{"id":1715,"date":"2017-03-19T11:30:37","date_gmt":"2017-03-19T10:30:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1715"},"modified":"2024-11-02T16:12:24","modified_gmt":"2024-11-02T15:12:24","slug":"interview-lou-andreas-salome-meine-ehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1715","title":{"rendered":"Interview: Lou Andreas-Salom\u00e9 &#8211; Meine Ehe"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Lou.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Lou.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"99\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1720\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Lou.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Lou-300x37.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Lou-768x95.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Frau Lou Andreas-Salom\u00e9, ich freue mich sehr, dass Sie meiner Einladung zu diesem Gespr\u00e4ch gefolgt sind.  Sie kamen am 12. Februar 1861 nach f\u00fcnf Br\u00fcdern als letztes Kind ihrer Eltern auf die Welt. Ihr geliebter Vater starb, als Sie sechzehn Jahre alt waren. Welche Erinnerung haben Sie an ihn?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Mein Vater hatte sich nach den f\u00fcnf Buben leidenschaftlich ein kleines M\u00e4dchen gew\u00fcnscht, w\u00e4hrend Muschka lieber das m\u00e4nnliche Halbdutzend voll gemacht h\u00e4tte. In alten Briefen meines Vaters an meine Mutter hatte ich nach seinem Tode eine Nachschrift gelesen: \u201eK\u00fcsse mir unser kleines M\u00e4dchen\u201d und einmal auch: \u201eDenkt sie wohl ab und zu noch an ihren alten Papa?\u201d Erinnerungen \u00fcberfielen mich hei\u00df.<\/h3>\n<p>Lou Andreas-Salom\u00e9, <i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, Verlag tredition, Hamburg, S.36<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie empfanden Sie die Beziehung zwischen Ihrer Mutter und Ihrem Vater?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Untereinander verstanden die Eltern sich wortlos, ungeachtet ihrer starken Unterschiedenheit voneinander \u2013 ausgenommen die gleiche St\u00e4rke ihres Temperaments und ihres Glaubens; in unentwegter Anpassung hielten sie sich die tiefste Liebestreue.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.39 <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span>  Sie selbst wollten keine Ehe eingehen. Wie stand Ihre Mutter zu diesem Entschluss ?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Entt\u00e4uschte diese Tochter sie dadurch schon, dass sie nicht als Sohn zur Welt gekommen war, so h\u00e4tte sie doch nun mindestens einem Tochterideal der Mutter zustreben sollen \u2013 und tat so sehr das Gegenteil. Aber sogar w\u00e4hrend der Zeit, wo die Mutter am bittersten darunter litt, weil es am krassesten gegen die damaligen gesellschaftlichen Sitten verstie\u00df, machte Muschka das still mit sich selber ab: unverbr\u00fcchlich zu mir haltend der Welt gegen\u00fcber; voller Gram, doch auch voll Vertrauen; den Anschein weckend, dass wir uns absolut verst\u00e4nden, denn dies schien ihr das Wichtigste, was zu tun war, um keine feindlichen Missdeutungen gegen mich aufkommen zu lassen.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.43<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Es kam dennoch zu einer Ehe zwischen Ihnen und dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas, der Sie allerdings  zu dieser  Ehe zwang, indem er sich vor ihren Augen ein Messer in die Brust stie\u00df. Wollen Sie \u00fcber dieses tragische Ereignis sprechen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Sp\u00e4ter fiel mir oft ein, wie am Vorabend vor unserer Verlobung beinahe ein tr\u00fcgerischer Schein des M\u00f6rderischen auf mich h\u00e4tte fallen k\u00f6nnen. Mein Mann trug, f\u00fcr abendliche Heimg\u00e4nge in seine damals sehr entlegene Wohnung, ein kurzes, schweres Taschenmesser bei sich. Es hatte auf dem Tisch gelegen, an dem wir uns gegen\u00fcber sa\u00dfen. Mit einer ruhigen Bewegung hatte er danach gegriffen und es sich in die Brust gesto\u00dfen. Als ich, halb von Sinnen auf die Stra\u00dfe st\u00fcrzend, von Haus zu Haus nach dem n\u00e4chsten Wundarzt auf der Suche, von eilig mit mir Gehenden \u00fcber den Unfall befragt wurde, hatte ich geantwortet, jemand sei in sein Messer gefallen. W\u00e4hrend der Arzt den auf den Boden gesunkenen Bewusstlosen untersuchte, machten ein paar Silben und seine Miene mir seinen Verdacht deutlich, wer hier das Messer gehandhabt haben mochte. Zweifelhaftes blieb ihm, er benahm sich aber in der Folge diskret und g\u00fctig.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.168-169<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie trugen keinen Ehering und verweigerten Ihrem Mann die k\u00f6rperliche Liebe. Wie war da ein Zusammenleben m\u00f6glich?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Nach Monaten schmerzvoller Gemeinsamkeit und dazwischen hinlaufenden Trennungen, die das Alleinsein zu zweien vermeiden halfen, war der neue Standpunkt festgelegt. Von einer Scheidung nach au\u00dfen konnte wie bisher auch jetzt keine Rede sein, und es war wie nichts anderes charakteristisch f\u00fcr meines Mannes Denkungsart, dass, was ihm dies ausschloss, weder in einer Hoffnung f\u00fcr die Zukunft gelegen war, noch in einer Ansicht \u00fcber irgendwelche irrige Ma\u00dfnahmen im Vergangenen, die noch korrigierbar h\u00e4tten sein k\u00f6nnen, sondern das Festgelegtsein auf ein trotz allem unumst\u00f6\u00dflich Wirkliches, Vorhandenes. So bleibt mir der Augenblick eingepr\u00e4gt f\u00fcr immer, wo er sagte: \u201eIch kann nicht aufh\u00f6ren zu wissen, dass Du meine Frau bist.\u201d<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.174<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span>  Auch verliebten Sie sich h\u00e4ufig und fanden bei Ihren Partnern Gegenliebe. Wie reagierte Ihr Mann darauf?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Einmal, in einer herzbewegenden Stunde, hatte ich an meinen Mann die Frage gerichtet: \u201eDarf ich Dir sagen, was mir inzwischen geschah -?\u201d Rasch, ohne zu z\u00f6gern oder einer Sekunde Raum f\u00fcr einen weiteren Laut zu lassen, hatte er geantwortet: \u201eNein.\u201d So w\u00f6lbte sich \u00fcber uns und dem, was wir miteinander teilten, ein hohes, unverbr\u00fcchliches Schweigen, aus dem wir nie herausgetreten sind.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.174<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und Sie, h\u00e4tten Sie Ihrem Mann eine Geliebte geg\u00f6nnt?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Wer konnte sich auch denken, mit welcher Inbrust ich zu jeder Zeit meines Lebens meinem Mann, wie einen begl\u00fcckenden Aufbau zu Weihnachten, eine Frau oder die liebste, beste, sch\u00f6nste Geliebte zugedacht h\u00e4tte. Unser Schweigen zueinander w\u00fcrde es nur haben verdeckt gehalten, was sich ereignen k\u00f6nnte, aber nie h\u00f6rten meine W\u00fcnsche auf, es zu begleiten.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.175<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was dachte man in Ihrem sozialen Umfeld \u00fcber Ihre Ehe?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> Bei unserer Gewohnheit zur\u00fcckhaltenden geselligen Verkehrs mochte man sich Gedanken \u00fcber uns machen, die wir nicht kannten; vielleicht nahm die menschliche Welt wie sie ist an, entweder sei mein Mann mir untreu geworden, oder ich ihm?<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.175<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Gab es etwa, das Sie an Ihrem Mann besonders sch\u00e4tzten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Lou Andreas-Salom\u00e9:<\/span> In der Mitfreude daran lebte mehr als nur G\u00fcte, wie stark diese auch daraus sprechen mag. Die F\u00e4higkeit zum Sichmitfreuen, dieser hervorstechendste Zug seiner Menschlichkeit, bedeutete ihm stets ein Erfassen des Andern als seinesgleichen: ein Erfassen des in Beiden gleichen wesentlichsten Urgrundes.<\/h3>\n<p><i>Lebensr\u00fcckblick<\/i>, S.179<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frau Lou Andreas-Salom\u00e9, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-1715 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='1715' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-1715 lc'>0<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-1715 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Frau Lou Andreas-Salom\u00e9, ich freue mich sehr, dass Sie meiner Einladung zu diesem Gespr\u00e4ch gefolgt sind. 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