{"id":1606,"date":"2016-12-04T14:54:07","date_gmt":"2016-12-04T13:54:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1606"},"modified":"2024-11-02T16:33:10","modified_gmt":"2024-11-02T15:33:10","slug":"interview-nietzscherahner-der-antichrist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1606","title":{"rendered":"Interview: Friedrich Nietzsche~Karl Rahner &#8211; Der Antichrist"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Stehlampe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Stehlampe.jpg\" alt=\"stehlampe\" width=\"800\" height=\"79\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1624\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Stehlampe.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Stehlampe-300x30.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Stehlampe-768x76.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag Herr Friedrich Nietzsche und Herr Karl Rahner. Ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind. Sie Herr Nietzsche, erheben starke Vorw\u00fcrfe gegen\u00fcber dem Christentum und haben das Buch <i>Der Antichrist<\/i> geschrieben. Was war hierbei Ihre Motivation?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Friedrich Nietzsche:<\/span> Man muss rechtschaffen sein in geistigen Dingen bis zur H\u00e4rte, um auch nur meinen Ernst, meine Leidenschaft auszuhalten. Man muss gleichg\u00fcltig geworden sein, man muss nie fragen, ob die Wahrheit n\u00fctzt, ob sie einem Verh\u00e4ngnis wird. Eine Vorliebe der St\u00e4rke f\u00fcr Fragen, zu denen niemand heute den Mut hat; der Mut zum Verbotenen. Die Ehrfurcht vor sich ; die Liebe zu sich; die unbedingte Freiheit gegen sich.<\/h3>\n<p>Friedrich Nietzsche, <i>Der Antichrist, Versuch einer Kritik des Christentum<\/i>, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1986, S.9<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was wollen Sie Herr Rahner als gl\u00e4ubiger Christ hierauf antworten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Es wird nach dem Wesentlichen im Glaubensinhalt und im Glaubensvollzug gefragt. Dabei wird vor allem darauf geachtet, den Glauben dem Menschen von heute so zu vermitteln, dass er ihn aufgrund seines Lebensgef\u00fchls weder als Ideologie noch als Mythos gerinsch\u00e4tzig abtun kann. Es wird immer am konkreten Lebensvollzug angesezt. Deshalb auch allem voran die skeptische Frage: Was ist der Mensch?<\/h3>\n<p>Karl Rahner, <i>Wagnis des Christen<\/i>, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1974, S.5<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und so frage ich Sie, was ist der Mensch?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Ich meine: der Mensch ist die Frage, auf die es keine Antwort gibt. Man muss angesichts der Unbegreiflichkeit, die eine Frage verwehrt, auf eine solche Antwort verzichten, sich also in diese Unbegreiflichkeit als in die wahre Erf\u00fcllung und Seligkeit fallen lassen. Dieses unverst\u00e4ndliche Wagnis, das alle Frage hinwegfegt nennt man gew\u00f6hnlich die Liebe zu Gott. Sie allein l\u00e4sst die Finsternis licht sein. Man denke sich unter Liebe nicht irgend etwas, was man davon von anderswoher zu verstehen meint, sondern nehme eben diese Beschreibung des Sichfallenlassens in das Unbegreifliche als die Definition der Liebe.<\/h3>\n<p><i>Wagnis des Christen<\/i>, S.23<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und so stelle ich die gleiche Frage an Sie Herr Nietzsche,  was ist der Mensch?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Friedrich Nietzsche:<\/span> Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder St\u00e4rkeren oder H\u00f6heren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der Fortschritt ist blo\u00df eine moderne Idee, das hei\u00dft eine falsche Idee. In einem andren Sinne gibt es ein fortw\u00e4hrendes Gelingen einzelner F\u00e4lle an den verschiedensten Stellen der Erde und aus den verschiedensten Kulturen heraus, mit denen in der Tat sich ein h\u00f6herer Typus darstellt; etwas, das im Verh\u00e4ltnis zur Gesamt-Menschheit eine Art \u00dcbermensch ist. Solche Gl\u00fccksf\u00e4lle des gro\u00dfen Gelingens waren immer m\u00f6glich und werden vielleicht immer m\u00f6glich sein. Und selbst ganze Geschlechter, St\u00e4mme, V\u00f6lker k\u00f6nnen unter Umst\u00e4nden einen solchen Treffer darstellen.<\/h3>\n<p><i>Der Antichrist<\/i>, S.13-14<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die Lehre des Christentums beurteilen Sie bei einer Entwicklung zu diesem h\u00f6heren Typus Mensch sehr negativ. K\u00f6nnen Sie das erkl\u00e4ren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Friedrich Nietzsche:<\/span> Das Christentum hat einen Todkrieg gegen diesen h\u00f6heren Typus Mensch gemacht, es hat alle Grundinstinkte dieses Typus in Bann getan, es hat aus diesen Instinkten das B\u00f6se, den B\u00f6sen herausdestilliert: &#8211; der starke Mensch als der typisch Verwerfliche. Das Christentum hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Missratnen genommen. Es hat die Vernunft selbst der geistig st\u00e4rksten Naturen verdorben, indem es die obersten Werte der Geistigkeit als s\u00fcndhaft lehrte.<\/h3>\n<p><i>Der Antichrist<\/i>, S.14<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Karl Rahner, was k\u00f6nnen Sie hierauf sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Gewiss: nichts zu sagen gegen mehr Gesundheit, Reichtum, Freizeit und \u00e4hnliche Ideale der heutigen Menschheit. Aber es bleiben: Schmerz, Alter, Krankheit, Entt\u00e4uschung in der Ehe, an den Kindern, im Beruf und schlie\u00dflich der Tod, dem keiner entgeht und der schon das Leben durchherrscht. Die Frage kann somit nur sein, wie man mit dieser Wirklichkeit des Leides und des Todes fertig wird. Zynismus und Stoizismus reichen nicht weit. <\/h3>\n<p><i>Wagnis des Christen<\/i>, S.112<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Aber gerade mit  dem christlichen Gott gehen Sie, Herr Nietzsche, sehr hart zu Gericht?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Friedrich Nietzsche:<\/span> Der christliche Gottesbegriff \u2013 Gott als Krankengott, Gott als Spinne, Gott als Geist \u2013 ist einer der korruptesten Gottesbegriffe, die auf Erden erreicht worden sind; er stellt vielleicht selbst den Pegel des Tiefstands in der absteigenden Entwicklung des G\u00f6tter-Typus dar. Gott zum Widerspruch des Lebens abgeartet, statt dessen Verkl\u00e4rung und ewiges Ja zu  sein! In Gott dem Leben, der Natur, dem Willen zum Leben die Feindschaft angesagt! Gott die Formel f\u00fcr jede Verleumdung des Diesseits, f\u00fcr jede L\u00fcge vom Jenseits! In Gott das Nichts verg\u00f6ttlicht, der Wille zum Nichts heilig gesprochen!<\/h3>\n<p><i>Der Antichrist<\/i>, S.33<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Rahner, was wollen Sie hierauf antworten und wie erleben Sie selbst Gott?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Ich wei\u00df, dass mit diesem Wort ungeheuerlicher Unfug getrieben wurde, weil mit diesem Namen Gr\u00e4ssliches und T\u00f6richtes genug gerechtfertigt wurde. Ich sage: Der letzte Grund meiner Hoffnung im Akt der bedingungslosen Annahme meiner Existenz als sinnvoll wird von mir Gott genannt. Er wird damit nicht die Projektion meiner Hoffnung ins Leere hinein. Denn einerseits wird im selben Augenblick, da ich Gott als meine Projektion denke, Gott f\u00fcr mich sinnlos und unwirksam im Leben; und andererseits kann ich den Grund meiner Hoffnung so wenig wie diese selbst aufgeben. Gott muss der Wirklichste und alles tragend Umfassende sein, damit er Grund und Ziel in einem f\u00fcr die Hoffnung sein k\u00f6nne, die in der vertrauenden Grundannahme des Daseins gesetzt wird. Dieser Gott ist aber in einem das unbegreifliche Geheimnis.<\/h3>\n<p><i>Wagnis des Christen<\/i>, S.29<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was k\u00f6nnen Sie Herr Nietzsche \u00fcber Jesus Christus sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Friedrich Nietzsche:<\/span> Das Wort schon Christentum ist ein Missverst\u00e4ndnis -, im Grunde gab es nur Einen Christen, und der starb am Kreuz. Das Evangelium <i>starb<\/i> am Kreuz. Was von diesem Augenblick an Evangelium hei\u00dft, war bereits der Gegensatz dessen, was er gelebt: eine <i>schlimme<\/i> Botschaft, ein <i>Dysangelium<\/i>. Es ist falsch bis zum Unsinn, wenn man in einem Glauben, etwa im Glauben an die Erl\u00f6sung durch Christus,  das Abzeichen des Christen sieht: blo\u00df die christliche <i>Praktik<\/i>, ein Leben so wie der, der am Kreuze starb, es <i>lebte<\/i>, ist christlich.<\/h3>\n<p><i>Der Antichrist<\/i>,  S.69<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und nun frage ich Sie Herr Rahner: wer ist Jesus Christus?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Der Christ ist in seinem Glauben davon \u00fcberzeugt, dass diese Frage, die das Geheimnis stellt und uns damit selber in Frage stellt, letztlich und gewiss und geschichtlich greifbar nur beantwortet werden kann durch den einen Menschen, von dem wir getrost glauben k\u00f6nnen, dass er in seinem Leben und Sterben des Menschen eine Frage und Gottes Antwort darauf in einem ist, durch Jesus von Nazaret. Wir glauben an Jesus, den Christus, das hei\u00dft an die in seinem Leben glaubw\u00fcrdig ergangene Selbstzusage Gottes in Vergebung und ewigem Leben.<\/h3>\n<p><i>Wagnis des Christen<\/i>, S.45-47<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was k\u00f6nnen Sie, Herr Friedrich Nietzsche, in Hinsicht auf die christliche Hoffnung sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Friedrich Nietzsche:<\/span> Die Begriffe Jenseits, J\u00fcngstes Gericht, Unsterblichkeit der Seele, die Seele selbst: es sind Folter-Instrumente, es sind Systeme von Grausamkeiten, verm\u00f6ge deren der Priester Herr wurde, Herr blieb.<\/h3>\n<p><i>Der Antichrist<\/i>,  S.68<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Karl Rahner, was m\u00f6chten Sie hierauf antworten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Karl Rahner:<\/span> Niemand zwingt uns zu dieser glaubenden Annahme der Antwort Gottes, die Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene ist. Aber niemand kann uns auch davon \u00fcberzeugen, dass es eine andere, bessere und umfassendere Antwort auf die Frage gibt, die unausweichlich und unerbittlich von unserem Leben selbst gestellt wird, auch dann noch, wenn wir versuchen, diese Frage zu \u00fcberh\u00f6ren. Diese Antwort beantwortet uns nicht die tausend Fragen einzelner Art, die uns unser Leben stellt. Wir haben aber den Mut glaubender Hoffnung, mit Jesu Tod in den Abgrund Gottes zu fallen als in unsere eigene Endg\u00fcltigkit, Heimat und unser ewiges Leben.<\/h3>\n<p><i>Wagnis des Christen<\/i>, S.47<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen beiden f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-1606 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='1606' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-1606 lc'>+2<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-1606 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag Herr Friedrich Nietzsche und Herr Karl Rahner. 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