{"id":2094,"date":"2019-03-16T16:36:39","date_gmt":"2019-03-16T15:36:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2094"},"modified":"2024-11-02T16:10:27","modified_gmt":"2024-11-02T15:10:27","slug":"interview-honore-de-balzac-das-unbekannte-meisterwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2094","title":{"rendered":"Interview: Honor\u00e9 de Balzac &#8211; Das unbekannte Meisterwerk"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/violette-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/violette-1.jpg\" alt=\"\" width=\"921\" height=\"115\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2099\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/violette-1.jpg 921w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/violette-1-300x37.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/violette-1-768x96.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 921px) 100vw, 921px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Honor\u00e9 de Balzac, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber Ihre Novelle <i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i> sprechen werden. Die Geschichte spielt Ende des Jahrs 1612. Der  junge Maler Nicolas Poussin hat das Gl\u00fcck, bei einem Gespr\u00e4ch zwischen Fran\u00e7ois Porbus, Maler Heinrich IV, und einem alten Maler namens Frenhofer anwesend zu sein. Alle drei sind in Porbus&rsquo; Atelier und bestaunen dessen Bild <i>Maria Aegyptiaca<\/i>. Wie beurteilt Frenhofer das Gem\u00e4lde der Heiligen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> \u201eHm!\u201d machte der Alte, \u201egut\u2026, ja und nein. Deine Frau da ist nicht schlecht gemacht, aber sie lebt nicht. Sieh dir deine Heilige an, Porbus! Auf den ersten Blick scheint sie bewundernswert, beim zweiten Hinsehen aber merkt man, dass sie auf die Leinwand geklebt ist und dass man nicht um ihren K\u00f6rper herumgehen k\u00f6nnte; es ist ein Schattenbild, mit einer einzigen Seite, ein Scherenschnitt, der sich weder umwenden noch seine Stellung \u00e4ndern kann. Ich f\u00fchle keine Luft zwischen diesem Arm und dem Bildfeld; es fehlen R\u00e4umlichkeit und Tiefe; dabei ist alles richtig in der Perspektive, und die farbige Abstufung der Luftt\u00f6ne ist genau beobachtet. Doch trotz dieser lobenswerten Bem\u00fchungen k\u00f6nnte ich niemals glauben, dass dieser sch\u00f6ne K\u00f6rper von warmem Lebenshauch beseelt ist. Mir scheint, wenn ich die Hand an die doch so kr\u00e4ftige Rundung des Halses legte, ich ihn kalt wie Marmor f\u00e4nde! Nein, mein Freund, unter dieser Haut aus Elfenbein flie\u00dft kein Blut, und kein Leben schwellt mit Purpurtau die Adern und \u00c4derchen, die sich unter dem durchscheinenden Bernstein der Schl\u00e4fen und der Brust zum Gewebe verflechten. Diese Stelle hier lebt, aber diese andere da ist ohne Regung; Leben und Tod ringen miteinander in jeder Einzelheit: hier hast du eine Frau, dort ein Standbild und weiter dort einen Leichnam. Deine Sch\u00f6pfung ist unvollst\u00e4ndig\u201d<\/h3>\n<p>Honor\u00e9 de Balzac, <i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, mit Illustrationen von Pablo Picasso, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S.38-40<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie ist dem jungen Maler Poussin beim H\u00f6ren dieses strengen Urteils \u00fcber Porbus Gem\u00e4lde zumute?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> Der junge Mann konnte sich nur mit M\u00fche z\u00fcgeln: er hatte gro\u00dfe Lust, den Alten zu schlagen.<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.40-41<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Noch dazu h\u00e4lt Frenhofer mit seinen Beanstandungen an dem Bild nicht inne. Er f\u00e4hrt mit seiner Kritik fort, die auch Porbus ins Erstaunen versetzt Was wirft er diesem noch vor?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> \u201eHier ist die Wahrheit\u201d, sagte der Alte und zeigte auf die Brust der Heiligen. \u201eDann hier\u201d, fuhr er fort, indem er auf eine Stelle zeigte, wo auf der Leinwand die Schulter endete. \u201eAber da\u201d, sagte er, indem er zur Mitte des Halses zur\u00fcckkehrte, \u201eda ist alles falsch. Wir wollen nichts analysieren, das w\u00fcrde dich zur Verzweiflung bringen.\u201d<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.42-43<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was entgegnet ihm Porbus endlich?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> \u201eMeister, ich habe diesen Hals doch am Modell sehr wohl studiert; aber zu unserem Ungl\u00fcck gibt es Wirkungen, die in der Natur wahr sind, auf der Leinwand aber nicht mehr \u00fcberzeugen.\u201d<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.43<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was ist Frenhofers Meinung hierzu?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> Der Auftrag der Kunst besteht nicht darin, die Natur nachzuahmen, sondern sie auszudr\u00fccken! Du bist doch kein gemeiner Kopist, sondern ein Poet! Die Wirkungen! Das sind doch nur die wechselnden Erscheinungen des Lebens und nicht das Leben selbst. Eine Hand steht nicht nur im Zusammenhang mit dem K\u00f6rper, sie ist Ausdruck und Fortsetzung eines Gedankens, den man erfassen und wiedergeben muss. Ihr habt den Anschein des Lebens, aber ihr dr\u00fcckt seine \u00fcbersch\u00e4umende F\u00fclle nicht aus, dieses Etwas, das vielleicht die Seele ist und wolkengleich \u00fcber der \u00e4u\u00dferen H\u00fclle schwebt, kurzum den Schmelz des Lebens, den Tizian und Raffael eingefangen haben.<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.43-44, 48<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Nun greift Nicolas Poussin in das Gespr\u00e4ch ein und gibt zu verstehen, dass er das Bild f\u00fcr ein Meisterwerk h\u00e4lt. Porbus und Frenhofer werden daraufhin auf den jungen Maler aufmerksam, und Porbus verlangt von ihm, mit einem R\u00f6telstift die Heilige zu kopieren, was Poussin sogleich tut. F\u00fcr seine Zeichnung erh\u00e4lt er gro\u00dfes Lob von Frenhofer, der ihm erlaubt, da zu bleiben, um mitansehen zu k\u00f6nnen, was noch alles n\u00f6tig ist, um aus Porbus&rsquo; Bild ein Meisterwerk zu machen. Frenhofer l\u00e4sst sich eine Palette und einen Pinsel reichen und beginnt voll Eifer, an der Heiligen zu malen. Hierbei erkl\u00e4rt dem jungen Maler den einen und anderen seiner Pinselstriche.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> \u201eSiehst du, junger Mann, siehst du, wie man mit drei oder vier Pinselstrichen und mit ein wenig bl\u00e4ulicher Lasur die Luft um den Kopf dieser armen Heiligen zum Flie\u00dfen bringt; die Arme m\u00fcsste ja ersticken und sich in dieser dr\u00fcckenden Atmosph\u00e4re gefangen f\u00fchlen. Schau her, wie dieser Umhang jetzt flattert und wie man nun begreift, dass ein leichter Wind ihn bewegt! Vorher sah er aus wie ein gest\u00e4rktes Tuch, das mit Nadeln festgesteckt ist. Merkst du, wie der schimmernde Satin, den ich ihr eben \u00fcber die Brust gelegt habe, nun genau die glatte Geschmeidigkeit der Haut eines jungen M\u00e4dchens wiedergibt und wie der aus Rotbraun und gebranntem Ocker gemischte Farbton das kalte Grau dieser gro\u00dfen Schattenpartie erw\u00e4rmt, wo vorher das Blut erstarrte, statt zu flie\u00dfen.\u201d<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.52<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frenhofer ist mit seinem Malen zufrieden und kommt dann auf sein eigenes k\u00fcnstlerisches Schaffen zu sprechen.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> \u201eDas reicht noch nicht an meine Catherine Lescaut heran, aber man k\u00f6nnte immerhin seinen Namen unter ein solches Werk setzen. Ja, ich w\u00fcrde es signieren.\u201d<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.56<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> An seiner Catherine Lescaut malt Frenhofer seit zehn Jahren, und er gibt zu verstehen, dass er dabei der Natur immer mehr ungeahnte Dinge abgewinnt. Nicolas Poussin ist von Frenhofer sehr stark beeindruckt.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> Dieser Alte mit den wei\u00dfen Augen, aufmerksam und stumpfsinnig, war f\u00fcr ihn mehr als nur ein Mensch, er schien ihm ein wunderliches Genie zu sein, das in unbekannten Sph\u00e4ren lebte. Tausend wirre Gedanken weckte er ihm in der Seele. Das geistige Ph\u00e4nomen dieser Art von Faszination l\u00e4sst sich ebensowenig bestimmen und darlegen wie die Ersch\u00fctterung, die ein Lied ausl\u00f6sen kann, das den Verbannten an die Heimat erinnert. Was die reiche Einbildung Nicolas Poussins beim Anblick dieses \u00fcbernat\u00fcrlichen Wesens klar und deutlich zu erfassen vermochte, war  ein vollst\u00e4ndiges Bild der Natur des K\u00fcnstlers, dieser verr\u00fcckten Natur, der so viel Macht gegeben ist, die sie nur zu oft missbraucht, indem sie den kalten Vernunftmenschen, den wohlmeinenden B\u00fcrger und sogar manchen Kunstliebhaber \u00fcber tausend steinige Wege f\u00fchrt, wo f\u00fcr jene nichts zu finden ist; die K\u00fcnstlernatur indes, dieses wei\u00dfgefl\u00fcgelte M\u00e4dchen mit den n\u00e4rrischen Einf\u00e4llen, entdeckt dort Heldenromane, Schl\u00f6sser, Kunstwerke. Sp\u00f6ttisch und g\u00fctig, reich und arm zugleich ist diese Natur! So war f\u00fcr den begeisterten Poussin dieser Alte durch eine pl\u00f6tzliche, verkl\u00e4rende Wandlung die Kunst selbst geworden, die Kunst mit ihren Geheimnissen, ihrem Ungest\u00fcm und ihrer Traumverlorenheit.<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.67-68<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frenhofer hat seine Catherine Lescaut noch niemandem gezeigt. Er will sein Gem\u00e4lde noch vervollkommnen. An was hat es ihm bisher noch gefehlt?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> \u201eWas mir bis jetzt gefehlt hat, ist, einer makellosen Frau zu begegnen, einem K\u00f6rper, dessen Umriss von vollendeter Sch\u00f6nheit gewesen w\u00e4re, und dessen Fleisch und Blut \u2026 Aber wo gibt es sie lebendig, diese unauffindbare Venus der Alten, nach der wir so oft suchen und von deren Sch\u00f6nheit wir nur mit M\u00fche hier und da Bruchst\u00fccke antreffen?\u201d<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.68-69<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Nicolas Poussin, der sich nun genauso wie Porbus w\u00fcnscht, Frenhofers Gem\u00e4lde sehen zu k\u00f6nnen, kommt seine junge Geliebte Gillette in den Sinn, die dem Meister Modell stehen k\u00f6nnte. Zwar kommen ihm  bei diesem Gedanken Zweifel, doch schlie\u00dflich siegt die Kunst. Auch Gillette erkl\u00e4rt sich bereit, f\u00fcr Frenhofer Modell zu stehen. Ist Frenhofer bereit, sein Gem\u00e4lde zu zeigen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> \u201eWie!\u201d rief er endlich voll Schmerz aus, \u201eich soll mein Gesch\u00f6pf, meine Gattin zeigen? Zehn Jahre lebe ich nun mit dieser Frau. Sie geh\u00f6rt mir, mir ganz allein. Sie liebt mich. Hat sie mich nicht angel\u00e4chelt bei jedem Pinselstrich, den ich an ihr tat? Meine Malerei ist keine Malerei, sie ist ein Gef\u00fchl, eine Leidenschaft! Diese Frau ist kein Gesch\u00f6pf, sie ist eine Sch\u00f6pfung.\u201d War Frenhofer bei Sinnen oder war er verr\u00fcckt? War er beherrscht von einer K\u00fcnstlerlaune oder entsprangen die von ihm vorgebrachten Gedanken jenem unaussprechlichen Fanatismus, den die langwierige Geburt eines gro\u00dfen Werkes in uns erzeugt? Konnte man hoffen, bei dieser seltsamen Leidenschaft zu einer Einigung zu gelangen?<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.91-96<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Es kommt schlie\u00dflich zu einer Einigung, da Gillettes Sch\u00f6nheit Frenhofer \u00fcberzeugt. Sie tritt in sein Atelier ein, um f\u00fcr seine <i>Catherine Lescaut<\/i> Modell zu stehen. Nach einiger Zeit ruft er Probus und Poussin, die in das Atelier st\u00fcrmen, um das Meisterwerk endlich sehen zu k\u00f6nnen. Frenhofer strahlt vor Freude und was sagt er?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> \u201eMein Werk ist vollkommen, und ich kann es jetzt mit Stolz vorzeigen. Niemals wird ein Maler, werden Pinsel, Farben, Leinwand und Licht meiner <i>Catherine Lescaut<\/i> eine Rivalin schaffen. Auf so viel Vollkommenheit wart ihr wohl nicht gefasst! Ihr steht vor einer Frau und sucht doch ein Bild. Es ist so viel Tiefe auf dieser Leinwand, die Luft darauf ist so wirklich, dass ihr sie nicht mehr unterscheiden k\u00f6nnt von der Luft, die uns umgibt. Wo ist die Kunst? Verloren, verschwunden! Das da sind die tats\u00e4chlichen Formen eines jungen M\u00e4dchens. Habe ich nicht die Farbe, die Lebendigkeit der Linie, die den K\u00f6rper zu begrenzen scheint, genau getroffen? Bewundert nur, wie sich die Konturen vom Hintergrund abheben! Scheint es nicht, als k\u00f6nntet ihr mit der Hand \u00fcber diesen R\u00fccken streichen? Daf\u00fcr habe ich auch sieben Jahre lang die Wirkungen der Verm\u00e4hlung des Lichts mit den Dingen studiert. Und dieses Haar, ist es nicht vom Licht \u00fcberflutet? Aber, ich glaube, jetzt hat sie geatmet! Dieser Busen, seht iht? Wer wollte sie nicht kniend anbeten? Das Fleisch wird lebendig. Gleich wird sie aufstehen, wartet.\u201d<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.104-107<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Porbus und Poussin erkennen, dass das Meisterwerk nur in Fernhofers Kopf existiert. Der Meister hat zwar immer wieder von Neuem versucht, es zu malen, was die zahlreichen \u00fcbermalten Farbschichten auf der Leinwand zeigen. Doch existiert sein Gem\u00e4lde nur in der Vorstellung, die er von seinem Meisterwerk hat. Dennoch machen die beiden anwesenden Maler einen wunderbaren Fund auf dem Gem\u00e4lde.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> Wie sie nun n\u00e4her herantraten, entdeckten sie in einer Ecke der Leinwand die Spitze eines nackten Fu\u00dfes, die aus diesem Chaos von Farben, T\u00f6nen und unbestimmten Nuancen, dieser Art von Nebel ohne Form, hervorragte; aber was f\u00fcr ein k\u00f6stlicher, was f\u00fcr ein lebendiger Fu\u00df war das! Sie blieben starr vor Bewunderung angesichts dieses Fragmentes, das einer unglaublichen, einer langsamen und fortschreitenden Zerst\u00f6rung entgangen war. Dieser Fu\u00df kam dort zum Vorschein wie der Torso einer Venus aus parischem Marmor, der sich mitten aus den Tr\u00fcmmern einer vom Feuer zerst\u00f6rten Stadt erhebt.<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.109-110<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frenhofer f\u00e4hrt fort, von seinen hohen Anspr\u00fcchen, die er an die Malerei stellt, zu sprechen und die er auf seiner Leinwand verwirklicht sieht.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> \u201eMan muss glauben, an die Kunst glauben, und man muss lange Zeit mit seinem Werk leben, um eine solche Sch\u00f6pfung hervorzubringen. Einige dieser Schatten haben mich sehr viel Arbeit gekostet. Seht ihr, da auf der Wange, unterhalb der Augen, liegt ein leichter Halbschatten, der euch, wenn ihr ihn in der Natur beobachtet, nahezu un\u00fcbersetzbar scheinen wird. Ja, glaubt ihr denn, es h\u00e4tte mich nicht uns\u00e4gliche M\u00fche gekostet, diese Wirkung hervorzubringen? Tretet nur n\u00e4her heran, ihr seht dann diese Arbeit besser. Von fern betrachtet, ist sie nicht mehr sichtbar. Seht ihr? Da zum Beispiel, da ist sie, glaube ich, sehr bemerkenswert.\u201d<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.111,113<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie verhalten sich nun die beiden Maler?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> Porbus klopfte dem Alten auf die Schulter, wandte sich dabei Poussin zu und sagte: \u201eWisst Ihr, dass wir ihn f\u00fcr einen sehr bedeutenden Maler halten?\u201d \u201eEr ist noch mehr Dichter als Maler\u201d, entgegnete Poussin ernst. \u201eDort\u201d, fuhr Porbus fort und ber\u00fchrte die Leinwand, \u201eendet unsere Kunst auf Erden.\u201d \u201eUnd von dort verliert sie sich in den Himmel\u201d, sagte Poussin. \u201eWie viele Freuden auf diesem St\u00fcck Leinwand!\u201d rief Porbus aus. \u201eAber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird er doch merken, dass nichts auf seiner Leinwand ist\u201d, rief Poussin aus.<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.113-114<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frenhofer schreckt aus seinen Gedanken auf. Nun zeigt sich seine Zerissenheit. Er nennt Poussin einen L\u00fcmmel und einen Halunken. Er bittet Porbus ihm beizustehen, was dieser tut. Dann kommt er ins Wanken und sagt, dass sein Meisterwerk, an dem er seit zehn Jahren gemalt hat, nicht auf der Leinwand zu sehen ist. Zutiefst betr\u00fcbt, beginnt er zu weinen. Aber im n\u00e4chsten Augenblick wirft er den beiden Malern Neid vor und klagt sie an, ihm seine Catherine Lescaut stehlen zu wollen. Herr Balzac, wie endet Ihre Novelle?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Honor\u00e9 de Balzac:<\/span> Frenhofer bedeckte seine Catherine mit einem gr\u00fcnen Seidentuch; er tat es mit der ernsten Ruhe eines Juweliers, der seine Schubladen schlie\u00dft, wenn er sich in Gesellschaft von abgefeimten Dieben glaubt. Er warf auf die beiden Maler einen abgr\u00fcndig d\u00fcsteren Blick voll Verachtung und Argwohn, er setzte sie schweigend, doch mit krampfhafter Eile vor die T\u00fcr seines Ateliers. Dann, auf der Schwelle seiner Wohnung, sagte er zu ihnen: \u201eLebt wohl, meine kleinen Freunde.\u201d Dieses Lebewohl erschreckte sie. Am folgenden Tag kehrte Porbus, von Unruhe getrieben, zur\u00fcck, um nach Frenhofer zu sehen, und erfuhr, dass er in der Nacht gestorben war, nachdem er seine Bilder verbrannt hatte.<\/h3>\n<p><i>Das unbekannte Meisterwerk<\/i>, S.117<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Honor\u00e9 de Balzac, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2094 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2094' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2094 lc'>0<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2094 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Honor\u00e9 de Balzac, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem wir \u00fcber Ihre Novelle Das unbekannte Meisterwerk sprechen werden. 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