{"id":2543,"date":"2022-09-09T14:20:22","date_gmt":"2022-09-09T13:20:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2543"},"modified":"2024-11-03T11:42:28","modified_gmt":"2024-11-03T10:42:28","slug":"interview-loew-eine-glaubensgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2543","title":{"rendered":"Interview: Jacques Loew &#8211; Eine Glaubensgeschichte"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Schneeflocke.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Schneeflocke-300x38.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"114\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2546\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Schneeflocke-300x38.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Schneeflocke.jpg 504w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag Herr Jacques Loew. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind, in dem wir \u00fcber Ihren Glauben an Gott sprechen wollen. Was m\u00f6chten Sie als erstes dazu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jacques Loew:<\/span> Ich muss sagen: Ich habe Gott erkannt, der auf mich gewartet hat. \u201eDer Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht\u201d, dieser Ruf, den damals, vor fast viertausend Jahren, der Patriarch Jakob in der W\u00fcste ausgesto\u00dfen hat, bleibt immer wahr. Gott war da, aber ich wusste es nicht.<\/h3>\n<p>Jacques Loew, <i>Er gab mir ein Zeichen<\/i>, Herder Verlag, Freiburg, 1986, S.5-6<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Bevor Sie zu Gott fanden, waren Sie mit der katholischen sowie protestantischen Religion vertraut gemacht worden. Ihre Eltern waren katholisch, doch lie\u00df ihr Vater, ein Dreyfus Anh\u00e4nger, Sie lieber im Protestantismus aufwachsen. Sie selbst standen der Religion gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber. Aber im Alter von f\u00fcnfundzwanzig Jahren w\u00e4hrend eines Aufenthalts in einem Schweizer Sanatorium, wo Sie sich von einer tuberkul\u00f6sen Erkrankung erholen mussten, hatten Sie ein entscheidendes Erlebnis mit einer Schneeflocke. K\u00f6nnen Sie davon berichten?<\/h3>\n<h3><span style=\" color: #3366ff;\">Jacques Loew:<\/span> Ich sammelte ein paar Flocken in eine kleine Untertasse; sie waren schon halb zerschmolzen, aber f\u00fcr die Untersuchung noch frisch genug. Und da hatte ich angesichts der Vollkommenheit einer jeden einzelnen von ihnen und angesichts ihrer Regelm\u00e4\u00dfigkeit und ihrer Vielfalt wirklich die sch\u00f6pferische Eingebung eines K\u00fcnstlers vor mir. Hinter jeder dieser Schneeflocken ahnte ich eine Intelligenz, einen gewaltigen K\u00fcnstler. Mit der ebenso vollkommenen wie zarten Sch\u00f6nheit dieses Kristalls hielt bei mir die feste Gewissheit von einer unendlichen sch\u00f6pferischen Sch\u00f6nheit und Intelligenz ihren Einzug. Wenn der Schnee schon so ist, wie k\u00f6nnte es dann Gott nicht geben? Einen Gott, der gro\u00df genug ist, eine fl\u00fcchtige Schneeflocke mit seiner Gegenwart zu erf\u00fcllen. Das war meine erste Ber\u00fchrung mit der Existenz Gottes, ihre erste intuitive Erkenntnis.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.31-32<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Das war der Anfang und wie ging es weiter?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jacques Loew:<\/span> Dieser Kristall war ein Bote, ein Fl\u00fcstern aus einem Sonstwoher, f\u00fcr das ich noch keinen Namen hatte, das ich aber nicht mehr bezweifeln konnte. Ein Fl\u00fcstern, ein Widerschein\u2026, aha, wird man sagen, Zeichen, die man kaum wahrnimmt, so hauchd\u00fcnn wie der Schnee selbst. Aber gilt das nicht auch von jedem Samenkorn, das Leben in sich birgt? Und dieses Fl\u00fcstern, dieser Widerschein haben in mir eine neue Sicht aufbrechen lassen, eine Sicht von bleibender Dauer wie ein Lebensquell.<\/h3>\n<p><i>Ibid<\/i>, S.44<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie haben daraufhin Ihr genussreiches Leben als Anwalt in Nizza aufgegeben und sind Arbeiterpriester geworden. Sie arbeiteten als Docker in Marseille. Hierbei erstellten Sie f\u00fcr die Stiftung \u201eEconomie et Humanisme\u201d eine  Studie \u00fcber die Arbeit im Hafen, die dazu f\u00fchrte, dass 1947 ein Gesetz beschlossen wurde, das den Hafenarbeitern einen festen Lohn garantierte. Als die Arbeiterpriester im Januar 1954 von ihrer kirchlichen Hierarchie die Anweisung erhielten, ihre Arbeit einzustellen, befolgten Sie Ihr Gehorsamsgel\u00fcbde, was Sie den anderen Dockern mitteilten. Sie gr\u00fcndeten bald darauf die Arbeitermission St. Peter und Paul. Doch der Grundstein f\u00fcr diese Entschl\u00fcsse in Ihrem Leben ist Ihr mystisches Erlebnis mit der Schneeflocke. K\u00f6nnen Sie sagen, wie Sie das empfinden?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jacques Loew:<\/span> Ja, mein Blick, der auf der vollkommenen Sch\u00f6nheit einer fl\u00fcchtigen Schneeflocke ruhte, hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Von nun an sind die Dinge, vom Grashalm bis zu den Sternen, noch kostbarer, als sie schon von sich aus sind: sie verweisen mich auf diesen Anderen. Diese Sicht ist von bleibender Dauer, auch wenn mich seither nur noch einmal etwas so gepackt hat, dass es mir den Atem verschlug, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, als ich planlos allein durch die Camargue streifte. Hinter einer D\u00fcne stand ich unversehens vor etwa hundert rosafarbenen Flamingos, f\u00fcr die unsere Begegnung ebenso \u00fcberraschend war wie f\u00fcr mich. Kaum hatten sie mich wahrgenommen, flogen sie alle auf. Das herrliche, unverhoffte Schauspiel des schwarz-roten Streifenmusters ihrer ausgebreiteten Schwingen, das man in Ruhestellung nicht sieht, hat auf mich ebenso gewirkt wie der Schnee damals in der Schweiz: ich war gleich und f\u00fcr einen Augenblick mir selbst entr\u00fcckt, woandershin, wie an den Ursprung der Welt.<\/h3>\n<p>Jacques Loew, <i>Ibid.<\/i>, S.44-45<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Loew, Sie sind ein Mensch, der mitten in seiner weltlichen Umgebung aktiv t\u00e4tig ist. Was m\u00f6chten Sie von daher zum Atheismus, dem Leid, dem B\u00f6sen, eben allem Weltlichen, dem Sie nicht ausweichen k\u00f6nnen, sagen? Und auch die Bibelforschung hat sich ver\u00e4ndert.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jacques Loew:<\/span> Der Schnee, die rosafarbenen Flamingos und der heilige Franz von Assisi haben mich nicht dazu gebracht, mich im M\u00e4rchenland der Blauen Blume anzusiedeln. Leid, Tod, Einsamkeit und Hass sind damit nicht ausradiert; seither bin ich in allen vier Erdteilen gewesen; und wie k\u00f6nnte ich, wenn ich offenen Auges die Sch\u00f6nheit des Alls betrachte, meine Augen vor dem Leid und den Wunden der Welt verschlie\u00dfen? Wie w\u00e4ren das B\u00f6se, das Unrecht, der Tod des Unschuldigen f\u00fcr mich wie auch f\u00fcr alle anderen Menschen kein Dorn im Fleisch? Und eine schmerzliche Frage an Gott! Nein, ich habe keine \u201eL\u00f6sung\u201d f\u00fcr das Problem des B\u00f6sen\u2026, ich glaube nur fest, dass das Dunkel und die Tr\u00e4nen nicht das letzte Wort behalten, und dass sie niemals das Licht verschlingen k\u00f6nnen. Ich danke Nietzsche, Freud und Marx, dass sie mich zu einer kritischen \u00dcberpr\u00fcfung meines Glaubens und der Beweggr\u00fcnde f\u00fcr meine Entscheidung gezwungen haben. Dankbare Anerkennung geb\u00fchrt auch den Arbeiten der modernen Exegeten, die mich dazu gebracht haben, mich beim Aufschlagen der Bibel nicht mit fertigen Antworten zufrieden zu geben. Infolge der arch\u00e4ologischen und philologischen Erkenntnisse der letzten f\u00fcnfzig Jahre hat sich vieles als nicht ganz so einfach erwiesen, wie man dachte, oder sogar als heute unhaltbar, weil es Geistesprodukt einer vergangenen Epoche war. Aber auch die Gewissheit, die der heilige Paulus mit den Worten \u201eIch wei\u00df, wem ich Glauben geschenkt habe\u201d, ausgedr\u00fcckt hat, ist nur noch gewachsen.<\/h3>\n<p><i>Ibid.<\/i>, S.63 und S.106 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> K\u00f6nnen Sie diesen letzten Satz konkretisieren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jacques Loew:<\/span>Hier gibt es nur eine einzige Richtschnur: das Wort Gottes. Das Ziel, das sich uns darbietet, ist daher, die Mission auf der H\u00f6he zu halten, zu der das Wort Gottes uns einl\u00e4dt, und die Mittel anzuwenden, die es von uns verlangt, das hei\u00dft, Missionare zu sein, wie die beiden S\u00e4ulen der Kirche, Petrus und Paulus, sie zeichnen und haben wollen: als Menschen des Glaubens, die einen Sinn f\u00fcr die Pr\u00fcfung haben und Zeugen f\u00fcr den Unsichtbaren sind. Die ewige Jugend der Kirche entspringt aus der st\u00e4ndigen R\u00fcckkehr zu ihren Quellen.<\/h3>\n<p><i>Auf Dein Wort hin<\/i>, S.244 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Loew, was m\u00f6chten Sie abschlie\u00dfend sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Jacques Loew:<\/span>So bin ich denn schon f\u00fcnfzig Jahre unabl\u00e4ssig dabei, diesen Christus zu entdecken, und wei\u00df wohl, dass ich kaum mehr vermag, als sein Geheimnis abzutasten. Aber selbst das erf\u00fcllt mich mit Freude und Vertrauen. Ebenso wie die Liebe in Gott kein Ma\u00df kennt, so bleibt auch Christus, der der Liebe dieses Gottes zu uns entstammt, f\u00fcr unsere Ann\u00e4herungsversuche immer unerreichbar.<\/h3>\n<p><i>Er gab mir ein Zeichen<\/i>, S.97<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span>Herr Jacques Loew, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2543 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2543' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2543 lc'>+1<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2543 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag Herr Jacques Loew. 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