{"id":2162,"date":"2019-09-21T13:33:42","date_gmt":"2019-09-21T12:33:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2162"},"modified":"2024-11-02T16:31:13","modified_gmt":"2024-11-02T15:31:13","slug":"interview-camusrahner-innerweltliche-zukunftsutopien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2162","title":{"rendered":"Interview: Albert Camus~Karl Rahner &#8211; Innerweltliche Zukunftsutopien"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/bandeau_RahnerCamus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/bandeau_RahnerCamus.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"90\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2168\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/bandeau_RahnerCamus.jpg 900w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/bandeau_RahnerCamus-300x30.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/bandeau_RahnerCamus-768x77.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Karl Rahner und Herr Albert Camus, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. Sie, Herr Rahner, legen In Ihrem Buch <i>Zur Theologie der Zukunft<\/i> klar, was unter der absoluten Zukunft zu verstehen ist. Und Sie, Herr Camus, erkl\u00e4ren in Ihrem Buch <i> Der Mensch in der Revolte<\/i>, warum die Revolte notwendig ist und wodurch sie sich  von der Revolution abgrenzt. Wir haben uns vorgenommen, hierauf n\u00e4her einzugehen. Herr Rahner, was beinhaltet der Satz, dass das Christentum eine Religion der absoluten Zukunft ist?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Das Christentum hat als Religion der absoluten Zukunft keine innerweltliche Zukunftsutopie. Es erkl\u00e4rt zwar, dass die Entscheidung f\u00fcr den einzelnen Menschen mit seinem <i>Tod <\/i> gegeben sei,  ob er sich durch die Tat seines Lebens der absoluten Zukunft Gottes ge\u00f6ffnet hat oder nicht. Aber hinsichtlich der kollektiven Geschichte der Menschheit als solcher hat es zun\u00e4chst einmal keine Angabe, wie lange diese innerweltliche kollektive Geschichte dauert. Und hinsichtlich des materialen <i>Inhaltes<\/i> dieser Zukunft ist es ebenfalls neutral. Es stellt keine inhaltlich bestimmten  Zukunftsideale auf, macht dar\u00fcber keine Prognosen und verpflichtet den Menschen zu keinen bestimmten Zielen seiner innerweltlichen Zukunft. Wo eine Zukunft, die vom Menschen geplant und  mit den Mitteln seiner verf\u00fcgbaren Welt hergestellt werden sollte, als <i>absolute Zukunft<\/i> gesetzt w\u00fcrde, w\u00fcrde das Christentum eine solche Zukunftserwartung als utopistische Ideologie ablehnen.<\/h3>\n<p>Karl Rahner <i>Zur Theologie der Zukunft<\/i>, Deutscher Taschenbuch Verlag,  M\u00fcnchen, Mai 1971, S.153-154<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was bedeutet diese Ablehnung f\u00fcr den Menschen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Das Christentum sch\u00fctzt durch eine absolute Zukunftshoffnung den Menschen vor der Versuchung, die berechtigten innerweltlichen Zukunftsbestrebungen mit <i>solcher<\/i> Gewalt zu betreiben, dass jede Generation brutal zugunsten der n\u00e4chsten und so fort geopfert wird und so die Zukunft zum Moloch wird, vor dem der reale Mensch f\u00fcr den nie wirklichen, immer ausst\u00e4ndigen geschlachtet wird.<\/h3>\n<p><i>Zur Theologie der Zukunft<\/i>, S.86-87<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Albert Camus, sehen Sie auch diese Gefahr?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Die absolute Revolution setzte tats\u00e4chlich die absolute Formbarkeit der menschlichen Natur voraus, ihre m\u00f6gliche R\u00fcckbildung auf den Stand einer Geschichtskraft. Das rein geschichtliche Denken sagte: Sein ist Tun. Wir waren nicht, aber wir mussten mit allen Mitteln sein. Unsere Revolution ist ein Versuch, ein neues Sein zu erobern, durch das Tun, au\u00dferhalb jedes Moralgesetzes. Aus diesem Grund verurteilt sie sich dazu, nur f\u00fcr die Geschichte und im Terror zu leben. Der Mensch ist nach ihrer Ansicht nichts, wenn er nicht durch die Geschichte, freiwillig oder gezwungen, die einm\u00fctige Zustimmung erh\u00e4lt.<\/h3>\n<p>Albert Camus <i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2006, S.281-282<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie beide lehnen deshalb jede innerweltliche Zukunftsideologie als eine Gefahr f\u00fcr den Menschen und die Gesellschaft ab. Ich bitte Sie, hierbei die Geschichte der Menschheit noch n\u00e4her zu beurteilen. <\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Das Christentum kennt keine Geschichte, die aus ihrer inneren Dynamik heraus sich in das Reich Gottes selbst hinein entwickelt, ob man dieses Reich als Reich des aufgekl\u00e4rten Geistes, der v\u00f6llig zivilisierten Menschheit, der klassenlosen Gesellschaft oder immer konzipieren will. Das Christentum bestreitet, dass sich die Weltgeschichte auf den ewigen Frieden hin entwickelt, wenn dies auch nicht hei\u00dft, dass der Krieg, der immer sein wird, gerade mit Hellebarden oder Atombomben ausgetragen werden m\u00fcsse. Das Christentum wei\u00df, dass jeder Fortschritt in der Profangeschichte auch ein Schritt zur M\u00f6glichkeit gr\u00f6\u00dferer Gef\u00e4hrdungen und t\u00f6dlicher Abst\u00fcrze ist. Die Geschichte wird nie die St\u00e4tte des ewigen Friedens und des schattenlosen Lichtes sein, sondern das Land des Todes und der Finsternis, wenn dieses Dasein gemessen wird an dem absoluten Anspruch des Menschen, den zu stellen Gott dem Menschen die M\u00f6glichkeit, ja  sogar die unausweichliche Pflicht schenkt.<\/h3>\n<p><i>Zur Theologie der Zukunft<\/i>, S.24-25<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Albert Camus, was wollen Sie sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Das Absolute wird nicht erreicht und vor allem nicht geschaffen durch die Geschichte. Die Geschichte kann nicht mehr zum Gegenstand des Kults erhoben werden. Sie ist nur eine Gelegenheit, die es gilt, durch eine wachsame Revolte fruchtbar zu machen. Diejenigen schlie\u00dflich f\u00fchren die Geschichte voran, die im gegebenen Moment sich auch gegen sie aufzulehnen wissen. Das geschichtliche Christentum verschiebt die Heilung vom B\u00f6sen und vom Mord, die doch in der Geschichte erlitten werden, ins Jenseits der Geschichte. Die weder in Gott noch in der Geschichte ihren Frieden finden, verurteilen sich dazu, f\u00fcr die zu leben, welche, wie sie, nicht leben k\u00f6nnen: die Gedem\u00fctigten. <\/h3>\n<p><i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, S.340-342 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was wollen Sie Herr Rahner hierauf antworten? <\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> M\u00fcssen christliche und nicht-christliche Humanisten Feinde sein? Mir scheint nicht, wenn beide Seiten begreifen, dass beide der  Zukunft mehr verpflichtet sind als der Vergangenheit. Warum sollten beide also nicht zusammen die Zukunft planen, die beiden unbekannt ist? Warum das Geahnte an ihr: Gerechtigkeit, Freiheit, W\u00fcrde, Einheit und Differenziertheit der Gesellschaft, nicht gemeinsam sich deutlicher machen?<\/h3>\n<p><i>Zur Theologie der Zukunft<\/i>, S.147<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und was k\u00f6nnen Sie hierbei zum dem Verh\u00e4ltnis zwischen der absoluten Zukunft und der machbaren Zukunft sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Die Welt der machbaren Zukunft bleibt. Jeder inhaltlich bestimmte Humanismus ist relativ, kann anders werden und hat keine Verhei\u00dfung bleibender Dauer. Was ist, wenn ein Mensch das Vertrauen in die absolute Zukunft als radikal ank\u00fcnftige hat? Die wahre Zukunft, die letzte, die selbst unmachbar ist, geschieht ganz einfach, sie kommt auf uns zu, sie will sich selbst als das unbegreifliche Geheimnis uns mitteilen.<\/h3>\n<p><i>Zur Theologie der Zukunft<\/i>, S.180-181<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Camus, was m\u00f6chten Sie noch sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Die wahre Gro\u00dfz\u00fcgigkeit der Zukunft gegen\u00fcber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben. Die Revolte beweist dadurch, dass sie die Bewegung des Lebens selbst ist und dass man sie nicht leugnen kann, ohne auf das Leben zu verzichten. Ihr Aufschrei l\u00e4sst jedesmal ein Wesen sich erheben. Die ehrlose Revolution, die Revolution der Berechnung, die, indem sie einen abstrakten Menschen demjenigen von Fleisch und Blut vorzieht, das Sein verleugnet, sooft es n\u00f6tig ist, stellt genau an die Stelle der Liebe das Ressentiment. Und schon kann die Revolte in der Tat, ohne zu behaupten, alles l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, wenigstens die Stirne bieten.<\/h3>\n<p><i>Der Mensch in der Revolte<\/i>, S.343<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Albert Camus und Herr Karl Rahner, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2162 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2162' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2162 lc'>+2<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2162 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Karl Rahner und Herr Albert Camus, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. 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