Interview: Steinbeck – Die Straße der Ölsardinen

Christa, 14 juin 2014

Orelie: Guten Tag, Herr John Steinbeck, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespräch gekommen sind. Wir wollen mit Ihrem Roman Die Straße der Ölsardinen beginnen, der 1945 unter dem Titel Cannery Row veröffentlicht wurde. Cannery Row ist eine Straße in der kalifornischen Stadt Monterey, was können Sie dem hinzufügen?

John Steinbeck: Cannery Row ist mehr als nur eine Straße, es ist die Gegend der Ölsardinen und Konservenbüchsen, ist ein Gestank und ein Gedicht, ein Knirschen und Knarren, ein Leuchten und Tönen, ist eine schlechte Angewohnheit, ein Traum. Cannery Row besteht aus Alteisen, Blech, Rost, Hobelspänen, aufgerissenem Pflaster, Baustellen voll Unkraut und Kehrichthaufen, aus Fischkonservenfabriken in Wellblechschuppen, aus Wirtschaften, Hurenhäusern, Chinesenhütten, Laboratorien, Läden voll mit Kram, aus Lagerhallen und faulen Fischen.

John Steinbeck, Straße der Ölsardinen, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2012, S.7

Orelie: Und was können Sie über die Einwohner sagen?

John Steinbeck: Die Bewohner? Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man könnte mit gleichem Recht sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer – es kommt nur auf den Standpunkt an.

Straße der Ölsardinen, S.7

Orelie: Haben diese Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl entwickelt, gibt es etwas, das sie miteinander verbindet?

John Steinbeck: Unser Vater, der du bist in der Natur und überleben lässt den Kojoten, die Wanderratte, die Schmeißfliege, den Spatz und die Kleidermotte, du musst eine unermessliche, überwältigende Liebe hegen für Taugenichtse, Schandflecke und Stromer und Mack und die Jungens, Tugenden, Grazien, Lässigkeit, Wohlbehagen.

Die Straße der Ölsardinen, S.16

Orelie: Zu diesen Menschen gehören also der Ladenbesitzer Lee Chong, der Stromer Mack, der zusammen mit vier Jungens im Palace Hotel wohnt, die Bordellbesitzerin Dora, der Maler Henri sowie der Laboratoriumseigentümer Doc, der an Ihren Freund, den Meeresbiologen Ed Ricketts erinnert. Können Sie ihn beschreiben?

John Steinbeck: Trotz seiner Güte und seiner Freunde war Doc ein einsamer Mensch, ein Einzelgänger. Er war ein Nachttier. Die ganze Nacht hindurch brannte sein Licht, und dabei war er auch bei Tag auf den Beinen. Felsen und Ufer des Meeres waren Docs Stapelplatz, und er wusste genau, an welcher Stelle er, was er gerade brauchte, zu suchen hatte. Alle seine Handelsartikel lagerten säuberlich abgeteilt an der pazifischen Küste.

Straße der Ölsardinen, S.78

Orelie: Mack und die vier Jungs fangen hunderte von Fröschen, bringen sie in Docs Abwesenheit für Experimente in sein Haus und bereiten dort ein Riesenfest für Doc vor. Whiskey, Kuchen und zahlreiche Spezialitäten sind reichlich vorhanden. Aber als ein Betrunkener unziemlich über Doc herzieht, geht alles drunter und drüber. Und wie endet das Fest?

John Steinbeck: Die Lichter im Laboratorium flackerten; die Haustür hing nur noch in einer Angel; der Boden war mit Scherben bedeckt. Grammophonplatten, teils zerkratzt, teils zerbrochen, lagen herum. Ein kleiner Strom springender, hüpfender Frösche ergoß sich in Wirbeln die Treppe hinab und bevölkerte die Cannery Row. Etliche fanden den Weg zum Abzugskanal, andere kämpften sich bergan zum Wasserreservoir, wieder andere suchten den Schutz der städtischen Kanalisation, und nur wenige versteckten sich im Unkraut auf dem leeren Platz.

Die Straße der Ölsardinen, S.97-98

Orelie: Und wie empfand Doc nach seinem Wutausbruch diese peinliche Angelegenheit. Finden Sie das Sprichwort Die Zeit heilt alle Wunden hat recht?

John Steinbeck: Es sagt sich so leicht:„Die Zeit heilt alles.” Steckst du jedoch mitten drin, so fällt es der Zeit gar nicht ein, etwas zu heilen oder vorübergehen zu lassen, und die Menschen vergessen nichts und lassen dich nichts vergessen. Du steckst mitten in etwas drin, das sich nicht ändern will. Doc wusste nichts von dem Kummer, nichts von der nagenden Selbstkritik im Palace Hotel. Er hätte sonst sicher etwas dagegen getan. Mack aber und seine Gefährten ahnten nicht, wie gut ihnen Doc gesinnt war.

Die Straße der Ölsardinen, S.110

Orelie: Ihr Roman Wonniger Donnerstag setzt Ihren Roman Cannery Row fort, aber einige Personen tauchen in ihm nicht mehr auf und mit dem Krieg hat sich das Leben verändert. Was ist anders geworden?

John Steinbeck Als der Krieg nach Monterey und in die Cannery Row gelangte, nahm jedermann mehr oder weniger, auf diese oder jene Weise, am Kampfe teil. Doc wurde eingezogen. Die Konservenfabriken selbst beteiligten sich an der Kriegführung, indem sie die Aufhebung der Fangbeschränkungen durchsetzten und sämtliche Fische fingen. Es geschah aus Patriotismus, aber das brachte die Sardinen nicht wieder. Zwei Jahre nach dem Endsieg wurde Doc dann mit allen Ehren aus dem Heeresdienst entlassen. Er begab sich alsbald wieder zum Western Biological und sprengte die von der Nässe verklemmte Tür gewaltsam auf. Im Ausguß lagen schmutzige Töpfe und Pfannen. Ein Teil der Instrumente war verrostet. Die Käfige der Versuchstiere waren leer. Doc setzte sich auf seinen alten Sessel, und eine schwere Last senkte sich auf ihn herab.

John Steinbeck, Wonniger Donnerstag, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1987, S.11-12

Orelie: Ein Mädchen namens Suzy erscheint in Monterey und findet im Bordell, das jetzt von Fauna geführt wird, eine Arbeit. Können Sie Suzy beschreiben?

John Steinbeck: Suzy war ein hübsches Mädchen mit breiter Nase und einem großen Mund. Sie war einundzwanzig Jahre alt, 1,60 Meter groß, hatte eine gute Figur, blond gefärbtes Haar. Rechtsseitig hinkte sie etwas.

Wonniger Donnerstag, S.39

Orelie: Und nach einiger Zeit soll Doc mit Suzy verheiratet werden. Sie erinnern sich bestimmt an das Gespräch, in dem Fauna Suzy von dieser abgemachten Sache unterrichtet.

John Steinbeck: „Einer, der diesen Kram studiert hat, hat mir einmal gesagt: „Die besten Ehen sind diejenigen, die von einer dritten Person gestiftet werden, und zwar von einer, die sich auskennt und sich kein X für ein U vormachen lässt.” Meiner Meinung nach bist du die Richtige für Doc.” „Warum?” „Weil du ihm nicht ähnlich bist. Soll ich’s einmal versuchen?” „Nein”,sagte Suzy.„Ich dränge mich niemand auf. Am wenigsten Doc.” „Jeder drängt sich jedem auf”,sagte Fauna. Suzy sagte leise:„Weisst du, Fauna, du hattest recht.”

Wonniger Donnerstag, S.108-109

Orelie: Doch für Sie, Herr Steinbeck kommt es letzten Endes darauf an, dass Suzy und Doc sich wirklich mögen, denn nach mehreren Missgeschicken zwischen den beiden nimmt er sie mit zur Springflut in La Jolla, einem Stadtteil von San Diego. Wie geht der Abschied der beiden von Monterey vonstatten?

John Steinbeck:„Auskuppeln so, jetzt wieder einkuppeln”, sagte Mack. Suzy tat, wie ihr geheißen. Gemächlich kletterte der alte Wagen über den Randstein, riss die halbe Treppe des Western Biological weg, schlingerte auf die Straße und kroch, Holzsplitter umhersäend, weg. Doc drehte sich auf seinem Sitz um und blickte zurück. Die im Horizont versinkende Sonne ließ sein lachendes, sein fröhliches, seliges Gesicht erglänzen. Mit der linken Hand hielt er das bockende Steuerrad fest. Die Cannery Row schaute dem alten Klapperkasten nach.

Wonniger Donnerstag, S.268-269

Orelie: Mit diesen beiden Romanen haben Sie Ihrem Freund Ed Ricketts ein literarisches Denkmal gesetzt, und ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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