{"id":2072,"date":"2018-12-16T15:23:21","date_gmt":"2018-12-16T14:23:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2072"},"modified":"2023-12-25T18:07:01","modified_gmt":"2023-12-25T17:07:01","slug":"interview-emile-bernard-besuche-bei-paul-cezanne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2072","title":{"rendered":"Interview: \u00c9mile Bernard &#8211; Besuche bei Paul C\u00e9zanne"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/little_coccinelle.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/little_coccinelle.jpg\" alt=\"\" width=\"997\" height=\"153\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2074\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/little_coccinelle.jpg 997w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/little_coccinelle-300x46.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/little_coccinelle-768x118.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 997px) 100vw, 997px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr \u00c9mile Bernard, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. Sie sind ein Bewunderer Paul C\u00e9zannes und nennen ihn Ihren Meister und Lehrer. Bevor Sie C\u00e9zanne begegnet sind, haben Sie einen Essay \u00fcber ihn in der Zeitschrift <i>Les Hommes d&rsquo;aujourd&rsquo;hui<\/i> ver\u00f6ffentlicht. Seine Bilder sahen Sie zum ersten Mal in einem kleinen Laden in der rue Clauzel in Paris, wo Werke von ihm, als er noch v\u00f6llig unbekannt war, ausgestellt waren. Sie gingen gerne in diesen von Julien Tanguy gef\u00fchrten Laden und betrachteten C\u00e9zannes Arbeiten. Warum war es schwer, mit C\u00e9zanne in Kontakt zu kommen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">\u00c9mile Bernard:<\/span> Was seine Person betrifft, so schien sie v\u00f6llig unnahbar, verloren im staubigen Widerschein der s\u00fcdlichen Sonne in Aix. Alles, was man damals von ihm wusste, wurde vom alten Tanguy berichtet, dem guten und gro\u00dfz\u00fcgigen Bretonen, dessen Laden in jener Zeit die einzige Zuflucht f\u00fcr die <i>Malerei der Zukunft<\/i> war.<\/h3>\n<p><i>Gespr\u00e4che mit C\u00e9zanne<\/i>, Diogenes Verlag, Z\u00fcrich, 1982, S.69 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie entschlossen sich zwanzig Jahre sp\u00e4ter, das hei\u00dft im Jahr 1904, Ihren Meister endlich in seiner Vaterstadt Aix zu besuchen. C\u00e9zanne war zu der Zeit einer bekannter Maler, war es daher leicht f\u00fcr Sie  gewesen, ihn zu finden?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">\u00c9mile Bernard:<\/span> Ich war recht besorgt, denn ich kannte weder die Adresse von Paul C\u00e9zanne, noch kannte ich jemanden, der sie mir h\u00e4tte mitteilen k\u00f6nnen. Zwar hatte ich angenommen, dass ein Maler, der in Paris schon ziemlich ber\u00fchmt war, in seiner Heimat einigerma\u00dfen bekannt sein m\u00fcsste. Es gab in der Trambahn, w\u00e4hrend der Fahrt von Marseille nach Aix, keinen Menschen, den ich nicht unter das Kreuzfeuer meiner Fragen nahm. Diese waren immer die gleichen: \u201eWohnen Sie in Aix? Schon lange? Kennen Sie dort einen gro\u00dfen, in Paris heute ber\u00fchmten Maler, den Stolz seiner Vaterstadt: Paul C\u00e9zanne?\u201c Aber die Antwort blieb negativ. Selbst in Aix kannte niemand oder schien zum mindesten niemand Paul C\u00e9zanne zu kennen. Schon gab ich die Hoffnung auf, als ein Arbeiter stehenblieb. Ich richtete meine Frage an ihn, aber er konnte mir keine bessere Auskunft geben als die andern. Dann aber besann er sich und sagte: \u201eSchlimmstenfalls k\u00f6nnen Sie auf das B\u00fcrgermeisteramt gehen.\u201c Ich bedankte mich bei dem intelligenten Mann und begab mich zum B\u00fcrgermeisteramt von Aix. Dort erfuhr ich sofort, dass C\u00e9zanne Paul am 19. Januar 1839 in Aix en Provence geboren sei und dass er Rue Boulegon 25 wohne.<\/h3>\n<p><i>Gespr\u00e4che mit C\u00e9zanne<\/i>, S.71-73 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich nehme an, Sie machten sich sogleich auf den Weg in die Rue Boulegon. Wie f\u00fchlten Sie sich, als Sie dann vor C\u00e9zannes Haus standen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">\u00c9mile Bernard:<\/span> Endlich sollte mein zwanzig Jahre lang gehegter Wunsch in Erf\u00fcllung gehen! Ich l\u00e4utete vorsichtig. Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich von selbst, und ich trat in einen hellen, freundlichen Korridor, durch dessen Fenster man in einen sonnigen Garten und auf efeu\u00fcberwucherte Mauern sah. Eine breite Treppe lag vor mir. Ich begann sie zu ersteigen. Kaum hatte ich aber die ersten Stufen betreten, als mir ein Greis gerade von vorne um eine Treppenbiegung entgegenkam. Er trug eine weite Pelerine und hatte eine Art Jagdtasche. Ich fragte: \u201eMonsieur Paul C\u00e9zanne, bitte?\u201c Da trat er einen Schritt zur\u00fcck, richtete sich gerade auf, zog tief seinen Hut und sagte, indem er mir ein kahles Haupt und Gesicht eines alten Generals zuwendete: \u201eDa ist er! Was w\u00fcnschen Sie von ihm?\u201c<\/h3>\n<p><i>Gespr\u00e4che mit C\u00e9zanne<\/i>, S.73<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Danach machten Sie beide sich auf den Weg zu einem auf einer Anh\u00f6he au\u00dferhalb von Aix stehenden Haus, in dem sich C\u00e9zannes Atelier befand. Sie traten gemeinsam in ein gro\u00dfes Zimmer, in dem Sie auf einen alten Wandschirm aufmerksam wurden.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">\u00c9mile Bernard:<\/span> Der Wandschirm war aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzt, die mit m\u00e4chtigem Laubwerk und l\u00e4ndlichen Szenen und hie und da mit Bl\u00fctenwerk bemalt waren. Eine geschickte, vielleicht italienische Hand hatte das M\u00f6bel geschm\u00fcckt. <\/h3>\n<p><i>Gespr\u00e4che mit C\u00e9zanne<\/i>, S.75<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Nach diesem ersten Besuch kamen Sie h\u00e4ufig bei C\u00e9zanne in Aix vorbei, und eines Tags sahen Sie auch sein Zimmer. Was f\u00fcr einen Eindruck machte dieses auf Sie?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">\u00c9mile Bernard:<\/span> In diesem Zimmer sah ich etwas Sch\u00f6nes, und zwar ein Blumenaquarell von Delacroix. Es war eingerahmt und war, um das Verblassen der Farbe durch die Einwirkung des Lichtes zu verh\u00fcten, gegen die Wand gekehrt, aber mit der Hand bequem zu erreichen. C\u00e9zannes Zimmer war sehr einfach, gro\u00df und hell. Das Bett befand sich in einem Alkoven. Mitten an dessen Wand war ein Kruzifix angebracht.<\/h3>\n<p><i>Gespr\u00e4che mit C\u00e9zanne<\/i>, S.90<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was stellten Sie w\u00e4hrend Ihrer h\u00e4ufigen Besuche fest?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">\u00c9mile Bernard:<\/span> Man kann ohne \u00dcbertreibung sagen, dass C\u00e9zanne jedes Mal, wenn er in einer Anwandlung ungew\u00f6hnlicher Generosit\u00e4t an die andern dachte, sich selbst ganz verga\u00df. C\u00e9zanne war manchmal so zerstreut, dass er mit offener Weste drau\u00dfen umherging. Am Sonntag besuchte er mit den besten Kleidern angetan die Messe. Aber es passierte ihm oft, dass er den Hemdkragen mit einem Bindfaden befestigen musste, da er den Knopf verloren hatte. Sein Hut hatte trotz einiger rascher B\u00fcrstenstriche romantische Beulen, und sein \u00dcberrock zeigte da und dort Farbflecke. Bei Tisch war er sehr aufger\u00e4umt, von einer Fr\u00f6hlichkeit, die ich nicht bei ihm vermutet h\u00e4tte, von einer herzlichen, in ihrer aufrichtigen Gutm\u00fctigkeit und ihrer ungezwungenen Hingebung fast altmodischen Fr\u00f6hlichkeit. In solchen Momenten konnte man den Menschen kennenlernen, unabh\u00e4ngig vom Maler, und seine ganze G\u00fcte sehen.<\/h3>\n<p><i>Gespr\u00e4che mit C\u00e9zanne<\/i>, S.86-87<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> K\u00f6nnen Sie von einem solchen Essen berichten, bei dem C\u00e9zanne seine heitere Art offen zeigte?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">\u00c9mile Bernard:<\/span> Wir begaben uns nach der Rue Boulegon. Madame Br\u00e9mond war eifrig damit besch\u00e4ftig, das Essen zu bereiten. Ich wurde von C\u00e9zanne seinem Sohn Paul und Madame C\u00e9zanne vorgestellt. Die Mahlzeit verlief sehr fr\u00f6hlich, C\u00e9zanne war ungemein mitteilsam. Die Gegenwart seines Sohnes bereitete ihm gro\u00dfes Vergn\u00fcgen. Er hielt alle Augenblicke mit dem Essen inne, um ihn zu betrachten.<\/h3>\n<p><i>Gespr\u00e4che mit C\u00e9zanne<\/i>, S.102<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Bernard, was m\u00f6chten Sie abschlie\u00dfend \u00fcber C\u00e9zanne, Ihren Freund und Meister, sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">\u00c9mile Bernard:<\/span> Die Zeit, sich andern Dingen als seiner Kunst zu widmen, hatte ihm gefehlt. Und diese Arbeitslust stellte sich so stark ein, dass er von ihr pl\u00f6tzlich wie von einem Abgrund verschlungen wurde. Als ich eines Abends vom <i>Chef-d&rsquo;\u0153uvre inconnu<\/i>, dem <i>Unbekannten Meisterwerk<\/i>, und von Frenhofer, dem Helden des Dramas von Balzac sprach, erhob er sich vom Tisch, stellte sich vor mich hin, klopfte mit dem Zeigefinger an seine Brust und bekannte sich durch mehrfache Wiederholung dieser Geste, ohne ein Wort zu sagen, zu der Person des Romans. Er war so ergriffen, dass ihm die Tr\u00e4nen in die Augen traten. Einer, der ihm im Leben zeitlich vorangegangen war, der aber einen prophetischen Geist besa\u00df, hatte ihn verstanden. Als ich sp\u00e4ter \u00fcber C\u00e9zanne in <i>L&rsquo;Occident<\/i> schrieb, setzte ich als Motto folgenden Satz hin, der C\u00e9zanne zusammenfassend gut charakterisiert und ihn mit dem Helden Balzacs verschmilzt: <i>\u201eFrenhofer ist ein Mensch, der sich auf leidenschaftliche Weise unserer Kunst hingibt, der h\u00f6her und weiter sieht als die \u00fcbrigen Maler.\u201d<\/i><\/h3>\n<p><i>Gespr\u00e4che mit C\u00e9zanne<\/i>, S.87-88<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr \u00c9mile Bernard, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2072 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2072' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2072 lc'>+2<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2072 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr \u00c9mile Bernard, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. 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