{"id":2205,"date":"2019-11-30T10:41:56","date_gmt":"2019-11-30T09:41:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2205"},"modified":"2024-11-02T16:29:41","modified_gmt":"2024-11-02T15:29:41","slug":"interview-dostojewski-der-sundenfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2205","title":{"rendered":"Interview: Fjodor Dostojewski &#8211; Der Traum eines l\u00e4cherlichen Menschen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Sunde.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Sunde.jpg\" alt=\"\" width=\"801\" height=\"100\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2207\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Sunde.jpg 801w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Sunde-300x37.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Sunde-768x96.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 801px) 100vw, 801px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag Herr Dostojewski, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. Wir wollen \u00fcber Ihre Erz\u00e4hlung <i>Der Traum eines l\u00e4cherlichen Menschen<\/i> sprechen, in dem Sie Ihre Religiosit\u00e4t zum Ausdruck bringen. So gibt es einen Ich-Erz\u00e4hler, der sich einen l\u00e4cherlichen Menschen nennt. Als junger Mann schmerzte es ihn, l\u00e4cherlich zu sein und dass die anderen sich \u00fcber ihn lustig machten. Es war ihm peinlich, seine L\u00e4cherlichkeit den anderen gegen\u00fcber zu bekennen. Doch mit zunehmendem Alter begegnete er dieser Eigenschaft mit Gleichg\u00fcltigkeit und nicht nur dieser, sondern der ganzen Welt mitsamt ihren Menschen. Alles war ihm egal, seitdem er eines Abends einen  Flecken am Himmel sah. Wir wollen gemeinsam dieses f\u00fcr ihn entscheidende Ereignis weiterverfolgen.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Fjodor Dostojewski:<\/span> Auf einmal bemerkte ich in einem dieser Flecken ein Sternchen und begann es aufmerksam zu betrachten. Das tat ich deshalb, weil dieses Sternchen mir einen Gedanken eingab: Ich beschloss, mir in dieser Nacht das Leben zu nehmen. Dasselbe hatte ich schon zwei Monate vorher fest beschlossen, mir trotz meiner Armut einen sch\u00f6nen Revolver gekauft und ihn gleich an jenem Tag geladen. Ich hatte zwei Monate hindurch jede Nacht, wenn ich nach Hause kam, gedacht, dass ich mich erschie\u00dfen m\u00fcsste. Ich wartete immer auf einen g\u00fcnstigen Augenblick. Und da gab mir nun dieses Sternchen den Gedanken ein, und ich beschloss, dass es unbedingt in dieser Nacht geschehen solle.<\/h3>\n<p>Fjodor M. Dostojewski, <i>Traum eines l\u00e4cherlichen Menschen<\/i>, Ebook Kindle, Amazon<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Doch in dem Augenblick und er schaute dabei zu dem Sternchen, fasste ihn ein etwa achtj\u00e4hriges M\u00e4dchen an. Das Kind zitterte vor K\u00e4lte und war v\u00f6llig durchn\u00e4sst. Der Mann begriff, dass die Mutter des Kindes im Sterben lag oder ihr sonst etwas Schlimmes widerfahren war. Deshalb war das M\u00e4dchen so verzweifelt und bat ihn flehentlich um Hilfe. Der Mann stand nun, wie es jedem Menschen in seinem Leben passiert, vor einer Entscheidung. Half er der Kleinen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Fjodor Dostojewski:<\/span> Ich folgte ihr nicht; im Gegenteil, mir kam auf einmal der Gedanke, sie wegzujagen. Zuerst sagte ich, sie solle sich einen Schutzmann suchen. Aber sie faltete bittend die H\u00e4ndchen, lief schluchzend und atemlos immer neben mir her und wich nicht von mir. Und da stampfte ich mit den F\u00fc\u00dfen und schrie sie an. Sie rief nur: \u201eAch, Herr, ach Herr!\u201d, aber pl\u00f6tzlich verlie\u00df sie mich und rannte, so schnell sie konnte, \u00fcber die Stra\u00dfe; dort war ein anderer Passant sichtbar geworden, und sie lief offenbar zu ihm hin.<\/h3>\n<p>Fjodor M. Dostojewski, a.a.O.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die Begegnung mit dem M\u00e4dchen l\u00f6ste bei dem Mann Empfindungen aus, die ihn nie zuvor so stark bewegt hatten. Und wessen wurde er sich bewusst?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Fjodor Dostojewski:<\/span> Warum f\u00fchlte ich denn nun auf einmal, dass mir nicht alles egal war und ich das kleine M\u00e4dchen bemitleidete. Mir war klar: Wenn ich ein Mensch und noch keine Null war und mich einstweilen noch nicht in eine Null verwandelt hatte, dass ich dann lebte und folglich imstande war, zu leiden, mich zu \u00e4rgern und \u00fcber meine Handlungen Scham zu empfinden. Mir war klar, dass das Leben und die Welt gleichsam von mir abhingen.<\/h3>\n<p>A.a.O.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> So schreiben Sie zurecht, dass das kleine M\u00e4dchen dem Mann das Leben rettete, denn dank ihm, gingen ihm alle diese Gedanken im Kopf herum. Und als er weiter nachdachte, \u00fcberkam ihn ein Traum, und in diesem schoss er sich tats\u00e4chlich in die Brust.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Fjodor Dostojewski:<\/span> Ich hatte die Empfindung, als sei mit meinem Schuss alles in mir ersch\u00fcttert und erloschen. Und pl\u00f6tzlich \u00fcberraschte mich zum ersten Mal der Gedanke, dass ich ja gestorben war. Ich rief auf einmal mit meinem ganzen Wesen zu dem, nach dessen Herrscherwillen das alles mit mir vorging: \u201eWer du auch sein magst, aber wenn du bist und wenn etwas Vern\u00fcnftigeres existiert als das, was sich jetzt vollzieht, so lass dieses Vern\u00fcnftigere auch hier stattfinden.\u201d So rief ich und verstummte dann. Und siehe da, auf einmal tat mein Grab sich auf. Ein dunkles, mir unbekanntes Wesen ergriff mich, und wir befanden uns pl\u00f6tzlich im Weltenraum. Schon l\u00e4ngst sah ich die dem Auge bekannten Gestirne nicht mehr. Und pl\u00f6tzlich ersch\u00fctterte mich ein bekanntes und im h\u00f6chsten Grade angenehmes Gef\u00fchl; ich erblickte auf einmal unsere Sonne! Ich wusste, dass das nicht unsere Sonne sein konnte. \u201eDu wirst alles sehen\u201d, antwortete mein Gef\u00e4hrte, und eine gewisse Traurigkeit war aus dem Klang seiner Stimme herauszuh\u00f6ren. Aber wir n\u00e4herten uns schnell dem Planeten. Mein Gef\u00e4hrte hatte mich schon verlassen. Ganz unmerklich war ich mit einem Mal auf dieser andern Erde im hellen Licht eines paradiesisch sch\u00f6nen, sonnigen Tages gelandet. Und endlich erblickte und erkannte ich die Menschen dieser gl\u00fccklichen Erde. Ihre Gesichter strahlten von Verstand und abgekl\u00e4rter Erkenntnis; diese Gesichter waren heiter; aus den Stimmen und Worten der Menschen klang eine kindliche Freude heraus. Oh, sofort, beim ersten Blick auf ihre Gesichter, verstand ich alles, alles! Das war nicht die durch den S\u00fcndenfall entweihte Erde; auf ihr lebten s\u00fcndlose Menschen.<\/h3>\n<p>A.a.O.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> So lebte der Mann unter s\u00fcndlosen Menschen. Aber was tat er, das Sie nicht verschweigen d\u00fcrfen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Fjodor Dostojewski:<\/span> Ich habe es bisher verschwiegen; aber jetzt will ich auch diese Wahrheit aussprechen: Die Sache ist die, dass ich sie alle verdarb! Ich weiss nur, dass ich die Ursache des S\u00fcndenfalls war.<\/h3>\n<p>A.a.O.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Der Mann brachte also die L\u00fcge, die Eifersucht, den Hass, die Grausamkeit, das Verbrechen und alles B\u00f6se, das er auf der Erde, von der er kam, kannte, unter diese Menschen. Wie reagierten diese Menschen darauf?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Fjodor Dostojewski:<\/span> Wenn es m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, dass sie zu dem verlorenen Zustand der Unschuld und des Gl\u00fccks zur\u00fcckgekehrt w\u00e4ren, und wenn sie jemand von neuem darauf hingewiesen und sie gefragt h\u00e4tte, ob sie zu ihm zur\u00fcckkehren wollten, so h\u00e4tten sie diese Frage bestimmt verneint. Sie antworteten mir: \u201eM\u00f6gen wir auch L\u00fcgner, B\u00f6sewichte und Ungerechte sein, wir wissen das und weinen dar\u00fcber. Aber wir haben die Wissenschaft. Das Wissen steht h\u00f6her als das Gef\u00fchl, die Erkenntnis des Lebens h\u00f6her als das Leben.<\/h3>\n<p>A.a.O.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Dennoch gab der Mann es nicht auf, ihnen klar zu machen, dass er an allem Schuld w\u00e4re. Hatte er Erfolg?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Fjodor Dostojewski:<\/span> Sie lachten nur \u00fcber mich und hielten mich schlie\u00dflich f\u00fcr einen Halbverr\u00fcckten. Sie verteidigten mich, indem sie sagten, sie h\u00e4tten nur das empfangen, was sie sich selbst gew\u00fcnscht h\u00e4tten, und alles, was jetzt best\u00e4nde, habe sich mit innerer Notwendigkeit so gestaltet. Zuletzt erkl\u00e4rten sie mir, ich w\u00fcrde ihnen gef\u00e4hrlich und sie w\u00fcrden mich ins Irrenhaus setzen, wenn ich nicht schwiege. Da wurde ich so vom Kummer \u00fcbermannt, dass mein Herz sich zusammenzog und ich sterben zu m\u00fcssen glaubte.<\/h3>\n<p>A.a.O.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und in diesem Moment erwachte der Mann aus seinem Traum. Er sah noch den Revolver vor sich liegen, aber er hatte sich ver\u00e4ndert. Er wollte sich nicht mehr das Leben nehmen. Ihm war es nun wichtig zu leben und er wollte das kleine M\u00e4dchen ausfindig machen Und was wollte er von nun an verk\u00fcndigen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Fjodor Dostojewski:<\/span> Angenommen, dass sich das nie verwirklichen wird und das Paradies unm\u00f6glich ist \u2013 nun, so werde ich trotzdem meine Lehre verk\u00fcndigen. Die Hauptsache ist: Liebe die andern wie dich selbst. Dann wirst du sofort wissen, was du zu tun hast. Und dabei ist das ja nur eine alte Wahrheit, die billionenmal wiederholt und gelesen, aber doch den Menschen nicht in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen ist! \u201eDie Erkenntnis des Lebens steht h\u00f6her als das Gl\u00fcck\u201d, das ist die Anschauung, die bek\u00e4mpft werden muss! Und ich werde sie bek\u00e4mpfen.<\/h3>\n<p>A.a.O.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was hatte sich also f\u00fcr ihn ver\u00e4ndert, seitdem er diese Wahrheit kannte, denn f\u00fcr Sie, Herr Dostojewski, kommt es auf die  Innerlichkeit eines Menschen an. So kann ein Mensch nur aus seinen eigenen inneren \u00dcberzeugungen heraus diese Welt und ihre Menschen begreifen. Wie sah der Mann nun seine Mitmenschen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Fjodor Dostojewski:<\/span> Ich bin ein l\u00e4cherlicher Mensch. Man nennt mich jetzt einen Verr\u00fcckten. Das w\u00e4re eine Rangerh\u00f6hung, wenn ich nicht f\u00fcr die Leute immer noch ebenso l\u00e4cherlich bliebe wie vorher. Aber jetzt \u00e4rgere ich mich nicht mehr dar\u00fcber; jetzt sind sie mir alle lieb. Ich w\u00fcrde selbst mit ihnen lachen; nicht unbedingt \u00fcber mich, sondern aus Liebe zu ihnen, wenn mir nicht bei ihrem Anblick so traurig ums Herz w\u00fcrde. Traurig deswegen, weil sie die Wahrheit nicht kennen; ich aber kenne die Wahrheit.<\/h3>\n<p>A.a.O. <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Fjodor Dostojewski, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2205 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2205' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2205 lc'>+4<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2205 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag Herr Dostojewski, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. 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