{"id":1098,"date":"2015-05-14T11:01:19","date_gmt":"2015-05-14T10:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1098"},"modified":"2024-11-03T11:04:26","modified_gmt":"2024-11-03T10:04:26","slug":"interview-williams-oma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1098","title":{"rendered":"Interview: Tennessee Williams &#8211; Mitteilungen \u00fcber seine Oma"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Oma-Tennessee.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Oma-Tennessee.png\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"120\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2181\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Oma-Tennessee.png 960w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Oma-Tennessee-300x38.png 300w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Oma-Tennessee-768x96.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Tennessee Williams. Ich freue mich sehr, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind, in dem Ihre Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits, der Sie viel Liebe und auch Dankbarkeit entgegenbrachten, im Mittelpunkt stehen soll. Mit welcher Erfahrung m\u00f6chten Sie beginnen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Meine ersten acht Lebensjahre in Mississippi waren die unschuldig-fr\u00f6hlichste, von keinerlei Anfechtungen belastete Zeit meines Lebens, dank des \u00e4u\u00dferst harmonischen Familienlebens meiner geliebten Gro\u00dfeltern Dakin, bei denen wir wohnten. <\/h3>\n<p>Tennessee Williams, <i>Memoiren<\/i>, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, September 1979, S.24<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ihre Gro\u00dfmutter hat Ihnen in Ihrem Leben immer wieder geholfen. K\u00f6nnen Sie davon berichten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Als ich im Fr\u00fchherbst 1929 bereits im Begriff stand, zum College aufzubrechen, war pl\u00f6tzlich kein Geld f\u00fcr die Studiengeb\u00fchren vorhanden; wenn Grand nicht gewesen w\u00e4re, die mir buchst\u00e4blich im letzten Augenblick mit tausend Dollar aushalf, h\u00e4tte ich aufs Studium verzichten m\u00fcssen. Das war nur eine von vielen Gelegenheiten in meinem Leben, bei denen Grand und Gro\u00dfvater Dakin Ruhe und Ordnung in mein f\u00fcr gew\u00f6hnlich chaotisches Dasein brachten oder es ihnen zu verdanken war, wenn es mir gelang, irgend etwas zustande zu bringen &#8211; teils wegen der zufriedenen Atmosph\u00e4re, die sie um sich verbreiteten, teils wegen ihrer fast magischen Kr\u00e4fte, trotz beschr\u00e4nkter Mittel anderen finanziell unter die Arme zu greifen.<\/h3>\n<p><i>Memoiren<\/i>, S.40<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ihr Gro\u00dfvater war Lehrer, bevor er diesen Beruf aufgab und Pfarrer wurde. Wie stand Ihre Gro\u00dfmutter zu seinem Entschluss und \u00e4nderte sich daraufhin etwas in ihrem Leben?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Als sie meinen Gro\u00dfvater heiratete, hatte sie nicht damit gerechnet, dass er eines Tages das geistliche Amt w\u00e4hlen w\u00fcrde. Er war Lehrer mit Leib und Seele, und bald nach ihrer Hochzeit wurde er Leiter einer privaten M\u00e4dchenschule in Ost-Tennessee, an der meine Gro\u00dfmutter Musik unterrichtete. Einmal hatte sie nicht weniger als f\u00fcnfzig Violin- und Klaviersch\u00fcler zugleich. Ihrer beider Einkommen machte sie f\u00fcr damalige Begriffe ziemlich wohlhabend. Doch pl\u00f6tzlich er\u00f6ffnete er ihr, er habe sich entschlossen, in den Kirchendienst einzutreten, und von da an bis zu ihrem Ende verlernte meine Gro\u00dfmutter, was ein Leben ohne Entbehrungen ist. W\u00e4hrend dieser langen Zeitspanne sollte der charmant-selbsts\u00fcchtige Herr Pfarrer mit Damen der Episkopalischen Kirche durch Europa reisen, sich mit den feinsten kirchlichen Gew\u00e4ndern aus New York und London ausstaffieren, im Sommer nach Chautauqua gehen und in Sewanee an Kursen teilnehmen; w\u00e4hrend meine Gro\u00dfmutter unterdessen ihre Z\u00e4hne einb\u00fc\u00dfte, weil sie den Zahnarzt sparte, ihre Brillen bei Woolworth kaufte, noch als Sechzigj\u00e4hrige Kleider trug, die aus den \u00dcberresten ihres Brautstaats gefertigt waren, und alle Krankheiten ignorierte, um Arztkosten zu vermeiden.<\/h3>\n<p>Tennesse Williams, <i>Glasportr\u00e4t eines M\u00e4dchens<\/i>, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1988, S.148<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Um ihre einzige Tochter, Ihre Mutter, sowie ihre drei Enkel in St Louis zu besuchen, scheute sie jedoch keine Kosten.<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Sie kam immer mit einer betr\u00e4chtlichen Summe Geldes, die sie in ihr Korsett eingen\u00e4ht hatte. Meine Gro\u00dfmutter hat niemals wirklich ein Korsett gebraucht, und warum sie eins trug, kann ich nicht sagen. Ich wei\u00df nicht, wieviel Geld es war, aber wahrscheinlich doch einige hundert Dollar &#8211; wobei man wissen muss, dass das Gehalt meines Gro\u00dfvaters niemals hundertf\u00fcnfzig Dollar monatlich \u00fcberschritt.<\/h3>\n<p><i>Glasport\u00e4t eines M\u00e4dchens<\/i>, S.149<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Welche Erinnerung haben Sie an die Besuche Ihrer Gro\u00dfmutter?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Ihr Besuch bedeutete F\u00fcnfcentst\u00fccke f\u00fcr Eis, Vierteldollars f\u00fcr Kino, Picknicks im Forest Park. Es bedeutete das weiche und fr\u00f6hliche Lachen, ein richtiges M\u00e4dchenlachen zwischen unserer Mutter und ihrer Mutter, Stimmen, die ganze Tonleiter hinauf und hinab wie Finger\u00fcbungen auf dem Klavier. Es bedeutete die R\u00fcckkehr der Anmut aus dem Exil im S\u00fcden, es bedeutete die Vers\u00f6hnung des Lebenszorns meines verzweifelnden Vaters mit einer Welt, die er, der Ungl\u00fcckliche, nie seinen Kindern weitervermitteln konnte, au\u00dfer wenn die Gegenwart meiner Gro\u00dfmutter in der winzig kleinen Stadtwohnung eine seltsam unirdische Friedensstimmung \u00fcber alle brachte, die darin eingepfercht waren.<\/h3>\n<p><i>Glasportr\u00e4t eines M\u00e4dchens<\/i>, S.149<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Gab es etwas, vor dem Ihre Gro\u00dfmutter Angst hatte?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennesse Williams:<\/span> Was meine Gro\u00dfmutter am allermeisten f\u00fcrchtete, war das Gef\u00fchl der Abh\u00e4ngigkeit, das so viele alternde Menschen bedr\u00fcckt. Deshalb bestand sie selbst dann noch auf ihrer eigenen Wohnung in Memphis, als sie k\u00f6rperlich schon l\u00e4ngst nicht mehr in der Lage war, den Haushalt zu bew\u00e4ltigen, und gab sie erst wenige Monate vor ihrem Tod auf, um nach St. Louis zu ziehen.<\/h3>\n<p><i>Glasportr\u00e4t eines M\u00e4dchens<\/i>, S.152<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ein paar Jahre zuvor lebten Sie bei Ihren Gro\u00dfeltern. Wollen Sie davon berichten?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Einige Jahre vorher, als sie und Gro\u00dfvater in Memphis von dessen monatlicher Rente von 85 Dollar lebten, suchte ich wieder einmal Zuflucht bei ihnen, nachdem ich in meiner Stellung bei einer Schuhfabrik in St. Louis einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Sobald ich zu reisen in der Lage war, schl\u00fcpfte ich in ihrem winzigen H\u00e4uschen in Memphis unter und schlief auf dem Feldbett im Wohnzimmer. In jenem Sommer war ich dem Wahnsinn n\u00e4her als jemals zuvor seit den wilden St\u00fcrmen meiner fr\u00fchesten Jugend; aber genau wie bei fr\u00fcheren Krisen holte mich die eigent\u00fcmlich friedenspendende Gegenwart meiner Gro\u00dfmutter langsam wieder in eine leidliche Seelenverfassung zur\u00fcck. Und als der Herbst kam, begab ich mich auf den langen steilen Pfad des Schriftstellers, diese verzweiflungs- und hindernisreiche Kletterpartie, die mich ersch\u00f6pft, aber immer noch atmend, zum angeblich so sonnigen Plateau von \u201eRuhm und Erfolg\u201d f\u00fchrte. Das begann in jenem Sommer 1934 in Memphis.<\/h3>\n<p><i>Glasportr\u00e4t eines M\u00e4dchens<\/i>, S.152-153<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie erlebten Sie den Tod Ihrer Gro\u00dfmutter?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Von meiner Mutter erhielt ich einen Brief, in dem sie mir mitteilte, meine Gro\u00dfmutter sei bedenklich erkrankt, infolge eines lange verschleppten Leidens, das nun ihre Leber und ihre Lungen angegriffen habe und ihr nur noch eine kurze Lebensspanne \u00fcbriglasse. Ich fuhr nach Hause. Es war eine Woche vor Weihnachten, an der T\u00fcr hing ein Adventskranz, und nebenan spielte das Radio \u201eWhite Christmas\u201d, als ich meine zwei Koffer die Vordertreppe hinaufschleppte. Meine Gro\u00dfmutter \u00f6ffnete auf mein Klopfen, ich erinnere mich, wie sie lachte, wie ein sch\u00fcchternes M\u00e4dchen, das beim Anblick der Fotografie ihres Geliebten von Gef\u00fchlen \u00fcbermannt wird. Und als ich sie umarmte, f\u00fchlte ich mit Schrecken nichts als den Stoff ihres Kleides und durch das Kleid hindurch ihre fieberhei\u00dfen Arme. Sie starb ungef\u00e4hr zwei Wochen sp\u00e4ter, nach einer tr\u00fcgerischen, allein von ihrem Willen erzwungenen Periode scheinbarer Besserung.<\/h3>\n<p><i>Glasportr\u00e4t eines M\u00e4dchens<\/i>, S.155-156<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Williams, bedauern Sie irgendetwas, wenn Sie Ihre Grandma in Ihrer Erinnerung zur\u00fcckrufen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Tennessee Williams:<\/span> Ich glaube, was ich am tiefsten in meinem Leben bedauere, ist nicht etwas, das mich selbst betrifft, nicht einmal der Misserfolg eines meiner Werke oder ein etwaiges Nachlassen der Sch\u00f6pferkraft. Es ist die Tatsache, dass meine Gro\u00dfmutter nur ein Jahr vor dem Zeitpunkt starb, an dem ich ihr etwas von dem h\u00e4tte zur\u00fcckgeben k\u00f6nnen, was sie mir gegeben hatte, irgend etwas Materielles als bescheidenen Dank f\u00fcr das unermessliche seelische Geschenk, das sie mir unentwegt und selbstlos in die H\u00e4nde legte, wenn ich in meiner Not zu ihr kam.<\/h3>\n<p><i>Glasportr\u00e4t eines M\u00e4dchens<\/i>, S.154<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Williams, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-1098 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='1098' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-1098 lc'>+22<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-1098 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Tennessee Williams. 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