{"id":2681,"date":"2023-08-26T15:38:01","date_gmt":"2023-08-26T14:38:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2681"},"modified":"2024-11-18T18:07:53","modified_gmt":"2024-11-18T17:07:53","slug":"interview-brandt-konrad-adenauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2681","title":{"rendered":"Interview: Willy Brandt \u2013 Konrad Adenauer"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/bandeau_hortensien.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/bandeau_hortensien.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"100\" class=\"alignnone size-full wp-image-2684\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/bandeau_hortensien.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/bandeau_hortensien-300x38.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/bandeau_hortensien-768x96.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Willy Brandt. Ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber Konrad Adenauer, den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland sprechen werden. Sie selbst waren von 1969 bis 1974 der erste sozialdemokratische Bundeskanzler und erhielten 1972 den Friedensnobelpreis. Kommen wir zu Konrad Adenauer, der am 5. Januar 1876 geboren wurde. Sie kamen am 18. Dezember 1913 auf die Welt, also weit \u00fcber eine Generation sp\u00e4ter. Was wollen Sie hierzu bemerken?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> Adenauer und mich trennte nicht nur der Unterschied der Generationen; er war schon jahrelang Oberb\u00fcrgermeister von K\u00f6ln, als ich in L\u00fcbeck zur Schule kam. Auch die Herkunft hatte uns in mindestens dreifacher Hinsicht unterschiedlich gepr\u00e4gt. Er, aus kleinb\u00fcrgerlicher Familie kommend, ins Gro\u00dfb\u00fcrgertum hineingewachsen, von tief konservativer Grund\u00fcberzeugung, nicht ohne liberale Zutaten. Fest im Katholizismus wurzelnd, wenngleich nicht klerikal. Vom Reich des B\u00f6sen im Kampf mit dem Reich Gottes hat man ihn nicht reden h\u00f6ren, und als er sich bei Johannes XXIII. einen \u201eAuftrag des deutschen Volkes\u201d best\u00e4tigen lassen wollte, erteilte ihm der Papst eine Abfuhr. Auf den Weltkommunismus oder das, was er daf\u00fcr hielt, war er auch ohne h\u00f6heren Auftrag fixiert und wusste davon Gebrauch zu machen. Ich, von ganz unten kommend in die Arbeiterbewegung hineingewachsen, demokratischer Sozialist und sozialer Demokrat. Durch den lutherischen Protestantismus vielfach beeinflusst, wenn auch mit wachsender Neigung zum Agnostizismus.\u201d<br \/>\n<\/h3>\n<p>Willy Brandt, <i>Erinnerungen<\/i>, Ullstein Verlag, M\u00fcnchen, November 2003, S.37<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie ging Konrad Adenauer als erster Bundeskanzler nach dem Krieg mit der Nazi-Diktatur um?<\/h3>\n<h3><span style=\" color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> Er hatte mit den Nazis ebenso wenig im Sinn wie ich. Er redete ihnen nicht nach dem Mund, und sie behandelten ihn nicht gut. Von einem radikalen Bruch mit den Nazi-Jahren  mochte er sich allerdings nichts versprechen. Er war f\u00fcr ein hohes Ma\u00df an Kontinuit\u00e4t, Restauration und Schwamm dr\u00fcber. Dazu geh\u00f6rte, die Weimarer Parteiensplitterung zu \u00fcberwinden und ein breites Parteilager zu etablieren, das vom alten Zentrum und von einem Teil der Deutschdemokraten bis zu den Deutschnationalen reichte. Die B\u00fcrokraten, die \u2013 im weiteren Sinn des Wortes \u2013 dem braunen Regime gedient hatten, an sich zu binden barg, zus\u00e4tzlich zu formaler Sachkunde, den Vorteil, ihrer Dankbarkeit gewiss zu sein. Er wich der Schuldfrage weitgehend aus und nahm manchem das schlechte Gewissen. Anders gewendet, er setzte auf Zeitgewinn und trug, mit einem Schuss Opportunismus, dazu bei, dass die Deutschen nicht heillos zerbrachen \u2013 im Streit \u00fcber jenen moralischen Absturz, den sie gerade \u00fcberlebt hatten.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.38<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und wie verlief die Entnazifizierung im gro\u00dfen und ganzen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> W\u00e4hrend auf der unteren Ebene Brieftr\u00e4ger und Amtsgehilfen in gro\u00dfem Stil entbr\u00e4unt wurden, begann in den h\u00f6heren Etagen eine umf\u00e4ngliche Wiederbesetzung neuer Stellen mit altem Personal: Ministerialb\u00fcrokraten, Richter, Polizeif\u00fchrer, Hochschullehrer, kaum mit dem Schrecken davongekommen, entzogen sich jeder ernsten Auseinandersetzung mit einem Regime, das ohne sie nicht h\u00e4tte existieren k\u00f6nnen. Nicht die Unt\u00fcchtigsten gingen in die Wirtschaft. Die Alliierten mussten belastete Offiziere rehabilitieren, als sie neue deutsche Divisionen wollten. Ein besonders \u00fcbles Kapitel war die \u00dcbernahme von Gestapoleuten und \u00e4hnlichen Terroristen in die Nachrichtendienste der Siegerm\u00e4chte.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.39<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Konrad Adenauers Gegenspieler und Parteivorsitzender der SPD war Kurt Schumacher, der am 13. Oktober 1895 geboren wurde. Was wollen Sie, Herr Brandt, zu ihm sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> Der gro\u00dfe Gegenspieler in der Zeit der bundesrepublikanischen Staatswerdung, Kurt Schumacher, stand Adenauer an Willensst\u00e4rke und Antikommunismus nicht nach. Doch in seiner Art, sich zu geben, der Militanz, die in Fanatismus umschlagen konnte, unterschied er sich durch und durch. Redegewaltig, wie er war, stieg Schumacher zu einer nationalen Figur auf, als von Adenauer \u00fcber K\u00f6ln und das Rheinland hinaus noch kaum die Rede war. Doch der Vorsprung war nur zeitlicher Natur. Sein Drang, Gerechtigkeit durch radikale soziale Ver\u00e4nderungen zu bewirken, stand dem Ruhebed\u00fcrfnis der Menschen ebenso entgegen wie sein aggressives Streben nach nationaler Einheit. Kurt Schumacher hat nur die ersten drei Jahre der Bundesrepublik erlebt, 1952 trug der kranke K\u00f6rper den k\u00e4mpferischen Geist nicht mehr. Sein Erbe an die Sozialdemokratie reichte weit.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Willy Brandt, Sie wurden am 3. Oktober 1957 Regierender B\u00fcrgermeister von Berlin. Hatte das positive Auswirkungen auf Ihre Beziehung zu Konrad Adenauer?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> Eine gewisse N\u00e4he ergab sich aus dem Verh\u00e4ltnis von B\u00fcrgermeister zu B\u00fcrgermeister, zumal er gro\u00dfes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Notwendigkeiten der Stadtkasse hatte und mir \u2013 gegen den Finanzminister \u2013 mehrfach half, das Geld einzutreiben, das Berlin brauchte.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.41 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Kommen wir auf Konrad Adenauers europ\u00e4ische Gesinnung zu sprechen. Was wollen Sie zu dieser sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> Dass er Westeuropa schaffen helfen wollte, daran ist kein Zweifel. Wenn auch sein Bild von jenem Westeuropa enger blieb als das seines Altm\u00e4nnerfreundes Charles de Gaulle. Der holte historisch weiter aus, zur\u00fcck und nach vorn, und hatte einen ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr die tief nach Osten reichende europ\u00e4ische Dimension.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.44-45<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Allerdings waren sich die beiden, was Gro\u00dfbritannien und Europa betraf, zum gro\u00dfen Teil einig.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> Frankreich zog ihn an, weil es rheinisches Gef\u00fchl und karolingische Tradition geboten und weil er n\u00fcchtern kalkulierte, dass in Westeuropa nur gut gehen k\u00f6nne, was von Deutschen und Franzosen getragen w\u00fcrde. In der Distanz Gro\u00dfbritannien gegen\u00fcber traf er sich mit de Gaulle, der den Engl\u00e4ndern grollte, der ihnen die Geringsch\u00e4tzung w\u00e4hrend seines Londoner Kriegsexils ver\u00fcbelte und im \u00fcbrigen dem britisch-amerikanischen Sonderverh\u00e4ltnis misstraute. 1962 habe ich Adenauer beschworen, er m\u00f6ge sich einen Ruck geben und de Gaulle daf\u00fcr gewinnen, dass Gro\u00dfbritannien die T\u00fcr zur EWG ge\u00f6ffnet und eine zus\u00e4tzliche Spaltung Europas vermieden werde. Er war nicht zu bewegen: Was z\u00e4hle, seien Frankreich und Deutschland.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.46<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Kommen wir auf Konrad Adenauers Verh\u00e4ltnis zu den USA und zur NATO zu sprechen.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> Es ist aktenkundig, dass er sich den Alliierten als unentbehrlich angepriesen hat; auf einen Nachfolger w\u00fcrden sie sich nicht verlassen k\u00f6nnen. Als die Bundesrepublik Mitglied der NATO geworden war, h\u00f6rte ich ihn sagen, nun s\u00e4\u00dfen wir im st\u00e4rksten B\u00fcndnis der Geschichte. Die Amerikaner in Deutschland zu wissen war und blieb ihm Anfang und Ende seiner Politik.\u201d<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.45 und 47<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und wie sah er die Beziehungen zur DDR?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> Im Oktober 1962 erkl\u00e4rte der Kanzler vor dem Bundestag, die Regierung sei bereit, \u00fcber vieles mit sich reden zu lassen, wenn \u201eunsere Br\u00fcder in der Zone\u201d ihr Leben so einrichten k\u00f6nnten, wie sie es wollten &#8211; \u201e\u00dcberlegungen der Menschlichkeit spielen hier f\u00fcr uns eine noch gr\u00f6\u00dfere Rolle als nationale \u00dcberlegungen\u201d. Dies war ein deutlicher Br\u00fcckenschlag zu meiner Argumentation, besonders seit Errichtung der Mauer.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.48<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Brandt, wie waren Ihre Beziehungen zu Konrad Adenauer,  nachdem er im Herbst 1963 als Bundeskanzler zur\u00fcckgetreten war?\u201d<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Willy Brandt:<\/span> Adenauer und ich verloren uns nicht aus den Augen. Immerhin blieb er &#8211; bis M\u00e4rz 1966 \u2013 Parteivorsitzender; ich war es Anfang 1964 geworden. Auch sp\u00e4ter noch hat es das eine und andere Gespr\u00e4ch gegeben, und ich war unter den G\u00e4sten, die seinen 90. Geburtstag \u2013 im Januar 1966 \u2013 in der Godesberger Redoute feierten.\u201d<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.42-43     <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Willy Brandt, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2681 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2681' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2681 lc'>0<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2681 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Willy Brandt. 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