihn ersch\u00f6pft: zu Hause will ich bleiben; arbeiten, nur noch arbeiten.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.33<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Was sein Schaffensdrang betrifft, machte er eine Wandlung durch.<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Was die Arbeit angeht, so behauptete er, er h\u00e4tte bis zu seinem vierzigsten Jahre als Boh\u00e9mien gelebt. Da erst, in der Bekanntschaft mit Pissaro, w\u00e4re ihm der Geschmack an der Arbeit aufgegangen. Aber dann auch so sehr, dass er die sp\u00e4teren drei\u00dfig Jahre seines Lebens nur noch gearbeitet hat. Ohne Freude eigentlich, wie es scheint, in fortw\u00e4hrender Wut, im Zwiespalt mit jeder einzelnen seiner Arbeiten, deren keine ihm das zu erreichen schien, was er f\u00fcr das Unentbehrlichste hielt.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.30<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Wir k\u00f6nnen von Gl\u00fcck sagen, dass er von dem Geld seines Vaters leben konnte. K\u00f6nnen Sie seine Schaffensweise, r\u00e9alisation, wie er sie nannte, noch weiter ausf\u00fchren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Dieser Vater hatte, wissend, dass Boh\u00e9miens in Elend sind und sterben, sich vorgenommen, f\u00fcr den Sohn zu arbeiten, war eine Art kleiner Bankier geworden. C\u00e9zanne verdankte es seiner Vorsorge, dass er sp\u00e4ter genug hatte, um ruhig malen zu k\u00f6nnen. Bei der dunkelsten Farbigkeit einsetzend, deckte er ihre Tiefe mit einer Farbenlage, die er ein wenig \u00fcber sie hinausf\u00fchrte und immer so weiter, Farbe \u00fcber Farbe hinaus erweiternd, kam er allm\u00e4hlich an ein anderes kontrastierendes Bildelement, bei dem er, von einem neuen Zentrum aus, dann \u00e4hnlich verfuhr. Ich denke mir, dass die beiden Vorg\u00e4nge, des schauenden und sicheren \u00dcbernehmens und des Sich-Aneignens und pers\u00f6nlichen Gebrauchens des \u00dcbernommenen, sich bei ihm, vielleicht infolge einer Bewusstwerdung, gegeneinander stemmten, dass sie sozusagen zugleich zu sprechen anfingen, einander fortw\u00e4hrend ins Wort fielen, sich best\u00e4ndig entzweiten. Und der Alte ertrug ihren Unfrieden, lief in seinem Atelier auf und ab, das falsches Licht hatte, weil der Baumeister es nicht f\u00fcr n\u00f6tig hielt, auf den alten Wunderling zu h\u00f6ren. Er lief hin und her in seinem Atelier, wo die gr\u00fcnen \u00c4pfel herumlagen, oder setzte sich verzweifelt in den Garten.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.32, 31<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Nicht nur der Architekt auch Einwohner der Stadt Aix hielten ihn f\u00fcr einen Wunderling, weshalb er sich im Alter noch mehr in sein Atelier zur\u00fcckzog.Was wollen Sie hierzu sagen? <\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Alt, krank, von der gleichm\u00e3\u00dfigen t\u00e4glichen Arbeit jeden Abend bis zur Ohnmacht verbraucht. So sehr, dass er oft um sechs beim Dunkelwerden nach einem sinnlos eingenommenen Abendbrot schlafen ging. B\u00f6se, misstrauisch, jedes Mal auf seinem Weg zum Atelier verlacht, verspottet, misshandelt, &#8211; den Sonntag aber feiernd, die Messe und Vesper h\u00f6rend wie als Kind, und von Madame Br\u00e9mond, seiner Haush\u00e4lterin, sehr h\u00f6flich ein etwas besseres Essen verlangend.<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> In Paris war er allm\u00e4hlich bekannt geworden, was die Ausstellung im Salon d&rsquo;Automne beweist. Was k\u00f6nnen Sie zu C\u00e9zannes dort gezeigten Werken noch sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Auch fiel mir sehr auf, wie manierlos verschieden sie sind, wie sehr ohne Sorge um Originalit\u00e4t, sicher, in jeder Ann\u00e4herung an die tausendartige Natur sich nicht zu verlieren, vielmehr an der Mannigfaltigkeit drau\u00dfen die innere Unersch\u00f6pflichkeit ernst und gewissenhaft zu entdecken. Sehr sch\u00f6n ist das alles.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.38, 39<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> M\u00f6chten Sie abschlie\u00dfend noch etwas hinzuf\u00fcgen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Rainer Maria Rilke:<\/span> Daran, wieviel C\u00e9zanne mit jetzt zu tun gibt, merk ich, wie sehr ich anders geworden bin. Ich bin auf dem Wege, ein Arbeiter zu werden, auf einem weiten Wege vielleicht und wahrscheinlich erst bei dem ersten Meilenstein; aber trotzdem, ich kann schon den Alten begreifen, der irgendwo weit vorne gegangen ist, allein.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.40<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Rainer Maria Rilke, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-3007 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='3007' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-3007 lc'>0<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-3007 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Rainer Maria Rilke. 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