{"id":243,"date":"2013-11-30T14:23:29","date_gmt":"2013-11-30T13:23:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=243"},"modified":"2024-11-02T19:32:49","modified_gmt":"2024-11-02T18:32:49","slug":"interview-bollcamusrahner-der-marxismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=243","title":{"rendered":"Interview: Heinrich B\u00f6ll~Albert Camus~Karl Rahner &#8211; Der Marxismus"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/marxismus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-250\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/marxismus.jpg\" alt=\"marxismus\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/marxismus.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/marxismus-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich begr\u00fc\u00dfe Herrn Karl Rahner, Herrn Albert Camus und Herrn Heinrich B\u00f6ll. Beginnen wir mit Ihnen, Herr B\u00f6ll. F\u00fcr Sie enth\u00e4lt die Lehre von Karl Marx viel Positives f\u00fcr die Entwicklung einer gerechteren Welt. Sie nennen es eine Erkenntnis, dass<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> ohne Arbeiterbewegung, ohne die Sozialisten, ohne ihren Denker, der Karl Marx hie\u00df, mehr als f\u00fcnf Sechstel der heute Lebenden noch in einem dumpfen Zustand halber Sklaverei lebten; dass ohne Kampf, ohne Aufst\u00e4nde und Streiks, die erweckt, gelenkt werden mussten, die Kapitalisten nicht einen halben Schritt zur\u00fcckgewichen w\u00e4ren.<\/h3>\n<p>Heinrich B\u00f6ll<i>, Widerstand ist ein Freiheitsrecht&#8230;<\/i>, Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln, 2011, S.165<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Welchen Ursprung hat f\u00fcr Sie, Herr Albert Camus, der marxistische Fortschrittsglauben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Marxens wissenschaftlicher Messianismus ist jedoch b\u00fcrgerlichen Ursprungs. Der Fortschritt, die Zukunft der Wissenschaft, der Kultur der Technik und der Produktion sind b\u00fcrgerliche Mythen, die sich im 19. Jahrhundert als Dogma ausgebildet haben. Man wird vermerken, dass das <i>Kommunistische Manifest<\/i> im gleichen Jahr wie Renans <i>Zukunft der Wissenschaft<\/i> erscheint. Dies letztere, f\u00fcr einen Zeitgenossen konsternierende Glaubensbekenntnis vermittelt jedoch die genaueste Vorstellung jener beinahe mystischen Hoffnungen, welche im 19. Jahrhundert der Aufschwung der Industrie und die \u00fcberraschenden Fortschritte der Wissenschaften ausl\u00f6sten.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2006, S.219<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und Sie, Herr Karl Rahner m\u00f6chte ich fragen, ob das Christentum beim Erlangen dieser positiven Errungenschaften nicht im Abseits stehen geblieben ist?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner<\/span> Sagen wir es einmal ganz n\u00fcchtern und ohne uns davor zu dr\u00fccken: diese Jenseitigkeit der letzten christlichen Hoffnung hat die Gefahr in sich, die Aufgaben dieser Welt nicht ganz ernst zu nehmen, sich mit der Misere des Daseins abzufinden, \u00fcber die Armen, die sich selbst Entfremdeten, die \u00c4rmsten hinwegzusehen. Diese Gefahr ist selbstverst\u00e4ndlich da, und das Christentum ist ihr de facto immer wieder verfallen. Wenn vieles, was das Christentum h\u00e4tte tun sollen, in der jungen, lebendigen Bewegung des Marxismus getan worden ist, dann m\u00fcssen wir &#8211; ich wei\u00df nicht, was wir anderes tun sollen &#8211; das als Mea culpa des Christentums wirklich eingestehen. Wir k\u00f6nnen hier nur sagen: wir m\u00fcssen lernen, und wir m\u00fcssen in diesem Sinne einen sich so verstehenden Marxismus nur unterst\u00fctzen. Ich w\u00fcrde als Christ auch sagen, um das jetzt theologisch zu formulieren: in dieser marxistischen Bewegung einer echten, authentischen Liebe zum konkreten, elenden Menschen war auch der Geist Gottes am Werk, der bei uns Christen durch unser Versagen vielleicht nicht das bewirken konnte, was er in der Welt sicher bewirken will, wenn auch immer nur asymptotisch und ohne die letzte Selbstentfremdung des Menschen in diesem Leben vor dem Tod aufzuheben.<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Kritisches Wort<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1970, S.98-99<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie geben also gleichzeitig zu verstehen, dass das Christentum keine innerweltliche Zukunftsutopie, wie das Errichten einer klassenlosen Gesellschaft, in sich tr\u00e4gt. Was lehrt das Christentum?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner<\/span> Das Christentum lehrt: W\u00e4hrend die Welt noch ihren Gang geht in den innerlich gekr\u00fcmmten Bahnen ihrer endlichen Geschichte, w\u00e4hrend sie noch dem Wechsel unterworfen ist, indem sie nur ein Endliches durch ein anderes ersetzen kann, das &#8211; mag es auch besser sein als das vorausgehende &#8211; doch immer nur Verhei\u00dfung und Entt\u00e4uschung in einem f\u00fcr den Geist bleibt, der seine Endlichkeit erkennt und erleidet, hat Gott die Welt schon aufgebrochen, ihr einen Ausgang er\u00f6ffnet in seine eigene Unendlichkeit hinein. Die Geschichte, in der Gott selbst mit seinem eigenen Einsatz mitspielt, ist ja die Geschichte der Fleischwerdung Gottes und nicht nur das Ereignis eines blo\u00df ideologischen Geistes. Das Christentum bekennt die Auferstehung des Fleisches und sagt damit, dass es im letzten nur eine Geschichte und ein Ende von allem gibt, dass alles erst dann in sein Ziel gelangt ist, wenn es Gottes selbst habhaft geworden ist.<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Gegenwart des Christentums<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1963, S.22-23<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> F\u00fcr Sie, Herr Camus, kann die Geschichte nicht \u00fcber die Natur des Menschen gestellt werden. Was wollen Sie deshalb \u00fcber den russischen Marxismus sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Gibt es keine menschliche Natur, dann ist die Formbarkeit des Menschen in der Tat unendlich. So erkl\u00e4rt es sich, dass der russische Marxismus in seiner Gesamtheit die Welt des Irrationalen ablehnt, obwohl er sich ihrer zu bedienen wei\u00df. Das Irrationale kann dem Reich dienen, aber es ebensogut widerlegen. Es entrinnt der Berechnung, und nur die Berechnung soll im Reich herrschen. Der Mensch ist nur ein Kr\u00e4ftespiel, auf das man rational einwirken kann. Unbesonnene Marxisten glaubten, ihre Lehre mit derjenigen Freuds zum Beispiel in \u00dcbereinstimmung bringen zu k\u00f6nnen. Man hat sie gr\u00fcndlich und sehr schnell eines Besseren belehrt. Freud ist ein ketzerischer und kleinb\u00fcrgerlicher Denker, denn er hat das Unbewusste zutage gef\u00f6rdert und ihm mindestens ebensoviel Wirklichkeit beigelegt wie dem \u00dcber-Ich oder dem sozialen Ich. Dieses Unbewusste kann also die Originalit\u00e4t einer der Geschichte entgegengesetzten menschlichen Natur bestimmen. Der Mensch muss jedoch im Gegenteil im sozialen und rationalen Ich, einem Gegenstand der Berechnung, aufgehen. Es galt also nicht nur, das Leben eines jeden zu versklaven, sondern auch das irrationalste und einsamste Ereignis, dessen Erwartung den Menschen sein Leben lang begleitet. In seinem krampfhaften Streben nach der endg\u00fcltigen Herrschaft sucht das Reich, den Tod in sich einzubeziehen.<\/h3>\n<p><i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, S.268-269<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Diese politische Ausbeutung der Lehre von Karl Marx wird auch von Ihnen, Herr B\u00f6ll, sehr negativ gesehen.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Heinrich B\u00f6ll:<\/span> Als Karl Marx starb, war seine Lehre noch nicht im taktischen Sinn politisch wirksam geworden; sie g\u00e4rte noch; vieles an ihr war unausg\u00e4rbar, manches explodierte; in die H\u00e4nde der Politiker gegeben, erwies sich seine Lehre als ein blutiges Instrument; vielleicht nur, weil die Welt die Antwort auf Marx schuldig blieb, seine Irrt\u00fcmer benutzte, um seine Wahrheiten zu verdecken. Diejenigen, in deren H\u00e4nden seine Lehre politisches Instrument wurde, benutzten ihn, um ihre Verbrechen und Irrt\u00fcmer zu verdecken. Er war ein Revolution\u00e4r und ein Hasser, und gerade da, wo er nur Wissenschaftler sein wollte, trieb sein Hass ihn in die Sackgasse des Irrtums. Er, der den Menschen seiner Selbstentfremdung entrei\u00dfen, zu sich selbst bringen wollte, wurde umgef\u00e4lscht in den G\u00f6tzen einer Unmenschlichkeit, die unz\u00e4hlige Opfer gefordert hat.<\/h3>\n<p><i>Widerstand ist ein Freiheitsrecht&#8230;<\/i>, S.187<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen drei f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-243 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='243' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-243 lc'>+249<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-243 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Ich begr\u00fc\u00dfe Herrn Karl Rahner, Herrn Albert Camus und Herrn Heinrich B\u00f6ll. 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