{"id":2876,"date":"2024-10-13T09:36:48","date_gmt":"2024-10-13T08:36:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2876"},"modified":"2024-11-18T16:07:03","modified_gmt":"2024-11-18T15:07:03","slug":"interview-vincent-van-gogh-auf-der-suche-nach-einem-beruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2876","title":{"rendered":"Interview: Vincent van Gogh &#8211; Auf der Suche nach einem Beruf"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/envies.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/envies.png\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"105\" class=\"alignnone size-full wp-image-2882\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/envies.png 1000w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/envies-300x32.png 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/envies-768x81.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Vincent van Gogh.  Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. Bevor Sie mit dem Zeichnen und Malen begannen, \u00fcbten Sie verschiedene T\u00e4tigkeiten aus. Im Alter von sechzehn Jahren traten Sie als Angestellter in die Den Haager Kunsthandlung Goupil &#038; Cie ein. Vier Jahre sp\u00e4ter wurden Sie in deren Handelsabteilung  in London und ein Jahr darauf in die Hauptstelle nach Paris versetzt. Dann arbeiteten Sie wieder in London und ohne Ihr Einverst\u00e4ndnis kamen Sie zur\u00fcck nach Paris. Dort wurde Ihnen nach fast sechs Jahren zum ersten April 1876 gek\u00fcndigt. Sie fanden daraufhin eine Arbeitsstelle als unbezahlter Hilfslehrer in einem Internat in der \u00f6stlich von London gelegenen K\u00fcstenstadt Ramsgate. Welche Erinnerung haben Sie an diese Zeit?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Vincent van Gogh:<\/span> Einer meiner ersten Eindr\u00fccke war, dass das Fenster der nicht sehr gro\u00dfen Schule auf das Meer geht. Es ist ein Internat mit vierundzwanzig Jungen von zehn bis vierzehn Jahren. Was ich den Jungen so alles beibringen muss. Vor allem Franz\u00f6sisch, die Anfangsgr\u00fcnde und sonst alles m\u00f6gliche, wie Rechnen, Aufgaben \u00fcberh\u00f6ren, Diktat. Nat\u00fcrlich muss ich auch au\u00dferhalb der Schulstunden Aufsicht \u00fcber die Jungen f\u00fchren; so ist meine Zeit ziemlich besetzt. Wenn die Jungen ein bisschen mehr L\u00e4rm machten, konnte es wohl geschehen, dass sie abends ihren Tee und ihr Brot nicht bekamen. Sie haben so wenig anderes als ihr Essen und Trinken, worauf sie sich freuen und womit sie von einem Tag zum anderen weitermachen. Ein anderer eigenartiger Ort ist auch das Zimmer mit dem verfaulten Fu\u00dfboden, wo die sechs Waschbecken stehen, in denen sie sich waschen m\u00fcssen; ein fahles Licht f\u00e4llt durch das Fenster mit den zerbrochenen Scheiben auf den Waschtisch, das ist ein recht tr\u00fcbseliger Anblick.<\/h3>\n<p>Vincent van Gogh, <i>Briefe an seinen Bruder<\/i>, Anaconda Verlag, K\u00f6ln, 2006, S.29,30,32<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Zwei Monate sp\u00e4ter zog das Internat nach Isleworth im Westen von London um, wo  Sie bald die armen Viertel der Gro\u00dfstadt kennenlernten. Die Armut der Menschen bewegte Sie sehr und so wollten Sie ihnen das Evangelium nahe bringen.  Diese M\u00f6glichkeit bot sich Ihnen in Isleworth an der Schule des Methodistenpfarrers Jones, wo Sie auch als Hilfsprediger t\u00e4tig sein konnten. So nahmen Sie die Stelle an. Wie f\u00fchlten Sie sich, nachdem Sie Ihre erste Predigt gehalten hatten?<\/h3>\n<h3><span style=\" color:#3366ff;\">Vincent van Gogh:<\/span> Ich hatte das Gef\u00fchl wie jemand, der aus einem dunklen, unterirdischen Gew\u00f6lbe wieder ins freundliche Tageslicht kommt, als ich auf der Kanzel stand, und es ist mir ein herrlicher Gedanke, dass ich fortan das Evangelium predigen werde, wohin ich auch kommen mag; um das gut zu tun, muss man das Evangelium in seinem Herzen haben, m\u00f6ge Er es darin schaffen.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.40<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Doch erhielten Sie durch die Vermittlung eines Onkels zu Beginn des neuen Jahres 1877 eine Arbeitsstelle in einer Buchhandlung in Dordrecht, die Sie annahmen. Dennoch hegten Sie weiterhin den starken Wunsch, Prediger zu werden. So erreichten Sie Mitte Mai mit der Unterst\u00fctzung Ihrer Familie,  sich auf die Aufnahmepr\u00fcfung f\u00fcr das Theologiestudium vorbereiten zu k\u00f6nnen. Was schrieben Sie \u00fcber diese Zeit, denn im Juli 1978 gaben Sie das vorgesehene Studium auf?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Vincent van Gogh:<\/span> Abends bin ich m\u00fcde, und ich kann nicht so zeitig aufstehen. Die Arbeit und das Schreiben geht noch nicht so schnell und leicht, wie ich m\u00f6chte. Wenn ich so beim Schreiben sitze, mache ich ganz unwillk\u00fcrlich ab und zu eine kleine Zeichnung, zum Beispiel Elias in der W\u00fcste mit st\u00fcrmischem Wolkenhimmel, im Vordergrund ein paar Dornenstr\u00e4ucher; es ist weiter nichts Besonderes, aber ich sehe es manchmal alles so deutlich vor Augen, ich glaube, in solchen Augenblicken k\u00f6nnte ich voll Begeisterung dar\u00fcber sprechen \u2013 m\u00f6ge es mir sp\u00e4ter verg\u00f6nnt sein, das zu tun. Doch sind griechische Stunden an einem hei\u00dfen dr\u00fcckenden Sommernachmittag, mit dem Gef\u00fchl, dass einem viele schwere Pr\u00fcfungen bevorstehen, die von sehr gelehrten und schlauen Herren Professoren abgenommen werden, wesentlich beklemmender als die Brabanter Kornfelder, die an einem solchen Tag gewiss sehr sch\u00f6n sind. Tag f\u00fcr Tag tue ich, was ich irgend kann, um mich einzuarbeiten, besonders in Latein und Griechisch, und ich habe schon eine ganze Menge \u00dcbersetzungen gemacht. Wer aufrichtig lebt und wahre M\u00fchsal und Entt\u00e4uschung erf\u00e4hrt und sich dadurch doch nicht unterkriegen l\u00e4sst, der ist mehr wert als einer, dem alles gl\u00fcckt und nach Wunsch geht.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.50, 53, 54, 65<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Nach dem Abbruch Ihres Studiums setzte sich Ihr Vater daf\u00fcr ein, dass Sie im August 1978 in Br\u00fcssel eine Vorbereitungsschule f\u00fcr das Predigeramt besuchen konnten. Was k\u00f6nnen Sie zu dieser Schule sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Vincent van Gogh:<\/span> Die fl\u00e4mische Ausbildungsanstalt hat einen dreij\u00e4hrigen Kursus. Und es wird nicht einmal verlangt, dass man diese Schule durchgemacht hat, ehe man sich um eine Stellung als Evangelist bewerben kann. Ces messieurs in Br\u00fcssel wollten, ich solle erst einmal auf drei Monate hinkommen, damit wir einander besser kennenlernen, doch auf die Dauer w\u00fcrde das auch wieder kostspielig werden.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.67, 68<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Leider erhielten Sie nach drei Monaten keine Anstellung. So entschieden Sie sich in dem belgischen Bergbaugebiet <i>Le Borinage<\/i> und dort in dem Dorf P\u00e2turages als Hilfsprediger zu arbeiten. Ihr Vater unterst\u00fctzte Ihr Vorhaben. K\u00f6nnen Sie pers\u00f6nliche Erlebnisse aus dieser Zeit schildern?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Vincent van Gogh:<\/span> So war es dieser Tage ein merkw\u00fcrdiger Anblick bei dem wei\u00dfen Schnee, abends gegen die D\u00e4mmerstunde, die Arbeiter aus den Gruben heimgehen zu sehen. Die Leute sind v\u00f6llig schwarz, wenn sie aus den dunklen Gruben wieder ans Tageslicht kommen. Ihre H\u00e4user, an den Hohlwegen, am Wald und an den Bergh\u00e4ngen verstreut, sind meist sehr klein und w\u00e4ren eher H\u00fctten zu nennen. Hier und da sieht man noch bemooste D\u00e4cher, und freundlich scheint abends das Licht durch die kleinen Fensterscheiben.  Schon \u00f6fter habe ich hier gesprochen, manchmal in einem ziemlich gro\u00dfen, f\u00fcr religi\u00f6se Versammlungen eigens hergerichteten Raum, manchmal auch bei Zusammenk\u00fcnften, die man abends in Arbeiterwohnungen abzuhalten pflegt, am besten w\u00e4ren sie wohl als Bibelstunden zu bezeichnen.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.73, 74<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Im Januar 1879 erhielten Sie eine Stelle als Evangelist in dem Dorf Wasmes. Zwei Monate sp\u00e4ter besuchte Sie Ihr Vater. Was haben Sie gemeinsam mit ihm unternommen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Vincent van Gogh:<\/span> Wir haben zusammen die drei Geistlichen des Borinage besucht, sind durch den Schnee gewandert und haben eine Bergarbeiterfamilie aufgesucht; auch sahen wir, wie aus einem Schacht die Kohlen heraufgeholt wurden, und Pa hat zwei Bibelstunden mitgemacht, so dass wir in den paar Tagen eine ganze Menge unternommen haben.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.74 <\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Die harte, gef\u00e4hrliche Arbeit der Bergleute und das beschwerliche Leben dieser Familien bewegte Sie so sehr, dass in sie in Ihren Zeichnungen festhielten.<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Vincent van Gogh:<\/span> Ich habe eine Zeichnung gemacht, die Bergleute darstellt. Kohlenarbeiter und -arbeiterinnen, wie sie fr\u00fchmorgens im Schnee zur Grube gehen, auf einem Pfad an den Hecken hin, kaum wahrnehmbare Schatten in der Morgend\u00e4mmerung. Im Hintergrund undeutlich gegen den Himmel die gro\u00dfen Grubengeb\u00e4ude und das F\u00f6rderger\u00fcst.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.86<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie verlie\u00dfen das Borinage und hegten nun den Wunsch, als Zeichner Ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch schickte Ihr Bruder Theo Ihnen seit einiger Zeit Geld. Wie sahen Sie Ihre Zukunft?<\/h3>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Vincent van Gogh:<\/span> Ohne mir irgendwie anzuma\u00dfen, hoffe ich doch, durch flei\u00dfiges Zeichnen dieser Arbeitertypen und so fort, dahin zu kommen, dass ich einigerma\u00dfen f\u00e4hig werde, Illustrationen f\u00fcr Zeitschriften oder B\u00fccher zu machen. Vor allem, wenn ich einmal soweit bin, dass ich mir \u00f6fter Modelle leisten kann, auch weibliche Modelle, werde ich noch bessere Fortschritte machen, das f\u00fchle ich und das wei\u00df ich. Und wahrscheinlich werde ich auch dahin kommen, Bildnisse machen zu k\u00f6nnen, aber nur unter der Bedingung, dass ich viel arbeite.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.94, 95<\/p>\n<h3><span style=\"color:#3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Vincent van Gogh, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2876 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2876' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2876 lc'>+1<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2876 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Vincent van Gogh. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. 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