{"id":2025,"date":"2018-07-14T14:23:31","date_gmt":"2018-07-14T13:23:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2025"},"modified":"2024-11-03T11:36:14","modified_gmt":"2024-11-03T10:36:14","slug":"interview-henry-dunant-das-rote-kreuz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=2025","title":{"rendered":"Interview: Henry Dunant &#8211; Das Rote Kreuz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Rote-Kreuz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Rote-Kreuz.jpg\" alt=\"\" width=\"804\" height=\"102\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2039\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Rote-Kreuz.jpg 804w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Rote-Kreuz-300x38.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Rote-Kreuz-768x97.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 804px) 100vw, 804px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Henry Dunant, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. Wir wollen dar\u00fcber sprechen, wie es zu den ersten Anf\u00e4ngen einer Organisation kam, aus der das Rote Kreuz hervorging. Hierbei werden wir uns auf Ihr Buch <i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i> st\u00fctzen, in dem Sie Ihre Erinnerungen an diese kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Armee \u00d6sterreichs und den Truppen von Sardinien-Piemont und Frankreich festhielten. Was f\u00fchrte Sie im Jahr 1859 nach Solferino?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> Als einfacher Tourist, und dem Zweck dieses gro\u00dfen Kampfes vollkommen ferne stehend, hatte ich, durch besondere Umst\u00e4nde beg\u00fcnstigt, das seltene Vorrecht, bei dem ergreifenden Schauspiele zugegen zu sein. Ich will \u00fcbrigens nur meine pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccke wiedergeben.<\/h3>\n<p>Henry Dunant, <i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i>, Aischines Verlag, Paderborn, 1. Auflage,S.5<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was waren sehr bald Ihre ersten pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccke?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> Um jeden Mamelon, um jeden H\u00fcgel, um jeden Felsvorsprung werden hartn\u00e4ckige K\u00e4mpfe geliefert, ganze Haufen von Toten sind auf den H\u00fcgeln, in den Hohlwegen aufget\u00fcrmt. \u00d6sterreicher und Alliierte t\u00f6ten einander auf den blutigen Leichnamen, sie morden sich mit Kolbenschl\u00e4gen, zerschmettern sich das Gehirn, schlitzen sich mit S\u00e4beln und Bajonetten die Leiber auf: Kein Pardon wird mehr gegeben, es ist ein Gemetzel, ein Kampf wilder, w\u00fctender, blutd\u00fcrstiger Tiere, und selbst die Verwundeten verteidigen sich bis zum \u00c4u\u00dfersten; wer keine Waffen mehr besitzt, fast seinen Gegner an der Gurgel und zerfleischt ihn mit den Z\u00e4hnen.<\/h3>\n<p><i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i>, S.7<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wo auch immer Sie hinkamen, war es immer das gleiche Gemetzel?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> Dort findet ein \u00e4hnlicher Kampf statt, allein er wird noch schrecklicher durch das Nahen einer Eskadron Kavallerie, welche im Galopp heransprengt; die Pferde zertreten unter ihren Hufen Tote und Sterbende; einem armen Verwundeten wird die Kinnlade zerrissen, einem andern die Hirnschale zerschmettert, einem Dritten, der noch zu retten gewesen w\u00e4re, die Brust eingetreten.<\/h3>\n<p><i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i>, S.7<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Vernahmen Sie auch Schreie diese Entsetzens?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> In das Wiehern der Pferde mischen sich Fl\u00fcche, Schmerzens- und Verzweiflungsrufe und Wutgeschrei. Inmitten dieser verschiedenartigen, sich stets wieder erneuernden und unaufhaltsam fortdauernden K\u00e4mpfe vernimmt man die fluchenden Ausrufe von M\u00e4nnern von so vielerlei Nationen, und wie viele dieser Leute waren schon mit dem 20. Lebensjahre zum Menschenmorden gezwungen!<\/h3>\n<p><i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i>, S.7,S.14<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die Ortschaft Solferino und ihre Umgebung sahen d\u00fcster und verlassen aus, \u00fcberall zeigten sich die entsetzlichen Spuren des Krieges. K\u00f6nnen Sie diese beschreiben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> Zu der Umgebung von Solferino und besonders bei dem Kirchhofe des Ortes lagen massenweise Gewehre, Patronentaschen, Gamaschen, Tschakos, Dienstm\u00fctzen, K\u00e4ppis, G\u00fcrtel, kurz alle Arten von Monturst\u00fccken umher, darunter selbst zerfetzte und blutbefleckte Kleidungsst\u00fccke und zertr\u00fcmmerte Waffen. Die Ungl\u00fccklichen, welche w\u00e4hrend des Tages aufgeladen wurden, waren bleich, eingefallen, vollkommen ersch\u00f6pft: Die Einen, und insbesondere die arg Verst\u00fcmmelten, schauten scheinbar stumpfsinnig drein, sie verstanden nicht, was man zu ihnen sagte, ihre Augen blickten stier ihre Retter an, aber dennoch zeigten sie sich nicht unempfindlich f\u00fcr ihre Schmerzen; andere waren unruhig, ihr ganzes Nervensystem zeigte sich ersch\u00fcttert und sie zuckten konvulsivisch zusammen. Derjenige, welcher diesen ausgedehnten Schauplatz des Kampfes vom vorigen Tage durchwanderte, traf auf jedem Schritte und inmitten einer Verwirrung ohne Gleichen unaussprechliche Verzweiflung und Elend in allen Gestalten.<\/h3>\n<p><i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i>, S.21-22<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> In der Stadt Brescia wurden die Verwundeten versorgt; k\u00f6nnen Sie dar\u00fcber berichten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> Diese h\u00fcbsche, so recht malerisch gelegene Stadt war in ein ungeheuer ausgedehntes Spital umgewandelt, ihre zwei Domkirchen, die \u00fcbrigen Kirchen, die Pal\u00e4ste, die Kl\u00f6ster, die Schulen, die Kasernen, kurz alle Geb\u00e4ulichkeiten waren mit Schlachtopfern von Solferino angef\u00fcllt; 15.000 Betten waren sozusagen in einem einzigen Tage aufgeschlagen worden. Das Volk dr\u00e4ngte sich in Masse herbei, und besonders die Frauen jeden Ranges, um Orangen, Gallerte, Biskuit, Zuckerwerk und sonstige Erfrischungen zu bringen. Der Stadtrat von Brescia hatte alsogleich die ihm obliegenden Verpflichtungen erkannt, welche er bei diesem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ereignisse zu erf\u00fcllen hatte, und zeigte sich auf die Dauer seiner Aufgabe auf das Vollkommenste gewachsen.<\/h3>\n<p><i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i>, S.45-46<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Nicht nur diesen Frauen und dem Stadtrat von Brescia, sondern vielen anderen Helfern sprechen Sie in Ihren Erinnerungen Ihre Hochachtung aus und bringen dabei Ihre Meinung zu den kriegerischen Vorg\u00e4ngen deutlich zum Ausdruck.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> Der General-Intendant von Brescia, der Direktor der Spit\u00e4ler dieser Stadt, der Chef-Arzt der sardinischen Armee und der Sanit\u00e4ts-Inspektor der Lombardei wetteiferten in der Hingebung f\u00fcr die Kranken und Verwundeten und ihre Namen verdienen auf die ehrenvollste Weise genannt zu werden. Wir k\u00f6nnten noch eine ganze Reihe mutiger und ausdauernder Chirurgen nennen, welche sich nicht minder verdient machten; denn es ist jedenfalls gewiss, dass wenn jene, welche t\u00f6ten, auf Ruhm Anspruch machen, auch diejenigen einer r\u00fchmenden Erw\u00e4hnung und die Achtung und Erkenntlichkeit ihrer Mitmenschen verdienen, welche, und zwar oft genug mit Gefahr ihres Lebens, heilen.<\/h3>\n<p><i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i>, S.54 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was mussten Sie dennoch, trotz dieser menschlichen Hingabe und den anstrengenden lobenswerten Hilfeleistungen, feststellen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> H\u00e4tte nicht trotz dem Eifer, den die lombardischen St\u00e4dte und die Einwohner von Brescia an den Tag legten, noch ungeheuer vieles getan werden k\u00f6nnen? In keinem Kriege und in keinem Jahrhunderte hatte man so viele sch\u00f6ne Beweise von Barmherzigkeit gesehen; und doch reichten dieselben durchaus nicht aus bei so vielen Leidenden, welche eine Unterst\u00fctzung in Anspruch nahmen, und au\u00dferdem galt auch die meiste Sorgfalt nur der alliierten Armee und durchaus nicht den \u00d6sterreichern. Und die Krankenw\u00e4rter und sonstigen Bediensteten entsprachen nicht auf lange Zeit den an sie gestellten Anforderungen. Man muss deshalb freiwillige Krankenw\u00e4rter und Krankenw\u00e4rterinnen haben, welche gewandt, vorbereitet oder eingeweiht sind, um bei einem solchen Hilfswerke t\u00e4tig sein zu k\u00f6nnen.<\/h3>\n<p><i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i>, S.68-69<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie riefen daher zu der Schaffung eines solchen Hilfswerkes auf, an wen wandten Sie sich hierbei?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> Es handelt sich darum, einen Aufruf, eine Bitte an die M\u00e4nner aller L\u00e4nder und jeden Ranges ergehen zu lassen, von den M\u00e4chtigen dieser Welt bis zu den \u00e4rmsten Arbeitern; denn alle k\u00f6nnen auf die eine oder andere Weise und jeder in seiner Art und nach seinen Kr\u00e4ften bei dieser guten Tat mitwirken. Ein Aufruf dieser Art w\u00fcrde den Frauen ebenso gut als den M\u00e4nnern gelten.<\/h3>\n<p><i>Eine Erinnerung an Solferino<\/i>, S.69<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ihr Aufruf wurde erh\u00f6rt und ging in Erf\u00fcllung. 1863, ein Jahr nach der Ver\u00f6ffentlichung Ihrer Schrift <i>Erinnerungen an Solferino<\/i> wurde in Genf das <i>Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften f\u00fcr die Verwundetenpflege<\/i> gegr\u00fcndet, das seit 1876 den Namen <i>Internationales Komitee vom Roten Kreuz<\/i> tr\u00e4gt. Mit welchen Worten rufen Sie in Ihren Erinnerungen zu der Schaffung dieses gro\u00dfen Werkes auf?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Henry Dunant:<\/span> In einer Zeit, in welcher man so viel von Fortschritt und Zivilisation spricht und in welcher die Kriege einmal nicht immer vermieden werden k\u00f6nnen, ist es da nicht dringend notwendig, alles zu tun, um den Schrecken derselben zuvorzukommen? Um dieses Werk zur Ausf\u00fchrung zu bringen, ist ein hoher Grad von Hingebung vonseiten einer gewissen Anzahl von Personen n\u00f6tig, aber sicherlich w\u00fcrde es bei dieser Gelegenheit an den notwendigen Geldmitteln nicht fehlen.<\/h3>\n<p>Erinnerungen an Solferino, S.71<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Henry Dunant, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-2025 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='2025' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-2025 lc'>+1<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-2025 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Henry Dunant, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. 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