{"id":2627,"date":"2023-07-02T11:15:51","date_gmt":"2023-07-02T10:15:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2627"},"modified":"2024-11-02T16:26:31","modified_gmt":"2024-11-02T15:26:31","slug":"interview-de-terra-teilhard-de-chardin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2627","title":{"rendered":"Interview: Helmut de Terra &#8211; Teilhard de Chardin"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/ciel.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/ciel-300x38.png\" alt=\"Himmel\" width=\"800\" height=\"100\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2632\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/ciel-300x38.png 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/ciel-768x96.png 768w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/ciel.png 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Helmut de Terra. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind, in dem wir \u00fcber den Pal\u00e4ontologen und Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin sprechen wollen, den Sie  bei gemeinsamen Forschungen kennengelernt haben und der Ihr Freund wurde. Wann sind Sie Teilhard zum ersten Mal begegnet?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helmut de Terra:<\/span> Dass ich Teilhard im Jahre 1933 bei dem Internationalen Geologenkongress in Washington zum ersten Mal begegnete, lag an der Gemeinsamkeit unserer Interessen. Diese hatten sich bis dahin ganz unabh\u00e4ngig voneinander entwickelt, obwohl wir beide in Innerasien geologische Forschungen unternommen hatten, bei denen wir auch auf Spuren des Urmenschen gesto\u00dfen waren.<br \/>\n<\/h3>\n<p>Helmut de Terra, <i>Mein Weg mit Teilhard de Chardin<\/i>, Verlag C.H.Beck, M\u00fcnchen, 1962, S.17<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Worin bestand Teilhards besonderes Interesse an Ihren archeologischen Forschungen?<\/h3>\n<h3><span style=\" color: #3366ff;\">Helmut de Terra:<\/span> Was Teilhard damals an meinem Forschungsbericht so besonders interessierte, waren die Funde einiger steinzeitlicher Artefakte, die ich in Kaschmir und den Fu\u00dfh\u00fcgeln des Himalaja im Jahre 1932 gemacht hatte. Unansehlich wie sie waren, deuteten sie jedenfalls auf Spuren des Fr\u00fchmenschen in einer Gegend hin, die den Fachleuten bekannt ist wegen ihres Fossilreichtums, worunter sich auch Reste von Menschenaffen befinden. Mit diesen ersten fr\u00fchmenschlichen Spuren im nordwestlichen Indien war eine geologische Konstellation gegeben, die pl\u00f6tzlich gro\u00dfe Aussichten f\u00fcr die Kl\u00e4rung menschlicher Vorgeschichte in Asien er\u00f6ffnete.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.18<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was wollte Teilhard bei diesen Forschungsreisen in die Vorgeschichte der Menschheit ergr\u00fcnden?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helmut de Terra:<\/span> Wir glaubten uns f\u00fcr Augenblicke in jene fernen Epochen zur\u00fcckversetzt, als der jugendliche Himalaja tropische W\u00e4lder trug, in denen die dem Menschen stammverwandten Primaten Jahrmillionen lang jenem Ereignis entgegensteuerten, welches Teilhard als das wichtigste Ergebnis organischer Entwicklung ansah: die Geburt des Bewusstseins.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.30<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und auf welche Weise ist Teilhard der Entwicklung eines Ichbewusstseins auf die Spur gekommen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helmut de Terra:<\/span> Indem sich die Entwicklung des Sch\u00e4dels auf die menschliche Form zubewegte, kam es am Ausgang der Terti\u00e4rzeit zu eigenartigen \u00dcbergangsformen, die sich zwar durch  ein menschen\u00e4hnliches Gebiss und sogar durch aufrechten Gang auszeichneten, aber ihrer Sch\u00e4delform nach zu schlie\u00dfen nicht als wirkliche Menschen zu bezeichnen sind. In Indien, wie anderswo, dominierte zur Plioz\u00e4nzeit eine Vielfalt von Lands\u00e4ugetieren, so dass man tats\u00e4chlich, wie Teilhard meinte, das Herdfeuer eines bewussten Wesens vermisst, so modern erscheint uns diese Tiergesellschaft im Vergleich zu den Reptilien und Amphibien der vorhergehenden Zeitalter. Eine moderne Welt ohne Ichbewusstsein, ohne den trauten Rauch von Lagerfeuern, ohne Werkzeuge und H\u00f6hlenkunst! Innerhalb dieses Gewimmels von Huftieren und Raubtieren aller Art bildete sich das verfeinerte Nervensystem der h\u00f6heren Primaten, aus deren Mitte jederzeit das Ichbewusstsein h\u00e4tte erscheinen k\u00f6nnen.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.41<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Teilhard sah im Ursprung des Menschen \u201eein monophyletisches Ereignis\u201d. K\u00f6nnen Sie das erkl\u00e4ren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helmut de Terra:<\/span> Da in der Anthropoidengruppe die Gehirnausbildung im Rahmen der S\u00e4ugetierentwicklung auf die Geburt des Bewusstseins zusteuerte, hat Teilhard, im Einklang mit anderen Fachwissenschaftlern dieses Ereignis als monophyletisch, das hei\u00dft aus einem einzelnen Stamm hervorgegangen, angesehen. Zu einer monogenetischen Abstammung des Menschen, im Darwinschen Sinne aus einem Paar hervorgegangen, konnte sich Teilhard deshalb nicht bekennen, weil wenig Aussicht besteht, hierf\u00fcr wissenschaftliche Beweise zu erhalten. Er meinte, es sollte uns gen\u00fcgen, dass der Mensch in der Achse der Totalanstrengung des Lebens liegt, dass er innerhalb des gesamten Lebens eine einzigartige und \u00e4u\u00dferste Manifestation psychischer Energien vorstellt. Gegen\u00fcber allen anderen Ergebnissen der Evolution ragt das menschliche Denkverm\u00f6gen als ein so ph\u00e4nomenales Produkt hervor, dass man von einer Suche nach seinem eigentlichen Ansatzpunkt absehen k\u00f6nnte, so faszinierend dieses Problem auch f\u00fcr die Wissenschaft ist.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.41-42 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Helmut de Terra, Sie sprechen bei Teilhard \u201evon einer deterministischen Deutung der Herkunft des Menschen\u201d. K\u00f6nnen Sie das konkretisieren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helmut de Terra:<\/span> Jede Mutation ist zwar einmalig, aber im Teilhardschen Sinn der menschlichen Abstammung erscheint sie als Erf\u00fcllung einer ganz bestimmten Tendenz der organischen Entwicklung, die der Herausbildung des Ich-Bewusstseins zustrebt. In diesem Sinne ist Mutation als ein Sprung sch\u00f6pferischer Entwicklung anzusehen, dem gewisserma\u00dfen ein \u201eQuantumsprung\u201d von Lebensenergien innerhalb der Primatengruppe zu Grunde liegt. Diese deterministische Deutung der Herkunft des Menschen erkl\u00e4rt auch, wieso Teilhard den Umweltfaktoren so geringe Beachtung schenkte. Wie h\u00e4tte eine von innen geleitete Evolution durch Klima\u00e4nderungen und dadurch entstandenen Di\u00e4twechsel der Primaten beeinflusst werden k\u00f6nnen? In Analogie mit Teilhards Auffassung von der Metamorphose im  Neolithikum bleiben die \u00f6kologischen Faktoren unber\u00fccksichtigt. Man mag nun einwenden, dass wir \u00fcber solche Umwelteinfl\u00fcsse der Anthropoiden nichts wissen, doch sollte das keinen Forscher abhalten, sie in Betracht zu ziehen.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.42 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Kommen wir auf die heutige Zeit zu sprechen, wobei  Teilhard der Technik einen bedeutenden Platz einr\u00e4umt.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helmut de Terra:<\/span> Wenn nun die Technik der Gegenwart den Weg zu einem planetarischen Bewusstsein vorbereitet, so wie in fr\u00fcheren Epochen k\u00fcnstliche Bodenbew\u00e4sserung oder Metallegierungen den soziopolitischen Organisationen Vorschub leisteten, so darf man hierin einen Beweis f\u00fcr jene besondere Art von Evolution sehen, die das Wachstum des Bewusstseins ausmacht. Der Mensch ist demnach nicht Endprodukt einer ungeheuer langen organischen Entwicklung, sondern  ihr neues Medium. Sobald die Technik raum\u00fcberwindend wurde, brach das Zeitalter neuer Erkenntnisse und Planungen an, unser Zeitalter der ersten Versuche weltweiter Organisationen, die auf intensiveren wirtschaftlichen und kulturellen Austausch hinstreben. Wir sind in einem experimentellen Stadium und k\u00f6nnen es uns nicht leisten, mit kleingl\u00e4ubigen Zweifeln unsere Energien zu schw\u00e4chen, sondern m\u00fcssen, wie Teilhard, die Gegenwart in gro\u00dfer Perspektive sehen, in einem durch sorgf\u00e4ltige Forschungen unterbauten Glauben.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.57<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Pierre Teilhard de Chardin war ein gl\u00e4ubiger Christ und versuchte in seinen B\u00fcchern <i>Der Mensch im Kosmos<\/i> oder <i>Das g\u00f6ttliche Milieu<\/i> seine wissenschaftlichen Forschungen mit seinem Glauben zu vereinen. K\u00f6nnen Sie abschlie\u00dfend hierzu etwas sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helmut de Terra:<\/span> Wie h\u00e4tte eine das Universum umfassende Betrachtung auf Grund der beiden Teilhard&rsquo;schen Hypothesen von der \u00fcberragenden Bedeutung des Menschen in der Natur und seinem organisch bedingten Geschick auf rein rationaler Basis vorgenommen werden k\u00f6nnen ohne Bezugnahme auf jenen Glauben, f\u00fcr den er auch als Mitglied eines angesehenen geistlichen Ordens eintrat? Von Teilhard, dem gl\u00e4ubig Forschenden, konnte man von vornherein eine Qualifizierung seines Begriffes der Wissenschaft erwarten. Er tat es auf seine Weise, indem er Sehen und Schauen als Medien zu einem tieferen Verst\u00e4ndnis des menschlichen Wesens empfahl. Sein neuer Begriff vom Menschen sollte zu der Erkenntnis f\u00fchren, \u201edass er nicht einsam in den Ein\u00f6den des Weltalls verloren ist, sondern dass ein universeller Lebenswille ihm zustr\u00f6mt und sich in ihm vermenschlicht.\u201d (<i>Der Mensch im Kosmos<\/i>, S.9)<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.114<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Helmut de Terra, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2627 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2627' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2627 lc'>+1<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2627 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Helmut de Terra. 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