{"id":1654,"date":"2017-01-22T16:45:47","date_gmt":"2017-01-22T15:45:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1654"},"modified":"2024-11-02T16:15:58","modified_gmt":"2024-11-02T15:15:58","slug":"interviewhelene-lange-frauenbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1654","title":{"rendered":"Interview: Helene Lange \u2013 Frauenbildung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/flower.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1659\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/flower.jpg\" alt=\"\" width=\"745\" height=\"85\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/flower.jpg 745w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/flower-300x34.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 745px) 100vw, 745px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Frau Helene Lange, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. Sie hatten verschiedene Lehrt\u00e4tigkeiten hinter sich, als Sie 1877 in den Vorstand des Berliner Vereins deutscher Lehrerinnen aufgenommen wurden, und dort an der Kommission mitwirkten, die f\u00fcr den Aufbau h\u00f6herer T\u00f6chterschulen zust\u00e4ndig war. Was taten Sie als erstes?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helene Lange:<\/span> Ich fing an zu vergleichen. Von Amerika wusste ich, dass Knaben- und M\u00e4dchbildung genau die gleiche sei und die Zahl der Lehrerinnen die der Lehrer weit \u00fcberstieg. In Frankreich hatte man nach dem siebziger Krieg die lebhafte Empfindung, dass die Hebung des ganzen Volkes mit der Hebung seiner Frauen im engsten Zusammenhang stehe; diese Erkenntnis hatte 1880 bewirkt, die den h\u00f6heren Knabenschulen gleichwertigen M\u00e4dchenlyzeen zur Seite zu stellen. In England war schon Anfang der siebziger Jahre das Universit\u00e4tsstudium der Frau Tatsache geworden.<\/h3>\n<p>Helene Lange, <i>Lebenserinnerungen<\/i>, F. A. Herbig G.m.b.H., Berlin, 1930, S.131<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie bef\u00fcrworteten, dass vor allem Frauen an den h\u00f6heren M\u00e4dchenschulen unterrichten sollten, auch deswegen, weil Sie in Hinsicht auf die Frau eine andere Meinung als die der Oberlehrer vertraten, die vorwiegend an diesen Schulen Unterricht erteilten. K\u00f6nnen Sie das verdeutlichen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helene Lange:<\/span> Was das Problem verdunkelte, waren die Jongleurk\u00fcnste, die mit dem Begriff \u201eweibliche Eigenart\u201d betrieben wurden. Gerade dieses Wort f\u00fchrten die M\u00e4dchenschulp\u00e4dagogen ja stets im Munde. Aber sie verstanden etwas ganz anderes darunter als wir. Es lag ihnen der Wunsch sehr fern, wirklich die starke, gestaltende, ihrer selbst sichere Sonderart der Frau sich neben der des Mannes entwickeln, die Frau Anspr\u00fcche erheben zu sehen. Ihnen war die sich anschmiegende, rein empfangende, schutzbed\u00fcrftige, lenksame, sich unterwerfende Frau der eigentliche Geschlechtstyp.<\/h3>\n<p><i>Lebenserinnerungen<\/i>, S.132<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Im November 1887 reichten Sie und Ihre Mitstreiterinnen beim Preussischen Kulturministerium und Abgeordnetenhaus eine Petition ein, die sogenannte <i>Gelbe Brosch\u00fcre<\/i>. Was waren die wesentlichen Punkte?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helene Lange:<\/span> Es wird sich darum handeln, den Lehrerinnen, die f\u00fcr ihre Aufgabe n\u00f6tige gr\u00fcndliche Bildung zu vermitteln. Am eingehendsten setzt sich die Schrift mit der Behauptung auseinander, dass gr\u00fcndliches Wissen unweiblich mache. Was lehrt in dieser Beziehung die Erfahrung? Sie lehrt zun\u00e4chst, dass bei gr\u00fcndlichem Studium sehr h\u00e4ufig die Eigenschaften verschwinden, die M\u00e4nner als spezifisch weibliche bezeichnen: die Kleinlichkeit, der Mangel an Logik, der enge geistige Horizont, die Unselbst\u00e4ndigkeit, die Unentschiedenheit des Urteils.<\/h3>\n<p><i>Lebenserinnerungen<\/i>, S.150<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie wurde die <i>Gelbe Brosch\u00fcre<\/i> in der Presse aufgenommen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helene Lange:<\/span> Das Urteil der Tagespresse war, mit wenigen Ausnahmen, zustimmend. Die Misst\u00e4nde wurden allgemein als solche empfunden und die Vorschl\u00e4ge zu ihrer Abstellung nicht abgelehnt, vielfach sogar direkt unterst\u00fctzt. In den Kreisen der M\u00e4dchenlehrer dagegen erhob sich weithin ein Sturm der Entr\u00fcstung, der sich in Zeitschriften und eigenen Brosch\u00fcren Luft machte.<\/h3>\n<p><i>Lebenserinnerungen<\/i>, S.153<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Einige Zeit sp\u00e4ter, die Sie in keinster Weise ungenutzt lie\u00dfen und in denen Sie sich weiter f\u00fcr die Bildung der M\u00e4dchen einsetzten, kam es 1890 zur Gr\u00fcndung des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins. K\u00f6nnen Sie etwas zu den Grundlagen seiner Satzung sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helene Lange:<\/span> Aus dem Beruf, den so manche aus Not ergriffen hatte, war der Dienst der Idee geworden. Wir empfanden damals zum ersten Mal als Zusammengeh\u00f6rige, als Schicht, was einzelne schon lange empfunden hatten. Wir lieben unseren Beruf, wir freuen uns seiner, wir f\u00fchlen, dass wir einem Stande angeh\u00f6ren und in ihm eine der wichtigsten Kulturaufgaben zu erf\u00fcllen haben.<\/h3>\n<p><i>Lebenserinnerungen<\/i>, S.191<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Bei seiner Gr\u00fcndung bestand der Verein aus f\u00fcnfundachtzig Lehrerinnen. K\u00f6nnen Sie noch etwas \u00fcber seine Weiterentwicklung sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Helene Lange:<\/span> Erst 1897, als wir schon \u00fcber 10.000 Mitglieder in etwa 60 Vereinen z\u00e4hlten, haben wir zum ersten Mal in der Gro\u00dfstadt Leipzig getagt, innerlich und \u00e4u\u00dferlich stark genug, um uns in unserer Eigenart zu behaupten. Es haben sich sp\u00e4ter selbstverst\u00e4ndlich auch auf dem Boden unseres Vereins die \u00fcblichen K\u00e4mpfe abgespielt, die gro\u00dfen Organisationen in ihrem Werdegang nie erspart bleiben und auch bei uns gelegentlich unerquicklichen Charakter annahmen. Aber immer wieder ist das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, das Gef\u00fchl des gemeinsamen Dienstes einer Idee \u00fcber Sondergel\u00fcste und Zwiesp\u00e4ltigkeit Herr geworden. Aus den 85 wurden \u00fcber 40.000. Auf dem Gebiet des Lehrerinnenwesens und der M\u00e4dchenschule ist nichts geschehen, worauf der Verein nicht bedeutsamen Einfluss gehabt h\u00e4tte.<\/h3>\n<p><i>Lebenserinnerungen<\/i>, S.193<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Frau Helene Lange, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-1654 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='1654' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-1654 lc'>+1<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-1654 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Frau Helene Lange, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. 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