{"id":255,"date":"2013-12-10T15:15:30","date_gmt":"2013-12-10T14:15:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=255"},"modified":"2024-11-02T19:32:19","modified_gmt":"2024-11-02T18:32:19","slug":"interview-arendtrahner-die-mondlandung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=255","title":{"rendered":"Interview: Hannah Arendt~Karl Rahner &#8211; Die Mondlandung"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Mond.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-259\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Mond.jpg\" alt=\"Mond\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Mond.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Mond-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Zu unserem heutigen Gespr\u00e4ch begr\u00fc\u00dfe ich Frau Hannah Arendt und Herrn Karl Rahner. Am 21. Juli 1969 betrat als erster Mensch Neil Armstrong den Mond. Es war ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Ereignis in der Menschheitsgeschichte. Was k\u00f6nnen Sie, Herr Karl Rahner als Theologie zu dieser einmaligen Begebenheit sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Auch der Theologe wei\u00df die innerweltlichen Zuk\u00fcnfte nicht vorauszusagen. Und so, meine ich, wei\u00df auch er nicht, welche Bewusstseinsver\u00e4nderungen tiefgehender Art die Mondfahrt, diese Art der Rationalit\u00e4t, der Technik und der Organisation der gesellschaftlichen Arbeit, hervorrufen wird. Ich meine, das Bewusstsein des Menschen ist bisher mit dieser Tat noch gar nicht mitgekommen. Wenn und insofern christlicher Glaube und seine Theologie mit diesem Selbstverst\u00e4ndnis des Menschen etwas zu tun haben, sind tats\u00e4chlich christlicher Glaube und seine Theologie durch diese Mondlandung angerufen und herausgefordert. Nicht direkt durch das Vorkommnis selbst, sondern durch das, was es langsam erst noch an Bewusstseinsver\u00e4nderung ausl\u00f6sen wird.<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Kritisches Wort<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1970, S.233<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und Sie, Frau Hannah Arendt, was sagen Sie als Philosophin dazu?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Hannah Arendt:<\/span> Diese Frage fordert den Laien und den Humanisten heraus, \u00fcber das zu urteilen, was der Naturwissenschaftler tut, weil es alle Menschen betrifft, und an dieser Debatte m\u00fcssen sich die Naturwissenschaftler nat\u00fcrlich beteiligen, insofern sie Mitb\u00fcrger sind. Selbst wenn die Antworten von Philosophen, deren Lebensweise die Einsamkeit ist, gegeben werden, werden sie im Meinungsaustausch vieler Menschen erreicht, von denen die meisten nicht mehr unter den Lebenden weilen m\u00f6gen. Vorstellungen wie Leben, Mensch, Wissenschaft oder Erkenntnis sind definitionsgem\u00e4\u00df vor-wissenschaftlich, und die Frage ist, ob die gegenw\u00e4rtige Entwicklung der Naturwissenschaft, die zur Unterwerfung des Erdraumes und Invasion in den Weltraum gef\u00fchrt hat, diese Vorstellungen in solchem Ausma\u00df ge\u00e4ndert hat, dass sie keinen Sinn mehr haben.<\/h3>\n<p>Hannah Arendt, <i>In der Gegenwart, \u00dcbungen im politischen Denken II<\/i>, Piper Verlag, M\u00fcnchen, 2000, S.375<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie haben auch geschrieben, dass der Mensch trotz seines Einstiegs in den Weltraum und somit die Astrophysik immer wieder auf Grenzen sto\u00dfen wird.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Hannah Arendt:<\/span> Im Sinne dieser Entwicklung bedeutet der Versuch, den Weltraum zu erobern, dass der Mensch f\u00e4hig zu sein hofft, zu dem archimedischen Punkt, den er mit blo\u00dfer Abstraktions- und Einbildungskraft antizipierte, zu reisen. Jedoch wenn er das tut, wird er norwendigerweise seinen Vorteil verlieren. Alles, was er finden kann, ist der archimedische Punkt im Hinblick auf die Erde, aber wenn er erst einmal dort angelangt ist und diese absolute Macht \u00fcber seine irdische Wohnstatt erhalten hat, br\u00e4uchte er einen neuen archimedischen Punkt, und so ad infinitum. Mit anderen Worten: Der Mensch kann in der Weite des Universums nur verlorengehen, denn der einzig wahre archimedische Punkt w\u00e4re die absolute Leere hinter dem Universum.<\/h3>\n<p><i>In der Gegenwart, \u00dcbungen im politischen Denken II<\/i>, S.386<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich wende mich wieder an Sie Herr Rahner und frage Sie, wie Sie das Ganze sehen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Wenn jemand feststellt, Gott komme im Bereich der Naturwissenschaft und in der von ihr manipulierten Welt nicht vor, wenn jemand sagt, die Naturwissenschaft sei deswegen a priori in ihrer Methode a-theistisch, &#8211; dann widerspricht diesen Behauptungen der an Gott Glaubende nicht.<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Gnade als Freiheit<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1968, S.19<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie nennen Gott das Geheimnis, das Unaussprechbare, das Schweigende und wie ist das im Zusammenhang mit der Naturwissenschaft zu verstehen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Es ist schon so: das Geheimnis ist das einzige Sichere und Selbstverst\u00e4ndliche. Man kann das Leben, insofern man zwischen diesem und jenem hindurchfinden muss, mit Formeln der Wissenschaft meistern. Wenigstens auf weite Strecken mag das gelingen, und man greift gl\u00fccklicherweise morgen noch ein gutes St\u00fcck weiter. Der Mensch selbst aber gr\u00fcndet im Abgrund, den keine Formel mehr auslotet. Man kann den Mut haben, diesen Abgrund zu erfahren als das heilige Geheimnis der Liebe. Dann kann man es Gott nennen.<\/h3>\n<p><i>Gnade als Freiheit<\/i>, S.20,23<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen beiden f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-255 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='255' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-255 lc'>+121<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-255 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Zu unserem heutigen Gespr\u00e4ch begr\u00fc\u00dfe ich Frau Hannah Arendt und Herrn Karl Rahner. Am 21. Juli 1969 betrat als erster Mensch Neil Armstrong den Mond. Es war ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Ereignis in der Menschheitsgeschichte. 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