{"id":1062,"date":"2015-04-19T11:31:21","date_gmt":"2015-04-19T10:31:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1062"},"modified":"2024-11-02T19:11:59","modified_gmt":"2024-11-02T18:11:59","slug":"interview-adenauerde-gaulle-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1062","title":{"rendered":"Interview: Konrad Adenauer~Charles de Gaulle &#8211; Europa"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/six.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1064\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/six.png\" alt=\"six\" width=\"480\" height=\"60\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/six.png 480w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/six-300x38.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Konrad Adenauer und Herr Charles de Gaulle, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind, in dem wir uns der europ\u00e4ischen Frage zuwenden wollen. Europa hatte die deutsch-franz\u00f6sische Auss\u00f6hnung und Zusammenarbeit als Ausgangspunkt und Grundlage. K\u00f6nnen Sie das konkretisieren?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles de Gaulle:<\/span> Es geht nicht darum, etwa die Politik der beiden L\u00e4nder zu vermengen, sondern vielmehr anzuerkennen, dass sich die Situation jedes Landes stark von der des anderen abhebt, und auf dieser Wirklichkeit aufzubauen. Nach den Worten des Bundeskanzlers wage das erniedrigte und belastete Deutschland die Bitte an Frankreich, ihm zu helfen, die Achtung und das Vertrauen in der Welt wiederzufinden, die ihm seinen internationalen Rang zur\u00fcckgeben w\u00fcrden und schlie\u00dflich sein Recht auf Wiedervereinigung anzuerkennen. Ich weise den Bundeskanzler darauf hin, Frankreich habe weder hinsichtlich seiner Einheit noch seines Ranges etwas von Deutschland zu fordern; wohl aber k\u00f6nne es die Wiederherstellung seines jahrhundertealten Aggressors beg\u00fcnstigen. Es werde dies tun im Namen der Verst\u00e4ndigung zwischen den beiden V\u00f6lkern wie im Namen des Gleichgewichts, der Einheit und des Friedens Europas.<\/h3>\n<p>Charles de Gaulle, <i>Memoiren der Hoffnung<\/i>, Verlag Fritz Molden, Wien-M\u00fcnchen-Z\u00fcrich, 1971, S.220<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was ist bei der Schaffung Europas grundlegend zu bedenken?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles de Gaulle:<\/span> Welch tiefer Illusion und Voreingenommenheit muss man verfallen, um glauben zu k\u00f6nnen, europ\u00e4ische Nationen, die der Hammer ungez\u00e4hlter M\u00fchen und zahlloser Leiden auf dem Amboss der Jahrhunderte schmiedete, deren jede ihre eigene Geographie, ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre besonderen Traditionen und Institutionen hat, k\u00f6nnten ihr Eigenleben ablegen und nur noch ein einziges Volk bilden? Welche Kurzsichtigkeit verr\u00e4t der oft von naiven Gem\u00fctern vorgebrachte Vergleich dessen, was Europa tun sollte, mit dem, was die Vereinigten Staaten getan haben, die doch von Wellen um Wellen entwurzelter Siedler, ausgehend vom Nichts, auf jungfr\u00e4ulichem Boden geschaffen wurden?<\/h3>\n<p><i>Memoiren der Hoffnung<\/i>, S.233-234<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Die Europ\u00e4ische Wirtschaftsgemeinschaft, die EWG, wurde im M\u00e4rz 1957 gegr\u00fcndet, und au\u00dfer der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich geh\u00f6rten ihr Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Italien an. Von Anfang an war die EWG also multilateral ausgerichtet. Wie sollte dieser Anspruch in der Praxis verwirklicht werden?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles de Gaulle:<\/span> Praktisch bedeutet diese \u00dcberlegung: die Wirtschaftsgemeinschaft der Sechs in die Tat umzusetzen, deren regelm\u00e4\u00dfige Abstimmung im politischen Bereich herbeizuf\u00fchren und daf\u00fcr zu sorgen, dass gewisse andere, vor allem Gro\u00dfbritannien, das Abendland nicht in ein atlantisches System hineinziehen, das unvereinbar w\u00e4re mit jeder M\u00f6glichkeit eines europ\u00e4ischen Europa.<\/h3>\n<p><i>Memoiren der Hoffnung<\/i>, S.207-208<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Adenauer, wie sehen Sie das Verh\u00e4ltnis zwischen Europa und den USA?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer:<\/span> Es m\u00fcsse aber absolut klar sein, dass nicht etwa eine Interpretation aufkommen k\u00f6nne, als wolle sich Europa von Amerika absondern. Europa d\u00fcrfe nicht in eine ausschlie\u00dfliche Abh\u00e4ngigkeit von Amerika geraten. Ich s\u00e4he jedoch eine gro\u00dfe Gefahr. Ich wisse nicht, ob die Masse der Amerikaner &#8211; und man m\u00fcsse ber\u00fccksichtigen, dass die \u00f6ffentliche Meinung in Amerika eine ausschlaggebende Rolle spiele &#8211; \u00fcberhaupt eine Vorstellung davon habe, was Europa bedeute und dass auch Amerika auf Europa angewiesen sei. Man m\u00fcsse bei der Arbeit, die man in Angriff nehmen wolle, immer darauf achten, dass Amerika voll erkenne: Ein starkes Europa k\u00f6nne f\u00fcr Amerika nur gut sein.<\/h3>\n<p>Konrad Adenauer, <i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1978, S.62,65<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie sollte die politische \u00dcbereinkunft zwischen den sechs Staaten gestaltet werden?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer:<\/span> Die Bundesregierung wolle dem Prinzip der politischen Zusammenarbeit zustimmen und mit regelm\u00e4\u00dfigen Treffen der Regierungschefs den Anfang machen. Im \u00fcbrigen habe man immer erkl\u00e4rt, dass die Zusammenarbeit in der EWG allen offen stehe, die s\u00e4mtliche Rechte und s\u00e4mtliche Pflichten &#8211; dazu z\u00e4hlten nat\u00fcrlich auch die politischen Ziele &#8211; zu \u00fcbernehmen bereit seien.<\/h3>\n<p><i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, S.108,110<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Lassen wir uns \u00fcber die Europ\u00e4ischen Gemeinschaften sprechen. Sie, Herr de Gaulle, bef\u00fcrworten hierbei, dass jeder der sechs Staaten seine Selbstbestimmung beh\u00e4lt, obwohl die Gemeinschaft weiter w\u00e4chst?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Chares de Gaulle:<\/span> Hei\u00dft ihr Ziel Harmonisierung der praktischen Interessen der sechs Staaten, wirtschaftliche Geschlossenheit nach au\u00dfen und m\u00f6glichst gegenseitige Abstimmung des internationalen Vorgehens? Oder will sie die v\u00f6llige Verschmelzung der Volkswirtschaften und der jeweiligen Politik herbeif\u00fchren, so dass sie in einem einzigen Gebilde mit eigener Regierung, eigenem Parlament, eigenen Gesetzen aufgehen, das seine Untertanen franz\u00f6sischer, deutscher, italienischer, holl\u00e4ndischer, belgischer und luxemburgischer Herkunft in allen Belangen regiert als Mitb\u00fcrger eines k\u00fcnstlichen Vaterlandes, das dem Gehirn der Technokraten entsprang? F\u00fcr diese Vork\u00e4mpfer der Integration gibt es bereits die europ\u00e4ische \u201eExekutive\u201d: die Kommission der Wirtschaftsgemeinschaft, deren Mitglieder zwar von den sechs Staaten nominiert werden, diesen aber, sobald sie ernannt sind, in keiner Hinsicht mehr unterstehen.<\/h3>\n<p><i>Memoiren der Hoffnung<\/i>, S.227-228<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Adenauer, was m\u00f6chten Sie hierzu sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer:<\/span> De Gaulle, habe zweifellos im Prinzip recht, wenn er sage, alle Rechte k\u00e4men aus den Staaten und V\u00f6lkern und nicht aus der Br\u00fcsseler Organisation; aber man m\u00fcsse sich im klaren sein, dass man auf einige Zeit hinaus noch doppelgleisig verfahren m\u00fcsse, und zwar aus dem einfachen Grund heraus, weil die zu schaffende politische Institution gar nicht in der Lage sei, sogleich die Aufgaben der Gemeinschaften mitzu\u00fcbernehmen. Es komme hinzu, dass der Gemeinsame Markt heute in der ganzen Welt einen solchen Widerhall gefunden habe, dass eine v\u00f6llige Reorganisation durch die sechs Staaten von niemandem verstanden w\u00fcrde. Es sei auch gewollt und Absicht gewesen, dass die sechs L\u00e4nder sich zun\u00e4chst einmal mittels einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammengeschlossen h\u00e4tten, weil nur diese wirtschaftliche Verflechtung eine solide Grundlage f\u00fcr ein politisches Gebilde abgeben k\u00f6nne. In seiner Botschaft an den Kongress habe Kennedy erkl\u00e4rt, dass Amerika zum ersten Male in der Geschichte sich einem wirtschaftlichen Gebilde gegen\u00fcbersehe, das den Vereinigten Staaten beinahe gleichwertig sei, n\u00e4mlich der EWG.<\/h3>\n<p><i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, S.146-148<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Wie sehen Sie nach all dem Gesagten die Zukunft Europas?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Konrad Adenauer:<\/span> Was bisher f\u00fcr Europa getan worden sei, sei Ausfluss der Politik gewesen. Als ich mit Robert Schuman den Vertrag \u00fcber die Montanunion geschlossen h\u00e4tte, sei dies ein politischer Akt gewesen. Er sei aus politischen Gr\u00fcnden erfolgt. Als der Gemeinsame Markt geschaffen worden sei, h\u00e4tten auch politische Absichten Pate gestanden. Selbstverst\u00e4ndlich erg\u00e4nzten sich die L\u00e4nder nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Leitfaden aber sei immer die Politik. Diese Tatsache m\u00fcsse man anerkennen, doch leider gebe es Leute, die dies nicht t\u00e4ten. Sie wollten glauben machen, dass die Gemeinschaften das politische Europa bildeten, w\u00e4hrend es doch die europ\u00e4ischen Staaten seien, die Europa bildeten und vor allem Frankreich und Deutschland.<\/h3>\n<p><i>Erinnerungen 1959-1963<\/i>, S.147-148<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Charles de Gaulle:<\/span> Ich glaube, dass heute wie in allen verflossenen Epochen die Einigung Europas nicht im Verschmelzen der V\u00f6lker liegen, sondern nur das Ergebnis ihrer systematischen Ann\u00e4herung sein kann, sein muss. Alles dr\u00e4ngt sie dazu in unserer Zeit des Massenaustausches, der gemeinsamen Unternehmungen, der Wissenschaft und Technik, die keine Grenzen mehr kennen, in dieser Welt der schnellen Verbindungen und des vervielfachten Reisens. Meine Politik gilt daher der Einrichtung des Konzerts der europ\u00e4ischen Staaten, um so deren Solidarit\u00e4t wachsen zu lassen, indem sie untereinander die mannigfaltigsten Bande kn\u00fcpfen und festigen. Nichts verwehrt uns den Gedanken, dass von da aus &#8211; vor allem wenn sich die Staaten eines Tages ein und derselben Bedrohung gegen\u00fcbersehen &#8211; die Entwicklung zu ihrer Konf\u00f6deration f\u00fchren kann.<\/h3>\n<p><i>Memoiren der Hoffnung <\/i>, S.207<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Ich danke Ihnen beiden f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-1062 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='1062' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-1062 lc'>+22<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-1062 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Konrad Adenauer und Herr Charles de Gaulle, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespr\u00e4ch gekommen sind, in dem wir uns der europ\u00e4ischen Frage zuwenden wollen. 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