{"id":1000,"date":"2015-03-08T10:58:37","date_gmt":"2015-03-08T09:58:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1000"},"modified":"2024-11-02T19:12:33","modified_gmt":"2024-11-02T18:12:33","slug":"interview-bonhoeffer-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/?p=1000","title":{"rendered":"Interview: Dietrich Bonhoeffer &#8211; Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Dietrich.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Dietrich.png\" alt=\"Dietrich\" width=\"510\" height=\"65\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1006\" srcset=\"https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Dietrich.png 510w, https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Dietrich-300x38.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/a><\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Guten Tag, Herr Dietrich Bonhoeffer. Ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich zu diesem Gespr\u00e4ch, in dem die christliche Verantwortung im Mittelpunkt stehen wird. Was k\u00f6nnen Sie als erstes zu dieser sagen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Dietrich Bonhoeffer:<\/span> Wir sind nicht Christus, aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wir an der Weite des Herzens Christi teilbekommen sollen in verantwortlicher Tat, die in Freiheit die Stunde ergreift und sich der Gefahr stellt, und in echtem Mitleiden, das nicht aus der Angst, sondern aus der befreienden und erl\u00f6senden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt. Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen.<\/h3>\n<p>Dietrich Bonhoeffer, <i>Widerstand und Ergebung<\/i>, G\u00fctersloher Verlagshaus, G\u00fctersloh, 1951, S.22<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Was hei\u00dft das konkret f\u00fcr einen Menschen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Dietrich Bonhoeffer:<\/span> In dem Augenblick, in dem ein Mensch Verantwortung f\u00fcr andere Menschen auf sich nimmt &#8211; und nur indem er das tut, steht er in der Wirklichkeit &#8211; entsteht die echte ethische Situation, die sich von der Abstraktion, in der der Mensch sonst das Ethische zu bew\u00e4ltigen sucht, allerdings wesentlich unterscheidet.<\/h3>\n<p>Dietrich Bonhoeffer, <i>Lebensworte Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen<\/i>, G\u00fctersloher Verlagshaus, G\u00fctersloh, 2006, S.15<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> K\u00f6nnen Sie diese Unterscheidung zwischen dem Ethischen als Abstraktion und dem Ethischen als Lebenssituation eines Menschen deutlich machen?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Dietrich Bonhoeffer:<\/span> Das Ethische ist in dieser Abstraktion vom Leben auf eine statische Grundformel gebracht, die den Menschen aus der Geschichtlichkeit seines Daseins herausrei\u00dft, um ihn in den luftleeren Raum des rein Privaten und des rein Ideellen zu versetzen. Nicht was an sich gut ist, sondern was unter der Voraussetzung des gegebenen Lebens und f\u00fcr uns als Lebende gut ist, ist unsere Frage. Also gerade nicht unter Absehung vom Leben, sondern in das Leben eingehend fragen wir nach dem Guten. Mitten in der jeweils bestimmten und doch unabgeschlossenen, einmaligen und schon wieder dahinflie\u00dfenden Situation unseres Lebens, mitten in den lebendigen Bedingungen an Menschen, Dinge, Einrichtungen, M\u00e4chte, das hei\u00dft mitten in unserem geschichtlichen Dasein wird die Frage nach dem Guten gestellt und entschieden.<\/h3>\n<p>Dietrich Bonhoeffer, <i>Ethik<\/i>, Christian Kaiser Verlag, M\u00fcnchen, 1975, S.229,227-228<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> In Ihrem Buch <i>Ethik<\/i> schreiben Sie von der Verantwortung auf Stellvertretung<\/i>. K\u00f6nnen Sie erl\u00e4utern, was Sie darunter verstehen?<\/p>\n<h3>\n<p><span style=\"color: #3366ff;\">Dietrich Bonhoeffer:<\/span> Dass Verantwortung auf Stellvertretung beruht, geht am deutlichsten aus jenen Verh\u00e4ltnissen hervor, in denen der Mensch unmittelbar gen\u00f6tigt ist, an der Stelle anderer Menschen zu handeln. Stellvertretung und also Verantwortlichkeit gibt es nur in der vollkommenen Hingabe des eigenen Lebens an den anderen Menschen. Ein Missbrauch des stellvertretenden Lebens droht von zwei Seiten: durch die Absolutsetzung des eigenen Ich wie durch die Absolutsetzung des anderen Menschen. Im ersten Fall f\u00fchrt das Verh\u00e4ltnis der Verantwortung zur Vergewaltigung und Tyrannei. Im zweiten Fall wird das Wohl des andern Menschen, dem ich verantwortlich bin, unter Missachtung aller anderen Verantwortlichkeiten, absolut gesetzt, und es entsteht eine Willk\u00fcr des Handelns, die der Verantwortung vor Gott, der in Jesus Christus aller Menschen Gott ist, spottet.<\/h3>\n<p><i>Ethik<\/i>, S.238,240<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Kommen wir noch zur menschlichen Freiheit zu sprechen. In welchem Verh\u00e4ltnis steht diese zu der von Ihnen dargelegten Verantwortung?<\/h3>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Dietrich Bonhoeffer:<\/span> In konkreter Verantwortung handeln hei\u00dft in <i>Freiheit<\/i> handeln, ohne R\u00fcckendeckung durch Menschen oder Prinzipien <i>selbst<\/i> entscheiden, handeln und f\u00fcr die Folgen des Handelns einstehen. Verantwortung setzt letzte Freiheit der Beurteilung einer gegebenen Situation, des Entschlusses und der Tat voraus. Verantwortliches Handeln liegt nicht von vornherein und ein f\u00fcr allemal fest, sondern es wird in der gegebenen Situation geboren. Es geht nicht um die Durchf\u00fchrung eines Prinzips, das zuletzt doch an der Wirklichkeit zerbricht, sondern um das Erfassen des in der gegebenen Situation Notwendigen, Gebotenen. Es muss beobachtet, abgewogen, gewertet werden, alles in der gef\u00e4hrlichen Freiheit des eigenen Selbst.<\/h3>\n<p><i>Lebensworte Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen<\/i>, S.17<\/p>\n<h3><span style=\"color: #3366ff;\">Orelie:<\/span> Herr Dietrich Bonhoeffer, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/75KneSOo1ow\" width=\"420\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<div class='watch-action'><div class='watch-position align-right'><div class='action-like'><a class='lbg-style1 like-1000 jlk' href='javascript:void(0)' data-task='like' data-post_id='1000' data-nonce='166a765446' rel='nofollow'><img class='wti-pixel' src='https:\/\/www.einjahrzitate.de\/wp-content\/plugins\/wti-like-post\/images\/pixel.gif' title='Interessant' \/><span class='lc-1000 lc'>+30<\/span><\/a><\/div><\/div> <div class='status-1000 status align-right'><\/div><\/div><div class='wti-clear'><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orelie: Guten Tag, Herr Dietrich Bonhoeffer. 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