Sie hielten durch

Anfänge des Impressionimus


Bianca und Orelie gingen schweigend die East Road in Cambridge entlang und keine der beiden wusste, ob die andere an irgendetwas dachte. Das war auch unwichtig, die beiden verstanden sich, auch wenn sie sich in Schweigen hüllten. Doch plötzlich fragte Bianca ihre Freundin, ob sie irgendeine Nachricht von James erhalten hätte, sie selbst hätte in der letzten Zeit nichts mehr von ihm gehört. Ihr gemeinsamer Freund James zeichnete schon als Schüler und zeigte dabei eine sehr große Begabung. Orelie und Bianca bestärkten ihn in seinem Vorhaben, Maler zu werden. James malte und zeichnete aus Leidenschaft. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hatte er nach seinem Studium eine Stelle als Kunstlehrer an einer Schule in Köln angenommen und widmete sich in seiner freien Zeit seinem eigenen Kunstschaffen. „Er hat mir eine SMS geschickt”, antwortete Orelie, „in der er mir mitteilte, dass manche seiner Bilder auf kleinen Ausstellungen zu sehen seien und er auch einen Interessenten für eines gefunden habe.” Die Impressionisten waren James große Vorbilder. Immer wieder kam er darauf zu sprechen, wie schwer es ihnen gemacht wurde, bis ihre Kunst anerkannt wurde und ihre Bilder sich verkauften, anfangs allerdings nur zu Spottpreisen. Ihre beim Salon in Paris eingereichten Bilder wurden von dessen Jury meistens abgelehnt und so organisierten sie den Salon des refusés. Doch dort lösten ihre Bilder oftmals nur schallendes Gelächter aus oder erregten wilden Zorn. Die Maler gaben aber keineswegs auf, sie wussten, dass der Kunstmarkt trügerisch war. In seinem autobiographischen Buch Erinnerungen eines Kunsthändlers schreibt Ambroise Vollard, wie schwer Paul Cézanne, Claude Monet, August Renoir, um nur einige zu nennen, es hatten, um ihrer Kunst nachgehen zu können. Das alles wussten die beiden Freundinnen. „Vollard wurde 1868 auf der Insel Réunion geboren und kam im Alter von zweiundzwanzig Jahren nach Frankreich, um in Montpellier sein Jurastudium fortzusetzen“, erklärte Bianca, „seine Leidenschaft für die Kunst ließ ihn sein Studium aufgeben. Er fand eine Arbeit in Paris in der Galerie L’Union Artistique. Alphonse Dumas, der Direktor der Galerie fragte ihn einmal, was er tun würde, wenn er Geld hätte, um es in Kunstwerken anlegen zu können. Vollard antwortete ihm: „Ich an Ihrer Stelle wüsste sehr genau, was ich täte. Für dreihunderttausend Francs würde ich Bilder von Renoir, Cézanne, Degas und so weiter kaufen, kurz, alle großen Impressionisten.”
Ambroise Vollard, Erinnerungen eines Kunsthändlers, Diogenes Verlag, Zürich, 1980, S.47
„ Es ist kaum anzunehmen, dass Alphonse Dumas diesem Rat Folge leistete”, entgegnete Orelie.
„In der Tat war Alphonse Dumas am nächsten Morgen sehr nervös”, antwortete Bianca, „er sagte zu Vollard: „Meine Frau, der ich Ihre Absicht erzählte, konnte vor Aufregung nicht schlafen. Dein Vollard macht mir Angst. Ich weiß, dass du ein ernsthafter Mann bist, außerstande, das Brot deiner Kinder zu vergeuden. Aber ich kann nicht mehr ruhig leben, wenn ich einen Menschen mit solchen Ansichten an deiner Seite weiß. Abgesehen davon kannst du dir vorstellen, was für ein schlechtes Renommée er deiner Union Artistique einbringt, wenn er solche Ungeheuerlichkeiten vor unsern Kunden auch nur andeutet.”
Erinnerungen eines Kunsthändlers, S.47
„So kam es, dass Dumas von Vollard verlangte, in seiner Gegenwart das Wort „Impressionismus” nicht mehr auszusprechen.”
„Für den Kunstliebhaber Vollard muss das ja entsetzlich gewesen sein”, hob Orelie hervor, „wie konnte er nach diesem Vorfall bei der Union Artistique weiterarbeiten?”
„Er hielt es dort nicht mehr lange aus und kündigte seine Stelle. Es war im Jahr 1893, und er mietete in der Rue Laffitte, der sogenannten Künstlerstraße, einen kleinen Laden. Bekannte Kunsthandlungen wie Durand-Ruel oder Goupil befanden sich in dieser Straße. Als er Alphonse Dumas erklärte, dass er nicht mehr für ihn arbeiten würde, war dieser erleichtert. „Wie wird sich meine Frau freuen”, entschlüpfte es ihm. Aber gleich darauf legte er seine Stirn in Falten. „Mein lieber Vollard, wir scheiden doch als gute Freunde? Ich rechne auf Ihren Anstand: wenn sie von den Impressionisten sprechen, werden Sie sagen, dass ich sie hasse.”
Erinnerungen eines Kunsthändlers, S.47-48
„Er konnte sich auf Vollard verlassen, dieser hielt sein Wort. Jedoch war es für Vollard schwer, in der rue Laffitte als Kunsthändler Fuß zu fassen. Aber seinen Entschluss, Kunsthändler zu werden hat er nicht bereut. In seinen Erinnerungen schreibt er:
„1890! Welch gesegnete Zeit für die Kunstsammler! Überall Meisterwerke und fast umsonst. Für Manets außergewöhnliches Porträt des Astruc wurden tausend Francs gefordert; das erschien damals ungeheuerlich. Ich entsinne mich, dass kaum zwei oder drei Jahre später im Hôtel Drouot die Frau auf dem Kanapee mühsam auf eintausendfünfhundert Francs hochgetrieben wurde. In meinem sechsten Stock in der Rue des Apennins hatte ich einen bemerkenswerten Akt von Renoir, für den ich zweihundert Francs verlangte, ohne dass man auch nur geruhte, ihn anzusehen. Als ich meinen kleinen Laden in der Rue Laffitte besaß, waren die Bilder von Renoir noch kaum gestiegen, und ich wagte nur schüchtern, vierhundert Francs zu verlangen. Von Cézanne will ich gar nicht reden. Die größeren seiner Bilder kaufte man um 1890 beim Père Tanguy für hundert Francs, die kleineren für vierzig. ”
Erinnerungen eines Kunsthändlers, S.28-29
„ So was ist nicht zu begreifen”, antwortete Orelie, „noch dazu waren Renoir und Cézanne zu der Zeit schon um die 50 Jahre alt. Die beiden gelangten in ihren späteren Lebensjahren noch zu Ansehen. Und Camille Pissarro, von dem Cézanne sagte, dass er ohne ihn nie ein bedeutender Maler geworden wäre, fand in seinen letzten zehn Lebensjahren auch die verdiente Anerkennung. Er kam von der Insel Saint Thomas, um in Frankreich Fuß zu fassen. Hör dir an, was Vollard über ihn schreibt: „Bei Pissarro fiel einem vor allem sein gütiges, feines und gleichzeitig heiteres Wesen auf, eine Heiterkeit, die der fröhlich getanen Arbeit entsprang. Seine Familie war zahlreich. Madame Pissarro machte sich tapfer daran, ein Stück Land um das Haus herum zu bearbeiten, und verwandelte es in ein Kartoffelfeld. Wer würde glauben, dass diese Landschaften, die den Duft der Wiesen atmen, diese ruhigen Bäuerinnen, die sich über ihren Kohl beugen, diese Gänsemädchen in einer Zeit größter Schwierigkeiten für den Künstler gemalt sind? Oft kehrte Pissarro bei mir ein, wenn er von Durand-Ruel kam. Mit welcher Großzügigkeit beurteilte dieser Greis seine jungen Kollegen. Er interessierte sich für alle Forschungen, die damals die Maler begeisterten, so neugierig war er auf alle Kunstäußerungen.”
Erinnerungen eines Kunsthändlers, S.165-166
„ In einem Brief an seinen Sohn Lucien”, fuhr Orelie fort, „schreibt Camille Pissarro, was der Impressionismus in seinen Augen sein sollte: „In Wirklichkeit sollte der Impressionismus nichts sein als eine reine Theorie der Beobachtung, ohne dabei an Phantasie zu verlieren, an Freiheit oder Größe, kurz an alldem, wodurch eine Kunst groß ist. Aber keine Marktschreierei, dass es den empfindsamen Leuten den Atem verschlägt.”
Camille Pissarro, Briefe, Verlag Rogner & Bernhard, München, 1970, S.16-17
Bianca sagte ihrer Freundin darauf, dass Ambroise Vollard im November 1895 in seinem Laden in der rue Laffitte seine erste Cézanne Ausstellung machte, die jedoch beim Publikum und den Kunstkennern auf Missverständnis stieß. Allerdings kam auch ein von Cézannes Bildern begeisterter Besucher, der von Vollard in seinen Erinnerungen erwähnt wird: „ Am ersten Tag meiner Cézanne-Ausstellung trat ein ziemlich dicker, bärtiger Mann ein, der wie ein Gentleman-Farmer aussah. Ohne mit mir zu handeln, kaufte er zwei Bilder, und ich glaubte, es mit irgendeinem Sammler aus der Provinz zu tun zu haben. Es war Claude Monet. Ich sah ihn später wieder, wenn er bei seinen Reisen durch Paris kam. Bei einem so berühmten Mann fiel seine große Einfachheit und die glühende Bewunderung auf, die er Cézanne zollte, seinem alten Kameraden aus der Zeit des Kampfes um den Impressionismus, der noch immer verkannt wurde. Übrigens erstreckte sich das Unverständnis des damaligen Publikums selbst auf die allgemein bekannten Maler, auf Monet ganz besonders.”
Erinnerungen eines Kunsthändlers, S.164
„Cézanne malte ein Porträt von Vollard”, setzte Orelie das Gespräch fort. „Er hatte schon alles für die Sitzung vorbereitet, und er erwartete von Vollard, sich während der ganzen Sitzung so gut wie nicht zu bewegen. Er gab ihm zu verstehen, dass das wegen des Gleichgewichts absolut notwendig wäre. Vollard erzählt in seinen Erinnerungen davon: „Kaum saß ich auf meinem Sockel, da übermannte mich der Schlaf, und ich merkte, wie mein Kopf nach vorn sank. Schon war das Gleichgewicht gestört, und Postament, Stuhl und ich selbst krachten mit lautem Gepolter zu Boden. Cézanne stürzte auf mich zu: „Unglücksmensch! Sie haben die Pose zerstört! Man muss so still sitzen wie ein Apfel; wackelt ein Apfel vielleicht hin und her? Seinem Modell gegenüber war er wahrhaft unerbittlich und behandelte es durchaus wie eine Sache. Als sein Sohn ihm sagte: „Du wirst Vollard noch gänzlich ermüden, wenn du ihn immer wieder kommen lässt”, da sah er ihn ganz verständnislos an. Er selbst war so besessen von seiner Arbeit, dass er sich gar nicht vorzustellen vermochte, jemand könnte ermüden. Erst als sein Sohn ihm zu bedenken gab: „Wenn du Vollard überanstrengst, dann sitzt er dir schlecht”, da begriff er und stimmte seinem Sohn bei: „Du hast ganz recht, man muss sein Modell schonen.” Nach hundertfünfzehn Sitzungen wandte sich Cézanne an mich: „Die Hemdbrust scheint mir ganz gut gelungen.”
Erinnerungen eines Kunsthändlers, S.241-242
„ Auch Renoir malte mehrere Porträts von Vollard”, fügte Bianca hinzu. „Im hohen Alter wohnte er in Cagnes, in der Nähe von Nizza. Er litt an Rheumatismus und war fast ganz gelähmt. Dennoch schaffte er es, zu malen. Der Pinsel wurde ihm zwischen seinen Fingern befestigt. Hier fällt mir ein Erlebnis ein, das Vollard ebenfalls erzählt: „An einem 14. Juli in Cagnes malte er an meinem Bild, als auf der Straße ein Trupp Leute vorüber zog, die aus vollem Halse sangen: Liberté, Liberté chérie, Combat avec tes défenseurs. Renoir machte eine ärgerliche Bewegung: „Haben Sie das gehört? Wenn Sie wüssten, Vollard, wie die Leute die Freiheit, die sie dauernd im Munde führen, im Grunde verabscheuen. Ich habe einmal jemanden gefragt: „Was missfällt Ihnen eigentlich so sehr an meiner Malerei?” Wissen Sie, was er geantwortet hat? „Die Freiheit, mit der Sie malen”.”
Erinnerungen eines Kunsthändlers, S.238
Orelie lächelte ihrer Freundin zu und sagte: „Die Hauptsache ist, dass sie durchgehalten haben.”
Daraufhin setzten sich die beiden Freundinnen in ein Café, und ihre Gedanken weilten weiter bei den Impressionisten. „Édouard Manet”, begann Bianca, „unterstützte diese Kunstbewegung und verteidigte sie gegenüber ihren Kritikern. Er selbst war kein Vorreiter des Impressionismus; aber auch er hatte es schwer, sich gegen die Kunstakademien seiner Zeit durchzusetzen. Viele seiner Bilder stießen auf Unverständnis, wurden beargwohnt oder riefen sogar Wut hervor. Der Kulturkritiker Théodore Duret schrieb darüber: „Man kann sich nicht mehr vorstellen, welchen Abscheu und Zorn seine Bilder damals hervorgerufen haben. Um das einigermaßen zu begreifen, muss man sich klar machen, dass diese Bilder alles bisher Geschaffene einfach über den Haufen warfen. Er setzte sich über sämtliche bisher geltenden Lehren und Grundbegriffe einfach hinweg. Als Manet auftrat, wurde Delacroix für einen zügellosen und inkorrekten Künstler gehalten, der in der Farbe über das erlaubte Maß hinausging.”
Théodore Duret, Die Impressionisten, Bruno Cassirer Verlag, Berlin, 1925, S.11
„Manets Gemälde Frühstück im Grünen, für das er sich Tizians Ländliches Konzert als Vorbild genommen hatte, musste 1863 im Salon des Réfusés ausgestellt werden”, sagte Orelie darauf, „zwar wurde sein Bild Olympia zwei Jahre später vom Pariser Salon angenommen, aber deswegen erntete es keineswegs Lob. Théodore Duret erklärt, was an diesen beiden Bildern so stark kritisiert wurde: „Diese von allem bisher Gesehenen durchaus abweichenden Bilder riefen allgemeines Entsetzen hervor, Form und Inhalt brachen mit allen Regeln, die man bisher als die Grundlagen der Kunst angesehen hatte. Man sah hier direkt nach dem Leben gemalte nackte Gestalten, die die Formen des Modells getreu wiedergaben. Im Vergleich zu der traditionellen, sozusagen idealisierten und geläuterten Aktmalerei erschien diese Auffassung roh und abstoßend. Der übliche Schatten, der sonst überall neben das Licht gesetzt wurde, war hier verbannt, Manet malte hell auf hell, Partien, die andere in den Schatten gesetzt hätten, malte er in weniger lebhaften aber immer noch hellen Tönen, die Pläne seiner Bilder standen nur durch das Licht vertieft gegeneinander. So fielen seine Werke aus all den anderen düsteren und farblosen heraus, sie drängten sich dem Blick auf und beleidigten das Auge. In den hellen Farben, die nebeneinander gesetzt waren, sah man nichts anderes als ein buntscheckiges Gewirr, die lebhaften Töne, ohne Übergänge, wirkten einfach wie Flecke.”
Die Impressionisten, S.12
„Aber die geistig unabhängigen jungen Maler und Malerinnen, wie Berthe Morisot, Auguste Renoir, Claude Monet, Paul Cézanne, um einige zu nennen, sahen in Manet einen wahren Empörer und bewunderten ihn”, fuhr Bianca fort, „Sie erkannten, dass hier jemand die strengen akademischen Regeln durchbrach, und sie wollten sich ganz und gar von diesen traditionellen Vorschriften lossagen. Im Jahr 1874 machten diese Künstler, die bei den Kunstkritikern, dem Pariser Salon und dem Publikum nur auf Ablehnung stießen, ihre eigene Ausstellung. Duret hat darüber geschrieben: „Das Unternehmen einer eigenen Ausstellung war gewagt, die Kosten waren erheblich, und sie waren froh, sie mit anderen teilen zu können. Sie fühlten, dass sie, um von einem großen Publikum gesehen zu werden und die Aufmerksamkeit der Presse auf sich zu lenken, ihren Kreis erweitern und sich mit einigermaßen bekannten Künstlern zusammentun mussten. Sie wählten dazu mehr oder weniger bekannte Künstler, mit denen sie aber Unabhängigkeit des Geistes und freie Kunstanschauungen verbanden. Da ein großer Ausstellungssaal mitten in Paris nicht aufzutreiben war, hatten sie am Boulevard des Capucines 35 eine Flucht Zimmer gemietet, die ihnen von dem Photographen Nadar zur Verfügung gestellt wurden. Dieses Lokal befand sich an einem Boulevard im Mittelpunkt des Pariser Verkehrs. Durch Plakate, die am Eingang angeschlagen waren, hofften sie, die Aufmerksamkeit zu erregen und eine möglichst große Anzahl Besucher die Treppe hinaufzulocken, sie rechneten auf den Franc Eintrittsgeld zur Deckung der Kosten. Die Zahl der Besucher war ziemlich groß, und die Maler der neuen Richtung konnten mit dem schnellen Anwachsen ihres Ruhmes zufrieden sein, allerdings war es ein trauriger Ruhm; denn das Publikum hielt sie für verirrte, unwissende und anmaßende Künstler, die nur missgestaltete Dinge malen konnten.”
Die Impressionisten, S.22
„Ich fühle mich insbesonders von Claude Monets Bildern und seinen Serien angesprochen”, erklärte Bianca daraufhin: „Théodore Duret erläutert Monets Kunst zu malen: „Das Sachliche und die Konturen der dargestellten Landschaft waren nur noch das Knochengerüst für die wechselnden Effekte, die bei grauem Wetter oder bei brennender Sonne, bei Morgen-, Mittag- oder Abendstimmung sich einstellten und gewissermaßen das wirkliche Motiv des Bildes wurden. Monet bildete schließlich aus der zuerst absichtslosen Gewohnheit, mehrmals dasselbe Bild mit veränderten Effekten zu malen, ein definitives System.”
Die Impressionisten, S.56-57
„Ja, ich erinnere mich an Die Heuschober, Die Kathedrale von Rouen, Ein Morgen auf der Seine und Die Seerosen oder an seine darauffolgenden Serien Ansichten von der Themse und Effekte des Wassers, bei denen er den Teich in seinem Garten in Giverny vor Augen hatte. Alle diese Bilder sind gemalte Impressionen, weil es Claude Monet in erster Linie auf die Effekte ankam, die er beim Malen erhaschte. Und weisst du, wie das Publikum diesen Umstand deutete, ich habe es bei Duret gelesen:„Als Monet zum erstenmal eine solche Serie: die Heuschober oder die Kathedrale ausstellte, meinte das Publikum, dass er sich wahrscheinlich seine Aufgabe erleichtern wollte, indem er endlos denselben Gegenstand wiedergäbe, und dass diese Art Produktion nur den Zweck haben könne, ohne große Mühe soviel Bilder wie möglich zu schaffen.”
Die Impressionisten, S.57
„Ich weiß”, empörte sich Bianca, „noch dazu ist die Wirklichkeit eine ganz andere. Duret schreibt darüber: „Seit Monet Serien malte, hat er weniger Bilder geschaffen als vorher, obgleich er mehr arbeitete. Es hat sich herausgestellt, dass es viel leichter ist, verschiedene Motive zu malen, als immer dasselbe Thema unter wechselnden Bedingungen zu wiederholen. Im Fluge die Veränderungen zu erhaschen, sie bestimmt auf dem Bilde wiederzugeben, ist eine äußerst schwierige Aufgabe, die eine ganz außergewöhnliche Auffassung, ganz besondere Fähigkeiten und gespannteste Aufmerksamkeit erheischt. Um solche Landschaften zu malen, muss man vollkommen vom Gegenständlichen abstrahieren können. Man muss dahin kommen, von der unbeweglichen Grundlage der darzustellenden Szene das Atmosphärische loszulösen, und zwar in raschester Folge, denn es kann vorkommen, dass die verschiedenen Effekte, die man in ihrem flüchtigen Erscheinen erhaschen muss, ineinandergreifen und leicht unklar werden, wenn das Auge sie nicht im rechten Moment erfasst. Monet sagte mir, dass das Malen der Domfassade in Rouen bei den verschiedenen Beleuchtungen eine solche Anspannung seiner Geisteskräfte erfordert hatte, dass er danach eine fürchterliche Ermüdung fühlte. Er hatte vollkommen den klaren Blick für die Dinge verloren, musste pausieren und konnte eine Zeitlang seine Bilder nicht ansehen, denn er vermochte nicht mehr, sich Rechenschaft über ihren Wert zu geben.”
Die Impressionisten, S.57
„Die Freilichtmalerei war ein Prinzip der Impressionisten, die dabei vor allem auf die Auswirkungen des Lichtes achteten”, hob Orelie daraufhin hervor, „so änderten sie die Farbe einer Landschaft je nach der Tageszeit, zu der sie sie malten. Duret beschreibt die verschiedenen impressionistischen Farbtöne, die auf das Publikum so kühn und ungeheuerlich wirkten: „Man sah in ihren Bildern die Lichtflecke, die die Sonne durch das Laubwerk auf den Boden wirft, das zarte und doch kräftige Grün der frühlingsjungen Erde, den rötlichen Ton der von der Sommerglut versengten Felder. Das Wasser hatte keine eigene Farbe, sondern konnte eigentlich jede annehmen, und da die Impressionisten entdeckten, dass die Schatten im Freien je nach der Beleuchtung verschieden gefärbt sind, malten sie sie ohne Zögern bald blau, bald violett, bald lila. So zeigten ihre Bilder plötzlich Farben, wie man sie noch nie in der Malerei gesehen hatte.”
Die Impressionisten, S.31-32
„Doch lass uns auf ihre Ausstellungen zurückkommen. Claude Monet sowie Auguste Renoir, Camille Pissarro, Alfred Sisley und Berthe Morisot ließen sich trotz allen Unverständnisses beim Publikum und trotz des Spotts der Kunstkritiker nicht davon abhalten, im Jahr 1876 eine weitere Ausstellung zu machen, obwohl sie kaum Käufer für ihre Bilder gefunden hatten. Insgesamt stellten neunzehn Künstler aus, Cézanne und Guillaumin waren diesmal nicht dabei. Der Kunsthändler Paul Durand-Ruel hatte ihnen Räume zur Verfügung gestellt. Aber die Ausstellung brachte ihnen keinen Erfolg, und in der Presse wurden sie verhöhnt. Duret zitiert einen angesehenen Kritiker im Figaro, der über diese Ausstellung schrieb: „Soeben ist bei Durand-Ruel eine Ausstellung eröffnet worden, die angeblich Bilder bringt. Ich trete ganz harmlos ein, und meinen entsetzten Augen bietet sich ein grausiges Schauspiel. Fünf oder sechs Tollhäusler, darunter eine Frau, haben sich hier zusammengefunden und ihre Werke ausgestellt. Ich sah Leute vor diesen Bildern sich vor Lachen wälzen, mir blutete das Herz bei dem Anblick. Die sogenannten Künstler nennen sich Radikale, Impressionisten. Sie nehmen ein Stück Leinwand, Farbe und Pinsel, werfen auf gut Glück einige Farbenkleckse hin und setzen ihren Namen darunter. Dies ist eine ähnliche Verblendung, als wenn die Irren in Ville-Evrard Kieselsteine vom Wege sammeln und sich einbilden, sie hätten Diamanten gefunden.”
Die Impressionisten, S.25
Die beiden Freundinnen hielten inne, es war unbegreiflich für sie, dass so etwas geschrieben werden konnte. Trotz dieser und anderer Kritik in der Presse und des totalen Missverständnisses beim Publikum blieben die Impressionisten ihrer Kunst treu und ließen sich nicht beirren. Ein Jahr darauf machten sie wieder eine Ausstellung, für die sie mit einer eigenen Broschüre Der Impressionist, Zeitung für Kunst auf sich aufmerksam gemacht hatten. Théodore Duret schreibt über diese dritte Ausstellung: „Statt dreißig Aussteller im Jahre 1874 und neunzehn im Jahre 1876, waren es jetzt nur noch achtzehn. Da dies aber alle wirkliche Impressionisten: Pissarro, Claude Monet, Sisley, Renoir, Berthe Morisot, Cézanne, Guillaumin, Caillebotte und ihr junger Nachwuchs waren, so wurde diese Ausstellung noch dezidierter und revolutionärer als die erste im Jahre 1874. Da sie außerdem alle von demselben Geiste und dem gleichen Feuer beseelt waren und, indem sie sich gegenseitig unterstützt, ermutigt und aufgepeitscht hatten, während dreier Jahre die Eigentümlichkeiten, die sie auszeichneten, voll entwickelt und verschärft hatten, wirkte ihre dritte Ausstellung weit kühner als die erste. Die Impressionisten erschienen diesmal dem Publikum in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit und erregten bei diesem eine ganz außerordentliche Heiterkeit, Entrüstung, Verachtung, die sich bis zum Entsetzen steigerte. Die Ausstellung wurde zum Pariser Ereignis; man sprach davon in den Boulevard-Cafés, in den Klubs und in den Salons. Sie wurde viel besucht, allerdings nicht aus künstlerischem Interesse, denn man ging nur hin, um sich an den extravaganten Produktionen zu belustigen. So sah man bei den Beschauern nichts anderes als Lachen und Achselzucken, und im Hinblick auf die bevorstehende Belustigung begannen sie schon auf der Straße und auf der Treppe zu lachen, um dann beim ersten Anblick der Bilder in ein schallendes Gelächter auszubrechen.”
Die Impressionisten, S.25
Orelie: „Ja, das ist alles so ungeheuerlich. Dennoch ließen sich die Impressionisten auch nach diesem erneuten Misserfolg nicht beirren und machten weitere Ausstellungen, auch wenn sie noch lange verhöhnt und beschimpft wurden. Sie hielten durch. Was für ein immenser Reichtum für die Kunst, dass sie das taten!