{"id":13,"date":"2020-07-22T14:04:13","date_gmt":"2020-07-22T13:04:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=13"},"modified":"2024-11-02T19:08:48","modified_gmt":"2024-11-02T18:08:48","slug":"interview-camus-die-pest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=13","title":{"rendered":"Interview: Albert Camus &#8211; Die Pest"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/DiePest1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-24 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/DiePest1.jpg\" alt=\"DiePest\" width=\"800\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/DiePest1.jpg 800w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/DiePest1-300x37.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Albert Camus, Ihr Roman <i>Die Pest<\/i>, der 1947 ver\u00f6ffentlicht wurde, ist gleichzeitig eine\u00a0 Chronik der Kriegszeit, denn die von Ihnen gew\u00e4hlte Stadt Oran steht stellvertretend f\u00fcr das von Nazideutschland besetzte Frankreich. Was wollen Sie mit Ihrem Roman ausdr\u00fccken?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Ich will mit der Pest das Ersticken ausdr\u00fccken, an dem wir alle gelitten haben, und die Atmosph\u00e4re der Bedrohung und des Verbanntseins, in der wir gelebt haben. Ich will zugleich diese Deutung auf das Dasein \u00fcberhaupt ausdehnen. Die Pest wird das Bild jener Menschen wiedergeben, denen in diesem Krieg das Nachdenken zufiel, das Schweigen &#8211; und auch das seelische Leiden.<\/h3>\n<p><em>Tageb\u00fccher 1935 &#8211; 1951,<\/em> Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 1997, S.252<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie selber wurden wegen Ihrer Tuberkulose nicht zum Kriegsdienst zugelassen.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Und wenn man mich nicht haben will, muss ich mich auch mit der Stellung des verschm\u00e4hten Zivilisten abfinden. In beiden F\u00e4llen kann mein Urteil unbedingt und mein Ekel r\u00fcckhaltlos bleiben. In beiden F\u00e4llen stehe ich mitten im Krieg und habe das Recht, \u00fcber ihn zu urteilen. \u00dcber ihn zu urteilen und zu handeln.<\/h3>\n<p><i>Tageb\u00fccher 1935 &#8211; 1951<\/i>, S.136<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Sie schlossen sich der R\u00e9sistance an, und die Erfahrungen, die Sie in dieser machten, flossen auch in Ihren Roman ein. Der Arzt Rieux, mit dem Sie sich sehr stark identifizieren, entschlie\u00dft sich, das Erlebte aufzuschreiben. Warum wurde es ihm zur Notwendigkeit, von diesen Ereignissen zu berichten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Damals, inmitten der Schreie, die umso lauter und anhaltender wurden und lange am Fu\u00df der Terrasse widerhallten, je mehr bunte Garben sich in den Himmel erhoben, beschloss Doktor Rieux, den hier endenden Bericht zu schreiben, um nicht zu denen zu geh\u00f6ren, die schweigen, und um f\u00fcr diese Pestkranken Zeugnis abzulegen, damit wenigstens eine Erinnerung an die Ungerechtigkeit und Gewalt blieb, die ihnen angetan worden war, und um einfach zu sagen, was man in Plagen lernt, n\u00e4mlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.<\/h3>\n<p><i>Die Pest<\/i>, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2009, S.350<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was erfuhren die Menschen an Leid?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Als die Tore auf einmal geschlossen waren, merkten sie, dass sie alle, auch der Erz\u00e4hler, in derselben Falle sa\u00dfen und sich damit abfinden mussten. So wurde zum Beispiel ein so individuelles Gef\u00fchl, wie das Getrenntsein von einem geliebten Menschen, schon in den ersten Wochen pl\u00f6tzlich von einem ganzen Volk empfunden und war zusammen mit der Angst das schlimmste Leid dieser langen Zeit des Exils.<\/h3>\n<p><i>Die Pest<\/i>, S.77<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die eindringlich beschriebene Grausamkeit der Pest verweist unweigerlich auf den Krieg.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Jeden Abend heulten M\u00fctter, mit abstraktem Ausdruck, angesichts von Unterleibern, die sich mit all ihren Todesmalen darboten, jeden Abend klammerten sich Arme an Rieux&rsquo; Arme, \u00fcberst\u00fcrzten sich sinnlose Worte, Versprechungen und Tr\u00e4nen, jeden Abend l\u00f6sten bimmelnde Krankenwagen Krisen aus, die so vergeblich waren wie aller Schmerz.<\/h3>\n<p><i>Die Pest<\/i>, S.104<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die metaphysische Ebene Ihres Romans kommt in den Gespr\u00e4chen zwischen Rieux und dem Jesuitenpater Paneloux zum Ausdruck. Was sagt der Pater in seiner ersten Predigt \u00fcber die Pest?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Jawohl, die Stunde des Nachdenkens ist gekommen. Ihr habt geglaubt, es gen\u00fcge, wenn ihr Gott am Sonntag besucht, um Herr eurer Tage zu sein. Ihr habt geglaubt, ihr k\u00f6nntet mit ein paar Knief\u00e4llen eure verbrecherische Sorglosigkeit bei ihm wiedergutmachen. Aber Gott ist nicht lau. Diese lose Beziehung gen\u00fcgte seiner verzehrenden Zuneigung nicht. Er wollte euch l\u00e4nger sehen, das ist seine Art, euch zu lieben, und offen gesagt ist es die einzige Art zu lieben. Des Wartens auf euer Kommen m\u00fcde, hat er deshalb die Gei\u03b2el euch heimsuchen lassen, wie sie alle St\u00e4dte der S\u00fcnde heimgesucht hat, seit die Menschen eine Geschichte haben.<\/h3>\n<p><i>Die Pest<\/i>, S.112<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Rieux wird von seinem Freund Tarrou gefragt, ob es f\u00fcr ihn irgendeinen Vorzug gebe, Menschen auf eine solche Weise die Augen \u00f6ffnen zu wollen. Wie lautet Rieux&rsquo; Antwort?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Was f\u00fcr die \u00dcbel dieser Welt gilt, gilt auch f\u00fcr die Pest. Das kann einigen dazu verhelfen, zu wachsen. Wenn man jedoch das Elend und den Schmerz sieht, den die Pest bringt, muss man verr\u00fcckt, blind oder feige sein, um sich mit ihr abzufinden.<\/h3>\n<p><i>Die Pest<\/i>, S.144<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Auch Pater Paneloux sucht in seiner zweiten Predigt nicht mehr nach einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Leid.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Rieux verstand vage, dass es dem Pater zufolge nichts zu erkl\u00e4ren gab. Sein Interesse wurde konzentrierter, als Paneloux nachdr\u00fccklich sagte, es gebe Dinge, die man im Angesicht Gottes erkl\u00e4ren k\u00f6nne, und andere, die man nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nne.<\/h3>\n<p><i>Die Pest<\/i>, S.253<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Rieux&rsquo; Freund Tarrou wohnte mit siebzehn Jahren einer Gerichtsverhandlung bei, zu der ihn sein Vater, der\u00a0 Oberstaatsanwalt war, mitnahm. Sein Vater forderte den Tod des Angeklagten, aber f\u00fcr Tarrou war es das Ersuchen, einen Menschen zu ermorden. Von da an wurde er ein Pazifist, der jeden Grund ablehnt, einen Menschen zum Tode zu verurteilen. Was sagt er hinsichtlich seiner Entscheidung zu Rieux?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Ja, Rieux, es ist sehr anstrengend, verpestet zu sein. Aber es ist noch anstrengender, es nicht sein zu wollen. Deswegen sind alle m\u00fcde, weil heute alle ein wenig verpestet sind. Aber deswegen empfinden einige, die aufh\u00f6ren wollen, es zu sein, eine v\u00f6llige \u00dcberm\u00fcdung, von der sie nichts mehr befreien wird als der Tod. Ich wei\u00df, dass ich bis dahin f\u00fcr diese Welt nichts mehr wert bin und dass ich mich von dem Augenblick an, als ich dem T\u00f6ten entsagt habe, zu einem endg\u00fcltigen Exil verurteilt habe. Die Geschichte wird von den anderen gemacht werden. Ich wei\u00df auch, dass ich \u00fcber diese anderen wahrscheinlich nicht urteilen kann. Mir fehlt eine Eigenschaft, um einen anst\u00e4ndigen M\u00f6rder abzugeben. Es ist also keine \u00dcberlegenheit.<\/h3>\n<p><i>Die Pest<\/i>, S.288<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> K\u00f6nnen Sie den tiefgr\u00fcndigen Gedankenaustausch zwischen Rieux und Tarrou weiterf\u00fchren, bei dem auch ihre gemeinsame Freundschaft zum Ausdruck kommt?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Tarrou murmelte, es sei nie vorbei und es werde noch mehr Opfer geben, weil es unvermeidlich sei. \u201eVielleicht\u201d, antwortete der Arzt, \u201eaber wissen Sie, ich empfinde mehr Solidarit\u00e4t mit den Besiegten als mit den Heiligen. Ich glaube, ich habe keinen Sinn f\u00fcr Heldentum und Heiligkeit. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.\u201d \u201eJa, wir suchen das Gleiche, aber ich bin weniger ehrgeizig.\u201d Rieux glaubte, Tarrou w\u00fcrde scherzen, und sah ihn an. Aber in dem verschwommenen Lichtschein, der vom Himmel kam, sah er ein trauriges, ernstes Gesicht. Der Wind erhob sich wieder, und Rieux f\u00fchlte ihn lau auf seiner Haut. Tarrou sch\u00fcttelte sich.\u201eWissen Sie, was wir f\u00fcr die Freundschaft tun sollten?\u201d, sagte er.\u00a0 \u201eWas Sie wollen\u201d, sagte Rieux. \u201eIm Meer baden. Das ist sogar f\u00fcr einen k\u00fcnftigen Heiligen ein w\u00fcrdiges Vergn\u00fcgen.\u201d Rieux l\u00e4chelte.<\/h3>\n<p><i>Die Pest<\/i>, S.290-291<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Am Ende Ihres Romans macht Rieux und somit Sie noch einmal deutlich, warum diese Ereignisse aufgeschrieben werden mussten.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Albert Camus:<\/span> Aber er wusste dennoch, dass diese Chronik nicht die des endg\u00fcltigen Sieges sein konnte. Sie konnte nur das Zeugnis dessen sein, was vollbracht werden musste und was ohne Zweifel noch alle Menschen vollbringen m\u00fcssen, die trotz ihrer inneren Zerrissenheit gegen den Schrecken und seine unerm\u00fcdliche Waffe ank\u00e4mpfen, die zwar keine Heiligen sein k\u00f6nnen und die Plagen nicht zulassen wollen, sich aber bem\u00fchen, \u00c4rzte zu sein. W\u00e4hrend Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt aufstiegen, erinnerte er sich n\u00e4mlich daran, dass diese Freude immer bedroht war. Denn er wusste, was dieser Menge im Freudentaumel unbekannt war und was man in B\u00fcchern lesen kann, dass n\u00e4mlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet.<\/h3>\n<p><i>Die Pest<\/i>, S.350<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Albert Camus, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-13 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='13' data-nonce='90f8fe4187' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-13 lc'>+121<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-13 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Albert Camus, Ihr Roman Die Pest, der 1947 ver\u00f6ffentlicht wurde, ist gleichzeitig eine\u00a0 Chronik der Kriegszeit, denn die von Ihnen gew\u00e4hlte Stadt Oran steht stellvertretend f\u00fcr das von Nazideutschland besetzte Frankreich. 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