{"id":1981,"date":"2018-03-11T17:07:20","date_gmt":"2018-03-11T16:07:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1981"},"modified":"2024-11-18T11:12:57","modified_gmt":"2024-11-18T10:12:57","slug":"interview-hannah-arendt-anmerkungen-uber-das-bose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1981","title":{"rendered":"Interview: Hannah Arendt &#8211; Anmerkungen \u00fcber das B\u00f6se"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Finster.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Finster.jpg\" alt=\"\" width=\"732\" height=\"82\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1985\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Finster.jpg 732w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Finster-300x34.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 732px) 100vw, 732px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag Frau Hannah Arendt. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. Sie sind Professorin f\u00fcr politische Theorie an der New School for Social Research in New York und haben zahlreiche Schriften \u00fcber den Totalitarismus ver\u00f6ffentlicht. Als J\u00fcdin haben Sie das nationalsozialistische Deutschland 1933 verlassen und gingen in die USA, wo Sie die amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft annahmen. Wir wollen nun der schwierigen Frage nachgehen, wie es m\u00f6glich war, dass die Nazis sich in Deutschland an der Macht halten konnten. Wie war es m\u00f6glich, dass in diesem Land nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterschieden wurde? Wie konnte es zu dem Holocaust kommen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Hannah Arendt:<\/span> Es gab nicht nur die grauenhafte Tatsache der mit Sorgfalt errichteten Todesfabriken und das v\u00f6llige Fehlen von Heuchelei bei jener sehr erheblichen Zahl von Personen, die an dem Ausrottungsprogramm beteiligt waren. Gleich wichtig, doch vielleicht noch erschreckender war die selbstverst\u00e4ndliche Kollaboration seitens aller Schichten der deutschen Gesellschaft, einschlie\u00dflich der alteingesessenen Eliten, die die Nazis unangetastet gelassen hatten und die sich mit der Partei an der Macht niemals identifizierten. Das Nazi-Regime hat in der Tat einen neuen Wertekanon angek\u00fcndigt und ein ihm entsprechendes Rechtssystem eingef\u00fchrt. Es hat dar\u00fcber hinaus den Beweis erbracht, dass  niemand ein \u00fcberzeugter Nazi sein musste, um sich anzupassen und nicht seine gesellschaftliche Stellung, wohl aber die moralischen \u00dcberzeugungen, die einst mit ihr einhergingen, gleichsam \u00fcber Nacht zu vergessen.<\/h3>\n<p>Hannah Arendt, <i>\u00dcber das B\u00f6se<\/i>, Piper Verlag, M\u00fcnchen, M\u00e4rz 2013, S.15-16<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Moralische Werte, die man glaubte, dass Sie Bestand haben, wurden nicht mehr anerkannt und mit F\u00fc\u00dfen getreten. Wie konnte es dazu kommen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Hannah Arendt:<\/span> Die Moral zerbrach und wurde zu einem blo\u00dfen Kanon von \u201emores\u201d &#8211; von Manieren, Sitten, Konventionen, die man beliebig \u00e4ndern kann \u2013 nicht bei den Kriminellen, sondern bei den gew\u00f6hnlichen Leuten, die sich, solange moralische Normen gesellschaftlich anerkannt waren, niemals hatten tr\u00e4umen lassen, dass sie an dem, was sie zu glauben gelehrt worden waren, h\u00e4tten zweifeln k\u00f6nnen. Und diese Angelegenheit, das hei\u00dft das damit aufgeworfene Problem, ist nicht abgeschlossen, wenn wir zugeben m\u00fcssen, dass die Nazi-Doktrin sich im deutschen Volk nicht gehalten hat, dass Hitlers verbrecherische Moral sich ganz geschwind zur\u00fcckverwandelte, als die \u201eGeschichte\u201d die Niederlage anzeigte.<\/h3>\n<p><i>\u00dcber das B\u00f6se<\/i>, S.16-17<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Es gab auch Ausnahmen, Menschen, die sich nicht gleichschalten lie\u00dfen. Was wollen Sie \u00fcber diese Personen sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Hannah Arendt:<\/span> Wenn Sie sich die Wenigen, die sehr Wenigen, die im moralischen Zusammenbruch von Nazi-Deutschland vollkommen heil und schuldlos blieben, n\u00e4her ansehen, werden Sie entdecken, dass diese nie so etwas wie einen gro\u00dfen moralischen Konflikt oder eine Gewissenskrise durchgemacht haben. Sie haben sich \u00fcber die verschiedenen Punkte: des kleineren \u00dcbels, der Treue gegen\u00fcber ihrem Land beziehungsweise ihrem Eid oder worum es sonst noch gegangen sein mag, nicht viel Gedanken gemacht. Sie m\u00f6gen das F\u00fcr und Wider von Handlungen diskutiert haben, und es gab immer viele Gr\u00fcnde, die dagegen sprachen, dass da Chancen waren, erfolgreich zu sein; sie m\u00f6gen auch Angst gehabt haben, und es gab in der Tat viel zu bef\u00fcrchten. Doch nie haben sie daran gezweifelt, dass Verbrechen auch dann, wenn sie von der Regierung legalisiert waren, Verbrechen blieben, und dass es besser war, sich unter allen Umst\u00e4nden an diesen Verbrechen nicht zu beteiligen.<\/h3>\n<p><i>\u00dcber das B\u00f6se<\/i>, S.51-52<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und wie sehen Sie die Tatsache, dass Menschen, von denen man es nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte, Verbrechen begangen haben oder sich an Verbrechen beteiligten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Hannah Arendt:<\/span> Das L\u00e4stige an den Nazi-Verbrechern war gerade, dass sie willentlich auf alle pers\u00f6nlichen Eigenschaften verzichteten, als ob denn niemand mehr \u00fcbrigbliebe, der entweder bestraft oder dem vergeben werden k\u00f6nnte. Immer und immer wieder beteuerten sie, niemals etwas aus Eigeninitiative getan zu haben; sie h\u00e4tten keine wie auch immer gearteten guten oder b\u00f6sen Absichten gehabt und immer nur Befehle befolgt. Um es anders zu sagen: Das gr\u00f6\u00dfte begangene B\u00f6se ist das B\u00f6se, das von Niemandem getan wurde, das hei\u00dft von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.<\/h3>\n<p><i>\u00dcber das B\u00f6se<\/i>, S.101<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frau Arendt, was wollen Sie abschlie\u00dfend sagen, was f\u00fcrchten Sie f\u00fcr die Zukunft?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Hannah Arendt:<\/span> So f\u00fcrchte ich, dass jemand kommt und uns sagt, es sei ihm egal, jede Gesellschaft w\u00e4re ihm gut genug. Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die gr\u00f6\u00dfte Gefahr dar, auch wenn sie weit verbreitet ist. Und damit verbunden und nur ein bisschen weniger gef\u00e4hrlich ist eine andere g\u00e4ngige moderne Erscheinung: die h\u00e4ufig anzutreffende Tendenz, das Urteilen \u00fcberhaupt zu verweigern. Aus dem Unwillen oder der Unf\u00e4higkeit, seine Beispiele und seinen Umgang zu w\u00e4hlen, und dem Unwillen oder der Unf\u00e4higkeit, durch Urteil zu Anderen in Beziehung zu treten, entstehen die wirklichen \u201eskandala\u201d, die wirklichen Stolpersteine, welche menschliche Macht nicht beseitigen kann, weil sie nicht von menschlichen oder menschlich verst\u00e4ndlichen Motiven verursacht wurden. Darin liegt der Horror des B\u00f6sen und zugleich seine Banalit\u00e4t.<\/h3>\n<p><i>\u00dcber das B\u00f6se<\/i>, S.149-150 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frau Hannah Arendt, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-1981 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='1981' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-1981 lc'>0<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-1981 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag Frau Hannah Arendt. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. 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