{"id":2119,"date":"2019-05-19T11:00:44","date_gmt":"2019-05-19T10:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2119"},"modified":"2024-11-02T16:31:48","modified_gmt":"2024-11-02T15:31:48","slug":"interview-camusrahner-das-menschliche-dasein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2119","title":{"rendered":"Interview: Albert Camus~Karl Rahner &#8211; Das menschliche Dasein"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Mystery.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Mystery.jpg\" alt=\"\" width=\"710\" height=\"89\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2126\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Mystery.jpg 710w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Mystery-300x38.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 710px) 100vw, 710px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag Herr Albert Camus und Herr Karl Rahner. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind, in dem wir \u00fcber unser Dasein als Mensch sprechen wollen. Sie, Herr Camus schreiben in Ihrem Roman <i>Der erste Mensch<\/i> \u00fcber Ihre Herkunft und so auch \u00fcber Ihren Vater, den Sie nicht mehr kennengelernt haben, denn kurz nach Ihrer Geburt wurde Ihr Vater, Lucien Auguste Camus, zum Kriegsdienst eingezogen und w\u00e4hrend der Schlacht an der Marne lebensgef\u00e4hrlich verletzt. Er starb am 11. Oktober 1914 in Saint-Brieux. Sie gaben sich in diesem Roman den Namen Jacques Cormery, der das Grab seines Vaters in dem Karree des <i>Souvenir fran\u00e7ais<\/i> auf dem Friedhof von Saint-Brieux und den dortigen W\u00e4rter aufsuchte. K\u00f6nnen Sie uns diese Stelle in Ihrem Roman zitieren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> \u201eEin Verwandter?\u201d, fragte der W\u00e4rter zerstreut. \u201eMein Vater.\u201d &#8211; \u201eDas ist hart\u201d, sagte der andere. &#8211; \u201eAch nein, ich war noch kein Jahr alt, als er gestorben ist. Sie verstehen also.\u201d \u201eJa\u201d, sagte der W\u00e4rter, \u201etrotzdem. Es hat zu viele Tote gegeben.\u201d Jacques Cormery erwiderte nichts. Gewiss hatte es zu viele Tote gegeben, aber was seinen Vater betraf, so konnte er sich keine Piet\u00e4t aus den Fingern saugen, die er nicht empfand. \u201eHier ist es\u201d, sagte der W\u00e4rter. Sie waren vor einem Karree angekommen, das umgeben war von kleinen, durch eine dicke, schwarzlackierte Kette miteinander verbundenen grauen Steinpfl\u00f6cken. Die zahlreichen Steine waren alle gleich \u2013 schlichte Rechtecke mit Gravur, im gleichen Abstand in fortlaufenden Reihen aufgestellt. Alle waren mit einem frischen kleinen Blumenstrau\u00df geschm\u00fcckt. \u201eDas <i>Souvenir fran\u00e7ais<\/i> hat seit vierzig Jahren die Pflege \u00fcbernommen. Sehen Sie, da ist er.\u201d Er zeigte auf einen Stein in der ersten Reihe. Jacques Cormery blieb in einiger Entfernung von dem Stein stehen. \u201eIch lasse Sie jetzt allein\u201d, sagte der W\u00e4rter. Cormery trat n\u00e4her an den Stein und sah ihn zerstreut an. Ja, das war wirklich sein Name. Er blickte nach oben. An dem blasseren Himmel zogen langsam wei\u00dfe und graue W\u00f6lkchen, und vom Himmel fiel abwechselnd zartes, dann dunkleres Licht. Um ihn herum auf dem weitl\u00e4ufigen Totenacker herrschte Stille. Nur von der Stadt her drang ein dumpfes Tosen \u00fcber die hohen Mauern. Manchmal ging eine schwarze Gestalt zwischen den fernen Gr\u00e4bern entlang. Den Blick auf das langsame Dahinsegeln der Wolken am Himmel gerichtet, versuchte Jacques Cormery unter dem Geruch der feuchten Blumen das Salzaroma zu wittern, das gerade vom fernen, unbewegten Meer her kam, als ihn das Klirren eines Eimers gegen den Marmor eines Grabes aus seiner Versunkenheit riss. In dem Augenblick las er auf dem Grab das Geburtsjahr seines Vaters, und er merkte, dass er es nicht kannte. Dann las er beide Jahreszahlen \u201e1885-1914\u201d, und rechnete mechanisch: neunundzwanzig Jahre. Pl\u00f6tzlich \u00fcberfiel ihn ein Gedanke, der ihn bis ins Mark ersch\u00fctterte. Er war vierzig Jahre alt. Der unter dieser Steinplatte begrabene Mann, der sein Vater gewesen war, war j\u00fcnger als er. Und die Welle von Z\u00e4rtlichkeit und Mitleid, die auf einmal sein Herz \u00fcberflutete, war nicht die Gem\u00fctsregung, die den Sohn bei der Erinnerung an den verstorbenen Vater \u00fcberkommt, sondern das verst\u00f6rte Mitgef\u00fchl, das ein erwachsener Mann f\u00fcr das ungerecht hingemordete Kind empfindet \u2013 etwas entsprach hier nicht der nat\u00fcrlichen Ordnung, und eigentlich herrschte hier, wo der Sohn \u00e4lter war als der Vater, nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos.\u201d <\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der erste Mensch<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Februar 2010, S.27-28<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Jacques Cormery wurde sich in diesem Augenblick des Irrationalen des menschlichen Daseins bewusst. Irgendetwas stimmte nicht, wenn der tote Vater j\u00fcnger war als der Sohn, der vor seinem Grab stand. Auch Sie, Herr Karl Rahner,  schreiben, dass wir Menschen unser Dasein zwiesp\u00e4ltig erleben. <\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Wir sind von hier. Die Erde, unsere gro\u00dfe Mutter, ist selbst bek\u00fcmmert. Sie st\u00f6hnt unter der Verg\u00e4nglichkeit. Ihre fr\u00f6hlichsten Feste sind pl\u00f6tzlich wie der Beginn einer Totenfeier, und wenn man ihr Lachen h\u00f6rt, zittert man, ob sie nicht im n\u00e4chsten Augenblick unter einem Gewitter weint. Sie gebiert Kinder, die sterben, die zu schwach sind, um immer zu leben, und zu viel Geist haben, um anspruchslos auf die ewige Freude verzichten zu k\u00f6nnen, weil sie, anders als die Tiere der Erde, schon das Ende sehen, bevor es da ist, und ihnen die wache Erfahrung des Endes nicht mitleidig erspart wird. Die Erde gebiert Kinder ma\u00dflosen Herzens, und ach, was sie ihnen gibt, ist zu sch\u00f6n, um von ihnen verachtet zu werden, und ist zu arm, um sie \u2013 die Uners\u00e4ttlichen &#8211; reich zu machen. Und meistens bringt sie es, weil sie immer beides ist: Leben und Tod, zu keinem von beiden, und die tr\u00fcbe Mischung, die sie uns reicht, von Leben und Tod, Jauchzen und Klage, sch\u00f6pferischer Tat und immer gleichem Frondienst, nennen wir unseren Alltag. Das Abenteuer, aus dem Irdischen auszuwandern \u2013 nein, das geht nicht, nicht aus Feigheit, sondern aus Treue, die uns das eigene Wesen gebietet.<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Glaube, der die Erde liebt<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, April 1967, S.64<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Auch Sie, Herr Albert Camus, machen auf den Gegensatz zwischen dem Menschen und den anderen Lebewesen aufmerksam.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> W\u00e4re ich Baum unter B\u00e4umen, Katze inmitten der Tiere, dann h\u00e4tte dieses Leben einen Sinn oder dieses Problem h\u00e4tte vielmehr keinen, denn ich w\u00e4re Teil dieser Welt. Ich w\u00e4re diese Welt, gegen die ich mich jetzt mit meinem ganzen Bewusstsein und mit meinem ganzen Anspruch auf Vertrautheit stemme. Ebendiese so l\u00e4cherliche Vernunft setzt mich in Widerspruch zur ganzen Sch\u00f6pfung. Ich kann sie nicht mit einem Federstrich abtun. Was ich f\u00fcr wahr halte, daran muss ich festhalten. Was mir so evident erscheint, auch gegen mich selbst, muss ich aufrechterhalten.<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Mythos des Sisyphos<\/i>, S.70<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wir sind uns also einig, dass nur der Mensch sein Dasein in seinen Widerspr\u00fcchlichkeiten erkennt, und er damit zurechtkommen muss. Die Schl\u00fcsse, die Sie beide f\u00fcr ihr Leben daraus ziehen, sind jedoch sehr verschieden. Sie, Herr Camus, schreiben von dem Absurden in Ihrem Leben. <\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Der Mensch steht vor dem Irrationalen. Er f\u00fchlt in sich ein Verlangen nach Gl\u00fcck und Vernunft. Das Absurde entsteht aus diesem Zusammensto\u00df zwischen dem Ruf des Menschen und dem vernunftlosen Schweigen der Welt. Das d\u00fcrfen wir nicht vergessen. Daran m\u00fcssen wir uns klammern, weil die ganze Folgerichtigkeit eines Lebens daraus hervorgehen kann. Das Irrationale, die Sehnsucht des Menschen und das Absurde, das sich aus ihrem Zwiegespr\u00e4ch ergibt, sind die drei Figuren des Dramas, das notwendigerweise mit der ganzen Logik enden muss, deren eine Existenz f\u00e4hig ist. <\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Mythos des Sisyphos<\/i>, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juni 2004, S.4133<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und Sie, Herr Rahner, sagten in einem Vortrag, den Sie auf Einladung der katholischen und evangelischen Studentengemeinde der Universit\u00e4t Wien am 14. M\u00e4rz 1966 hielten, dass jeder Mensch hinsichtlich seines Daseins eine Entscheidung treffen muss.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> \u00dcberdies gelingt es gar nicht, sich in einer Dimension zu halten, die vor der Entscheidung liegt. Der Versuch, neutral zu bleiben, ist also faktisch nur die Weigerung, zu den Entscheidungen reflex zu stehen, die im tathaften Vollzug des Lebens eben doch fallen, indem mindestens die Entscheidung dar\u00fcber getan wird, ob man das Leben als absurd oder von einem unsagbar geheimnisvollen Sinn erf\u00fcllt sieht.\u201d<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Intellektuelle Redlichkeit<\/i>, Herder Verlag, Wien 1966, S.10, 9\/10<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Albert Camus, Sie empfinden das Leben als absurd. K\u00f6nnen Sie hierauf n\u00e4her eingehen? <\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Was ich wei\u00df, was sicher ist, was ich nicht leugnen kann, was ich nicht verwerfen kann \u2013 das z\u00e4hlt. Ich kann alles leugnen von dem Teil von mir, der von ungewissen Sehns\u00fcchten lebt, nur nicht das Verlangen nach Einheit, den Drang, L\u00f6sungen zu finden, den Anspruch auf Klarheit und innere Stimmigkeit. Ich wei\u00df nicht, ob diese Welt einen Sinn hat, der \u00fcber sie hinausgeht. Aber ich wei\u00df, dass ich diesen Sinn nicht kenne und dass es mir vorerst auch nicht m\u00f6glich ist, ihn zu erkennen. Was bedeutet mir ein Sinn, der au\u00dferhalb meiner conditio liegt? Ich kann nur auf menschliche Weise etwas begreifen. Was ich ber\u00fchre, was mir widersteht \u2013 das begreife ich. Und dass ich diese beiden Gewissheiten \u2013 mein Verlangen nach Absolutem und nach Einheit und die Unm\u00f6glichkeit, diese Welt auf ein rationales, vernunftgem\u00e4\u00dfes Prinzip zur\u00fcckzuf\u00fchren \u2013 nicht miteinander vers\u00f6hnen kann. Was f\u00fcr eine andere Wahrheit kann ich erkennen, ohne eine Hoffnung anzurufen, die ich nicht habe und die in den Grenzen meiner conditio bedeutungslos ist?<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Mythos des Sisyphos<\/i>, S.69<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Demgegen\u00fcber geben Sie, Herr Karl Rahner, zu verstehen, dass der Mensch \u201eGott\u201d nicht in sein verstandesm\u00e4\u00dfiges Kalk\u00fcl einbauen kann.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Das Christentum ist nicht die Religion, die \u201eGott\u201d in das Kalk\u00fcl des menschlichen Daseins einsetzt als einen bekannten, verf\u00fcgbaren Posten, damit die Rechnung aufgehe. Es ist vielmehr die Religion, die den Menschen in die Unbegreiflichkeit einsetzt, die sein Dasein umfasst und durchdringt. Es will, dass der Mensch ohne Verdr\u00e4ngung und ohne Hybris der Bem\u00e4chtigung zu tun habe mit Gott als dem unaussagbaren Geheimnis. Es wei\u00df, dass man von Gott nur wei\u00df, wenn man verstummend und anbetend dieses Geheimnis erf\u00e4hrt. Seine religi\u00f6se Rede ist immer nur und nur wahr als letztes Wort, das das Verstummen vor dem Geheimnis einleitet, damit es da bleibe und nicht durch den Begriff von Gott ersetzt werde. Aber das Christentum wei\u00df, dass dieses Geheimnis als die wirklichste Wirklichkeit und die Wahrheit der Wahrheiten sein Dasein durchdringt.\u201d<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Intellektuelle Redlichkeit<\/i>, S.21\/22<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Camus, wie leben Sie den Zustand des Absurden? K\u00f6nnen Sie ihn beschreiben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> In diesem Zustand des Absurden muss man leben. Ich wei\u00df, worauf sie gegr\u00fcndet sind \u2013 dieser Geist und diese Welt, die sich gegenseitig abst\u00fctzen und sich nicht umfassen k\u00f6nnen. Ich frage nach der Lebensregel f\u00fcr diesen Zustand, was man mir jedoch anbietet, l\u00e4sst seine Grundlage au\u00dfer acht, verneint das eine Glied des schmerzlichen Gegensatzes und befiehlt mir aufzugeben. Ich frage, was die conditio, die ich als die meine erkenne, nach sich zieht; ich wei\u00df, dass sie Dunkel und Unwissenheit impliziert, und man versichert mir, diese Unwissenheit erkl\u00e4re alles, und diese Nacht sei mein Licht. Man gibt mir aber keine mir entsprechende Antwort, und diese mitrei\u00dfende Begeisterung kann mir das Paradox nicht verbergen.\u201d<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Der Mythos des Sisyphos<\/i>, S.56\/57<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Karl Rahner, was wollen Sie hierauf antworten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Gewiss, wer ehrlich meint, wahrhaft nicht mehr fertig zu bringen als ratlos z. B.  ein bek\u00fcmmerter Atheist zu sein, der verzweifelt nur das Medusenhaupt der Absurdit\u00e4t des Daseins vor sich sieht, der soll sich das ruhig eingestehen, der soll versuchen, auch diese Erfahrung gefasst anzunehmen. Gott, so wird der Gl\u00e4ubige sagen, wird ihm auch das noch zum Segen werden lassen. Aber er soll nicht behaupten, dass das die einzig anst\u00e4ndige Haltung intellektueller Redlichkeit sei. Woher wollte er das wissen? Woher wei\u00df er, dass niemand aus diesem Purgatorio oder Inferno herauskommen kann? Woher wei\u00df er, dass es nicht die Kraft gibt, dies alles zu erfahren und doch zu glauben?\u201d<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Intellektuelle Redlichkeit<\/i>, S.8-9<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und diese Kraft gibt Ihnen Ihr Glaube an Jesus Christus.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Der, der Jesus liebt, liebt ja den, dessen Geschick er in dieser Liebe teilen will und, gerade wenn er dieses tut, ergibt er sich in Jesu Todesschicksal. Er ist bereit, alles mit dem sterbenden Herrn in die Unbegreiflichkeit Gottes hineinfallen zu lassen. Die ganze Welt und sich selbst. Schweigend und bedingungslos.<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Was hei\u00dft Jesus lieben?<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1982, S.67-68<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und Sie, Herr Albert Camus, schreiben in Ihrem Essay <i>Der Wind in Djemila<\/i> von Ihren Empfindungen, die Ihnen halfen, \u00fcber das Absurde unseres Daseins hinwegzukommen. Djemila ist eine in den Bergen Algeriens gelegene Stadt, die Sie aufsuchten und die Ihnen mit ihren Ruinen wie ausgestorben erschien. Sie sp\u00fcrten die Trostlosigkeit, die durch das Gekreische der V\u00f6gel, die bestehenden S\u00e4ulen, den Tempel und das Forum, nicht gemindert wurde. Aber was empfanden Sie gleichzeitig\u00a0?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span>\u00a0Schlie\u00dflich bin ich, in alle Winde verstreut, nur noch dieser wehende Wind und im Wind diese S\u00e4ule und dieser Bogen, dieses gl\u00fchende Pflaster und dieses bleiche Gebirge rings um die verlassene Stadt. Nie habe ich in einem solchen Ma\u00dfe beides zugleich, meine eigene Aufl\u00f6sung und mein Vorhandensein in der Welt, empfunden. Ja, ich bin vorhanden\u00a0; und j\u00e4h wird es mir klar, dass ich an eine Grenze r\u00fchre wie ein f\u00fcr immer eingekerkerter Mensch, f\u00fcr den alles vorhanden ist\u00a0; aber auch wie ein Mensch, der wei\u00df, dass \u201e\u00a0morgen\u00a0\u201d wie \u201e\u00a0gestern\u00a0\u201dsein wird und ein Tag wie der andere. Denn wenn ein Mensch seines Vorhandenseins innewird, erwartet er nichts mehr. Es sind die banalsten Landschaften, die einen Seelenzustand widerspiegeln. Ich aber suchte in diesem Lande \u00fcberall nach etwas, das nicht mir geh\u00f6rte, sondern von ihm ausging\u00a0: eine gewisse Freundschaft mit dem Tode, in der wir uns verstanden. Zwischen den S\u00e4ulen, die jetzt schr\u00e4ge Schatten werfen, zergingen meine \u00c4ngste wie verwundete V\u00f6gel in der hellen Trockenheit der Luft. Alle Angst kommt aus lebendigen Herzen\u00a0; aber jedes Herz wird Ruhe finden\u00a0: Das wei\u00df ich und sonst nichts.\u00a0<\/h3>\n<p>Albert Camus, <i>Hochzeit des Lichts<\/i>, Arche Paradies, S.23<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und Sie Herr Karl Rahner schreiben in Ihrem Buch <i>Wagnis des Christen<\/i> \u00fcber Ihr Dasein als Christ.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Mein Christentum ist darum, wenn es sich selbst nicht missverstehen soll, der Akt eines sich Loslassens in das unbegreifliche Geheimnis hinein. Mein Christentum ist darum alles andere als eine \u201eErkl\u00e4rung\u201d der Welt und meiner Existenz, ist vielmehr das Verbot, irgendeine Erfahrung, irgendein Verstehen als endg\u00fcltig, als in sich selbst ganz verst\u00e4ndlich zu betrachten. Der Christ hat weniger als jeder andere \u201eletzte\u201d Antworten, die er mit einem \u201eJetzt ist die Sache klar\u201d quittieren d\u00fcrfte.\u201d<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Wagnis des Christen<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1974, S.30<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen beiden f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2119 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2119' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2119 lc'>+4<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2119 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag Herr Albert Camus und Herr Karl Rahner. 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