{"id":1755,"date":"2017-04-30T14:30:52","date_gmt":"2017-04-30T13:30:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1755"},"modified":"2024-11-02T16:11:48","modified_gmt":"2024-11-02T15:11:48","slug":"interview-lou-andreas-salome-lebensgemeinschaft-zu-dritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1755","title":{"rendered":"Interview: Lou Andreas-Salom\u00e9 \u2013 Lebensgemeinschaft zu dritt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Lou-trio.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Lou-trio.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"162\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1757\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Lou-trio.jpg 1000w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Lou-trio-300x49.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Lou-trio-768x124.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Frau Lou Andreas-Salom\u00e9, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. Wir wollen in diesem von zwei Menschen sprechen,  denen Sie viel Zuneigung entgegenbrachten. Es handelt sich um Paul R\u00e9e und Friedrich Nietzsche. Sie scheuten sich dabei nicht, ein von Nietzsche vorgeschlagenes Zusammenleben zu dritt zu wagen. Damit setzten Sie sich \u00fcber geltende gesellschaftliche Prinzipien hinweg. K\u00f6nnen Sie Gr\u00fcnde f\u00fcr Ihre Entscheidung nennen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Ich kann weder Vorbildern nachleben, noch werde ich jemals ein Vorbild darstellen k\u00f6nnen. Hingegen mein eigenes Leben nach mir selber bilden, das werde ich ganz gewiss, mag es nun damit gehen wie es mag. Damit habe ich ja kein Prinzip zu vertreten, sondern etwas viel Wundervolleres, &#8211; etwas, das in Einem selber steckt und ganz hei\u00df von lauter Leben ist und jauchzt und heraus will.<\/h3>\n<p>Lou Andreas-Salom\u00e9, <i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, Verlag tredition, Hamburg, S.63<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Paul R\u00e9e lernten Sie 1882 in Rom kennen, wo Sie mit Ihrer Mutter in einer Pension wohnten. Wie verliefen ihre Begegnungen mit R\u00e9e?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> T\u00e4glich fanden unsere eifrigen Unterredungen erst ihr Ende beim Nachhausegehn auf Umwegen in die Pension, wo meine Mutter mit mir abgestiegen war. Diese G\u00e4nge durch die Stra\u00dfen Roms im Mond- und Sternenschein brachten uns einander bald so nahe, dass sich in mir ein wundervoller Plan zu entwickeln begann, wie wir dem Dauer verleihen k\u00f6nnten, auch nachdem meine Mutter, die mich von Z\u00fcrich nach dem S\u00fcden zur Erholung gebracht hatte, heimgereist sein w\u00fcrde. Zwar benahm sich Paul R\u00e9e zun\u00e4chst v\u00f6llig falsch, indem er, zu meinem zornigen Leidwesen, meiner Mutter einen ganz andern Plan \u2013 einen Heiratsplan \u2013 unterbreitet hatte, der ihre Einwilligung zu dem meinen endlos erschwerte. Voerst musste ich nun erst ihm selber plausibel machen, wozu mein f\u00fcr Lebenszeit abgeschlossenes Liebesleben und wozu mein total entriegelter Freiheitsdrang mich veranlassten.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.61<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Friedrich Nietzsche kam kurze Zeit sp\u00e4ter auch nach Rom, welche Entwicklung nahm daraufhin Ihre Freundschaft mit Paul R\u00e9e?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Das noch Unerwartetere geschah, dass Nietzsche, kaum hatte er von Paul R\u00e9es und meinem Plan erfahren, sich zum Dritten im Bunde machte. Sogar der Ort unserer k\u00fcnftigen Dreieinigkeit wurde bald bestimmt,  das sollte urspr\u00fcnglich f\u00fcr eine Weile Wien, dann Paris sein.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.64<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Warum kam es zu ersten Komplikationen in Ihrer Dreier-Beziehung?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Nietzsche machte R\u00e9e zum F\u00fcrsprecher bei mir f\u00fcr einen Heiratsantrag? Sorgenvoll \u00fcberlegten Paul R\u00e9e und ich, wie das am besten beizulegen sei, ohne unsere Dreieinigkeit zu gef\u00e4hrden. Es wurde beschlossen, Nietzsche vor allem meine grunds\u00e4tzliche Abneigung gegen alle Ehe \u00fcberhaupt  klarzulegen, au\u00dferdem aber auch den Umstand, dass ich nur von der Generalspension meiner Mutter lebe und \u00fcberdies durch Verheiratung meiner eigenen kleinen Pension verlustig gehe, die einzigen T\u00f6chtern des russischen Adels bewilligt war.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.65<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Gab sich Nietzsche mit Ihren Erkl\u00e4rungen zufrieden, und war das Problem somit aus der Welt geschafft?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Als wir Rom verlie\u00dfen, schien das zun\u00e4chst erledigt; in letzter Zeit litt Nietzsche \u00fcberdies vermehrt an der Krankheit, wegen derer er sich einstmals seiner Baseler Professur hatte entledigen m\u00fcssen und die sich anlie\u00df wie eine furchtbar \u00fcbersteigerte Migr\u00e4ne.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.64<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich erinnere mich vor allem an die bekannte Fotoaufnahme, bei der Sie in dem kleinen Leiterwagen stehen, der quasi von Nietzsche und R\u00e9e gezogen wird. K\u00f6nnen Sie etwas zu diesem Foto sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Nietzsche betrieb die Bildaufnahme von uns Dreien, trotz heftigem Widerstreben Paul R\u00e9es, der lebenslang einen krankhaften Abscheu vor der Wiedergabe seines Gesichts behielt. Nietzsche, in \u00fcberm\u00fctiger Stimmung, bestand nicht nur darauf, sondern befasste sich pers\u00f6nlich und eifrig mit dem Zustandekommen von den Einzelheiten \u2013 wie dem kleinen, zu klein geratenen, Leiterwagen, sogar dem Kitsch des Fliederzweiges an der Peitsche usw.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.65-66<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Das Zustandekommen einer Lebensgemeinschaft zu dritt  blieb eine Illusion. Nietzsche kehrte nach Basel zur\u00fcck, und Paul R\u00e9e begleitete Sie und Ihre Mutter  nach Z\u00fcrich. Sie begegneten sich alle drei noch einmal in Leipzig. Wie empfanden Sie das Wiedersehen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Es war nicht mehr ganz so wie anfangs, obwohl unsere W\u00fcnsche f\u00fcr unsere gemeinsame Zukunft zu Dritt noch feststanden. Wenn ich mich frage, was meine innere Einstellung zu Nietzsche am ehesten zu beeintr\u00e4chtigen begann, so war das die zunehmende H\u00e4ufung solcher Andeutungen von ihm, die Paul R\u00e9e bei mir schlecht machen sollten. Erst nach unserm Abschied von Leipzig brachen dann Feindseligkeiten auch gegen mich aus, Vorw\u00fcrfe hassender Art.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.69<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie und Paul Ree zogen sich deshalb von Nietzsche zur\u00fcck. Wie reagierte Nietzsche auf diese Tatsache?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Was sp\u00e4ter folgte, schien Nietzsches Wesen und W\u00fcrde derma\u00dfen widersprechend, dass es nur fremdem Einfluss zugeschrieben werden kann. So, wenn er R\u00e9e und mich gerade den Verd\u00e4chtigungen preisgab, deren Haltlosigkeit er selbst am besten kannte. Aber das H\u00e4ssliche aus dieser Zeit wurde mir durch Paul R\u00e9es F\u00fcrsorge einfach unterschlagen; sogar scheint es, dass Briefe von Nietzsche an mich nie zu mir gelangt sind, die mir unbegreifliche Verunglimpfungen enthielten.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.69<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie schrieben in sp\u00e4teren Jahren ein Buch \u00fcber Friedrich Nietzsche. Was wollten Sie in diesem zum Ausdruck bringen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Mein Buch Friedrich Nietzsche in seinen Werken schrieb ich noch voller Unbefangenheit, nur dadurch veranlasst, dass mit seinem eigentlichen Ber\u00fchmtsein gar zu viele Literatenj\u00fcnglinge sich seiner missverst\u00e4ndlich bem\u00e4chtigten; mir selbst war ja erst nach unserem pers\u00f6nlichen Verkehr das geistige Bild Nietzsches recht aufgegangen an seinen Werken; mir war an nichts gelegen als am Verstehen der Nietzschegestalt aus diesen sachlichen Eindr\u00fccken heraus. Und so, wie mir sein Bild \u2013 in der reinen Nachfeier des Pers\u00f6nlichen \u2013 aufging, sollte es vor mir stehenbleiben.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.70<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frau Lou Andreas-Salom\u00e9, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-1755 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='1755' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-1755 lc'>0<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-1755 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Frau Lou Andreas-Salom\u00e9, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch. 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