{"id":1581,"date":"2016-10-31T13:38:41","date_gmt":"2016-10-31T12:38:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1581"},"modified":"2024-11-02T16:35:42","modified_gmt":"2024-11-02T15:35:42","slug":"interview-flaubert-madame-bovary","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1581","title":{"rendered":"Interview: Gustave Flaubert &#8211; Madame Bovary &#8211; Der Prozess"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Flaubert-Bovary.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Flaubert-Bovary.jpg\" alt=\"flaubert-bovary\" width=\"800\" height=\"100\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1631\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Flaubert-Bovary.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Flaubert-Bovary-300x38.jpg 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Flaubert-Bovary-768x96.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h1>Madame Bovary<\/h1>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Gustave Flaubert, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, das wir Ihrem Roman Madame Bovary  widmen wollen. Der Landarzt Charles Bovary heiratet ein M\u00e4dchen namens Emma, das bei den Ursulinen erzogen worden war. Wie ist ihm zumute?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Was hatte er bisher schon Gutes gehabt im Leben? Seine Zeit im Coll\u00e8ge, wo er eingeschlossen war zwischen den hohen Mauern, allein unter seinen Kameraden, die reicher oder im Unterricht besser waren als er, die ihn wegen seiner Aussprache verlachten, die \u00fcber seine Kleider spotteten?  Oder sp\u00e4ter, als er Medizin studierte und nie genug Geld im Beutel hatte, um irgendeine kleine Arbeiterin zum Kontertanz einzuladen, die seine Liebste geworden w\u00e4re? Danach hatte er vierzehn Monate mit der Witwe gelebt, deren F\u00fc\u00dfe im Bett kalt waren wie Eis. Doch jetzt besa\u00df er f\u00fcrs ganze Leben diese h\u00fcbsche Frau, die er anbetete.<\/h3>\n<p>Gustave Flaubert, <i>Madame Bovary<\/i>, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen, 2014, S.50   <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Und wie empfindet  Emma kurze Zeit nach der Heirat ihre Ehe?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> W\u00e4hrend im gemeinsamen Leben die Vertrautheit enger wurde, kam es zu einer inneren Losl\u00f6sung, die sie von ihm trennte. Musste ein Mann denn nicht alles wissen, in mannigfaltigsten Dingen brillieren, einen vertraut machen mit den Wirkungskr\u00e4ften der Leidenschaft, mit den Feinheiten des Lebens, mit jedem Geheimnis? Der da hingegen lehrte einen nichts, konnte nichts, wollte nichts. Er hielt sie f\u00fcr gl\u00fccklich; und sie z\u00fcrnte ihm wegen dieser soliden Ruhe, dieser heiteren Schwerf\u00e4lligkeit, ja sogar wegen des Gl\u00fccks, das sie ihm schenkte.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.60<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Madame Bovary sehnt sich nach einem bewegten Leben und fl\u00fcchtet in eine Scheinwelt, indem sie Zeitschriften abonniert und sich ins Lesen von Romanen st\u00fcrzt. Schlie\u00dflich ist ihr Mann bereit, nach Yonville, einen kleinen Ort in der N\u00e4he von Rouen zu ziehen. Sie bekommen ein Kind, ein M\u00e4dchen, das den Namen Berthes erh\u00e4lt, aber dieser Umstand \u00e4ndert nichts an ihrem Leben, das sie nicht erf\u00fcllt. Bei dem Notar von Yonville arbeitet ein junger Kanzlist, L\u00e9on Dupuis, der sich ebenfalls langweilt, und was ist daher nicht verwunderlich?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Sie war verliebt in L\u00e9on und suchte die Einsamkeit, um sich gen\u00fcsslicher an seinem Bild zu weiden. Der Anblick seiner Gestalt st\u00f6rte die Lust an dieser Gr\u00fcbelei. Emma erbebte beim Ger\u00e4usch seiner Schritte, stand er ihr dann gegen\u00fcber, verflog die Erregung, zur\u00fcck blieb nur grenzenlose Verwunderung und am Ende Traurigkeit. L\u00e9on wusste nicht, wenn er verzweifelt von ihr fortging, dass sie hinter ihm aufstand, um ihn auf der Stra\u00dfe zu sehen.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.146<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> L\u00e9on fasst als  einzigen Ausweg den Entschluss, nach Paris zu gehen. Wie wirkt sich seine Abwesenheit auf Madame Bovary aus?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Von nun an wurde der Gedanke an L\u00e9on zum Mittelpunkt  ihrer Langeweile. Doch mit der  Zeit loderten die Flammen weniger hoch. Sie hatte Stimmungen. H\u00e4ufig \u00e4nderte sie ihre Frisur. Sie wollte Italienisch lernen: sie kaufte W\u00f6rterb\u00fccher, eine Grammatik, einen Vorrat von wei\u00dfem Papier. Sie versuchte sich an ernster Lekt\u00fcre, Geschichte und Philosophie. Sie war gleichm\u00e4\u00dfig blass, wei\u00df wie ein Leintuch. Oft hatte sie Schw\u00e4cheanf\u00e4lle. Eines Tages spuckte sie sogar Blut.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.168-169<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Bei einer Landwirtschaftsausstellung lernt Madame Bovary den Lebemann Rodolphe Boulanger kennen. Was k\u00f6nnen Sie \u00fcber diesen Herrn sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Monsieur  Rodolphe Boulanger war vierunddrei\u00dfig; er hatte einen rohen Charakter und einen scharfen Verstand, pflegte regen Umgang mit Frauen und war darin \u00e4u\u00dferst versiert.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.175<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Rodolphe Boulanger macht Emma ein Liebesgest\u00e4ndnis und sie h\u00f6rt Worte, die sie bisher nur in B\u00fcchern gelesen hatte. Bald darauf reiten sie gemeinsam aus, was empfindet Madame Bovary nach ihrer R\u00fcckkehr?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Es war zun\u00e4chst wie ein Taumel; sie konnte die B\u00e4ume sehen, die Wege, die Gr\u00e4ben, Rodolphe, und sie sp\u00fcrte noch seine Umarmungen. Doch als sie ihr Gesicht im Spiegel erblickte, war sie \u00fcberrascht. Nie zuvor waren  ihre Augen so gro\u00df gewesen, so schwarz, so tiefgr\u00fcndig. Etwas Hauchzartes auf ihrer ganzen Gestalt hatte sie verwandelt. Immer wieder sagte sie: \u201eIch hab einen Geliebten!\u201d<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.215<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie ist es nach sechs Monaten um Emmas Liebesbeziehung bestellt?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Sie wusste nicht, ob es sie reute, dass sie ihm nachgegeben hatte, oder ganz im Gegenteil, ob sie nicht w\u00fcnschte, ihn noch inniger zu lieben. Das dem\u00fctigende Gef\u00fchl der eigenen Schw\u00e4che wurde zu Groll, den nur die Lust milderte. Es war nicht Anh\u00e4nglichkeit, es war wie eine st\u00e4ndige Verf\u00fchrung. Es beherrschte sie. Fast machte ihr das Angst. Nach au\u00dfen jedoch war alles friedlicher denn je, Rodolphe war es gelungen, den Ehebruch nach seinen Vorstellungen zu lenken; und sechs Monate sp\u00e4ter standen sie zueinander wie zwei Eheleute, die in aller Ruhe ihre h\u00e4usliche Flamme n\u00e4hren.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.226<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Madame Bovary m\u00f6chte schlie\u00dflich nur noch mit Rodolphe zusammenleben, der P\u00e4sse besorgen soll, damit sie zusammen entfliehen k\u00f6nnen. Wie entscheidet sich Rodlphe nach einigem Hin und Her?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> \u201eWas bin ich f\u00fcr ein Esel!\u201d sagte er und fluchte gotterb\u00e4rmlich. \u201eEinerlei, sie war eine h\u00fcbsche Geliebte!\u201d Und sogleich stand Emmas Sch\u00f6nheit, samt all den Vergn\u00fcgungen dieser Liebe, wieder vor seinen Augen. Zun\u00e4chst sp\u00fcrte er R\u00fchrung, dann emp\u00f6rte er sich gegen sie. \u201eWas soll das\u201d, rief er gestikulierend, \u201e ich kann doch nicht die Heimat verlassen, mir ein Kind aufhalsen.\u201d Er sagte derlei Dinge, um sich zu best\u00e4rken. \u201eUnd au\u00dferdem, die Schwierigkeiten, der Aufwand&#8230;Oh! nein, nein, tausendmal nein! das alles w\u00e4re mehr als dumm!\u201d<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.262<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Rodolphe schreibt Emma einen Abschiedsbrief, der sie in gro\u00dfe seelische und k\u00f6rperliche Verzweiflung st\u00fcrzt. Sie genest nur schwer, und so schl\u00e4gt Ihr Mann ihr einen Theaterbesuch in Rouen vor. W\u00e4hrend der Auff\u00fchrung begegnen sie dem Kanzlisten L\u00e9on Dupuis, der bald darauf mit Madame Bovary eine bewegte Liebesbeziehung eingeht. Wie endet diese?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Sie kannten einander zu gut und vermochten nicht l\u00e4nger jenes Staunen zu empfinden, das die Lust des Besitzens verhundertfacht. Sie war seiner so \u00fcberdr\u00fcssig wie er ihrer m\u00fcde. Emma fand im Ehebruch von neuem alle Schalheit der Ehe. Sie gab L\u00e9on die Schuld an ihren entt\u00e4uschten Hoffnungen, als habe er sie verraten; und sie sehnte sogar eine Katastrophe herbei, die ihre Trennung erzwang, denn ihr fehlte der Mut zu jedem Entschluss.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.377<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die Katastrophe trifft ein, denn Madame Bovary gibt verschwenderisch Geld aus, unterschreibt Wechsel, die sie nicht bezahlen kann. Es kommt zur Pf\u00e4ndung und dennoch kann sie die gemachten Schulden nicht zur\u00fcckzahlen. Emma sieht keinen Ausweg mehr, als den Selbstmord. Wie verh\u00e4lt sich Charles nach ihrem Tod?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Charles kniete auf der anderen Seite, die Arme ausgestreckt nach Emma. Er hatte ihre H\u00e4nde genommen, und er dr\u00fcckte sie, bei jedem Schlag ihres Herzens zusammenzuckend, wie unter der Ersch\u00fctterung einer einst\u00fcrzenden Ruine. Je lauter das R\u00f6cheln wurde, desto schneller sprach der Geistliche sein Gebet; es mischte sich unter die erstickten Schluchzer Bovarys.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.420<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Charles Bovary findet eines Tags die Liebesbriefe, die L\u00e9on und Rodolphe an seine Frau geschrieben haben. Es kommt zuf\u00e4llig zu einem Wiedersehen zwischen ihm und Rodolphe, der ihn auf ein Glas Bier ins Wirtshaus einl\u00e4dt. Wie verl\u00e4uft das Gespr\u00e4ch?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Charles, den Kopf in beide H\u00e4nde gelegt, erkl\u00e4rte mit tonloser Stimme und der Gefasstheit unendlichen Schmerzes: \u201eNein, ich nehm es Ihnen nicht mehr \u00fcbel!\u201d Er f\u00fcgte sogar ein gro\u00dfes Wort hinzu, das einzige, das er jemals gesagt hat: \u201eSchuld ist das Schicksal!\u201d Rodolphe, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand ihn ganz sch\u00f6n gutm\u00fctig f\u00fcr einen Mann in seiner Lage, ja sogar lachhaft und ein bisschen verachtenswert.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.449-450<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Am Tag darauf stirbt Charles Bovary. Was k\u00f6nnen Sie \u00fcber seinen Tod sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span> Am n\u00e4chsten Tag ging Charles hinaus und setzte sich auf eine Bank in der Laube. Lichtflecken fielen durch das Gitterwerk: die Weinbl\u00e4tter zeichneten ihre Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete, der Himmel war blau, Kanthariden schwirrten um die bl\u00fchenden Lilien, und Charles rang nach Luft wie ein junger Bursche unter dem dunklen Liebesandrang, der sein trauriges Herz schwellte. Um sieben erschien die kleine Berthe. Er hatte den Kopf nach hinten geneigt, gegen die Mauer, die Augen geschlossen, den Mund offen, und hielt in den H\u00e4nden eine lange Str\u00e4hne von schwarzem Haar.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.450<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Gustave Flaubert, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch<\/h3>\n<hr>\n<h1>Der Prozess<\/h1>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Gustave Flaubert, ich hei\u00dfe Sie herzlich willkommen. Wir werden in diesem Gespr\u00e4ch \u00fcber den Prozess sprechen, der Ihnen im Jahr 1857 gemacht wurde. Die Anklage lautete, dass Ihr Werk <i>Madame Bovary<\/i> gegen die \u00f6ffentliche Moral und Religion verst\u00f6\u00dfe. Der kaiserliche Staatsanwalt, Herr Ernest Pinard, griff Stellen aus Ihrem Roman heraus, mit denen er seine Anklage untermauerte. So zitierte er die von Emma Bovary gesprochenen Worte, die ihre immense Freude ausdr\u00fccken, nachdem Rodolphe Boulanger ihr nach einem gemeinsamen Ausritt zu Pferde seine Liebe gestanden hat. Ich zitiere die Zeilen, die der Staatsanwalt Ihrem Roman entnahm: <i>\u201eImmer wieder sagte sie: \u201eIch hab einen Geliebten! einen Geliebten!\u201d und sie berauschte sich an dieser Vorstellung, als w\u00e4re ihr eine zweite M\u00e4dchenbl\u00fcte zuteil geworden. Sie w\u00fcrde nun endlich die Freuden der Liebe erfahren, jenes fiebrige Gl\u00fcck, das sie schon verloren geglaubt hatte. Sie stand vor etwas Wunderbarem, und alles verhie\u00df Leidenschaft, Ekstase, Verz\u00fcckung&#8230;\u201d<\/i> Von dieser ersten Schuld an, von diesem ersten Fehltritt an verherrlicht sie den Ehebruch, singt sie das Hohelied des Ehebruchs, seine Poesie, seine L\u00fcste. Das, meine Herren, ist f\u00fcr mich viel gef\u00e4hrlicher, viel unmoralischer als der Fehltritt selbst!\u201d<\/h3>\n<p>Gustave Flaubert, <i>Madame Bovary<\/i>, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen, 2014, S.468<\/p>\n<h3>Herr Gustave Flaubert, was antwortete Ihr Verteidiger, Herr Antoine S\u00e9nard, in seinem Pl\u00e4doyer auf diesen Punkt der Anklage?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span>  Hier sto\u00dfe ich auf die Entr\u00fcstung des Herrn Staatsanwalts. Er ist emp\u00f6rt, weil die Reue nicht sogleich nach dem Fehltritt kommt, weil sie, anstatt Bitterkeit dar\u00fcber auszudr\u00fccken, sich zufrieden sagt: \u201eIch hab einen Geliebten.\u201d Aber der Autor w\u00e4re nicht in der Wahrhaftigkeit, w\u00fcrde er in dem Augenblick, wo der Kelch noch die Lippen ber\u00fchrt, die ganze Bitterkeit des ber\u00fcckenden Tranks sp\u00fcren lassen. Wer schriebe, wie es dem Herrn Staatsanwalt vorschwebt, der k\u00f6nnte moralisch sein, aber er w\u00fcrde etwas sagen, das nicht in der Natur ist. Nein, nicht im Augenblick der ersten Schuld r\u00fchrt sich das Gef\u00fchl von der Schuld; dann w\u00fcrde sie nicht begangen. Nein, nicht im Augenblick, da sie in der berauschenden Illusion gefangen ist, kann die Frau durch eben diesen Rausch vor der ungeheuren Schuld gewarnt werden, die sie begangen hat. Sie nimmt nur die Trunkenheit mit nach Hause.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, ibid., S.526<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Kommen wir auf ein weiteres Argument des Herrn Staatsanwalts zu sprechen, das sich auf den von Ihnen gebrauchten Ausdruck Schalheit der Ehe bezieht. Ich zitiere den Herrn Staatsanwalt:  <i>Schalheit der Ehe, Poesie des Ehebruchs! Mal ist es die Besudelung durch die Ehe, mal ist es ihre Schalheit, doch immer ist es die Poesie des Ehebruchs. Das, meine Herren, sind die Situationen, die Monsieur Flaubert zu malen liebt, und leider malt er sie nur allzugut.<\/i><\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, S.476<\/p>\n<h3>Was antwortete Ihr Verteidiger hierauf?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span>  Schalheit der Ehe! Derjenige, der das ausgeschnitten hat, hat gesagt: \u201eWie bitte, da ist ein Herr, der sagt, in der Ehe gibt es nur Schalheit! Das ist ein Angriff auf die Ehe, das ist ein Versto\u00df gegen die Moral!\u201d Geben Sie zu Herr Staatsanwalt, dass man mit kunstvoll hergestellten Ausschnitten in puncto Anschuldigung weit gehen kann. Was hat der Autor als Schalheit der Ehe bezeichnet? Die Monotonie, vor der Emma sich gef\u00fcrchtet hatte, vor der sie fliehen wollte und die sie im Ehebruch st\u00e4ndig von neuem fand, was ja gerade die Entt\u00e4uschung war. Sie sehen also, wenn man, anstatt Satzteile und W\u00f6rter auszuschneiden, liest, was vorangeht und was folgt, bleibt von der Anschuldigung nichts \u00fcbrig; und Sie verstehen wohl, dass mein Mandant, der seine Gedanken kennt, ein wenig emp\u00f6rt sein muss, wenn er sie auf diese Weise entstellt sieht.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, ibid., S.537<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Flaubert, Sie wurden von dem Gericht von der gegen Sie erhobenen Anklage frei gesprochen und konnten daraufhin Ihren Roman ver\u00f6ffentlichen. Um Ihrem Verteidiger zu danken, lie\u00dfen Sie ihm zu Beginn Ihres Romans h\u00f6chstes Lob zuteil werden. K\u00f6nnen Sie Ihre Worte zitieren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Gustave Flaubert:<\/span>  F\u00fcr Marie-Antoine-Jules S\u00e9nard. Mitglied der Anwaltskammer zu Paris, ehemaliger Pr\u00e4sident der Nationalversammlung und vormaliger Innenminister.<br \/>\nTeurer und erlauchter Freund, gestatten Sie mir, Ihren Namen an den Anfang dieses Buches und sogar noch vor die Widmung zu stellen; denn Ihnen im besonderen verdanke ich seine Ver\u00f6ffentlichung. Durch Ihr grandioses Pl\u00e4doyer hat mein Werk f\u00fcr mich selbst so etwas wie eine unerhoffte Autorit\u00e4t erlangt. Nehmen Sie darum hier den Ausdruck meiner Dankbarkeit entgegen, die, so gro\u00df sie auch sein mag, Ihrer Eloquenz und Ihrer Hingabe niemals gerecht wird.<\/h3>\n<p><i>Madame Bovary<\/i>, ibid., zu Beginn des Romans <\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Gustave Flaubert, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-1581 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='1581' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-1581 lc'>+1<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-1581 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Madame Bovary Orelie: Guten Tag, Herr Gustave Flaubert, ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, das wir Ihrem Roman Madame Bovary widmen wollen. 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