{"id":233,"date":"2020-08-17T15:39:20","date_gmt":"2020-08-17T14:39:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=233"},"modified":"2024-11-02T19:08:31","modified_gmt":"2024-11-02T18:08:31","slug":"interview-camus-der-fremde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=233","title":{"rendered":"Interview: Albert Camus &#8211; Der Fremde"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1020060.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-236\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1020060.jpg\" alt=\"P1020060\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1020060.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1020060-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Albert Camus, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber Ihren Roman <i>Der Fremde<\/i> sprechen wollen. Dieser Roman, der zur gleichen Zeit wie Ihr Essay <i>Der Mythos des Sisyphos<\/i> erschienen ist, machte Sie ber\u00fchmt. In beiden Werken geht es Ihnen um die Konfrontation des Menschen mit dem Absurden seiner Existenz. Mersault, der\u00a0 Ich-Erz\u00e4hler, begeht einen Mord, ohne sich zuvor zu dieser Tat entschlossen zu haben. Vor Gericht sagt er aus, dass es wegen der Sonne gewesen sei, denn in Ihrem Roman fungiert die Sonne gleichsam als Sinnbild f\u00fcr das Absurde. K\u00f6nnen Sie\u00a0 eine Stelle zitieren, aus der das hervorgeht?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Alles kam hier zwischen dem Meer, dem Sand und der Sonne, der zweifachen Stille der Fl\u00f6te zum Stillstand. Ich habe in dem Moment gedacht, man k\u00f6nnte schie\u00dfen oder nicht schie\u00dfen. Ich dachte an die k\u00fchle Quelle hinter dem Felsen. Ich hatte Lust, das Murmeln ihres Wassers wiederzuh\u00f6ren, Lust, der Sonne, der Anstrengung und den Frauentr\u00e4nen zu entfliehen, Lust, den Schatten und seine Ruhe wiederzufinden. Aber als ich n\u00e4her heran war, habe ich gesehen, dass Raymonds Typ zur\u00fcckgekommen war. Er lag entspannt auf dem R\u00fccken, die H\u00e4nde unter dem Nacken, den Kopf im Schatten des Felsens, mit dem K\u00f6rper ganz in der Sonne. Ich habe gedacht, dass ich nur umzukehren brauchte, und es w\u00e4re vorbei. Aber der ganze vor Sonne flimmernde Strand dr\u00e4ngte sich hinter mir. Das Brennen der Sonne stieg mir in die Wangen, und ich habe gesp\u00fcrt, dass sich Schwei\u00dftropfen in meinen Augenbrauen sammelten. Es war dieselbe Sonne wie an dem Tag, als ich Mama beerdigt habe, und wie neulich tat mir vor allem die Stirn weh, und alle ihre Adern pochten auf einmal unter der Haut.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Fremde<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2010, S.82,84-85<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span>\u00a0Mersault beginn den Mord, um sich gewisserma\u00dfen des Absurden zu entledigen. Aber wessen wird er sich bewusst?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Ich habe den Schwei\u00df und die Sonne abgesch\u00fcttelt. Mir wurde klar, dass ich das Gleichgewicht des Tages zerst\u00f6rt hatte, die au\u00dfergew\u00f6hnliche Stille eines Strandes, an dem ich gl\u00fccklich gewesen war.<\/h3>\n<p><i>Der Fremde<\/i>, S.87<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Camus, k\u00f6nnen Sie das Absurde definieren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> An sich ist diese Welt nicht vern\u00fcnftig &#8211; das ist alles, was man von ihr sagen kann. Absurd aber ist der Zusammensto\u00df des Irrationalen mit dem heftigen Verlangen nach Klarheit, das im tiefsten Innern des Menschen laut wird.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Mythos des Sisyphos<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juni 2004, S.33<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Erhofft sich Mersault aus diesem Grund auch nichts von der Rede seines Anwalts, denn was nimmt er w\u00e4hrend dessen Pl\u00e4doyer wahr?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Letzten Endes erinnere ich mich nur, dass, w\u00e4hrend mein Anwalt weiterredete, von der Stra\u00dfe her durch die ganze Flucht von S\u00e4len und Hallen die Trompete eines Eismanns zu mir gedrungen ist. Ich wurde von den Erinnerungen an ein Leben \u00fcberfallen, das nicht mehr mir geh\u00f6rte, in dem ich aber meine kargsten und beharrlichsten Freuden gefunden hatte: Sommerger\u00fcche, das Viertel, das ich liebte, einen bestimmten Himmel, das Lachen und die Kleider von Marie. Die ganze Nutzlosigkeit dessen, was ich an diesem Ort tat, ist mir da wieder aufgesto\u00dfen, und ich wollte es nur schleunigst hinter mich bringen und in meine Zelle samt dem Schlaf zur\u00fcckkehren.<\/h3>\n<p><i>Der Fremde<\/i>, S.149-150<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und wie verl\u00e4uft das Gespr\u00e4ch mit dem Anstaltsgeistlichen, bei dem Mersault seinen angestauten Groll auf das Absurde und so auch auf den Tod nicht mehr zur\u00fcckhalten kann, als der Priester sagt, dass er f\u00fcr ihn beten werde?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus<\/span>: Nichts, nichts w\u00e4re von Bedeutung, und ich w\u00fcsste genau, warum nicht. Er w\u00fcsste es auch. Aus der Tiefe meiner Zukunft stiege w\u00e4hrend dieses ganzen absurden Lebens, das ich gef\u00fchrt h\u00e4tte, ein dunkler Atem zu mir auf, durch Jahre hindurch, die noch nicht gekommen w\u00e4ren, und dieser Atem machte auf seinem Weg all das gleich, was man mir in den genauso unwirklichen Jahren b\u00f6te, die ich lebte. Was scherte mich der Tod der anderen, die Liebe einer Mutter, was scherte mich sein Gott, die Leben, die man w\u00e4hlt, die Bestimmungen, die man erw\u00e4hlt, da eine einzige Bestimmung mich erw\u00e4hlen sollte, mich und mit mir Milliarden von Privilegierten, die sich, wie er, meine Br\u00fcder nannten. Begriffe er denn nicht? Alle Welt w\u00e4re privilegiert. Es g\u00e4be nur Privilegierte.<\/h3>\n<p><i>Der Fremde<\/i>, S.172<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Doch bleiben Sie bei dieser Feststellung nicht stehen, sondern bef\u00fcrworten die Liebe zum Leben. So lehnen Sie in Ihrem Essay <i>Der Mythos des Sisyphos<\/i> den Selbstmord eindeutig ab, und in Ihrem Roman <i>Der Fremde<\/i> denkt Mersault kurz vor seiner Hinrichtung an seine Mutter, die noch im Altersheim eine liebevolle Beziehung zu einem Menschen unterhielt.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus<\/span>: Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit habe ich an Mama gedacht. Mir schien, dass ich verstand, warum sie sich am Ende eines Lebens einen \u201eBr\u00e4utigam\u201d zugelegt hatte, warum sie gespielt hatte, dass sie neu anfinge. Dort, auch dort, rings um dieses Altersheim, in dem Leben erloschen, war der Abend wie eine melancholische Atempause. Dem Tod so nahe, hatte Mama sich dort befreit gef\u00fchlt und bereit, alles noch einmal zu leben. Niemand, niemand hatte das Recht, sie zu beweinen.<\/h3>\n<p><i>Der Fremde<\/i>, S.173-174<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Albert Camus, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-233 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='233' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-233 lc'>+112<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-233 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Albert Camus, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber Ihren Roman Der Fremde sprechen wollen. 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